Aufbruch 1990: Susanne Lenz im August 1990 vor dem Verlagsgebäude an der Karl-Liebknecht-Straße.
Foto: Elsa Lenz

BerlinAm Tag, an dem alles anfing, stand ich in einer Dunkelkammer in Hannover und entwickelte Filme. Schabowskis berühmte Worte in der Pressekonferenz hörten wir im Radio. Wir, das waren außer mir ein paar Kommilitonen aus dem Studiengang an der Hochschule. „Das würde ja bedeuten, dass es die Mauer nicht mehr gibt“, sagte ich. Und dachte: Das kann ja nicht sein. Wir stellten das Radio ab und gingen nach Hause.

Dass es doch sein konnte, erfuhr ich am nächsten Morgen durch einen Anruf meiner Mutter. Zum Glück hatte ich ohnehin vorgehabt, an dem Tag nach Berlin zu fahren. Dort lebte ich seit 1987 mit meinem Freund Roberto, einem Amerikaner aus New York. Unsere Wohnung in einem Hinterhaus in Kreuzberg lag im fünften Stock, wir heizten mit Kachelöfen, es gab kein Bad. Vor dem Balkon stand eine Kastanie, hinter dem Baum konnten wir die Sonne untergehen sehen.

Im Rahmen des Studiums war in den Sommersemester-Ferien ein Praktikum vorgesehen. Roberto war es, der die Berliner Zeitung erwähnte, wahrscheinlich des großartigen Namens wegen. „Think big“, sagen sie in Amerika. An einem Sonntag im April 1990 fuhr ich mit dem Rad zum Alexanderplatz. In dem großen schmalen Gebäude, in dem der Berliner Verlag untergebracht war, saß eine ältere Dame am Empfang. Ich fragte sie, ob ich mit jemandem aus der Redaktion sprechen könne. Sie machte einen Anruf, und herunter kam ein junger Mann, der sich mit mir auf den Heizkörper an der Seite des Foyers setzte. Er stellte sich als Alexander Osang vor, heute ist er beim Spiegel, einer der bekanntesten Journalisten des Landes. Damals war er Lokalchef der Berliner Zeitung. Er fragte mich, warum ich zur Berliner Zeitung wolle. Ich erschrak, wusste nicht, was ich darauf antworten sollte.

„Weil ich das die beste Zeitung finde“, antwortete ich. Das war gelogen. Hochstapelei. Ich hatte die Zeitung noch nicht mal angefasst, geschweige denn gelesen. Dieser Alexander Osang sah mich direkt an und sagte: „So was muss man heutzutage wohl sagen.“ Mann, ist der schlau, dachte ich.

Am 6. August 1990 begann mein Praktikum bei der Berliner Zeitung, ich war die erste Westdeutsche nach der Wende dort. Praktikum hieß es nur gar nicht. Sie stellten mich als Redaktionsassistentin ein, Geld bekam ich auch. Ich glaube, es waren 400 Mark. D-Mark. Die Währungsunion hatte ja ein paar Wochen zuvor stattgefunden. Mein Anteil Miete an unserer Eineinhalb-Zimmer-Wohnung kostete 90 Mark. Ich verdiente also nicht schlecht. Das Bemerkenswerteste an diesem Montag war vielleicht mein Empfang durch den stellvertretenden Chefredakteur Fritz Wengler. Er bat mich in sein Büro, leider weiß ich nicht mehr, worüber er mit mir gesprochen hat. Nur, dass unser Gespräch eine ganze Stunde lang gedauert hat, weiß ich noch. Dass er sich diese Zeit nahm.

Im Westen anrufen konnte man nicht

Ich kam in die Innenpolitik. Das Büro lag im vierten Stock, an der Wand im Flur hing ein Schwarz-Weiß-Foto vom ersten Tag, an dem die Berliner Zeitung erschien, im Mai 1945. Eine Frau hält Zeitungen im Arm, umringt von einer Menschenmenge, Arme recken sich ihr entgegen. Alle wollen eine Zeitung kaufen. So ähnlich war es jetzt, in dieser aufregenden Wendezeit Anfang der 1990er-Jahre. Die Auflage stieg.

In dem Büro standen vier Schreibtische eng zusammen. Neben mir saß die neu ernannte Reiseredakteurin, die Pressereisen an die Kollegen verteilte. Gegenüber saßen der neue Umweltredakteur und ein Kollege, der erst vor kurzem angefangen hatte. Ich fragte keinen von ihnen, warum er zu DDR-Zeiten Journalist hatte werden wollen, in einem Land ohne Pressefreiheit. Vielleicht, weil ich merkte, dass da schon ein Aufbruch stattgefunden hatte. Alle schrieben wie verrückt, bald auch ich. Ganz viel Meinung steckte oft in den Texten. Es war, als ob man sich die Veränderung erschreiben würde, sich in dem Chaos schreibend zurechtfinden lernte.

