Die Schriftstellerin Monika Maron im Garten ihres Hauses in Mecklenburg-Vorpommern.
Foto: Ostkreuz/Sebastian Wells

Der Weg von Berlin führt über leere Straßen und an Feldern voller Windräder entlang. Wir besuchen die Berlinerin Monika Maron in einem kleinen Dorf in Vorpommern. Sie bittet an einen Tisch im Garten, öffnet eine Flasche Roséwein und steckt sich eine Zigarette an. Der kleine Hund aus einem ungarischen Tierheim, der zunächst scheu im Haus bleibt, liegt bald zu unseren Füßen.

Berliner Zeitung: Frau Maron, waren Sie während der gesamten Corona-Zeit hier auf dem Land?

Monika Maron: Ja, seit Mitte März, aber dann sollte ich wie alle Menschen mit Zweitwohnsitz innerhalb von 24 Stunden Mecklenburg-Vorpommern verlassen, per Ausreiseverfügung, obwohl ich sogar nach der Landesverordnung zu Recht hier war. Ich hatte einen Auftrag von einer Zeitschrift, über die Gegend während der Corona-Verhältnisse zu schreiben und ich bin selbstständig tätig. Das waren die Bedingungen für eine genehmigte Anwesenheit.

Aber Sie sind nicht abgereist?

Nein, ich habe die Juristen unter meinen Facebook-Freunden alarmiert und habe einen befreundeten Anwalt gebeten, für mich Widerspruch einzulegen. Mit Freunden aus dem Ort habe ich verabredet, dass ich sie benachrichtige, wenn die Polizei wirklich kommt. Wenn ich schon aus dem Haus getragen werde, wollte ich das wenigstens dokumentiert haben. Seit dem 1. Mai sind wir Zweitwohnungsbesitzer legal. Und seit dem 3. Juli habe ich es schriftlich, dass die Ausreiseverfügung nicht rechtmäßig und unverhältnismäßig war.

Sie haben gesagt, das alles hat Sie an die DDR erinnert. Inwiefern?

Also, ich habe mich hier vorbildlich in die Selbstisolation begeben und sollte zurück in die Stadt, obwohl ich zur Hochrisikogruppe gehöre. Das war ganz unsinnig. Auch dass die anderen Berliner abreisen mussten. Hier gibt’s 14 Häuser, davon gehören noch fünf Einheimischen. Für die Küstenregion, die Inseln, konnte man die Regelung verstehen, aber nicht für unsere menschenleere Gegend, in die sich kein Tourist verirrt. Und was man als willkürlich empfindet und nicht einsehen kann, regt einen auf und erinnert auch an vergleichbare Erlebnisse.

Sind Sie inzwischen nach Berlin gefahren?

Ja, zweimal, zum Friseur. Ich bin gerne allein, habe nette Nachbarn, und es ist jetzt sowieso viel schöner hier.

Wenn jede abweichende Meinung sofort delegitimiert wird, statt ihr mit Argumenten zu begegnen, erinnert mich das an die DDR.

Monika Maron

Sie ziehen auch in Ihrem neuen Roman „Artur Lanz“ öfter Vergleiche mit der DDR. Wie kommt das?

Wenn jede abweichende Meinung sofort delegitimiert wird, indem sie als AfD-nah oder neurechts diffamiert wird, statt ihr mit Argumenten zu begegnen, erinnert mich das an die DDR. Im Osten hieß das: Damit lieferst du dem Klassenfeind die Argumente. Und jetzt heißt es: Damit stärkst du die AfD oder die Rechten.

Dabei galten Sie mal als Linke.

Ja, galt ich als Linke? Bis wann? Allerdings habe ich, als ich 1988 nach Hamburg kam, tatsächlich die Grünen für meine natürlichen Verbündeten gehalten, was sich aber sehr schnell als Irrtum erwies.

Was ist passiert?

