Als sich die Gentechnik etablierte, wurden biologische Kampfmittel wieder interessanter (Symbolbild).
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BerlinAuch vor 45 Jahren gab es eine Zeitenwende. In der Hoch-Zeit des Kalten Krieges hatten sich die Großmächte darauf geeinigt, die Entwicklung und Produktion biologischer Waffen zu verbieten. Diese Biowaffenkonvention trat 1975 in Kraft. Biowaffen galten ohnehin als militärisch uninteressant; nun war also wenigstens diese Klasse von Massenvernichtungs­waffen für immer geächtet. Glaubte man – aber nicht lange. Denn zur gleichen Zeit etablierte sich die Gentechnik mit ihren vielfältigen Möglichkeiten. Nun schien es denkbar, ohne großen Aufwand harmlose Mikroorganismen in Killer­bakterien umzuwandeln. Bereits bekannte Biowaffen – wie Anthrax-(Milzbrand-)Erreger - könnten zusätzlich geschärft oder so verändert werden, daß sich der Gegner nicht mehr vor ihnen schützen könnte. Biologische Kampfmittel wurden wieder sehr attraktiv.

Das beunruhigte mich sehr, denn ich beteiligte mich schon seit meiner Berufung an die Universität Rostock Mitte der 1960er Jahre an den weltweiten Diskussionen über die Chancen und Risiken der modernen Genetik. Bereits 1970 hatten wir diese Themen auf einem Kolloquium in Kühlungsborn zur Diskussion gestellt, damals schon in Erwartung der Biowaffenkonvention. Mit der Einführung der Gentechnik nun trat zu Tage, dass die Konvention eine gefährliche Schwachstelle enthält: Sie erlaubt Arbeiten mit potenziellen Biowaffen, wenn das prophylaktischen oder anderen friedlichen Zwecken dient, der Entwicklung von Impfstoffen zum Beispiel. Eine Meldepflicht für solche Aktivitäten ist nicht vorgesehen. Außerdem ist es möglich, unter dem Vorwand, sich gegen natürliche Pandemien oder gegnerische Angriffe wappnen zu wollen, neuartige Biowaffen zu entwickeln und/oder auch entsprechende Vakzinen. Ein Staat, der solche Waffen - unter Verletzung der Biowaffen-Konvention - einsetzen will, braucht Impfstoffe, um die eigenen Truppen vor dem eingesetzten Kampfmittel schützen zu können.

Die Serie

Im 30. Jahr der Wiedervereinigung erleben wir erneut einen Umbruch in der Gesellschaft, ausgelöst durch die Corona-Krise. Die Berliner Zeitung begleitet diese Zeit, in der erneut viel Altgewohntes auf dem Prüfstand steht, mit Essays, Analysen, Interviews. Wir wollen Debatten führen und fragen, was wir aus dem Gestern für ein besseres Morgen lernen können.

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Alle Texte der Serie:
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Ich, seit 1971 wieder zurück an den Akademie-Instituten in Berlin-Buch, war also sehr besorgt und artikulierte das in Vorträgen und Veröffentlichungen. Das Stockholmer Intern­ationale Friedensforschungsinstitut (SIPRI) wurde darauf aufmerksam und heuerte mich 1984 als Konsultanten für biologische Rüstungskontrolle an. Ich sollte ein Buch über Biowaffen schreiben.  Es sollte am Vorabend einer Konferenz zur Überprüfung der Biowaffen-Konvention erscheinen. Die Leitung der Akademie der Wissenschaften der DDR war einverstanden und sogar bereit, mich für zwei Jahre nach Stockholm zu beurlauben. Aber das Ministerium für Staatssicherheit erhob Einspruch gegen meinen längeren Auslandsaufenthalt. Trotzdem kam pünktlich ein Buch zustande. Darin schlugen wir konkrete Maßnahmen zur Stärkung der Konvention vor, darunter einen Informationsaustausch über militärisch finanzierte Impfstoffaktivitäten. Das stand aber im Widerspruch zur damaligen Politik der Sowjetunion. Die war gegen jede Transparenz in derartigen Abkommen.

Tatsächlich wurde ich vor Konferenzbeginn im Außenministerium vergattert, als DDR-Experte in Genf kein Zusatzprotokoll zu fordern.

