Katrin Rohnstock.
Foto: Berliner Zeitung/Paulus Ponizak

Im vergangenen Oktober war ich zu einem Symposium im Zeitgeschichtlichen Forum Leipzig eingeladen. Es ging um 30 Jahre Mauerfall und die Hoffnungen auf blühende Landschaften. Auf dem Podium saßen ein Historiker, ein Wirtschaftswissenschaftler, die Landesbeauftragte zur Aufarbeitung, ein Soziologe und ich. Am Ende durfte das Publikum Fragen stellen. Aber die Leute wollten nicht fragen, sondern erzählen.

Ein Ingenieur berichtete von einem Erlebnis aus seinem Arbeitsleben. Er wurde unterbrochen: „Kommen Sie auf den Punkt!“ Eine Lehrerin unterfütterte ihre Frage mit ihren Erlebnissen in der Umbruchszeit. „Fassen Sie sich kurz!“, war die Reaktion. Ein Dritter ließ sich disziplinieren, aber der Vierte hatte so viel zu erzählen, dass die Moderatorin ihn fast aggressiv in die Schranken wies. Das Publikum reagierte verärgert. Es wäre fast zum Eklat gekommen. Die Leute wollten selbst ihre Stimmen erheben, mitsprechen, widersprechen, von ihren Erfahrungen berichten, die bei ihnen andere Sichtweisen zur Folge hatten.

Das aber war nicht vorgesehen. Ich frage mich, was passiert wäre, hätte man die Menschen reden lassen? Wenn man sie als Experten ihrer Erfahrungen anerkannt hätte? Sie hätten gemeinsam mit den akademischen Experten einen Chor gebildet, der die Vielfalt in unserer Gesellschaft abbildet.

Das Gespräch spielt eine wichtige Rolle bei der Überwindung von Krisen. Kommunikation berührt, stabilisiert und beruhigt.

Katrin Rohnstock

Gerade hat der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen das Buch „Die Kunst des Miteinander-Redens“ veröffentlicht. Eine neue Dialog-Kultur soll her, fordern inzwischen auch viele andere, eine, die gesellschaftliche Gräben überwindet und den – vor allem – unzufriedenen Ostdeutschen ein Ohr leiht und den sozialen Frieden sichert. Das Gespräch spielt eine wichtige Rolle bei der Überwindung von Krisen. Kommunikation berührt, stabilisiert und beruhigt.

Es gibt in unserer Gesellschaft ein eklatantes Missverhältnis zwischen Reden und Zuhören. Die einen sprechen und die anderen schweigen. Doch lassen sich das die Schweigenden nicht mehr bieten, sie suchen sich außerhalb des bürgerlichen Wertekanons Möglichkeiten, ihre Stimme zu erheben. Das Dilemma besteht darin, dass den Sprechern die Zuhörer weglaufen. Ohne Zuhörer verliert das Sprechen seinen Sinn. Die Massenmedien verlieren die Massen.

Bernhard Pörksen sagte in einem Interview, es fehle im öffentlichen Raum an echten Gesprächen. Dieses Fehlen sei ein Symptom von Angst. „Wir beobachten eine Verhärtung, eine pauschale Abwertung – und damit die Verweigerung des Zweifels, des Zögerns.“ Ein Gespräch setze eine behutsame Nachdenklichkeit voraus, man müsse dabei nicht immer stark sein und nicht immer souverän. Es habe auch keinen Sinn, wenn sich ein Gesprächsteilnehmer im Besitz der Wahrheit wähne und den anderen dumm finde. Dann verliere ein Gespräch seinen grundlegenden Sinn des gegenseitigen Austausches.

In der öffentlichen Debatte wird die Offenheit, die Lust am Experiment, diese Suchbewegung nach dem Richtigen – kastriert.

Bernhard Pörksen, Medienwissenschaftler

Doch wer ist heute noch im Besitz der Wahrheit? Die alten Autoritäten zeigen täglich ihre Grenzen – und ihre Begrenztheit – so wie jeder Mensch Grenzen hat. Niemand ist allwissend – und das ist auch gut so. Brauchen wir nicht eine gemeinschaftliche Suche nach Lösungen? Sollte es nicht einen Abschied von der Rolle des Wahrheitsverkünders geben? Sollte die zeitgemäße Rolle nicht die des Wahrheitssuchers sein? Pörksen sagt: „In der öffentlichen Debatte wird die Offenheit, die Lust am Experiment, diese Suchbewegung nach dem Richtigen – kastriert.“

Die Suche nach Lösungen betrifft auch die Suche nach Veranstaltungsformaten, die genau das ermöglichen: Sprechen, zuhören, austauschen – und an dieser Stelle möchte ich von meinen Erfahrungen mit einem Format berichten, das ich vor fast 20 Jahren entwickelt habe, dem „Erzählsalon“.