Ich sollte grünen Feministinnen etwas über die DDR erzählen und habe gesagt, dass in diesem Land seit 1933 nicht einen Tag Demokratie geherrscht hat. Da haben sie losgeschrien: Denkst du, das ist hier anders? Später war ich im Institut von Reemtsma, die Mauer war gerade offen, da saßen so 50 Leute, ich wurde gefragt, was jetzt wird. Ich habe gesagt, das wird die Einheit. Und dann saßen mir 49 Feinde gegenüber, einer hat gelächelt. Das war der zweite Versuch. Dann kam der Einigungsvertrag, und es ging um den Paragrafen 218. Ich dachte: Du lieber Gott! Wenn die den kippen, wir müssen etwas tun, doch die linken Feministinnen, darunter einige Berühmtheiten, erklärten mir, mit dem Paragrafen 218 locke man keinen Hund mehr hinterm Ofen vor, und die Ostfrauen lebten aus feministischer Sicht sowieso hinterm Mond.

Hinterm Mond?

Ja, sie haben nicht verstanden, dass die Frauen im Osten eigentlich viel emanzipierter lebten als die Frauen im Westen. Die meisten hatten eben nur nicht Judith Butler gelesen. Das war die dritte Erfahrung.

Und dann?

Habe ich selbst einen Artikel im Spiegel geschrieben. Ich bin weder links noch rechts. Ich bin freiheitssüchtig. Aber in der Zeitung lese ich, was ich bin: neurechts.

Haben Sie sich auch deswegen hierher zurückgezogen? Ihr neues Buch „Artur Lanz“  provoziert ja auch wieder.

Ehrlich gesagt, ist mir das mittlerweile ein bisschen egal. Ich habe es so gut gemacht, wie ich konnte. Ich will mit dem Buch auch nicht provozieren, sondern ich wollte über dieses Thema nachdenken.

Über die Männer …

Und Helden. Das Wort postheroisch, mit dem neuerdings unsere Gesellschaft beschrieben wird, hat mich irritiert. Was beschreibt es eigentlich? Schon der Begriff „Held“ ist kontaminiert, als wäre er von vornherein etwas Böses. Ich habe versucht, ihn zu umkreisen. Dabei gebe ich keine eindeutige Antwort, es ist auch ein schwieriger und leicht zu missbrauchender Begriff. Ich glaube allerdings nicht, dass wir dauerhaft ohne Helden auskommen.

Hatten Sie Helden in Ihrem Leben?

In meiner Kindheit waren das natürlich die Antifaschisten.

„Timur und sein Trupp“?

Ja, zum Beispiel. Auch Soja Kosmodemjanskaja, über die habe ich ein Buch gelesen. Oder „Das Mädchen Gulja“. Wir werden ja alle mit Märchen groß, mit Heldengeschichten.

Heldengeschichten bröckeln aber oft schnell, wenn man sie genauer betrachtet.

Der Held ist ja nicht ein Leben lang heldenhaft. Vielleicht war er nur einmal in seinem Leben ein Held. Aber dass schon Heldenmut ein verdächtiges Wort ist, kann nicht richtig sein.

Die Erzählerin in Ihrem Buch erinnert sich an Menschen in ihrer Vergangenheit, also in der DDR, die auf ihrem Recht bestanden, auszusprechen oder aufzuschreiben, was sie für wahr hielten. Ist das auch ein Hinweis auf Ihre eigene Geschichte – auf die Schwierigkeiten mit dem Roman „Flugasche“?

Naja, „Flugasche“ war nicht so mutig, ich wusste, dass ich dafür nicht ins Gefängnis kommen würde. Es gab ja genug andere Schriftsteller, die im Westen veröffentlicht hatten. Aber Rudolf Bahro zum Beispiel muss gewusst haben, was ihm blühen konnte, als er „Die Alternative“ schrieb. Ich hätte es nicht darauf angelegt, ich hätte mich nie am Alex angekettet, um dann abgeführt zu werden.