Die große Serie

Im 30. Jahr der Wiedervereinigung erleben wir erneut einen Umbruch in der Gesellschaft, ausgelöst durch die Corona-Krise. Die Berliner Zeitung begleitet diese Zeit mit Essays, Analysen, Interviews. Wir führen Debatten und fragen, was wir aus dem Gestern für ein besseres Morgen lernen können. www.berliner-zeitung.de/zeitenwende

In einer Ecke des Büros stand ein Computer, den keiner benutzte. Mit den grauen Plastiktelefonen konnte man nur innerhalb der DDR telefonieren. Wenn ich mit jemandem in West-Berlin oder der Bundesrepublik sprechen wollte, radelte ich zur nächstgelegenen Telefonzelle am Moritzplatz. Agenturmeldungen kamen auf einer endlosen Papierrolle aus dem sogenannten Ticker, eine Art Fax, der Bote schnitt sie auseinander und verteilte sie an die Ressorts. Artikel schrieb man auf der Schreibmaschine. Nur mein Ressortleiter hatte seine Gedanken so zusammen, dass er unserer Sekretärin einen Kommentar aus dem Kopf diktieren konnte. Das Layout wurde aufgemalt, die Schreibmaschinentexte wurden angeheftet und per Rohrpost an die Setzer geschickt. Auf demselben Weg kamen die gedruckten Seiten zurück, sie rochen nach Lösungsmittel, waren noch halbfeucht, und man musste beim Korrekturlesen die Ärmel hochkrempeln, sonst war nachher die Kleidung voller Druckerschwärze. Ich beglückwünschte mich dazu, diese Zeitreise erleben zu können.

Für den Umweltredakteur schrieb ich meine erste Geschichte über die Belastung der landwirtschaftlichen Böden in der DDR mit Dioxin. Ich habe den Text jetzt im Archiv gefunden. Die Seite wirkt aus heutiger Sicht grau und eng bedruckt. Ich schrieb über DDR-Bürger, die auf Kaffeefahrten Lama-Decken kauften und es bereuten,  über Veranstalter, die es „versäumten“, die Käufer darüber zu informieren, dass man die Decken auch zurückgeben konnte. „Benutzt und fallengelassen“ stand über meinem Text über die schwierige Lage der Vertragsarbeiter aus Vietnam, Mosambik und Angola, die nach dem Mauerfall ihre Arbeit verloren. Ich schrieb über die Häftlinge, die sich im Dachgebälk des Gefängnisses in der Stadt Brandenburg verschanzt hatten, und drohten, sich hinunterzustürzen, sollten ihre Forderungen nach einer Prüfung ihrer Urteile und Verbesserung der Haftbedingungen nicht gehört werden. Ich konnte schreiben, worüber ich wollte. Aber vor allem war es, als lebte und arbeitete man inmitten der Geschichte.

Am 31. August kam ich von einem Termin zurück in die Redaktion und erzählte von dem Menschenauflauf vor dem Kronprinzenpalais, den ich gerade gesehen hatte. „Da wird der Einigungsvertrag unterschrieben“, sagte mein Ressortleiter. „Willst du hin?“ Von den Kollegen hatte offenbar keiner Lust, der Vertrag war für sie eine „Kröte“, wie Gregor Gysi ihn ein paar Tage zuvor genannt hatte.

Die Unterzeichnung des Einigungsvertrags

So kam es, dass ich, die kleine Praktikantin aus dem Westen, als einzige aus der Redaktion, bei diesem historischen Ereignis dabei war, zusah, wie der BRD-Innenminister Wolfgang Schäuble und der DDR-Staatssekretär Günther Krause den Vertrag unterschrieben, der die Bedingungen für die Wiedervereinigung regelte. Wie alle schwitzen, heiß wie es war. Ich trank ein halbes Glas lauwarmen Sekt und radelte dann zurück zum Alex. Mein Text kam auf die Seite eins. Und mein Ressortleiter erwachte am nächsten Morgen in einem Blumenbeet in Prenzlauer Berg. Er habe am Abend zuvor zu viel getrunken, hieß es. Wohl aus Frust.

Ich glaube eigentlich, dass die Welt zufällig ist. Aber dass ausgerechnet ich bei dieser Unterzeichnung dabei war, hat mich berührt. Ich bin in Heidelberg geboren, nicht weit von der französischen Grenze, weit weg von der innerdeutschen. Meine Eltern kommen von dort, die Groß- und die Urgroßeltern. Aber auch wir haben eine deutsch-deutsche Familiengeschichte: Der Bruder meiner Mutter traf kurz vor dem Mauerbau in Berlin eine junge Frau aus einem Dorf in der Nähe von Karl-Marx-Stadt, er zog nach dem Mauerbau in die DDR, um sie zu heiraten. Er war mein Patenonkel, alle zwei Jahre fuhren wir nach drüben, wie es bei uns hieß. Meine Großmutter sprach ihr Leben lang nur von der Ostzone. Es ging nicht gut aus. Mein Onkel stellte 1977 einen Antrag, seine schwer kranke Mutter in Heidelberg zu besuchen, er wurde abgelehnt, mein Onkel nahm sich das Leben. Er erhängte sich mit einem Abschleppseil an einer Buche, wie ich es kürzlich in seiner Stasiakte nachlas. Aber das ist eine andere Geschichte.

