Leipzig, 1948: Menschen stehen vor einem Lebensmittelgeschäft Schlange.
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Donald Trump sieht sich als „wartime president“, Emmanuel Macron als Oberbefehlshaber der „Operation Widerstandskraft“ und Olaf Scholz als Schütze Krösus am panzerknackenden Raketenwerfer, an der Bazooka. Im Kampf gegen Viren denkt der Mensch gern an Krieg, weil dessen Frontstellungen vergleichsweise übersichtlich sind. Doch leider formiert sich das Virus nicht im Schützengraben uns gegenüber, sondern es agiert mitten unter uns, in uns, tief versteckt im sozialen Organismus. Militärisch ist es allenfalls mit einer nach Milliarden zählenden Schar von Heckenschützen vergleichbar, die sich hinter der Front befinden, mitten unter uns verhinderten Kriegern. In den Metaphern des Krieges wäre dieser längst verloren.

Auch Angela Merkel hätte mit ihrer viel zitierten Bemerkung, die gegenwärtige Krise sei die größte Herausforderung seit dem Zweiten Weltkrieg, nur dann recht, wenn man die Nachkriegszeit dem Krieg noch hinzurechnete. Denn die Jahre zwischen dem Ende des Krieges und der Gründung der beiden deutschen Republiken 1949 hielten noch eine Vielzahl an Prüfungen bereit, an deren Härte die Folgen des Corona-Virus hoffentlich nie herankommen werden. Allein im sogenannten Hungerwinter 1946/47 starben in Deutschland „mehrere hunderttausend Menschen“ an Hunger und Kälte – auf diese kläglich ungenaue Zahlenangabe hat sich die Geschichtsschreibung verständigt. Es gab damals niemanden mehr, der die Leichen zählte. Und anderswo sah es nicht besser aus; allein in der Sowjetunion verhungerten und erfroren in jenem Winter etwa zwei Millionen Menschen.

Die Coronakrise ist kein Krieg

Trotz dieser hoffentlich unvergleichlich bleibenden Dimensionen ist die Erinnerung an die Nachkriegszeit aufschlussreich, weil sie zeigt, welche Eigenschaften sich in extremer Not bewähren und welche nicht. Es ist kein Zufall, dass sich viele ältere Menschen angesichts der Hamsterkäufe und der Diebstähle von Desinfektionsmitteln und Atemmasken an ihre Jugend erinnert fühlen. Auch jetzt hört man wieder die aus der Antike stammende und in der Nachkriegszeit beliebte Wendung, dass der Mensch dem Menschen zum Wolf werde. In Wirklichkeit macht unsere Spezies derzeit einen geradezu unglaublich disziplinierten Eindruck. Aber die Furcht voreinander, vor unseren schrecklichen Potenzialen spricht mit, zumal sie sich aus einer Vielzahl von hartnäckigen Erinnerungen speist.

Unsere neue Serie

Im 30. Jahr der Wiedervereinigung erleben wir erneut einen Umbruch in der Gesellschaft, ausgelöst durch die Corona-Krise. Die Berliner Zeitung begleitet diese Zeit, in der erneut viel Altgewohntes auf dem Prüfstand steht, mit Essays, Analysen, Interviews. Wir wollen Debatten führen und fragen, was wir aus dem Gestern für ein besseres Morgen lernen können.

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Sabine Rennefanz
Anja Reich

berliner-zeitung.de/zeitenwende

Das wird deutlich beim Einkaufen, einem alltäglichen Vorgang, den wir noch vor kurzem als banale Last empfanden. An Tagen wie diesen wird uns jedoch bewusst, welch elementares Glück es bedeuten kann, Brot, Butter und Käse heil nach Hause zu bringen. Das multipliziere man mit hundert und man bekommt eine Vorstellung davon, was für ein Gefühl es war, im Frühjahr 1947 zwei Dauerwürste erstanden zu haben – im Tausch gegen das gesamte geerbte Silberbesteck.