Ich grenze mich grundsätzlich nicht von Freunden ab, nur weil wir vielleicht unterschiedlicher Meinung sind.

Monika Maron

Ihre Mutter war Kommunistin, Sie waren zum Ende der DDR Antikommunistin. Sie konnten sich trotzdem verständigen, haben Sie einmal geschrieben. Haben Sie auch heute noch Leute um sich herum, die Ihre Meinung tolerieren?

Wenn Sie so fragen: Ich habe unter meinen Freunden keine bekennenden Kommunisten wie meine Mutter. Und mit Menschen, die meine Meinungen nicht einmal tolerieren, lohnt es auch nicht zu sprechen. Ich habe, wie die meisten Menschen, eher Freunde, mit denen ich in wesentlichen Fragen einig bin, was ja nicht heißt, dass man in jeder Sache übereinstimmt. Mit manchen habe ich eine Vereinbarung: Wenn wir an einen Punkt kommen, an dem wir uns noch nie einigen konnten, hören wir auf. Dann sind alle Argumente ausgetauscht und es gibt nur noch ja und nein.

Sie haben zuletzt in der Reihe „Exil“ vom Dresdner Buchhaus Loschwitz veröffentlicht. Warum? Susanne Dagen vertreibt ihre Bücher über den Antaios-Verlag. Das ist neurechtes Umfeld.

Ich war mit dem Titel „Exil“ nicht glücklich, ich bin ja nicht im Exil. Dem vorausgegangen war, dass ich meinem Verlag S. Fischer gesagt habe, ich hätte zu meinem 80. Geburtstag im nächsten Jahr gern eine Veröffentlichung, ob sie nach zehn Jahren nicht wieder mal einen Essayband machen wollten. Das wollten sie nicht. Und dann kam Susanne Dagen und fragte: Monika, hast du nicht was? So war das. 

Wäre es nicht besser, sich von ihr abzugrenzen?

Ich grenze mich grundsätzlich nicht von Freunden ab, nur weil wir vielleicht unterschiedlicher Meinung sind. Und warum von Susanne? Sie ist eine Oppositionelle mit einem leidenschaftlichen Sinn für Gerechtigkeit. Sie sitzt für die Freien Wähler im Dresdener Stadtrat, war mehrfach „Beste Buchhändlerin“. An ihrem Aufruf, die Stände rechter Verlage auf der Buchmesse nicht zu zerstören, kann ich nichts Falsches finden. Es gibt auch radikale islamistische Stände auf der Messe, die werden auch nicht angegriffen. Offenbar gilt inzwischen jeder als rechts, der nicht links ist.

Ich habe geschielt, ich war unehelich geboren und kam aus einer polnisch-jüdischen Familie. Wenn man daran nicht verzweifelt, trainiert es die Widerstandskraft.

Monika Maron

Haben Sie keine Angst, politisch benutzt zu werden als so bekannte Schriftstellerin?

Das hat man mir im Osten auch vorgeworfen: Der Westen kann mich benutzen. Aus der Falle kommt man nicht raus. Entweder habe ich eine Meinung, über die ich lange nachgedacht habe und die ich vertrete. Und wenn irgendwelche mir unlieben Menschen diese Meinung auch haben, kann ich das nicht ändern. Ich kann ja deshalb nicht das Gegenteil von dem sagen, was ich für richtig halte.

Die Schriftstellerin Monika Maron.
Foto: Ostkreuz/Sebastian Wells

Hören wir daraus Trotz oder eine Kränkung?

Trotz ist eine kindliche Reaktion, die steht mir nicht zu. Und zu kränken bin ich nur in sehr privaten Beziehungen, aber nicht, wenn ich für meine Überzeugungen angegriffen werde. Ich war in West-Berlin der einzige Pionier in meiner Klasse. Ich habe geschielt, ich war unehelich geboren und kam aus einer polnisch-jüdischen Familie. Wenn man daran nicht verzweifelt, trainiert es die Widerstandskraft. Dazu kam, nennen wir es mal das klassenkämpferische Pathos meiner Familie. Man verrät seine Ideale nicht, man verrät seine Freunde nicht. Das habe ich tief verinnerlicht, und das strengt mich auch nicht besonders an.

