Am 22. September veröffentlichte die Berliner Zeitung auf ihrer Titelseite unter der Überschrift „Deutsch-deutsches Treffen“ ein Foto vom Empfang von Lothar de Maizière und seiner Frau Marianne Strodt beim Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier und dessen Frau Elke Büdenbender. Marianne Strodt senkt darauf ihren Kopf. Lothar de Maizière hält sich mit ernstem Gesicht an seinem Stock fest. Das Ehepaar Steinmeier lacht. Die Reaktionen waren heftig: Leser beschwerten sich, das Foto sei beleidigend und abwertend. Besser lasse sich die Unterwerfung des Ostens nicht darstellen. Andere wiederum verstanden die Empörung nicht: Das Bild erzähle doch eher, wie menschlich und natürlich politische Repräsentation sein kann – auch bei Corona-Abstand, schrieb eine Leserin. 

Wir haben nun die Betroffenen selbst gefragt:

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier lässt sich mit folgenden Worten zitieren: „Den richtigen Corona-Abstand zu finden - darüber haben wir in dem Augenblick gescherzt und über Lothar de Maizières prüfenden Blick geschmunzelt. Auf jeden Fall war es ein Moment der Freude, über unser Wiedersehen und in Erwartung des feierlichen gemeinsamen Essens zu seinen Ehren.“

Lothar de Maizière, Anwalt und letzter DDR-Ministerpräsident, sagt am Telefon, das Treffen beim Bundespräsidenten sei sehr schön gewesen, das Foto in der Berliner Zeitung habe ihn sehr geärgert, weil es „so eine Art von Unterwürfigkeit “ausdrücke.

De Maizières Ehefrau Marianne Strodt gab uns ein Interview:


Liebe Frau Strodt, es gab viel Aufregung und Empörung um das Foto von Ihnen und Ihrem Mann beim Empfang des Bundespräsidenten. Was war da los?

Ich habe gelacht und senke meinen Kopf, weil ich das manchmal beim Lachen mache.

Es sieht so aus, als hätte Steinmeier einen Witz gemacht. Macht er ja gerne.

Nein, wenn man sich das Foto genau anguckt, sieht man, dass mein Mann spricht – in seiner verschmitzten Art. Er hat was Lustiges gesagt und darüber haben Frau und Herr Steinmeier gelacht. Und ich auch.

Wissen Sie noch, worum es in der Bemerkung Ihres Mannes ging?

Darum, wo wir beim Fototermin stehen, welchen Abstand wir einhalten müssen.

Wegen Corona?

Ja. Da waren Kreuze auf dem Fußboden und da sollten wir uns hinstellen. Trotzdem ist es ein blödes Foto, muss ich mal sagen.

Die Auswahl des Fotos ist einfach unverschämt, unartig, unhöflich, unpassend und generell unangemessen.

Dirk Kraneis, Leser

Warum ist es ein blödes Foto?

Weil es so eine Art von Unterwürfigkeit ausdrückt. Wenn man erklärt, warum ich nach unten gucke, ist das in Ordnung, aber wenn man fotografiert wird, guckt man nicht nach unten, sondern nach vorne. Ich bin in der Situation nicht davon ausgegangen, dass ich fotografiert werde.

Wie viele Fotografen waren anwesend?

Eine ganze Menge, und ich habe im Internet gesehen, dass es auch ganz normale Fotos gab, wo ich meinen Kopf hebe. Im Grunde genommen habe ich einen Moment nicht an die Fotografen gedacht.

Dieses Foto, auf dem alle nach oben schauen, wurde nur fünf Sekunden vor dem Aufreger-Foto aufgenommen. 
Foto: dpa/Britta Pedersen

Hätte Sie das Foto auch geärgert, wenn es nicht ein Empfang beim Bundespräsidenten gewesen wäre und nicht die deutsch-deutsche Geschichte im Hintergrund stünde? Geht es auch um die Symbolik?

Wenn die Leute es so empfinden, nehme ich das so zur Kenntnis. Aber das Foto passt weder zum Bundespräsidenten noch zu uns. Es war ein richtig schönes Essen, eine schöne Gemeinsamkeit. Die Interpretationen des Bildes machen uns den Tag nicht kaputt.

Es war ein Empfang zum 80. Geburtstag Ihres Mannes. Wer war eigentlich noch bei dem Treffen dabei?

Wir durften sieben Gäste mitbringen. Unsere drei Töchter waren dabei, eine Enkelin, mein Vater, Richard Schröder und unsere Nachbarin, die eine enge Freundin ist.

War es ein Abendessen?

Nein, ein Mittagessen. Und wir mussten viel Abstand wahren. Es war trotzdem eine sehr schöne Atmosphäre. Mein 97-jähriger Vater war das Gründungsmitglied des Ost-Berliner Rechtsanwaltskollegiums und hat jahrelang im Auschwitz-Prozess Professor Kaul vertreten, und Steinmeier hatte bei Fritz Bauer studiert. Das war natürlich sehr interessant, sich darüber auszutauschen. Herr Steinmeier hat später meinem Vater noch eine Rede zum 50. Todestag von Fritz Bauer geschickt, mit einer Widmung von ihm. Das war wirklich schön. An dem Bild bin nur ich schuld. Man guckt eben nicht nach unten, wenn Fotografen da sind.

Wenn es ein privates Foto gewesen wäre, wäre es in Ordnung gewesen?

Ja.

Was sagen Sie zur Debatte, die es auf der Leserbriefseite um das Foto gab?

Ich fand gut, dass Leser gesagt haben, so kann man Lothar de Maizière nicht reduzieren.


Biografie

Marianne Strodt, Tochter von Juristen, ist 71 Jahre alt, Rechtsanwältin. Sie war Mitglied des Vorstandes des Rechtsanwaltskollegiums von Ost-Berlin von 1986 bis 1990 und Mitglied des Vorstandes der Rechtsanwaltskammer Berlin von 1991 bis 1999.