Erhard Geißler

Als das Buch dann kurz vor der Vollendung stand, fragte der Direktor des Stockholmer Instituts bei der Akademie-Leitung an, ob ich ihn im September 1986 nach Genf zur  dreiwöchigen Konferenz begleiten dürfte. Fast gleichzeitig bat der stellvertretende Außenminister Peter Florin um einen Experten zur Teilnahme an dieser Konferenz. In der Akademie-Leitung kam man zu dem Schluss, dass leider nur ich dafür zur Verfügung stünde, obwohl man – wie aus einem Dokument aus dem Stasi-Unterlagen-Archiv hervorgeht – wusste, „daß es zwischen dem Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten [MfAA] und mir „unterschiedliche Auffassungen gibt: MfAA ist aus praktisch-politischen Gründen der Meinung, daß konsequent eine Änderung der Konvention vermieden werden muß, da sonst auch der Gegner ‚Änder­ungen‘, die uns nicht genehm sind, durchsetzen kann. Prof. Geißler ist der Auffassung, daß Änderungen zweckmäßig seien“. Tatsächlich wurde ich vor Konferenzbeginn im Außenministerium vergattert, als DDR-Experte in Genf kein Zusatzprotokoll zu fordern. Dem konnte ich leicht zustimmen. Diese Forderung wurde ja auch in meinem Buch erhoben, und das wurde zu Beginn der Konferenz vom Direktor des SIPRI und mir vorgestellt.

Laborantinnen stellen mit Hilfe von Bruteiern einen Grippe-Impfstoff im VEB Sächsisches Serumwerk Dresden her. Die Aufnahme entstand 1977.
Foto: imago images/Ulrich Hässler

Im Schlussprotokoll wurde dann wenigstens vereinbart, „vertrauensbildende Maßnahmen“ einzuführen. Details sollten auf einer Expertentagung im kommenden Frühjahr festgelegt werden. Nach der Konferenz wurde ich mit der Bildung einer Expertengruppe  beauftragt, welche die Vorschläge der DDR für solche Maß­nahmen ausarbeiten sollte. In diesem Zusammenhang sah ich endlich eine Möglichkeit, die gefährlichste Schwachstelle der Konvention zu beseitigen.

Als die Stellungnahme fertig war, wurde sie im Außenministerium sofort ins Englische übersetzt und anschließend den Delegationen der „Bruderländer“ zur Kenntnis gegeben. Gleichzeitig wurden unsere Vorschläge dem Ministerium für Nationale Verteidigung übermittelt. Das lehnte - ohne Begründung –  einem Informations­austausch über militärische Impfstoffaktivitäten ab. Daraufhin wurde diese Passage in der offiziellen Stellungnahme der DDR zum Informationsaustausch gestrichen.

Für mich ergab sich mit dem Veto der Militärs eine der schwerwiegendsten Entscheidungssituationen meines Lebens: Einerseits war und bin ich fest davon überzeugt, dass – insbe­sondere militärische – Impfstoffaktivitäten die gravierendste Schwachstelle bei der biologischen Rüstungskontrolle sind. Das Experten-Treffen wäre also eine gute Gelegenheit gewesen, hier Abhilfe zu schaffen. Aber als offizielles Delegationsmitglied war ich natürlich an die Direktiven meiner Regierung gebunden. Sollte ich meinem Gewissen folgen und trotz des Verdikts der Armeeführung in Genf eine entsprechende Berichterstattung fordern? Solche Fragen bewegten mich vor dem Expertenmeeting sehr und bereiteten mir noch mehr schlaflose Nächte als sonst.

Zu meiner überaus großen Erleichterung nahmen mir die Delegationen Irlands und Österreichs diese Gewissensentscheidung ab: Sie schlugen vor, die Staaten sollten über die Entwicklung von Impfstoffen zum Schutz gegen Mikroorganismen, die im biologischen Krieg eingesetzt werden können, informieren. Sowohl die Amerikaner als auch die Sowjets waren dagegen – und ich sah mein Dilemma gelöst: Gegen die Großmächte zu opponieren war es nicht wert, mir zu Hause Ärger einzuhandeln.

Auf die entscheidende Idee brachte mich ausgerechnet David Huxsoll, Kommandeur des Instituts Fort Detrick.

Aber das Thema ließ mich nicht los. Und schließlich brachte mich ausgerechnet der damalige Kommandeur des amerikanischen Instituts Fort Detrick, David Huxsoll, auf die entscheidende Idee. Der hatte im Januar 1989 bei einem gemeinsamen Auftritt in San Francisco  erklärt, in seinem Institut müssten Impfstoffe gegen exotische Krankheitserreger entwickelt werden, weil die pharmazeutische Industrie daran nicht interessiert sei. Trotzdem brauche man solche Vakzinen, zumindest für Militärangehörige und auch für Zivilbeschäftigte, die im Ausland Dienst tun.

Das war einzusehen. Nicht einzusehen war aber, warum solche Aktivitäten geheim betrieben werden. Wie wäre es, wenn man Impfstoffe gegen derartige Erreger völlig offen in internationaler Gemeinschaftsarbeit entwickelt? Finanzieren könnte man das zumindest teilweise mit Geldern aus den Verteidigungshaushalten. Und wie wäre es, wenn man an einem solchen Unternehmen auch Wissenschaftler aus Entwicklungs­ländern beteiligt und auf diese Weise die Partnerstaaten zur friedlichen Gemeinschaftsarbeit verpflichtet? Während eines Vortrages vor einem NGO-Komitee der Vereinten Nationen in New York konnte ich meine Überlegungen am 2. Februar 1989 erstmals öffentlich äußern, und das vor hochrangigem Publikum. Sogar der Stellver­tretende Generalsekretär der UN, Yashushi Akashi war zugegen. Der berief mich dann in eine Expertenkommission, in der ich die alte und die neue DDR bis in den April 1990 vertrat.

