BerlinIm August 1989 packte ich meine Studentensachen in einen rosa VW Käfer namens Gretel und fuhr von einem Nato-Stützpunkt in Westdeutschland über die am stärksten befestigte Grenze der Welt. Ich hatte gerade meinen Abschluss in Französisch und Deutsch an der Londoner Universität gemacht. Einige Wochen vor meinen Abschlussprüfungen beschloss ich, dass ich das folgende Jahr in einem deutschsprachigen Land verbringen wollte. Ich hatte bereits ein Jahr in Frankreich gelebt und sprach fließend Französisch. Aber mein gesprochenes Deutsch war schlecht: Ich konnte über Heines Gebrauch der Metapher diskutieren, aber Brot in einer Bäckerei zu kaufen, war eine Herausforderung.

Nach einem Heine-Seminar in meinem letzten Semester an der Universität redete ich mit meinem Dozenten über meine Pläne. Ich sagte ihm, dass ich nicht so sehr daran interessiert sei, nach Westdeutschland zu gehen, es sei denn, ich könnte nach West-Berlin gehen, und dass ich an den dortigen Universitäten keine Stellen für muttersprachliche Englischlehrer fände.

Mein Vater, ein Mann mit Geheimnissen

„Was ist mit Ostdeutschland?“, fragte mein Dozent. Das war mir noch gar nicht in den Sinn gekommen. Aber es klang nach dem Abenteuer, nach dem ich mich mit 22 Jahren sehnte. Der Dozent gab mir seine Kontaktadressen zur Englischabteilung der Martin-Luther-Universität in Halle. Ich bewarb mich um eine Stelle und bekam eine. Genau wie mein Freund Alastair Bassett.

Eine Zeit lang sah es jedoch so aus, als dürfte ich nicht fahren. Mein Vater war Navigator in der Royal Air Force und zu dieser Zeit in Nordrhein-Westfalen stationiert. Seine Aufgabe bestand darin, zweimal wöchentlich mit einem alten Transportflugzeug, einer Pembroke, nach Berlin zu fliegen. Uns, also seiner Familie, hatte er immer gesagt, dies seien Routineflüge, er patrouilliere im Berliner Luftkorridor, dem Luftweg nach Gatow über Ostdeutschland, der nach dem Zweiten Weltkrieg für britische Militärflugzeuge vorgesehen war.

Unsere Serie

Im 30. Jahr der Wiedervereinigung erleben wir erneut einen Umbruch in der Gesellschaft, ausgelöst durch die Corona-Krise. Die Berliner Zeitung begleitet diese Zeit, in der erneut viel Altgewohntes auf dem Prüfstand steht, mit Essays, Analysen, Interviews. Wir wollen Debatten führen und fragen, was wir aus dem Gestern für ein besseres Morgen lernen können.

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Sabine Rennefanz
Anja Reich

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Das war jedoch nur ein Teil der Geschichte. Erst Jahre später erzählte er uns, dass die klapprige Pembroke voller hochmoderner Kameraausrüstung steckte und dass er in einer streng geheimen Operation mit dem Codenamen Hallmark sowjetische Militärstellungen in Ostdeutschland aus der Luft fotografierte. Mein Vater war eine Art Spion, wenn auch nicht gerade James Bond.

Obwohl er meinem Plan, ein Jahr hinter dem Eisernen Vorhang zu verbringen, gut fand, war er sich nicht sicher, ob die Luftwaffe das auch so sehen würde. Sein Chef hielt das Sicherheitsrisiko für zu hoch, willigte aber ein, sich bei seinem Vorgesetzten zu erkundigen. Und so ging es weiter, durch die Ränge hinauf zum Machtzentrum in Whitehall, bis jemand – ich glaube, es war der Air Chief Marshal – sagte: „Sie kann gehen.“

Als ich mit Alastair auf dem Beifahrersitz in meinem Käfer von meinem Elternhaus auf dem Nato-Stützpunkt Geilenkirchen aus losfuhr, zeigten sich Risse im Eisernen Vorhang. Die BBC berichtete über den Massenexodus der Ostdeutschen über die kürzlich geöffnete ungarische Grenze. Aber Erich Honecker war immer noch an der Macht, und in Halle hatte sich wenig geändert, als wir spät in der Nacht auf dunklen, leeren Kopfsteinpflasterstraßen ankamen.

