Der Louvre in Paris während des Lockdowns. 
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Sommer 2020. Ich werde nach Berlin zurückkehren. Ich blicke auf das vergangene halbe Jahr zurück. Es hatte normal begonnen, das heißt, ähnlich wie die vorangegangenen. Nach meinem 80. Geburtstag Ende Dezember 2019 waren meine Lebensgefährtin Monique und ich zunächst von Berlin nach Paris geflohen, dann aus Europa, diesmal Richtung Afrika. Mitte Januar war ich wieder in Berlin, flog noch zweimal nach Paris und zurück. Rechtfertigten ein Begräbnis in Frankreich, ein Zahnarzttermin in Berlin meinen Anteil an der Umweltzerstörung? Moralischer wären Bahnfahrten.

Doch das Coronavirus hatte bereits zu wirken begonnen. Vor Ladenschluss ging ich um die Ecke, wollte vor meinem Abflug bei Lidl einige Kleinigkeiten kaufen. Ein ungewohnter Anblick bot sich mir, einige Regale waren leer geräumt, es gab keine einzige Kartoffel mehr, Nudeln und Reis waren ebenso wie Mehl und Zucker und selbst Toilettenpapier verschwunden.

Konnte sich die Überflussgesellschaft in wenigen Stunden derart ändern? In der DDR herrschte unter anderem Mangel, weil von den Konsumenten mehr gehortet wurde, als wirklich benötigt wurde, und ein Teil des Gehorteten verkam oder irgendwann als überflüssig weggeworfen wurde. Eine Wegwerfgesellschaft auf ihre Weise, doch Verschwendung bleibt Verschwendung.

Die Reaktion der kollektiven Psyche

Manche Ökonomen lehren, Wirtschaft sei vor allem Psychologie. Das schien sich erneut zu bestätigen. Was war in den Köpfen vorgegangen? Ich erinnerte mich an 1953, an den Ausnahmezustand, der dem Aufstand vom 17. Juni gefolgt war, an sowjetische Panzer in den Straßen von Berlin. Die erste Reaktion der kollektiven Psyche, diesem Gemisch aus Sorge, Angst, Panik, Erinnerung, Nachahmung, waren Hamsterkäufe. Damals war es verständlicher, acht Jahre nach einem Krieg, der neben vielen Toten und Zerstörung vor allem eines im Überfluss hervorgebracht hatte, den Mangel. Doch 2020, in Westeuropa?

In Tegel durchschritt ich einen verwaisten Flughafen, keine Schlange bei der Sicherheitskontrolle, die Beamten schienen froh zu sein, dass sich noch jemand fand, der sich kontrollieren lassen wollte, im Flugzeug war kaum ein Drittel der üblichen Passagiere über die Sitze verteilt. Ich wäre früher nach Paris geflogen, hatte jedoch den Flug verschoben, wegen der Leipziger Buchmesse, wo ich ein Gespräch mit Didier Eribon dolmetschen sollte. Die nächsten Wochen lehrten mich, dass die Normalität auch für meine mir lieb gewordene Tätigkeit, bei Gesprächen und Vorträgen die Worte von bekannten Autoren oder Philosophen zu dolmetschen und sie nebenbei auch ein wenig kennenzulernen, dahin war. Weitere Absagen ließen nicht auf sich warten.

In Paris musste ich erkennen, dass meine schöne psychoanalytische Theorie über die Deutschen haltlos war: Ich hörte, die Franzosen hätten ähnlich wie sie die Läden gestürmt, und aus den Regalen verschwand als Erstes – das Toilettenpapier! Am 17. März wurde dann in Frankreich das confinement général ausgerufen, die Grenzen geschlossen, alle Flüge abgesagt. Nun war meine Reisefreiheit mit einem Schlag beendet. Ich war für eine Woche nach Frankreich geflogen, aus ihr wurden Monate, der Rückweg war mir versperrt. Es war nicht tragisch, ich war gut aufgehoben, war beschäftigt, konnte sogar die neue Unfreiheit, die rein äußerlich und begrenzt blieb, genießen.

Die große Serie 

Im 30. Jahr der Wiedervereinigung erleben wir erneut einen Umbruch in der Gesellschaft, ausgelöst durch die Corona-Krise. Die Berliner Zeitung begleitet diese Zeit mit Essays, Analysen, Interviews. Wir führen Debatten und fragen, was wir aus dem Gestern für ein besseres Morgen lernen können. www.berliner-zeitung.de/zeitenwende

Wochenlang war nur noch vom confinement die Rede, in den Medien wechselten sich die medizinischen Experten mit den Politikern ab. Und natürlich auch die Humoristen. Der Sinn manchen Zwangs war nicht immer zu erkennen – erst eine Stunde täglich Ausgangserlaubnis für dringende Einkäufe, Arztbesuche und ähnliches, mit einem aus dem Internet heruntergeladenen Formular, täglich neu auszufüllen, jedoch nicht mit Bleistift, dann statt des Papiers das Gleiche auf dem Smartphone. Dreimal wurden wir von Polizisten kontrolliert, einmal sogar am Fuß der Sacré Coeur auf dem Montmartre von drei berittenen Polizisten, dreimal war etwas nicht in Ordnung. Bleistift, radiert, Datum geändert, Abstand nicht eingehalten. Es war erstaunlich, wie im Land, das stolz auf Descartes ist, so viel Irrationales hervorgebracht wurde. Ging es darum, körperlich Abstand zu halten oder sozial? Die Privilegierten, zu denen ich mich zählte, genossen die Möglichkeit, sich auf ihre kreative Arbeit zu konzentrieren.