Die Geschichte Ihres jüdischen Großvaters Pawel, die Sie auch aufgeschrieben haben, ist das eine Heldengeschichte?

Mein Großvater war ein Opfer. Er war nur ein streitbarer Charakter. Er hat sein jüdisch-orthodoxes Elternhaus verlassen und wurde von seiner Familie verstoßen. Dann wurde er Baptist, dann auch Kommunist und hat sich mit den Baptisten überworfen. Er hat sich viel überworfen. Aber er war ein zarter Mensch und liebender Familienvater. Meine Mutter hat erzählt, dass er niemals aufstand, wenn die Katze auf seinem Schoß saß.

Er wurde von den Nazis umgebracht. Aber Ihre Mutter hat außerhalb der Familie kaum über ihre jüdische Geschichte gesprochen. Warum?

Das habe ich sie einmal gefragt, sie sagte: Sie hätte sich geniert, darüber zu reden, weil ihr Vater ja kein Widerstandskämpfer war. Wichtig waren in der DDR nur die politischen Opfer, die Kommunisten.

Spricht das nicht genau gegen die Art von Heldenverehrung, nach der Sie sich sehnen?

Ja, es liegt eben im Auge des Betrachters, ob jemand ein Held oder ein Mörder ist. Außerdem war ja der Widerstand gegen den Nationalsozialismus durchaus heroisch, was es eben manchmal auch schwer machte, die Kommunisten zu kritisieren, als sie selbst zu Mördern wurden. Jeder hat seine Helden, auch fragwürdige, aber eine Gesellschaft, die von vornherein auf Helden verzichtet oder sie sogar diffamiert, naja, gute Nacht.

Gibt es heutzutage Menschen, die Ihrer Meinung nach zu Helden taugen würden?

Ach, ich glaube, so steht die Frage gar nicht.

Was ist mit Barack Obama?

Nein.

Greta Thunberg?

Ach.

Angela Merkel?

Ich würde die Helden nicht unter führenden Politikern suchen. Die müssen anpassungsfähig und zur Not opportunistisch sein. Ob ich ein Held bin, das ist eine Sache zwischen Opfermut und Liebe. Die Bereitschaft, etwas zu verteidigen, das ich mehr liebe als meine Sicherheit. Churchill war ein Held. Der hat in einer Situation, die durchaus hätte schiefgehen können, alles in eine Waagschale geworfen. Das ist politischer Heldenmut.

Angela Merkels „Wir schaffen das“ in der Flüchtlingskrise erforderte auch Mut.

Es ist ja nicht geschafft. Und den Mut brauchen andere.

Wo sehen Sie denn Probleme mit Flüchtlingen?

Die Probleme stehen doch in der Zeitung. Wenn über eine Million Männer einer bestimmten Alterskohorte ins Land kommen, die zum großen Teil schlecht oder gar nicht ausgebildet sind, ein sehr abweichendes Frauenbild haben, die aus dysfunktionalen Staaten kommen, in denen Regierungen, Verwaltungen und die Polizei korrupt sind, sind die Probleme unausweichlich. Bis jetzt sind wohl circa 35 Prozent der Flüchtlinge in bezahlter Arbeit, was allerdings vom ersten verdienten Euro an so genannt wird. Und Sie fragen, welche Probleme ich sehe?

In Ihrem Buch gibt es eine Szene, wo eine Frau erleichtert feststellt, es ist kein Dunkelhäutiger, der hinter ihr herläuft. Warum bedienen Sie rassistische Vorurteile?

Die Frau erinnert sich in dieser Szene aber an Jesse Jackson, der ein ähnliches Erlebnis hatte und sich für sein Gefühl gleichzeitig geschämt hat. Und die Frau schämt sich auch.