Coronakrise: Hamsterkäufe sind tief verwurzelt

Man stelle sich nur vor, die Kassiererinnen in den Supermärkten würden demnächst alle krank oder hätten einfach keine Lust mehr, unter dem Virenansturm der Kundschaft deren Einkäufe über den Scanner zu ziehen, während sie sich in den Nachrichten ständig die Parole anhören müssen, Deutschland stünde still. Die Märkte würden dichtmachen und man müsste zur Selbsthilfe greifen, zum rohen Plündern oder zum listigen Stehlen, was unseren Großvätern nicht leicht fiel, denn sie waren ans Gehorchen und Befehlen gewöhnt, nicht aber an das Improvisieren.

Die Sorge, die neulich viele beim Anblick der leeren Regale ergriff, in denen sich für gewöhnlich das Klopapier stapelt, und die Befürchtung, sie müssten sich vielleicht bald mit Grasbüscheln oder Buchseiten den Hintern säubern, waren damals Dauerzustand - und noch das geringste Problem. Der Hunger hatte sich gemeldet. Und er ist, worauf die kürzlichen Hamsterkäufe hinweisen, nicht vergessen. Der Hunger hat sich tief in unser kollektives Gedächtnis eingebrannt, hat sich überliefert durch Erzählungen, Familiengeschichten, Filme oder die Fantasie.

Hannover, 1945: Befreite Zwangsarbeiter plündern einen Laden.
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In der sogenannten Niemandszeit, als das Naziregime zum Glück zusammengebrochen war, die Besatzer aber noch nicht ganz anwesend, lernten auch brave Bürger das Plündern. Angesichts der Ungewissheit, was die Zukunft bringen werde, drang man in Läden, Großmärkte und Warenlager ein und machte sich über die Vorräte her. Und bald auch übereinander. Die Journalistin Margret Boveri beschreibt in ihrem Tagebuch, wie sie an der Plünderung eines Drogeriemarktes in der Charlottenburger Kantstraße teilnahm: „Die Leute stiegen zu den Türen und Fenstern ein, rissen die Sachen von den Fächern, warfen zu Boden, was sie nicht wollten, trampelten sich gegenseitig nieder ,wie die Wülden‘ sagte ein Österreicher neben mir. Dextropur, was allein mich interessierte, war natürlich längst weg. Ich ergriff noch ein paar Sachen: Formamint, Hustensaft, Papierrollen. Auch die Seifensachen waren natürlich längst weg. So ging ich betrübt zurück und teilte, was ich hatte, mit Frau Mitusch“, der Nachbarin.

Soziale Bindungen lösten sich auf

Ein eigentümliches Nebeneinander von Habgier und Solidarität bestimmte das Verhalten. Im gesellschaftlichen Zerfall lösten sich die sozialen Bindungen nicht völlig auf, sondern sie blieben dort stabil, wo man sich gut kannte. Je unbekannter die Menschen waren, desto schneller mutierten sie zu Konkurrenten und Gegnern. Die so glühend beschworene Volksgemeinschaft implodierte; eine Gesellschaft hatte man das aggressiv zugerichtete NS-Volk ohnehin nicht mehr nennen können. Nun brach die Wildnis aus. Das Mietshaus, in dem man wohnte, bildete das Rudel, mit dem man die heimgeschleppte Beute teilte. Wurde diese kleiner, hielt die Solidarität nur noch mit den Mietparteien, die auf einer Etage wohnten. Das Reich des Zusammenhalts wuchs oder schrumpfte, je nach Maß des Vorhandenen. Nachts aber teilten sich die Hausgemeinschaften zum Wachdienst ein, um sich vor betrunkenen Soldaten und Einbrechern aus der Nachbarschaft zu schützen.

