Die Autorin 1987 am Schlesischen Tor in Berlin-Kreuzberg.
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BerlinZum Mythos des wilden West-Berlin haben die meisten geborenen West-Berliner wenig beigetragen. Sie lebten ihr Leben in Lichtenrade, Marienfelde oder Charlottenburg; Kleinbürger, die ihre Schrebergärten harkten und dort zur Kaffeezeit mit dem Geschirr klapperten. Sonntags ging es zum Spazieren in den Grunewald. Wer es sich leisten konnte, hatte ein Motorboot und fuhr damit auf der Havel herum, mit einer Kapitänsmütze auf dem Kopf.

Hin und wieder wurde den West-Berlinern von offizieller Seite gesagt, wie unbezwingbar und heldenhaft sie seien: Als John F. Kennedy vor dem Rathaus Schöneberg ausrief, dass er Berliner sei, war meine Oma unter den Zuschauern. Mir war sie selbst nie als Heldin aufgefallen, eher als gute Vorleserin. Sie war Antikommunistin und ihr Sohn, mein Vater, ebenfalls. 1953 war die Familie aus Zeuthen nach West-Berlin übergesiedelt.

Dass ich in West-Berlin aufwuchs, genauer in Friedenau, ist eine der weniger dramatischen Folgen des Krieges. West-Berlin war zu weiten Teilen Provinz. Weil David Bowie hier in den 70er-Jahren Station gemacht hat, wird bei der retrospektiven Imagepflege der langweilige Rest gerne ausgeblendet. Die echten West-Berliner liebten Harald Juhnke und tranken Eierlikör. Juhnke und Bowie verband nur, dass sie beide in West-Berlin tief abgestürzt sind. Juhnke, Bowie und mich verband, wie ich stark annehme, dass keiner von uns mit dem Fall der Mauer gerechnet hätte – so bald.

Kreuzberg, ein Slum

Als Kind habe ich die Zonengrenze einfach so hingenommen, aber grotesk war sie schon. Wir fuhren oft mit dem Auto nach Italien. Rollten wir am Grenzübergang Dreilinden an die Warteschlange heran, schärfte mein antikommunistischer Vater meinem Bruder und mir ein, keine Faxen zu machen, wenn der Grenzbeamte den Kopf ins Auto steckte. Jede Auffälligkeit könnte zu stundenlanger Schikane führen. Ich sah, wie Soldaten in Kofferräumen nach Menschen suchten. Ich hatte tatsächlich Angst vor den DDR-Grenzern mit ihren grauen, schlecht sitzenden Uniformen. Mein Vater machte bei der Passkontrolle manchmal lässige kleine Witzchen, um die Lage aufzulockern. Die Grenzbeamten lächelten aber nie zurück.

Ich muss nach all dem beschlossen haben, dass die DDR für mich einfach nicht existiert – sie war ein graues, feindseliges Gebilde rund um West-Berlin. Sie musste ohne persönliche Verluste durchquert werden, mehr nicht.

Mit zwanzig – ich hatte die Zonengrenze wahrscheinlich hundertmal überquert – zog ich nach Kreuzberg. Von Friedenau aus gesehen wirkte Kreuzberg wie ein Slum. Ich war auf der Stelle begeistert. Es war das Gegenteil von Spießertum. Überall Türken, die das Bild belebten und Radau machten, Leute, die so auf der Straße schlenderten, auch mal mit einer Ratte auf der Schulter, Spray-Botschaften, leere Obstkisten auf dem Bürgersteig. Um das Klischee komplett zu machen: Es lag ein Zauber über dem Verfall. Das war nun einmal so.

Viele Wessis hatten sich inzwischen hier niedergelassen – so nannten wir die aus Westdeutschland Zugezogenen. Zu diesen Wessis zählten Renate Künast und Wolfgang Müller. Die beiden kennen sich nicht persönlich, aber sie sind von West-Berlin entscheidend geprägt worden, und sie haben selbst den Mythos West-Berlin mitgeprägt, in den beiden wichtigsten Feldern, in Politik und Kunst. Jeder von beiden ist auf seine Weise idealtypisch für die Zeit. Sie war ein frühes Mitglied der Alternativen Liste, und er gründete die Avantgarde-Band Die Tödliche Doris. Sie studierte Jura, er studierte Kunst. Beide fanden Berlin auf den ersten Blick eher trostlos, dann aber entdeckten sie, was hier möglich war.

Renate Künast macht Nudeln

Wie kann man die Essenz West-Berlins in den Achtzigern beschreiben? Wolfgang Müller sagt am Telefon: „Es war möglich, aus dem Nichts Neues zu schaffen.“ Die Mieten waren billig, das ganze Leben kostete nicht viel. 1980 gründete Müller mit Kommilitonen Die Tödliche Doris die Musik, Performance, Film und Literatur mischte und nach wenigen Jahren international bekannt war; sie bekam Einladungen zur documenta und ins Museum of Modern Art. Die „Doris“ war von den 20er-Jahren und dem Dadaismus inspiriert, eine Band als Konzeptkunstwerk, bei ihren Konzerten war auch Platz für pfeifende Teekessel.