Jesse Jackson hat als Schwarzer selbst Diskriminierung von Weißen erfahren. Das schreiben Sie nicht.

Ich schreibe, dass er ein schwarzer Bürgerrechtler ist. Außerdem stimmt es doch, ich gucke doch wirklich: Wie sieht der aus? Ich habe ein verunsichertes Lebensgefühl. Das ist so. Und andere Leute haben das auch.

Wie viele Flüchtlinge gibt es hier in Ihrem Dorf?

Gar keine natürlich, hier gibt es ja nicht einmal Arbeit für die Einheimischen. Aber was ist das für eine Frage – ich spreche von den Städten. Und auch die Kinder von Dorfbewohnern leben in Städten.

Woher kommt dann die Unsicherheit, die Ablehnung? Warum sind die Proteste in menschenleeren Gegenden in Sachsen stärker als sagen wir in Niedersachsen?

Die Ostdeutschen sind vielleicht empfindlicher. Etwas, was gerade errungen wurde, und von dem man glaubt, es geht schon wieder verloren, darauf reagiert man heftiger als die Westdeutschen, die offenbar gar kein oder nur ein abstraktes Gefühl für Bedrohung haben. Wir wissen nicht, was die nächsten Jahre bringen. Gucken Sie sich die Proteste in Stuttgart an. Ich befürchte, wir haben einen unruhige Zeit vor uns.

Männer gegen Frauen, neue Feministinnen gegen alte, Dunkelhäutige gegen Weiße, das ist wie eine Zellteilung. Im Grunde wird der Rassismus gerade neu erfunden.

Monika Maron

Inwiefern?

Das weiß ich nicht. Ich bin kein Hellseher, aber wir erleben gerade eine Fragmentierung der Gesellschaft. Männer gegen Frauen, Schwule gegen andere Schwule, neue Feministinnen gegen alte, Dunkelhäutige gegen Weiße, Weiße gegen Weiße, das ist wie eine Zellteilung. Im Grunde wird der Rassismus gerade neu erfunden. Mir ist vollkommen egal, woher jemand kommt und welche Farbe seine Haut hat. 

Außer, er nähert sich Ihnen von hinten.

Wenn er freundlich aussieht, ist das auch in Ordnung.

Sie haben vor zehn Jahren den Deutschen Nationalpreis bekommen, zusammen mit Uwe Tellkamp und Erich Loest. Anlass war der 20. Jahrestag der Wiedervereinigung. Zum 30. Jahrestag bekommen Sie vermutlich keinen Preis?

Nein, sicher nicht.

In Ihrer Dankesrede haben Sie damals kritisiert, dass immer von DDR-Literatur die Rede ist. Was würden Sie jetzt sagen?

Das würde ich immer noch sagen, weil es entweder gute Literatur ist oder keine. Aber sonst? Ich finde vieles, was passiert, so irrwitzig, so grundfalsch. Wo sollte ich da ansetzen? Vielleicht beim Absterben von Diskussionen. Das ist das Schlimmste. Jeder kann seine Meinung sagen, ja! Aber nur, wenn er die Folgen trägt. Also dann konnte man auch in der DDR seine Meinung sagen. Nehmen wir zum Beispiel die Geschichte von Jörg Bernig. Die ist doch verrückt.

Weshalb finden Sie die verrückt?

Er wurde aus fünfzig Kandidaten gewählt als Kulturamtsleiter von Radebeul und dann wird das kassiert. Nur weil Bernig in Kamenz, wo ihm der Lessing-Preis verliehen wurde, eine Rede gehalten hat, in der er die Flüchtlingspolitik kritisiert und in der Zeitschrift Tumult etwas veröffentlicht hat. Bernig ist Lehrer und hat Flüchtlingen Deutschunterricht gegeben. Sein Konzept, für das er gewählt wurde, war international, bezog die Nachbarstaaten Polen und Tschechien ein. Aber dann behauptet ein Schlagzeuger, er sei völkisch und neurechts – was ist das überhaupt: neurechts? – sammelt Unterschriften und die Wahl wird kassiert. Was sind das für Verhältnisse?