Sehr schnell versuchten die alliierten Militärverwaltungen, die Versorgung wieder anzukurbeln. Sie brauchten dazu die Beamten der Ernährungsämter. Im Vakuum staatlicher Ordnung war die Regulierung der Ernährungslage die wichtigste Aufgabe in den Städten. Ein Segen, wenn man hier und da wieder so etwas konnte wie einkaufen. Mit dem, was wir als Kunde König heute darunter verstehen, hatte das allerdings nichts zu tun. Man musste zunächst an bestimmten Ausgabestellen eine Lebensmittelkarte beantragen, auf der genau aufgelistet war, was einem im Höchstfalle zustand. Mit der Karte ging man zum Händler, der dem „Kunden“ die erlaubte Menge an Brot oder Margarine herausgab, falls davon überhaupt etwas vorhanden war.

Das schon seit Kriegsbeginn eingeübte System der Lebensmittelrationierung beruht auf der Logik der gerechten Verteilung des Mangels. Jeder bekam theoretisch nicht mehr als genau das Millionstel vom knappen Kuchen des Vorhandenen, das ihm rechnerisch zustand. Das war 1946 pro Tag ein fingernagelgroßes Stück Fett, eine Käseportion von der Länge eines halben Streichholzes, ein radiergummigroßes Stück Fleisch, ein Schluck Milch und immerhin zwei Kartoffeln.

Rationierung: Im Ersten Weltkrieg und in der Coronakrise

Die Zuteilungswirtschaft, in vielen Ländern Europas auch schon im Ersten Weltkrieg praktiziert, soll verhindern, dass in Notzeiten die Vermögenden den anderen alles wegfuttern. Eine winzige Dosis dieses Systems steckt in dem Beschluss der Supermärkte, jedem Kunden nicht mehr als ein Paket Klopapier auf einmal zu verkaufen. Kaum war diese Zuteilungsregel verkündet, wuchs die ohnehin gewaltige Zuneigung, die man gegenwärtig für die Kassiererinnen empfindet, ins Unermessliche. Das wohlige Vertrauen breitete sich aus, dass dieses beherzte Vernunftregiment den drohenden Notstand auf dem heimischen Klosett, hervorgerufen durch die Panikkäufe einzelner, wirksam verhindern werde. Im Kern funktioniert so das Vertrauen in einen starken Staat.

Um wieviel größer muss die Dankbarkeit gewesen sein, die man in Zeiten echten Hungers der Rationierung entgegenbrachte, auch wenn man die elenden Karten und das Schlangestehen noch so sehr hasste. Der Besitz der Lebensmittelkarte machte jeden Einzelnen zum beglaubigten Mitglied einer Herde von Kostempfängern, die quasi löffelweise abgemessen, eine genau gleiche Menge erhielten – ein sozialer Dressurakt, der die Bevölkerung auf Dauer infantilisierte und die Menschen zu Mündeln der Bewirtschaftungsämter machte. „Kostbare Stücke, ihr unscheinbaren, rosenholzfarbenen Abschnitte N3 und N4!“, jubelte die Rheinische Zeitung, als es zu Weihnachten 1946 eine Sonderzuteilung Kaffee auf diese Marken gab.

Klauen, erschleichen, organisieren

Was man legal bekam, hielt einen so gerade am Leben, wenn man robust genug war. Was darüber hinausging, musste schwarz besorgt werden, durch Klauen, Erschleichen, Hamstern, Organisieren. Die gleiche Bevölkerung, die in der Zuteilungswirtschaft aus einem grauen Heer von Rationenempfängern bestand, agierte zur selben Zeit in der parallelen Schattenwirtschaft als ein loser Haufen von Desperados, die auf eigene Faust für ihr Überleben sorgten und den sozialen Zusammenhalt auf eine harte Belastungsprobe stellten.

„Wer nicht fror, klaute“, stellte Heinrich Böll lakonisch fest. Der Kriminologe Karl S. Bader sprach besorgt von einer „Entprofessionalisierung der Kriminalität“, ihrem Einwandern in die Lebensführung der breiten bürgerlichen Mehrheit. Die Zeitschrift „Ja“ berechnete Anfang 1947 die strafrechtliche Bilanz einer gutbürgerlichen Durchschnittsfamilie auf eine Gesamthaftstrafe von zwölf Jahren, wären sie bei den begangenen Delikten, die allesamt zu den geläufigen Überlebensroutinen der Nachkriegszeit gehörten, tatsächlich erwischt worden.