Unser Autor, der Molekularbiologe Erhard Geißler, in seinem Büro in Berlin-Buch (1991).
Foto: imago images/Detlev Konnerth

Zurück in Berlin machte ich mich daran, das nächste Kühlungsborner Kolloquium  vorzubereiten, eine internationale Konferenz, die der Stärkung der Biowaffen­konvention dienen sollte, und zwar im Herbst 1990. Aber zuvor kollabierte die DDR, und die Tagung hätte fast abgesagt werden müssen. Natürlich wurde auch auf diesem Kolloquium die Vakzine-Problematik artikuliert. Ich zitierte Nobelpreisträger Joshua Lederberg, einen der Gründerväter der Molekularbiologie, der das US-Außenministerium gewarnt hatte, „eine erhöhte Schutzfähigkeit könnte dazu verleiten, biologisch Krieg zu führen, da der Anwender ein vermindertes Risiko eingeht, den eigenen Waffen zum Opfer zu fallen“. Die Teilnehmer des Kolloquiums teilten diese Bedenken und schlugen der bevorstehenden 3. Überprüfungs­konferenz  vor: „Alle einschlägigen Arbeiten sollten in völliger Offenheit durchgeführt werden, vorzugsweise in zivilen Einrichtungen und finanziert vom öffentlichen Gesundheitswesen und nicht vom Militär“.

Bei der Konferenz in Genf ließ mich die deutsche Delegation nicht mehr in ihren Reihen sitzen, wohl aber die Amerikaner.

Offiziell konnte ich das allerdings nicht mehr vortragen. Als ehemaliger DDR-Experte galt ich dem Bonner Auswärtigen Amt als zu „systemnah“. Dass ich 1956 aus der Partei ausgetreten war, wusste wohl keiner. Eine Aufnahme in die Delegation der Bundesrepublik käme nicht in Frage, selbst wenn ich selbst die Kosten übernähme. So reiste ich 1991 nur als „Beobachter“ zur Konferenz nach Genf. Damit hätte ich nicht an den Arbeitssitzungen teilnehmen dürfen. Aber der Generalsekretär der Konferenz kannte mich und räumte mir dieses Recht ein. Die deutsche Delegation ließ mich jedoch nicht in ihren Reihen sitzen, wohl aber die Amerikaner, die mich von meinen bisherigen Aktivitäten kannten.

Auch die Gruppe der Nichtpaktgebundenen Staaten wie China, Argentinien, Peru hatte keine Berührungsängste mit einem Ossi, hörte sich meine Vorschläge für ein internationales offenes Impfstoffprojekt an und brachte sie über den Vertreter Perus in die Plenardiskussion ein, sodass das Projekt schließlich sogar in der Schlusserklärung begrüßt wurde.

Das ermutigte mich in den folgenden Monaten und Jahren mit kräftiger Unterstützung durch das Max-Delbrück-Centrum und die Volkswagen-Stiftung das – nun „Vaccines for Peace“ betitelte – Projekt weiter auszubauen und weltweit zu propagieren. Aber die NATO-Staaten waren dagegen, vor allem mit dem Hinweis auf das „Recht auf nationale Selbstverteidigung“. Das war und ist hinsichtlich des Schutzes vor Krankheitserreger blanker Unsinn. Die kennen, wie COVID-19 täglich erschreckend demonstriert, keine Grenzen.

Bundespräsident Frank Walter Steinmeier kannte Vaccines for Peace ganz sicher nicht, als er am Ostersamstag im Fernsehen aufrief: „Teilen wir doch alles Wissen und alle Forschung, damit wir schneller zu Impfstoff und Therapien gelangen, und sorgen wir in einer globalen Allianz dafür, dass auch die ärmsten Länder Zugang haben“. Vielleicht müsste ich als Angehöriger einer Hochrisikogruppe, herzkranker fast 90-jähriger Diabetiker, schon längst nicht mehr getrennt von Kindern, Enkeln und Freunden leben, wenn Ende des vergangenen Jahres bei Beginn der Corona-Pandemie gleich weltweit Forschungs-Institute eines Vaccines-for-Peace-Projektes bereitgestanden hätten, unmittelbar den Kampf gegen COVID-19 aufzunehmen. Derartige neuartige, „emerging“ Viren standen schließlich auch im Focus des Projektes.

Erhard Geißler, 1930 in Leipzig geboren, ist Genetiker, Molekularbiologe und Bioethiker. Er leitete das Institut für Mikrobengenetik an der Universität Rostock, arbeitete am Zentralinstitut für Molekularbiologie in Berlin-Buch und ab 1992 an dessen Nachfolgeinstitution, dem Max-Delbrück-Zentrum für Molekulare Medizin.