Seit ein paar Jahren fühle ich mich so ostdeutsch, wie ich mich nicht mal gefühlt habe, als ich noch in der DDR gelebt hatte.

Monika Maron

Bernig war in der DDR in der Bürgerbewegung. Wie kommt es, dass Menschen, die früher in der Opposition waren, nun so heftig Vorgänge in der Bundesrepublik kritisieren?

Wer Ausgrenzung und Beschränkung der Meinungsfreiheit einmal erlebt hat, der reagiert seismografisch, wenn er das Gefühl hat, dass es wieder so weit ist. Und dann regt er sich auf und wehrt sich. Es ist komisch: Seit ein paar Jahren fühle ich mich so ostdeutsch, wie ich mich nicht mal gefühlt habe, als ich noch in der DDR gelebt hatte.

Was macht dieses Gefühl aus?

Dass ich einfach denke: Ich verstehe, warum es gärt. Und ich begreife nicht, warum die anderen es nicht verstehen, was da gärt. Und wie man reden könnte und sollte. Dabei habe ich mich in der DDR schon lange am falschen Platz gefühlt. Als ich zum ersten Mal in New York war, dachte ich, hier würde ich gern bleiben. Ich fand es großartig, wie ich von Chinatown nach Little Italy durch die Welt spazieren konnte, und es war nicht feindselig.

Wenn Sie in New York das Miteinander von verschiedenen Kulturen mochten, warum stört es Sie hier so?

Weil es zunehmend ein Gegeneinander wird. Es sind zum Teil nicht einmal mehr Parallelgesellschaften, mit dem Islam – habe ich den Eindruck – entstehen sogar Gegengesellschaften.

Die Grünen haben die gesamte öffentliche Diskussion in Deutschland gekapert. Ich finde das alles hochideologisch.

Monika Maron

In Ihrem letzten Buch ging es um Meinungskrieg und Flüchtlinge, im neuen nehmen Sie sich den „grünen Mainstream“ vor. Da ist vom Grünen Reich die Rede. Was haben Sie, die Sie in Flugasche gegen Umweltverschmutzung in Bitterfeld schrieben, gegen die Grünen?

Die Grünen haben ihren Marsch durch die Institutionen erfolgreich absolviert, sie haben die gesamte öffentliche Diskussion in Deutschland gekapert, von den Schulen über die Universitäten in die Medien. Ich finde das alles hochideologisch.

Was ist so schlimm daran, wenn sich alle auf Umwelt- und Tierschutz einigen können?

Nichts wäre daran schlimm. Aber Umweltpolitik und Energie- und Klimapolitik sind längst voneinander entkoppelt. Was hat die Monokultur zugunsten von Biogasanlagen, was haben Windräder, die Landschaft und Fauna zerstören, aber keine stabile Stromversorgung liefern, mit Umweltschutz zu tun? Und selbst wenn es gut gemeint ist, darf man Menschen nicht vorschreiben, wie sie zu leben haben. Wenn billiges Fleisch produziert und importiert wird, dann wird es eben auch gekauft. Aber wer einmal einen Film über Tiertransporte gesehen hat, dem vergeht für einige Zeit sein Appetit auf billiges Fleisch.

Kann es sein, dass Sie jemand sind, der sich immer herausgefordert sieht und die anderen herausfordern muss? Liegt Ihnen vielleicht die Position des Dagegen-Seins?

Nur wenn es nicht anders geht. Nach der Ausreise 1988 und die nächsten 25 Jahre war ich im Frieden mit der Gesellschaft.

Als so schöne Bücher erschienen wie „Animal triste“ und „Ach Glück“.