Renate Künast ist 1976 „anpolitisiert“ nach Berlin gekommen, wie sie sagt. Sie kam als Sozialarbeiterin und interessierte sich besonders für den Justizvollzug. „Das war ein Gebiet, wo viel Bewegung war.“ Berlin bedeutete in vielerlei Hinsicht „Weite, Moderne, Aufbruch.“ Sie begann, Jura zu studieren, wohnte in einer WG, in der Doppelkopf gespielt wurde und die selbstgemachten Tagliatelle-Nudeln auf der Wäscheleine getrocknet wurden. Sie ging zum Politisieren in die Kneipe, hörte dort einmal auch Mikis Theodorakis singen und fand es großartig, andere Engagierte zu treffen. Als Mitarbeiterin in Gruppen und Initiativen begann sie, das Feld der Politik zu bearbeiten.

Ich selbst war niemals mitten im Geschehen, ich tauchte eher am Rand auf. Wir echten West-Berliner waren nicht die größten Revoluzzer. Die seit Jahrzehnten fließenden Subventionen hatten vielleicht lethargische Gene hervorgebracht. Vom Bürgersteig aus sah ich Straßenschlachten zwischen Polizisten und Hausbesetzern. Für mich sah das aus wie ein Testosteron-Inferno. Am legendären 1. Mai 1987, als in Kreuzberg der Bolle-Markt abbrannte, sah ich vom Fenster meiner WG aus dabei zu und trank Kaffee. Die Mutter aller revolutionären Maifeiern produzierte viel Rauch und reizte meine Nase.

Vergnügte Grenzsoldaten

Es war wohl einfach so: Wir brauchten diese kreativen, tatkräftigen Wessis, die hier in Berlin ihre Ideale, ihre Grillen, ihre Neurosen und manchmal auch ihre Irrtümer verwirklichten. Heute denke ich, sie waren die besten Besatzer von allen, auch wenn Bolle auf der Strecke blieb. Auf der Tabula rasa West-Berlin wollten die Zugezogenen eine neue Gesellschaft und eine neue Kunst erfinden.

Ich genoss das Studentenleben, das viel Freizeit mit sich brachte. Im Sommer traf ich mich mit Freunden zum Sonnenbaden am Landwehrkanal in Kreuzberg, direkt vor der Mauer. Auf der anderen Seite des Landwehrkanals stand ein Grenzwachturm. Die Soldaten richteten ihre Ferngläser gern auf die jungen Frauen am Westufer, und zum ersten Mal kamen sie mir äußerst vergnügt vor. Wir winkten ihnen freundlich zu. Sie schienen das martialische Theater auch langsam satt zu haben. Diese spezielle Art von Wandel durch Annäherung konnte man auch nur in West-Berlin erleben.

Wo ich mich gesellschaftlich engagierte, geschah dies eher in einer Schwundform dessen, was Menschen wie Künast oder Müller taten. Mit ein paar Frauen sprayte ich einmal einen Spruch auf die Mauern unserer ehemaligen Schule: „Frauen, erobert Euch die Nacht zurück.“ Ich schloss mich einer Spaßguerilla-Aktion an und warf bei der Volkszählung 1987 gefälschte Fragebögen in die Hausbriefkästen. Ich machte bei einem an der Uni ausgebrüteten Polit-Projekt mit, wir planten, auf dem Ku’damm öffentlich Geld zu verbrennen. Dazu kam es dann aber leider nicht. Mit meinem Freund führte ich in einem Paternoster in der TU ein Zwei-Personen-Stück auf, und wir deklamierten außerdem Kurt Schwitters’ Gedicht „An Anna Blume“ im Gestus ansteigender Erregung.

Dilettantismus war im Prinzip richtig. Das war ja auch Dada. Experimentieren, falsch liegen, Vorgefundenes sammeln und neu ordnen, das war im West-Berlin der Siebziger und Achtziger in allen Disziplinen wichtig. Blixa Bargeld, den man wohl kaum als Gitarrenvirtuosen bezeichnen kann, ging mit den Einstürzenden Neubauten neue Wege. Die Band spielte hinter Maschendrahtzaun oder ließ auf der Bühne kleine Molotow-Cocktails explodieren. Im Berlin der Achtziger wirkte Krach auf allen Ebenen befreiend.

Renate Künast hatte für Kunstexperimente wenig Zeit. Sie machte Basisarbeit: Reform des Strafvollzugs, Frauenrechte, Umwelt. Wie hat sie entspannt? „In der WG, oder mit Freunden in der Kneipe.“ Ein Bob-Marley-Konzert 1980 in der Waldbühne ist ihr unvergessen.

