BerlinIn der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ vom 26. Oktober setzten sich Herfried Münkler, Hans Walter Hütter und Peter Cachola Schmal mit der bevorstehenden und notwendigen Restaurierung der Paulskirche in Frankfurt am Main und ihrem Ausbau zu einem Erinnerungsort an die Revolution von 1848/49 auseinander. Der Beitrag beruht auf einem Konzeptionspapier für das Bundespräsidialamt. Er war notwendig, und zu Recht gehen die Autoren davon aus, dass die alte Bundesrepublik ein symbolarmer Staat war und die Westdeutschen ihr historisches Selbstbewusstsein vor allem aus dem Wirtschaftswunder bezogen – die Fußballweltmeisterschaft 1954 könnte ebenfalls genannt werden.

Erinnerungsorte und Denkmale der deutschen Demokratie- und Freiheitsgeschichte wie das Hambacher Schloss und die Paulskirche in Frankfurt am Main spielten dagegen bisher nur eine geringe Rolle. Die SED-Diktatur instrumentalisierte vor allem die Tradition eines auf Kommunisten reduzierten Widerstandes gegen den Nationalsozialismus.

Münkler, Hütter und Schmal sind weiterhin der Meinung, dass Erinnerungsorte und Symbole für die Zusammengehörigkeit einer Nation zählen und auch in der Bundesrepublik für die Befestigung der Demokratie wichtig sind. Für sie ist die Paulskirche mit ihrem parlamentarischen Projekt der nationalen Einigung Deutschlands in der Revolution von 1848/49 ein wichtiger Symbolort. Deshalb fordern sie, dass dieses Gebäude grundlegend renoviert und zum Symbol bürgerschaftlichen Freiheitswillens und bürgerlicher Eigeninitiative ausgebaut wird. Dazu sollte noch ein Ort der Erinnerung, ein „Haus der Demokratie“, als Lernort an diese Revolution, in unmittelbarer Nähe errichtet werden.

Es ist befremdlich, dass die Revolution von 1989/90 nicht erwähnt wird

Dieses Projekt verdient Unterstützung, zeugt aber gleichzeitig von einer historisch reduzierten und rein westdeutschen Sicht. Die Revolution gegen die Diktatur in Ostdeutschland 1989/90 wird dagegen mit keinem Wort erwähnt. Das ist umso befremdlicher, weil dies die erste erfolgreiche Revolution in der deutschen Geschichte war und sie viele Ziele von 1848/49 erfolgreich durchsetzte.

Wie notwendig es ist, „’89“ stärker in den Blick zu nehmen, zeigte auch der Missbrauch der Revolution von 1989/90, des Leipziger Augustusplatzes und des dortigen Innenstadtringes durch „Querdenker“, Esoteriker, Corona-Leugner und Rechtsextremisten am vergangenem Sonnabend. Dem ist entgegenzutreten, und wichtig ist dabei nicht nur die Revolution gegen die SED-Diktatur, sondern auch, dass sie in einen ostmitteleuropäischen Revolutionszyklus gehört, der grundsätzliche gesellschaftliche Umwälzungen erzwang, die in der Regel unblutig und weitgehend ohne direkte Gewaltanwendung verliefen.

Unsere Serie

Im 30. Jahr der Wiedervereinigung erleben wir erneut einen Umbruch in der Gesellschaft, ausgelöst durch die Corona-Krise. Die Berliner Zeitung begleitet diese Zeit, in der erneut viel Altgewohntes auf dem Prüfstand steht, mit Essays, Analysen, Interviews. Wir wollen Debatten führen und fragen, was wir aus dem Gestern für ein besseres Morgen lernen können.

Haben Sie eine Idee für die Serie „Zeitenwende“ oder wollen Sie uns Feedback geben? Schreiben Sie uns!

Sabine Rennefanz
Anja Reich

https://www.berliner-zeitung.de/zeitenwende

Sie erfassten dominoartig als Bewegungen für bürgerliche Freiheiten, Reformen und die Durchsetzung zivilgesellschaftlicher Normen die „realsozialistischen“ Staaten und führten mit dem Ende der Sowjetunion Ende 1991 zum Sturz der Vormacht des Kommunismus in Mittel- und Osteuropa. Damit leiteten diese Revolutionen eine globale „Zeitenwende“ ein und ermöglichten die Einigung Europas. Es entstand ein „Erinnerungsort“ für alle Europäer, der zu einem unseren Kontinent umfassenden Mythos werden könnte. Das zeigt auch der Kampf der Opposition heute in Belarus gegen die Wahlfälschungen eines autokratischen Präsidenten.

Technologierückstand in den Betrieben, chronische Devisenknappheit, Versorgungsengpässe

Die Friedliche Revolution in der DDR gegen die SED-Diktatur selbst hat eine lange Vorgeschichte. Zu den Gründen für ihren Erfolg zählt, dass die Kommunisten in Ostdeutschland ihr Sendungsbewusstsein und den Glauben an ihre Sache weitgehend verloren hatten. Bereits Jahre vor 1989 war die gesellschaftliche Atmosphäre von Apathie und Depression geprägt gewesen, jetzt verloren die kommunistische Ideologie und der instrumentalisierte Antifaschismus an Bindungskraft und die Wirtschaft sowie Umwelt verfielen. Dazu kamen der Technologierückstand in den Betrieben, chronische Devisenknappheit, Versorgungsengpässe und der Zerfall historischer Ortskerne. Es fehlten politische Demokratie, Rechtssicherheit, und die Bevölkerung war weitgehend entmündigt. Die SED herrschte diktatorisch mit Zwang, Verführung und Manipulation. Dazu kamen die plumpe Fälschung der Kommunalwahlen im Mai 1989 und die Unterstützung für das Massaker der chinesischen Kommunisten an den protestierenden Studenten in Peking im Juni desselben Jahres.