Foto: imago images/Hans Lucas

Gegenüber, in der Rue Custine, konnte ich im Dachgeschoss eine junge Frau beobachten. Ich sah sie im Profil, stehend, in der linken Hand hielt sie, wie ich erraten konnte, eine Palette, in der rechten einen Pinsel, sie trat vor, wieder zurück, hob ihre Hand, machte kreisende oder gerade Bewegungen. Es war nicht schwer, das Gesehene zu ergänzen, sie stand wahrscheinlich vor einer Staffelei, malte an einem Bild. Doch dieses blieb mir verborgen.

Zigarette, Handy, Laptop

Zwei Etagen tiefer lebte eine junge Familie mit kleiner Tochter, ihr Leben fand überwiegend auf dem kleinen Balkon statt. Ungefähr alle Viertelstunden ließ sich die etwas füllige Frau mit meistens offenem, längerem Haar auf einem Stuhl nieder, ein angewinkeltes, abgespreiztes Bein stützte sie auf das schmiedeeiserne Balkongeländer. In der einen Hand hielt sie eine Zigarette, in der anderen ihr Handy, manchmal schrieb sie auf dem Laptop, der vor ihr auf einem kleinen Tisch stand. Im geschätzten halbstündigen Rhythmus gesellte sich ein größerer Mann von sportlicher Gestalt zu ihr, auch er rauchend und telefonierend. Ab und zu sah ich, wie die Frau, in ein großes Badetuch gehüllt, die Fensterläden schloss und länger als eine Viertelstunde auf ihre Zigarette verzichtete.

Jean-Paul Sartre konnte nicht ahnen, dass der 15. April, sein Todestag, vierzig Jahre später seinem Theaterstück „Huis clos“, „Geschlossene Gesellschaft“, dank eines unsichtbaren Virus einen gewaltigen Aktualitätsschub geben würde. Im April gedachte man der vierzigsten Wiederkehr. Catherine Newmark, eine ebenso kluge wie liebenswerte Philosophin, kam auf den Gedanken, mich für den Deutschlandfunk Kultur interviewen zu lassen. Per Telefon. Natürlich betrafen die Fragen im ersten Teil des Interviews Sartres Theaterstück von 1943, geschrieben in einer Situation, als Frankreich von Deutschen in Wehrmachtsuniformen oder auch SS-Uniformen besetzt war. Ein Lockdown über vier Jahre, mit härteren Einschränkungen der Freiheit und härteren Ahndungen ihrer Übertretungen! In dieser geschichtlichen Situation konstruiert Sartre ein Modell, in dem er drei Protagonisten für die Ewigkeit zusammensperrt – nach ihrem Tod. Die Hölle, in der sie sich befinden, ist ein muffig-kitschiges bürgerliches Ambiente, ein fensterloser Raum, in dem es immer gleich hell ist, es gibt keinen Tag und keine Nacht, kein Wachen und Schlafen, keine Jahreszeiten – die ewige Wiederkehr des Gleichen. Diese Hölle braucht kein Feuer, kein Öl, keine glühenden Eisen oder andersgeartete Folterinstrumente – die Hölle, das sind die anderen!

Zur Freiheit verurteilt

Muss das Zusammenleben auf engem Raum die Hölle sein? Die Fallzahl häuslicher Gewalt stieg an, Vereinsamte erkrankten, das Gegenstück zu den positiven Auswirkungen der Beschränkungen, die Verwandte und Freunde näherbrachten, vernachlässigte Beziehungen neu belebten. Die drei Protagonisten in Sartres Stück versuchen gelegentlich, aus ihrer Hölle auszubrechen. Doch als sich tatsächlich die Tür öffnet, sind sie unfähig, die sich plötzlich bietende Freiheit zu nutzen, sie rücken zusammen und verharren, fürchten die Ungewissheit, die sie erwartet. Selbst in dieser extremen, dieser Grenzsituation müssen sie sich noch entscheiden, sind zur Freiheit verurteilt.

Die DDR taucht immer wieder in meiner Erinnerung auf, ist in einer Weise gegenwärtig, die mich selbst erstaunt.