Kurz bevor meine zwei Monate bei der Berliner Zeitung endeten, fragte mich mein Ressortleiter, ob ich nicht bleiben wolle. Er habe eine freie Stelle. Ich sagte mein Auslandssemester in Brüssel ab und schließlich auch das Volontariat beim WDR, für das ich mich Monate zuvor beworben hatte.

Ein paar Wochen später fand eine Redaktionsversammlung im großen Saal im ersten Stock statt. Gregor Gysi saß auf dem Podium und verkündete, dass die PDS die Berliner Zeitung an den Hamburger Verlag Gruner + Jahr und Maxwell Communications verkauft habe. Sie hätten eine dreijährige Beschäftigungsgarantie ausgehandelt. Man konnte unterm Tisch Gysis Beine baumeln sehen, in der Luft. Er schien nervös zu sein.

Am Tag bevor der neue, von Gruner + Jahr eingesetzte Herausgeber, Erich Böhme, kam, entsorgten die Kollegen aus dem Zimmer nebenan die wie Trophäen auf dem Regal aufgereihten Metaxa-Flaschen, der Kollege mir gegenüber hatte Angst, seine Arbeit zu verlieren. Er hatte, erzählte er mir, noch bis vor kurzem bei der HVA, der Hauptverwaltung Aufklärung, gearbeitet. Ich hörte ihm neugierig zu. Vielleicht schenkte er mir deshalb zu einem Geburtstag das Buch, das er über seine Tätigkeit schrieb: „Wolfs West-Spione“. In seiner Widmung der Hinweis, „dass auch zunehmende Lebensjahre nicht vor Torheiten bewahren, diese im Gegenteil immer teurer werden“. Ich fragte ihn nie, ob er das auf seine Tätigkeit bei der HVA bezog. Die Widmung stammt aus dem Jahr 1992, er hatte seine Arbeit nicht verloren. Wenigstens erst einmal.

Verkauf an die großen westdeutschen Verlage

Auch die anderen ehemaligen SED-Bezirkszeitungen wurden an die großen westdeutschen Verlage verkauft, an den Bauer-Verlag, Springer, Gruner + Jahr und Burda. Die DDR-Presse bedeutete neue Absatzmärkte, war Beute. Beate Schneider, meine ehemalige Professorin aus Hannover, untersuchte die so entstandenen Strukturen. Ihr Fazit: Die von den BRD-Verlagen übernommenen Zeitungen sind entweder als Alleinanbieter oder als drückend überlegener Anbieter tätig. Die meisten während der Wende neu gegründeten Tageszeitungen existieren – egal, ob sie aus der Bürgerbewegung hervorgingen oder von West-Verlagen etabliert wurden – längst nicht mehr.

Aufbruch 2020: Der Bär aus dem alten Schriftzug der Berliner Zeitung wird in das neue Verlagsgebäude getragen.
Foto: Berliner Zeitung/Mike Fröhling

Es waren die West-Verlage, die das Entstehen einer neuen, unabhängigen Pressestruktur in den fünf neuen Bundesländern verhinderten. Für sie war das viele Jahre lang ein gutes Geschäft. Dass die Berliner Zeitung einmal wieder Ostdeutschen gehören würde, war damals unvorstellbar.

Von Ende 1990 an kamen dann andere westdeutsche Kollegen in die Redaktion. Sie kamen als Ressortleiter, als Reporter. Einer ostdeutschen Kollegin, die sich bewarb, sagte Böhme, es gebe schon genug Ostdeutsche. Einige Ressorts hatten dann eine Ost-West-Doppelspitze. Im Grunde bildete auch Erich Böhme mit dem Chefredakteur Hans Eggert, von dem es hieß, er sei in Wendezeiten gewählt worden, eine solche. Ich weiß nicht, wie es den Kollegen ging. Wir Jüngeren aus Ost und West gingen manchmal zusammen tanzen. Nicht ins WMF oder den Tresor, sondern ins Jojo, einen Jugendclub an der Wilhelm-Pieck-Straße, wie die Torstraße damals noch hieß.

Ich bin immer noch hier, nach 30 Jahren, oder eigentlich wieder, denn zwischendurch war ich für den Deutschen Akademischen Austauschdienst in den Philippinen, unterrichtete Journalistik an der Königlichen Universität von Phnom Penh in Kambodscha. Die Berliner Zeitung las ich all diese Jahre jeden Morgen im Internet. Als ich mein Fernweh gestillt hatte, ging ich wieder zurück zur Berliner Zeitung. Ich komme hier einfach nicht weg. Die Zeitung ist für mich immer noch etwas Besonderes. Das hat auch mit dieser Geschichte zu tun.