Wir machten auch manchmal einen Ausflug in einen Intershop

Heute ist Halle eine hübsche, saubere Stadt mit imposanter Architektur. Damals war sie ein bröckelnder Schauplatz der Verwüstung. Wenn es neblig war, war die Luft gelblich. Ich trug einmal ein Wolltuch über dem Mund und war entsetzt über den braunen Fleck, den ich eingeatmet hatte. Der Staub von heruntergekommenen Gebäuden und der winterliche Geruch nach verbrannter Braunkohle drangen in Klassenzimmer, Straßenbahnen und in meine Kleidung. Wenn ich heute einen Hauch davon rieche, werde ich direkt ins Jahr 1989 zurückversetzt.

Ich habe Halle liebgewonnen, trotz einiger Anfangsschwierigkeiten. In meiner ersten Woche kam ich in der Straßenbahn mit Lutz ins Gespräch, der mich zum Abendessen einlud. Da ich unbedingt neue Leute kennenlernen wollte, verabredete ich mich mit ihm. Bei unserer ersten Begegnung trug er normale Straßenkleidung. Aber als er mich abholte, hatte er eine Polizeiuniform an. Ich war entsetzt. Der einzige Rat, den mir mein Vater gegeben hatte, war, den Umgang mit Militärangehörigen und Polizisten zu vermeiden. Ich trank ein Bier mit Lutz, entschuldigte mich und ging nach Hause.

Foto: Xiomara Bender
Zur Person

Catherine Hickley schloss 1989 ihr Französisch-Deutsch-Studium an der Universität London ab und unterrichtete im folgenden Jahr Englisch an der Universität Halle in Ostdeutschland. Ihre journalistische Laufbahn begann mit einem Bericht über den Fall der Mauer. Sie arbeitete als Journalistin mit den Schwerpunkten Politik und Wirtschaft, bis sie 2005 zur Kunstberichterstattung wechselte. Im Jahr 2015 veröffentlichte sie ihr viel beachtetes Buch über Hildebrand Gurlitt mit dem Titel „Gurlitts Schatz: Hitlers Kunsthändler und sein geheimes Erbe“. Hickley teilt ihre Zeit zwischen Berlin und Quedlinburg auf.

In dem schäbigen Studentenwohnheim aus den 50er-Jahren, in dem Alastair und ich nebeneinander wohnten, gab es keine Waschmaschine, also wusch ich meine Wäsche von Hand in der Badewanne, bis wir es schafften, eine riesige alte Toplader-Maschine zu ergattern. Mein erster Brief an meine Eltern erreichte sie nie, also rief meine besorgte Mutter die Mutter von Alastair an, die sie beruhigen konnte. Alle Briefe von meinen Eltern an mich kamen an, nachdem sie bereits geöffnet worden waren – man hatte gar nicht versucht, das zu verbergen. Mein Vater schickte einige Zeitungsausschnitte, die ebenfalls nie zugestellt wurden.

Alastair und ich lernten, uns vor den Geschäften schon in die Schlange zu stellen, bevor wir fragten, wofür sie bestimmt waren. Einmal stand ich stundenlang an, um eine Flasche irgendeiner ungarischen Tomatensauce zu kaufen, die ich nicht mochte. Und wir machten auch manchmal einen Ausflug in einen Intershop, wo westliche Waren für Deutsche Mark angeboten wurden. An ostdeutsche Zahnpasta oder Tampons habe ich mich nie gewöhnt.

Unter vier Augen fühlten sich die Ostdeutschen bei uns sicher

Alastair und ich unterrichteten Studenten, die eine Ausbildung zum Englischlehrer machten. Ich hatte schon früher Ausländern englische Konversation beigebracht, aber in Halle schien vieles von dem, was ich in der Vergangenheit getan hatte, nicht nur sinnlos, sondern sogar taktlos zu sein. Warum sollten die Studenten üben, eine Zugfahrkarte zu kaufen oder in einem Restaurant zu bestellen, wenn sie nie ein englischsprachiges Land besuchen würden?