Als mir von einem befreundeten Theologie-Studenten, der gerade von einem Studienaufenthalt aus Israel zurückgekehrt war, empfohlen wurde, zu schauen, wie die Juden am Sabbat nach dem Gottesdienst zusammen essen, trinken und einander erzählen, was sie in der Woche erlebt hatten, da suchte ich „nur“ nach einer Gesprächsstruktur, die einen kollektiven Austausch von Erfahrungen ermöglicht. Ich wollte alten Menschen, die uns bei Rohnstock Biografien ihre Lebensgeschichte erzählten, einen Raum für ihre Erinnerungen bieten.

Bei dieser Suche wurde ich in der deutschen Kultur nicht fündig. Alle Formate, die ich fand, bilden Hierarchien ab. Sei es die Talkshow, in der der Moderator im Auftrag des Fernsehsenders die Redebeiträge der Teilnehmer beherrscht, sei es die Podiumsdiskussion. Unser Format sollte ein gleichberechtigtes Reden – ohne Hierarchie – ermöglichen. Damit sich Menschen, völlig unabhängig von ihrem gesellschaftlichen Status und ihrem Bildungsgrad, beteiligen können.

Erzählen Sie Ihre Geschichte!

Wie haben Sie die 30 Jahre seit der Wiedervereinigung erlebt? Was hat Sie herausgefordert, geärgert, gefreut? Was können wir für die Zukunft daraus lernen? In Zusammenarbeit mit Rohnstock Biografien überträgt die Berliner Zeitung vom 16. Juni bis Ende August 20 digitale Erzählsalons zum Thema deutsche Einheit exklusiv live. Immer dienstags um 18 Uhr Bewerbungen unter: www.deine-geschichte-unsere-zukunft.de. Zuhören, zuschauen, chatten auf: www.berliner-zeitung.de/zeitenwende

Wir haben es „Erzählsalon“ genannt. Erzählen kann jeder. Erzählen macht Spaß. Manchem klingt der Begriff wie 19. Jahrhundert, verstaubt, nach einer Mischung von höfischer und bürgerlicher Kultur, manchem klingt er nach Stadt und gar nicht nach dem ländlichen Raum. Manche sagen, um das Wort „Salon“ zu umgehen, „Erzählrunde“ oder „Gesprächskreis“.

Meine Mutter wusste von jedem Ehekrach ihres sensiblen Chefs, wie er unter seiner dominanten Frau litt, erfuhr ich am Abendbrottisch.

Katrin Rohnstock

Tatsächlich vereint der Erzählsalon vieles, was durch die Entwicklung zur Moderne in der Kommunikation auseinandergefallen ist. Früher erfolgte der Erfahrungsaustausch ganz selbstverständlich in den Mehrgenerationsfamilien, in der Dorfgemeinschaft, am Stammtisch, im Verein, in der DDR oftmals im Büro, mit den Kollegen. Meine Mutter wusste von jedem Ehekrach ihres sensiblen Chefs, wie er unter seiner dominanten Frau litt, erfuhr ich am Abendbrottisch. Viele dieser Strukturen sind weggebrochen – in Ost wie West.

Wir haben in unserem Büro-Salon am Fuße des Prenzlauer Bergs jahrelang Erzählsalons veranstaltet, in dem Ossis und Wessis auf einer Couch saßen: ein Cellist aus der Staatskapelle und einer von den Berliner Philharmonikern, der abgewickelte Professor für Marxismus/Leninismus und der Professor für Soziologie, der seinen Lehrstuhl übernahm, der Grenzer und der Grenzschmuggler. In der Lausitz haben wir mit sechzig Erzählsalons den Strukturwandel begleitet und auch Flüchtlinge dazu eingeladen. Die alten Bergmannsfrauen erzählten den geflüchteten Jungs die Kohle-Geschichte ihrer Heimat, und nachdem das Eis getaut war, wollten sie auch von den Jungen wissen: Woher kommt ihr, wo steckt eure Familie, wie seid ihr nach Deutschland gekommen?

Einige Jungs konnten Englisch, das übersetzten wir ins Deutsche, die anderen erzählten auf Arabisch, das übersetzte einer von denen, die auch Englisch konnten, und wir übersetzten wieder ins Deutsche. Zum Schluss sagte die eine 85-Jährige zur anderen: „Na Hilde, nun hast du einen Enkel gefunden.“

Durch unser Projekt „Handwerk erzählt“, das wir derzeit in Sachsen und Thüringen an fünf verschiedenen Orten durchführen, wollen wir erkunden, welcher Schatz im Handwerk auch für die Zukunft liegt. Wir suchten Meister, die bereit waren, von sich zu erzählen. Viele hatten Ressentiments: „Wer interessiert sich schon für meine Geschichte! Wer interessiert sich denn für uns?“ Hinter dieser Abwehr stecken gerade bei Ostdeutschen oft Enttäuschungen. Dabei haben Handwerker viel zu erzählen. Während sie zu DDR-Zeiten nicht wussten, wie sie Material „organisieren“ sollten und viele Handwerksbetriebe 1972 enteignet wurden, veränderten sich die Märkte nach 1990 rasant, und es ging bei vielen bergauf und bergab.