Renate Künast und Wolfgang Müller verkörpern gewissermaßen zwei sich ergänzende, aber sehr unterschiedliche Formen des damaligen Aufbruchs: hier Fantasie, Spiel und Experiment, dort die Mühen stetiger Arbeit in Gruppen und Ausschüssen. Das eine hat das andere vorangebracht und diese einzigartige Mischung ergeben.

Abrupt und schleichend

An einem 9. November war es plötzlich vorbei. Das wusste zu dem Zeitpunkt nur niemand. Während die Ost-Berliner die Füße in die Hand nahmen, nahm ich gerade ein Fußbad, weil ich zehn Stunden lang auf einer Messe gearbeitet hatte. Mein Freund teilte mir mit, dass gerade Tausende Ost-Berliner in den Westen strömen. Es klingt nicht schön, aber: Mir war das nicht recht. Ich war inzwischen ein paarmal in Ost-Berlin gewesen und fand es faszinierend, auch irrwitzig. Aber dass nun alle zu uns kamen, hielt ich nicht für nötig.

Heute frage ich mich, haben wir alle im Ernst gedacht, dass West-Berlin für immer bestehen würde? Diese Zeitenwende kam zugleich abrupt und schleichend. Die unglaublichen Warteschlangen vor den Geschäften, die man heute in einem ganz anderen Zusammenhang wieder sieht – sie wirken von heute aus gesehen wie ein Sinnbild für den bevorstehenden Turbokapitalismus, dem der Zusammenbruch der feindlichen Blöcke den Weg frei gemacht hatte. Daran hatten natürlich die Ostdeutschen keine Schuld.

Straßenszene am Breitscheidplatz.
Foto: Ostkreuz/Sebastian Wells

Nach Mauerfall und Wiedervereinigung ging es für Renate Künast immer weiter in der Politik, eine Zeitlang war sie bekanntlich Bundesministerin. Ich stelle ihr die naive Frage, was sie an West-Berlin eventuell vermisst. Sie sagt: „West-Berlin war ein Unikum, und ich denke persönlich gerne an die Zeit damals zurück.“ Und: „Jetzt haben wir etwas anderes, Größeres und Schöneres. Und natürlich haben wir jetzt eine größere Verantwortung.“ Man kann sich vorstellen, dass sie damals beim Diskutieren im Kreuzberger Mehringhof noch nicht so feinjustiert formulierte.

Wolfgang Müller, der heute mit seiner Kunst zwischen Reykjavík und Berlin pendelt, sagt: „Seit dem Untergang West-Berlins muss sich der Kapitalismus kaum noch anstrengen, um sich ein soziales Gesicht zu geben.“ Auch sein Blick auf die Kunst im Berlin der Gegenwart hat sich verändert: „Jeder ist damit beschäftigt, eine Marke aus sich zu machen. Ein ganzer Betrieb rankt sich um diese Marke, es werden Bilder und Images geprägt, und dahinter ist meistens heiße Luft.“

Alle basteln an ihrem Image

Das neue Berlin, so kann man es sehen, ist in jeder Hinsicht ein Betrieb: Ein Kunstbetrieb, ein Politikbetrieb, ein Stadtbau- und Stadtverwaltungsbetrieb, ein Unterhaltungsbetrieb. Hier sind heute selbst die Bohemiens und Hungerkünstler ihre eigenen PR-Agenten. Alle, die sich ein Image basteln wollen, tun dies in Abgrenzung zu anderen. Das ist vermutlich die normale westliche Metropolengesellschaft.

In West-Berlin haben Sonderlinge andere Sonderlinge mit großer Offenheit willkommen geheißen und dann haben sie gemeinsam Sonderbares veranstaltet. Das ging mit einer gewissen Unordnung einher, aber es diente auch der Selbstfindung. Wir haben übrigens wenig konsumiert. Neue Einbauküchen waren in Kreuzberg nicht sehr verbreitet, und wir trugen nicht jeden Tag ein neues, abgestimmtes Outfit. Niemand wusste, dass er einmal Weinkaraffen benötigen würde, um als Gastgeber nicht durchzufallen, weil der Wein nicht atmen kann.

Was bleibt für mich von West-Berlin? Natürlich meine Lieblingsorte und -kneipen, das „Kumpelnest 3000“ in Schöneberg, die Sitzpartys mit Becks-Flasche und Zigaretten am Bordstein der Oranienstraße, der Landwehrkanal. Der Sound von The Cure und den Talking Heads, der mich mit meinem Walkman durch Kreuzberg und Neukölln begleitet hat, unvermeidlich. Die U-Bahn-Linie 1, tatsächlich. Hier saß ich einmal neben einem ramponierten Betrunkenen, der traurig zu sich selber sagte: „Eines Tages muss ick sterben.“ Wer weiß, vielleicht hat er länger durchgehalten als West-Berlin.