Unser knalloranges Lehrbuch, unpassend „Modern English“ genannt, war voll von trockenen, propagandistischen Artikeln, die Großbritannien für immer in die viktorianische Ära versetzten. Alle arbeiteten in Kohlegruben und nahmen an Treffen der Chartisten teil. Viele Male in diesen ersten Wochen legte ich „Modern English“ angewidert beiseite und versuchte, die Studenten dazu zu bringen, über die Veränderungen in Ostdeutschland zu sprechen. Mir wurde mit Schweigen begegnet. Sie fürchteten den einzigen Stasispitzel, der statistisch gesehen wahrscheinlich in jeder Klasse sitzen würde.

Und doch spielte sich die Geschichte vor unseren Augen ab. Woche für Woche fehlte ein weiterer Schüler, der über die ungarische Grenze verschwunden war.

Alastair und ich fuhren im Oktober nach Ost-Berlin, weil die britische Botschaft uns einige neue Lehrbücher versprochen hatte. Wir beschlossen, die Gelegenheit zu nutzen und eine West-Berliner Pizza zu essen. Während wir am Checkpoint Charlie in der Schlange der Autos warteten, fantasierten wir über die möglichen Pizza-Beläge, die uns längst wie eine ferne Erinnerung erschienen. „Sardellen“, sagte Alastair. „Oliven“, antwortete ich. „Artischocken.“ Und so weiter. Die ostdeutschen Grenzsoldaten kontrollierten unsere Pässe und winkten uns durch. Die westdeutschen Grenzschutzbeamten verlangten die Autopapiere. Ich hatte sie – etwas verschlafen – in Halle gelassen. Wir mussten umkehren, vorbei an den ostdeutschen Grenzsoldaten, die es wohl zum Lachen fanden, dass zwei britischen Passinhabern in einem pinkfarbenen Käfer die Einreise nach West-Berlin verweigert wurde. Wir parkten in der Nähe der Friedrichstraße und fuhren mit der S-Bahn über die Grenze. Es war die beste Pizza aller Zeiten.

Unter vier Augen fühlten sich die Ostdeutschen bei uns sicher: Sie wussten, dass wir als Ausländer nicht für die Stasi arbeiteten. Bei zahllosen Flaschen Rotkäppchen und bulgarischem Rotwein hörten wir also Freunden zu, die über eine Flucht nachdachten, und erfuhren von ihrer Angst vor Razzien durch die Behörden.

Wir hörten auch all die Witze. Ein Student erzählte uns, wie sehr er es genoss, seine Zeitungen am Kiosk zu bestellen: „Ich will Freiheit und ein Neues Deutschland bitte.“ Wir wurden zu Treffen neuer Dissidentengruppen wie dem Neuen Forum eingeladen. Und wir mieden die Montagsdemonstrationen, nachdem Freunde uns davor gewarnt hatten, dass die Behörden, falls wir entdeckt würden, versuchen könnten zu behaupten, die Proteste seien von kapitalistischen Ausländern geschürt worden.

Am Abend des 9. November war ich mit einer Gruppe von Theologiestudenten in ihrem Wohnheim in den Franckeschen Stiftungen, einem wunderschönen barocken Komplex, der langsam, aber sicher verfiel.

Ich ging jeden Donnerstagabend hin, um eine Stunde lang mit den Studenten Englisch zu sprechen, und blieb oft zum Abendessen. Wir sahen die Abendnachrichtensendung „Aktuelle Kamera“ und den Clip von der Pressekonferenz, in dem Günter Schabowski – fast nebenbei – murmelte, dass die Reisebeschränkungen gelockert würden und ostdeutsche Bürger ab sofort in den Westen reisen könnten. Wir schalteten zur Bestätigung zur „Tagesschau“ des westdeutschen Fernsehens und sahen einen Reporter vor dem Brandenburger Tor stehen, der aufgeregt darauf wartete, dass Horden von Ostdeutschen durchströmen würden.