Ja, und „Endmoränen“. Damals habe ich mich gefragt, was hätte ich eigentlich geschrieben, wenn ich nicht in der DDR gelebt hätte und habe dann „Animal triste“ geschrieben. Das war mein schriftstellerischer Seelenfrieden. Und dann änderten sich die Verhältnisse, der Ton, miteinander umzugehen, zu diskutieren. Ich muss nur in die Zeitungen gucken. Nehmen wir mein letztes Buch, „Munin oder Chaos im Kopf“. Jeder, ausnahmslos jeder, der mich gelobt hat, hat geschrieben: Man muss ja mit ihren politischen Meinungen nicht übereinstimmen, aber es ist so gut geschrieben. Und ich dachte: Muss hier jeder erst mal erklären, dass er eigentlich politisch auf Distanz geht, ohne zu sagen warum?

Sie sprechen von den Zeitungen, auch in „Artur Lanz“ heißt es, in der Zeitung stehe dies und das. Aber Zeitungen sind unterschiedlich.

Wenn ich hin und wieder in die Süddeutsche Zeitung, die Zeit, die Frankfurter Rundschau oder den Spiegel gucke, kann ich mir auch vorher denken, wie über bestimmte Dinge berichtet wird.

Wenn Sie jetzt das Gefühl hätten, die Gesellschaft driftet zu weit nach rechts, würden Sie dann auch in Opposition gehen?

Natürlich! Sobald die Gefahr bestünde, dass sich hier eine rechte Macht etabliert. Macht haben aber die anderen, und zwar überall. In den Regierungen, in den Medien, den Schulen, den Universitäten.

Die Heldin in Ihrem Buch spricht über das Alter als einen Zustand, da man langsam aus der Welt herauswächst. Geht es Ihnen auch so?

Ja. Ich bin zwar gerade erst 79 geworden, aber ich sehe der 80 tapfer ins Auge. Ich weiß doch, was kommen könnte: Krebs, Herzinfarkt, Oberschenkelhalsbruch, Schlaganfall. Irgendetwas davon kommt. Jeden Tag denke ich, dass ich immer noch nicht diese Verfügung unterschrieben habe und mein Testament machen muss. Du weißt, dass die Zeit begrenzt ist. Es können noch zwei oder zehn Jahre sein oder 15, meine Mutter ist 95 geworden bei relativ guter Gesundheit. Aber man muss gefasst sein.

Jetzt haben wir gar nicht über die Männer gesprochen. Warum tun die Ihnen leid, wie wir aus Ihrem Roman lesen?

Weil sich ihre Position in der Gesellschaft so verändert hat, was ja richtig ist und gut. Aber sie sind verunsichert und suchen noch nach ihrer neuen Rolle. Manchmal habe ich den Eindruck, sie wollen die besseren Mütter sein. Vielleicht glauben sie auch inzwischen selbst, dass an allem Unglück dieser Welt nur die Männer schuld sind und Männlichkeit an sich ein Übel ist. Man muss nur sehen, welche Mode für sie inzwischen kreiert wird.

Wann fahren Sie nach Berlin zurück?

Wenn ich wieder zum Friseur muss.

Foto: Ostkreuz/Sebastian Wells
Zur Person

Monika Maron ist 1941 in Berlin geboren, wuchs in der DDR auf, arbeitete als Reporterin und ist seit 1976 freie Schriftstellerin. Ihr erster Roman „Flugasche“ konnte nur im Westen erscheinen. 1988 übersiedelte Monika Maron in die Bundesrepublik, nach Hamburg, seit 1992 lebt sie wieder in Berlin. Sie wurde mehrfach ausgezeichnet, etwa mit dem Kleist-Preis (1992), dem Deutschen Nationalpreis (2009) und dem Lessing-Preis des Freistaats Sachsen (2011). Zuletzt erschien der Roman „Munin oder Chaos im Kopf“, der Roman „Artur Lanz“ ist ab dem 12. August im Buchhandel.