Die DDR taucht immer wieder in meiner Erinnerung auf, ist in einer Weise gegenwärtig, die mich selbst erstaunt. Ein Erstaunen, das weniger erstaunlich sein sollte, umfassten doch die vierzig Jahre einen wesentlichen Teil meines Lebens. Was haben diese vierzig Jahre mit den zwei Monaten Leben mit dem Coronavirus gemeinsam? Geschlossene Grenzen, beschränkte Bewegungsfreiheit, beschränkter Konsum, auf das Wesentliche reduziert, Misstrauen, Denunziation derer, die von den Normen abweichen, Angst, Übertretung der Normen und damit verbundene Schuldgefühle, sich widersprechender Diskurs der politisch Verantwortlichen, Lügen, Suche nach äußeren Verantwortlichen.

Präsident Macron erklärte in einer seiner Reden, wir befänden uns im Krieg gegen einen unsichtbaren, heimtückischen Feind, nur durch eine entente sacrée, eine heilige Einheit aller werden wir ihn besiegen. Die DDR-Oberen erklärten vierzig Jahre lang, der Klassenfeind, der westdeutsche, der amerikanische Imperialismus habe den Krieg erklärt, einen nicht immer sichtbaren, kalten Krieg. Die Einheit und Geschlossenheit der Partei, der gesamten Bevölkerung gegen diesen Feind sei überlebenswichtig.

Die halbe Menschheit eingeschlossen

Wesentliche Unterschiede: Der Lockdown führte zum Einschließen der halben Menschheit, mehr als der Sozialismus vermochte, er war ein Aspekt der Globalisierung, seine Dauer war absehbar, nicht Generationen waren betroffen, es ging um Wochen, schlimmstenfalls Monate. Kritik der Verantwortlichen war erlaubt. Es hatte bereits Jahre vorher Warnungen und Präzedenzfälle gegeben, die Regierungen reagierten oft zu spät, eine Ursache für das Versagen: Profitinteressen hatten Vorrang vor dem Gemeinwohl, das Gesundheitssystem war nicht auf der Höhe der Anforderungen, Krankenhäuser mussten Gewinn erwirtschaften. Es wurde diskutiert, wie eine auf Knappheit (Sartres Begriff der rareté) beruhende Gesellschaft bestimmt, wer „überschüssig ist“: Bei über Achtzigjährigen sind der ökonomische Aufwand und der Einsatz der knappen Ressourcen nicht zu rechtfertigen. Schnell wurde diese vorlaute und vorschnelle Offenheit verurteilt und dementiert.

Foto: Guido Werner
Vincent von Wroblewsky

wurde 1939 in Clermont-Ferrand (Puy-de-Dôme) als Kind von 1933 aus Berlin emigrierten jüdischen Eltern geboren. 1950 kehrte er mit seiner Mutter und seinem Bruder nach Ost-Berlin zurück. Am Zentralinstitut für Philosophie der Akademie der Wissenschaften promovierte er mit der Arbeit „Jean-Paul Sartre – Theorie und Praxis eines Engagements“, übersetzte später viele Sartre-Werke und wurde 1993 als Präsident der Sartre-Gesellschaft in Deutschland gewählt. Wroblewsky arbeitet als Übersetzer, Dolmetscher, Herausgeber, Autor.

Am 11. Mai begann die zweite Phase mit einigen Lockerungen, mit der Erlaubnis, sich im Umkreis von hundert Kilometer vom Wohnort zu entfernen.

Moniques Sohn Mathieu lieh ein Auto, wie so viele Kinder machte er sich plötzlich Sorgen um die alten Eltern. Wir wagten die Flucht aus Paris, in das 250 Kilometer entfernte Morvan in der Bourgogne. Es war keine Mauer um den Preis des Lebens zu überwinden. Das Risiko: die Strafe von 135 Euro und die Aufforderung, zum Ausgangsort zurückzukehren. Es genügte, den längeren Umweg über Nationalstraßen zu wählen, wo Kontrollen weniger wahrscheinlich waren. Die ländliche Bevölkerung empfing die Pariser mit gemischten Gefühlen. Sie würden uns doch nicht etwa das Virus aus der Großstadt einschleppen?

Doch Freundlichkeit und bewährte Nachbarschaftshilfe behielten die Oberhand. Dann wurde der Radius der Bewegungsfreiheit erweitert. Ex-Premierminister Philippe erklärte am 28. Mai, ab sofort sei wieder alles erlaubt, was nicht ausdrücklich verboten ist. Es waren fast die gleichen Worte, mit denen Gregor Gysi am 4. November 1989 auf dem Alexanderplatz das Programm der Zukunft gefordert hatte. Und ich hörte mit Erstaunen, dass sich viele so schnell und so gründlich an das Eingeschlossensein und die Beschränkungen gewöhnt, sie verinnerlicht hatten, dass sie die neue, die wiedergefundene alte Freiheit nicht zu nutzen wagten. Sie hatten die auferlegten Grenzen als Schranke, als eigene Beschränkung verinnerlicht. Sollte die Corona-Epidemie mit sich gebracht haben, manch Vergangenes und auch manch Gegenwärtiges im Licht der Vergangenheit, schärfer zu sehen?