Ein 6-Personen Zimmer im Krankenhaus Prenzlauer Berg.
Foto: imago images/Sven Simon

BerlinBrigitte Böttcher war nicht bei den Pionieren und auch nicht in der FDJ. Und doch kam der Schuldirektor auf das Mädchen zu und fragte: „Was willst du eigentlich studieren?“ Immer wieder kommt die elegante Frau, Jahrgang 1943, beim Erzählen ihrer Lebensgeschichte darauf zurück, wie sie in der DDR von Lehrern und Leiterinnen in Aus- und Fortbildung gefördert wurde. Oft heißt es, die Berufs- und Lebenswege in der DDR seien geradlinig gewesen. So war das für Brigitte Böttcher nicht. Auf vielen Wegen und  Umwegen hat sie erfahren, wie Arbeit im Gesundheitswesen auch sein kann: als hoch kompetente, bestens ausgebildete Physiotherapeutin in engem Kontakt mit Ärzten, in die Behandlung respektvoll einbezogen. Heute weiß wohl jeder, wie schlecht Physiotherapeuten dastehen. Brigitte Böttcher konnte immerhin ihre Methode der konzentrierten Entspannung erfolgreich ins Westgesundheitssystem einbringen, aber klar ist für sie: „Das Gesundheitssystem muss neu aufgestellt werden.“ In der Politik seien Ärzte und Therapeuten zu selten vertreten, gebraucht werde „eine neue Gemeinsamkeit ohne ideologischen Anstrich“. 

Auch Bettina Berger, 1967 geboren, machte nicht mit bei Pionieren und FDJ. Sie musste den Einstieg über ein Theologiestudium versuchen. Den Start in die Karriere bis zur promovierten Kulturwissenschaftlerin fand sie  nach der Wende, aber ihr Thema hatte sie da schon längst: Mit zehn Jahren war bei ihr Diabetes Typ I diagnostiziert worden, da bleibt die Suche nach Heilung eine lebenslange Beschäftigung. Aus der DDR kannte sie eine gute kindersoziale Betreuung, zum Beispiel in Kinder-Diabetes-Ferienlagern mit Freizeit und medizinischer Begleitung, eine engagierte Krankenpflege und ein zwar materiell knapp ausgestattetes, aber „beruhigend strukturiertes“ System, das überall eine ungefähr gleiche Behandlung sicherte. Heute sind die Kanülen zarter, das Insulin ist besser, doch als Patientin beobachtet sie, dass man mal Glück und mal Pech hat mit der Behandlung, je nach Klinik, und ein „Hin-und Hergeschicke“ zwischen Diabetologen und Psychologen. Ihre Erfahrungen macht sie wissenschaftlich und praktisch vielen nutzbar. Patienten stärken, damit sie selbstbewusst und informiert die richtigen Entscheidungen für sich selbst treffen können, das will sie erreichen. 

Das Erzählsalon-Livestream-Projekt, wo am Dienstag außer den beiden Frauen die Ärztin Claudia Menzel, der Sozialmediziner Heinrich Niemann sowie der Psychiater Volkmar Lischka berichteten, wurde von Katrin Rohnstock ins Leben gerufen. Ihr Ziel ist es, ganz normalen Leuten eine Stimme zu geben, Menschen von ihren Leben erzählen zu lassen. Jeder hat zehn Minuten Zeit, wird nicht unterbrochen, nur wenn jemand den Faden verliert, springt Katrin Rohnstock ein. Es geht um Studium und Beruf, Sinn und Profit. Die jüngste Folge ist nachzuhören unter https://www.berliner-zeitung.de/zeitenwende