Die Logik des Schwarzmarkts

Das zentrale Element der Schattenwirtschaft war der Schwarzmarkt, wo eine entfesselte Marktlogik regierte und über Generationen erwirtschaftete Erbschaften buchstäblich in Rauch aufgingen – die bevorzugte Währung dort war nämlich die amerikanische Zigarette. Beim ersten Mal kostete es einige Überwindung, sich zwischen die eng zusammenstehenden tuschelnden Menschen zu schieben und anzubieten, was man noch hatte: eine Uhr, eine Kamera, ein Ehrenabzeichen der SS oder das gute Porzellan aus Meißen. Dafür bekam man Keksriegel aus Armeebeständen, ein Waschmittel namens „Ivory Snow“, Salami, Fleischkonserven, Benzin und Medikamente. Oder gestohlene Lebensmittelkarten, das Pendant zum Amazongutschein von heute.

Schwarzmarkt in Coronakrise: Schutzmasken statt Fleischkonserven

Was heute auf dem Schwarzmarkt gehandelt würde und im Darknet, dem Schwarzmarkt von heute, schon gehandelt wird, liegt auf der Hand: Paracetamol, Desinfektionsmittel, Schutzmasken, Beatmungsgeräte. Aus den Hamptons, wohin sich wohlhabende New Yorker in ihre Sommerresidenzen flüchten, hört man von einer Intensivstation, die sich eine reiche Seniorin in ihrer Villa habe einrichten lassen samt Pflegepersonal, das dort für viel Geld prophylaktisch auf ihren etwaigen Einsatz wartet, während es in New York dringend gebraucht würde. Ist das nun ein schauerliches Gerücht über asoziale Daseinsvorsorge oder eine zutreffende Geschichte, die sich zu einem plausiblen Szenario hochrechnen lässt?

Berlin, 2020: Leeres Hygiene-Regal in einem Supermarkt.
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Die Regierungen sind derzeit nach Kräften bemüht, sich gegenseitig den Markt leerzufegen. Gesundheitsminister Spahn sei „Tag und Nacht“ auf den internationalen Märkten unterwegs, um Papiermasken zu kaufen; ein Landrat aus Nordrhein-Westfalen bestellt per Bittbrief bei Chinas Staatschef Xi Jinping, das Weiße Haus soll versucht haben, sich bei der deutschen Firma CureVac exklusiv deren künftige Forschungsergebnisse für einen Impfstoff zu sichern. Die simple Maske, die vor einem Monat noch 6 Cent kostete, wird heute für mehrere Dollar verkauft, erzählte Olaf Scholz bei Maybritt Illner. Das Gute sei, sagte er, Deutschland könnte da mitbieten. Andere, die nicht so gut gewirtschaftet hätten, könnten das nicht. Wie gesagt: Das Gebiet des Zusammenhalts wächst oder schrumpft mit der Menge des Vorhandenen.

Das ist im Großen das, was sich kürzlich auf dem Amazon Marketplace tat: sechs Rollen Klopapier für 24 Euro. „Ach, ich verstehe das“, sagte mir eine Verkäuferin bei Netto, „die Leute wollen halt mit einem sauberen Arsch in den Sarg.“ Das ist allemal wichtiger als ein sauberes Gewissen. Aber so schlimm wird es für uns ja gar nicht kommen. Nur eins ist schade. In der Nachkriegszeit wurde erstaunlich viel gefeiert und getanzt. So gefährdet das Leben war, so ausgelassen feierte man es. Damit müssen wir uns in unseren Bunkern noch gedulden.

Harald Jähner war bis 2015 Feuilletonchef der Berliner Zeitung. Für sein Buch „Wolfszeit. Deutschland und die Deutschen 1945 - 1955“ (Rowohlt Berlin) ist er 2019 mit dem Sachbuchpreis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet worden.