Foto: Imago Images/Imagebroker
Nationalversammlung in der Paulskirche in Frankfurt am Main 1880 (historischer Holzstich).

In den 1980er-Jahren trugen Persönlichkeiten aus dem literarisch-kulturellen Milieu Wichtiges zur Entwicklung der Opposition bei und parallel zu den im Schutzraum evangelischer Kirchen arbeitenden Friedensgruppen entstanden weitere oppositionelle Gruppierungen. In der beklemmenden Situation der Diktatur drängten im Sommer 1989 immer mehr Menschen auf ihre Ausreise in den Westen und flohen über Ungarn in die Bundesrepublik. Im Sommer 1989 gewannen alternative Subkulturen, demokratische Bürgerrechtsgruppen und dann auch oppositionelle Parteien als Träger der herannahenden Revolution an Einfluss.

Gleichzeitig destabilisierten die Wahl eines Polen zum Papst, die polnische Gewerkschaftsbewegung Solidarnosc, die Entspannungspolitik des Westens und die Reformbemühungen des sowjetischen Parteiführers Michail Gorbatschow das Moskauer Imperium. Dazu kamen in der Sowjetunion die Bürgerrechtsbewegung „Memorial“, das Wirken von Dissidenten wie Andrei Sacharow und in der Tschechoslowakei die „Charta 77“.

Die entscheidende Demonstration am 9. Oktober 1989 in Leipzig

In dieser revolutionären Situation spielten verschiedene Orte eine herausgehobene Rolle. Neben Berlin waren es vor allem thüringische und sachsen-anhaltinische, besonders aber auch sächsische Städte. So demonstrierten, während in Berlin, besonders im Stadtbezirk Prenzlauer Berg rund um die Gethsemanekirche, der Staatsterror tobte, im vogtländischen Plauen am 7. Oktober 1989 mehr als 10.000 Menschen für Meinungs- und Pressefreiheit, und am 8. Oktober gab es in Dresden den ersten „Dialog“ zwischen Demonstranten und bislang Herrschenden.

Die Entscheidung über den weiteren Verlauf des Aufstandes brachte die friedliche Demonstration von weit mehr als 70.000 Menschen aus der ganzen DDR am 9. Oktober in Leipzig. Dem war vorausgegangen, dass bereits ab 1981 Friedens-, Umwelt- und Menschenrechtsgruppen in der Nikolaikirche Friedensgebete organisierten und es auf den Straßen Leipzigs immer wieder zu Protesten gegen die Diktatur kam. Seit September 1989 gingen von der Kirche dann die Montagsdemonstrationen aus. Im vereinten Deutschland lebten die Montagsgebete weiter, und an jedem 9. Oktober wird hier der Friedlichen Revolution gedacht.

In der Gethsemanekirche hatte die Ost-Berliner Opposition in den 1980er-Jahren einen Ort des Schutzes und für ihre Arbeit. So gab es hier Fürbittgottesdienste, Friedensgebete und öffentliche Diskussionen zum evangelischen Kirchentag 1987, gegen die Verhaftung nach der Liebknecht-Luxemburg-Demonstration am 17. Januar 1988, nach den gefälschten Kommunalwahlen am 7. Juni 1989 und nach dem Massaker auf dem Pekinger Platz der Himmlischen Friedens am 4. Mai dieses Jahres. Hier stand seit Anfang 1989 ein Kontakttelefon für die Informations- und Vernetzungsarbeit der Gruppen der Bürgerbewegung. Nach den Ausschreitungen der „Sicherheitsorgane“ am 7. Oktober suchten in der Kirche viele Demonstranten Schutz, und hier wurden ihre Gedächtnisprotokolle gesammelt. Auch nach dem Sturz der Berliner Mauer blieb die Kirche ein Versammlungsort der Opposition und setzte ihre Friedensarbeit nach der Wiedervereinigung fort.

Beide Kirchen gehören ins Zentrum der historischen Identität der Bundesrepublik

Beide Kirchen spielten so eine wichtige und mitentscheidende Rolle bei der Friedlichen Revolution als der ersten gelungenen und ohne Blutvergießen siegenden Revolution in der deutschen Geschichte. Sie trugen dazu bei, dass Freiheitskämpfe und Revolutionen nicht nur eine europäische, sondern auch eine deutsche Tradition sind. Sie gehören in das Zentrum der historischen Identität der Bundesrepublik und unseres Kontinents. Das gilt genauso für die deutsche und die Revolutionen in mehreren Ländern Europas 1848/49. Beider Revolutionszyklen sollte gemeinsam gedacht werden und sie gehören in das gleiche historische Narrativ.

Das geschieht bisher nur in der Erinnerungsstätte für die Freiheitsbewegungen in der deutschen Geschichte in Rastatt – allerdings nur mit regionaler Ausstrahlung. So ist es sowohl naheliegend als auch demokratiestabilisierend, wenn Pauls-, Gethsemane- und Nikolaikirche gleichermaßen als Erinnerungsorte erhalten und ausgebaut werden. Nicht zuletzt würde das auch zu einem gemeinsamen Geschichtsbewusstsein in Ost und West und so zur deutschen Einheit beitragen. Ganz falsch ist es dagegen, nur die Paulskirche und damit die Revolution von 1848/49 in den Blick zu nehmen und damit die Friedliche Revolution ins Vergessen zu drängen und zu einem „Regionalereignis Ost“ zu machen.

Rainer Eckert ist Historiker und ehemaliger Direktor des Zeitgeschichtlichen Forums Leipzig.

Ilko-Sascha Kowalczuk ist Historiker und  Mitglied der Regierungskommission „30 Jahre Revolution – 30 Jahre Deutsche Einheit“.