Jeder erzählt reihum seine Geschichte, wie es ihm in den letzten 30 Jahren ergangen ist, keiner quatscht dazwischen.

Katrin Rohnstock

Man sitzt im Erzählsalon wie auf einer Insel in der Zeit. Bei meinem Klassentreffen im letzten Sommer redeten erst alle durcheinander in Zweier- und Dreiergrüppchen, man verstand sein eigenes Wort nicht. Da machte ich den Vorschlag: Jeder erzählt reihum seine Geschichte, wie es ihm in den letzten 30 Jahren ergangen ist, keiner quatscht dazwischen, jeder hat zehn Minuten, damit alle zu Wort kommen.

Es klappte. Ich weiß nicht, ob es wirklich daran lag, wie eine Mitschülerin im Nachhinein behauptete, dass ich FDJ-Sekretärin der Klasse gewesen war. Meine Mitschüler aus den Dörfern rund um Jena waren Landwirte, Lehrer, Ärzte, Ingenieure, Professoren geworden. Der eine erzählte lustig, die andere lakonisch, selbstironisch, vom Berufsleben und den Kindern, von Trennungen und Midlife-Krise, vom Verlust eines Kindes, eines Gefährten. Vier Stunden saßen wir beieinander, wenn der Kellner bediente, machten wir eine Pause, erst wenn alle wieder konzentriert waren, wurde weitererzählt. Im Nachhinein schrieben mir einige: „Es war das schönste Klassentreffen, das wir je hatten.“

Bernhard Pörksen sagt: „Ein Gespräch ermöglicht, etwas Wertschätzendes zu entdecken, die Motive eines Menschen zu verstehen.“ Das ist die große Chance, die im kollektiven Erzählen steckt. Jeder Mensch hat seine eigene Geschichte und jeder erzählt sie auf seine individuelle Weise: bedachtsam oder übersprudelnd, vorsichtig um Worte ringend oder rausplatzend, im Vogtländischen oder Thüringer Dialekt. Während man den anderen zuhört, tanzen die Gedanken im Kopf Ballett, weil man an ihre Erfahrungen anknüpfen, sich mit ihnen verbinden möchte.

Hartmut Rosa, Soziologe an der Universität Jena, fordert „Resonanz“ also einen Widerhall auf das, was wir denken und sprechen. Diese Resonanz ermöglicht der Erzählsalon. In unserer Gesellschaft bleibt die Resonanz oft aus. Dann bleibt ein Gespräch ein Selbstgespräch, ein Monolog der eigenen Egozentrik. Und ist beim Dialog nicht schon von vornherein derjenige im Vorteil, der schneller und besser reden kann? Der klare Sätze formuliert, statt dreimal neu anzufangen, bevor er den Faden findet?

Es gibt kein historisches Vorbild für eine gelingende Kommunikation mit dem Volk. In der Antike, wo die Idee der Demokratie entstand, durften nur die freien Bürger mitreden. Die Sklaven waren nicht gemeint. Die runden Tische von 1989 waren ein geniales Setting für Demokratie. Vertreter aller gesellschaftlichen Gruppierungen diskutierten, hörten einander zu, handelten aus. Ich saß für den Unabhängigen Frauenverband am Berliner runden Tisch. Dort lernte ich das Einmaleins des Politikmachens: andere Meinungen aushalten.

Klaus Wolfram hat mich mit seinem Text in der Berliner Zeitung wieder daran erinnert. Dass wir, die Bürgerbewegten von 1989, mit einem großen Demokratie-Anspruch in die Vereinigung marschierten. Heute quillt unsere Gesellschaft über vor Ich-Botschaften – jeder möchte produzieren. Sie ist aus der Balance geraten. Daher die sogenannte Politikverdrossenheit. Daher auch die Enttäuschung vieler Politiker, die ihr Bestes geben und weder an Karriere noch Geld denken, wenn sie sich in den Land- oder Bundestag wählen lassen. Enttäuschung auf beiden Seiten. Was tun?

Unser Erzählsalon ist nur ein Anfang, die Sprachlosigkeit zu beenden, ein Angebot an Menschen, die bereit sind, ihre Geschichte zu erzählen. In diesen Tagen, da das Land erneut einen gesellschaftlichen Umbruch erlebt, starten wir ein neues Projekt: Unter dem Motto: „30 Jahre Deutsche Einheit: Deine Geschichte – Unsere Zukunft“ wollen wir die Geschichte der deutschen Einheit aus verschiedenen Perspektiven erzählen lassen. Wir laden Ostdeutsche verschiedener Generationen und Milieus dazu ein, wir wollen wissen: Wie erlebten sie die Veränderungen in den Jahren nach der Wiedervereinigung? Wie sind sie damit umgegangen?

Machen Sie mit! Hören Sie zu! Diskutieren Sie mit! Es geht um unsere Geschichten, um unsere Zukunft! Und wir helfen Ihnen, das verspreche ich, wenn Sie vor lauter Erzählfreude kein Ende finden und fragen Sie: „Wie finden wir nun einen Punkt?“