Die Theologen waren ekstatisch und ungläubig. Immer wieder sprang jemand auf und jauchzte vor Freude. Im nächsten Moment setzte sich derjenige wieder hin und sagte etwas wie: „Nein, das kann doch nicht wahr sein, das wird sich morgen alles wieder ändern.“ Dann sangen sie ein Kirchenlied und öffneten eine Flasche Sekt. Eine Gruppe beschloss, noch am Abend nach Berlin zu fahren. Ich blieb, weil ich am nächsten Tag unterrichten musste. Ich hätte mitkommen können – die wenigen Schüler, die zum Unterricht erschienen, waren so euphorisch und schockiert, dass die einzige vernünftige Option darin bestand, sie mit in ein Café zu nehmen und ihnen zu helfen, Reisepläne nach Paris, London und darüber hinaus zu schmieden.

Ein paar Dutzend englische Muttersprachler lehrten an Universitäten in ganz Ostdeutschland. Einige waren aus politischer Überzeugung dort – sie wollten im „real existierenden Sozialismus“ leben. Die meisten jüngeren Lehrer waren, wie ich, lediglich neugierig. Damals war ich unpolitisch und nur durchschnittlich gut über die aktuellen Ereignisse informiert. Dieses Jahr war für mich ein Crashkurs in Politik.

Nie zuvor und nie seither habe ich so leidenschaftliche Diskussionen darüber erlebt, in was für einer Gesellschaft wir leben wollen. Alles war im Umbruch: Jeder stellte die Fragen, die ich mir als junge Erwachsene stellte. Unsere Bekannten an der Universität waren neugierig auf Veränderungen, aber für die meisten war der Westen kein Modell für die Zukunft. Es war viel von einem Dritten Weg zwischen Kapitalismus und Kommunismus die Rede, auch wenn dieser vage blieb. Diese Debatten scheinen heute genauso relevant zu sein wie damals.

„Als Deutsche sehe ich mich definitiv eher als Ossi denn als Wessi“

Man fragt mich oft, ob ich jemals auf die Idee kam, meine Stasiakte aufzuspüren. Ich habe einmal das Antragsformular ausgefüllt, es aber nie abgeschickt. Irgendetwas hat mich immer zurückgehalten. Es war eine so magische Zeit, ich will sie nicht im Nachhinein mit der Entdeckung beschmutzen, dass jemand, dem ich nahestand, mich verraten hat.

Sowohl für Alastair als auch für mich hat dieses Jahr einen direkten Einfluss auf unser Leben gehabt. Alastair blieb weitere sechs Jahre in Halle. Seitdem hat er hauptsächlich in Mitteleuropa gelebt. Heute ist er Direktor des British Council in der Slowakei.

Ich schrieb meinen ersten Zeitungsartikel aus Halle für die Times. Es war der Beginn einer journalistischen Karriere. Im September 1990 kehrte ich nach London zurück, blieb aber nur drei Jahre und sehnte mich ständig nach Mitteleuropa zurück. Nachdem ich zwei Jahre in Budapest gearbeitet hatte, gefolgt von zwei weiteren Jahren in Bern, zog ich 1997 nach Bonn, um für Bloomberg News über deutsche Politik zu berichten. Und schließlich kam ich 1999 nach Berlin – zehn Jahre nachdem ich mich zum ersten Mal entschieden hatte, hier leben zu wollen.

Dieses Jahr erhielt ich die deutsche Staatsbürgerschaft, um durch den Brexit verursachte Genehmigungsprobleme zu vermeiden. Als Deutsche sehe ich mich definitiv eher als Ossi denn als Wessi – immerhin lebe ich seit 21 Jahren in Ost-Berlin (okay – in Mitte, nicht in Marzahn).

Aber Sachsen-Anhalt, vielleicht verbunden mit einem Hauch von Ostalgie, hat mich immer noch im Griff. Vor zwölf Jahren habe ich eine mittelalterliche Hausruine in Quedlinburg gekauft und renoviert. Heute verbringe ich dort fast genauso viel Zeit wie in Berlin. Brotkaufen in der Bäckerei ist keine sprachliche Herausforderung mehr.