„Was wir jetzt erleben, ist eine Art Götterdämmerung, das Ende der Unsterblichkeit“, schreibt Lea Streisand.
Foto: Sebastian Wells/Ostkreuz

Ich hatte mal Krebs. Ostern war das Ende der Chemotherapie neun Jahre her. Und irgendwie fühle ich mich gerade in die Zeit damals zurückversetzt.

Ich hatte Morbus Hodgkin, ein Lymphom, das heutzutage sehr gut behandelbar ist. Der Onkologe nannte es den Porsche unter den Krebserkrankungen. „Männer um die sechzig kriegen den und Frauen um die dreißig. Sie haben also alles richtig gemacht.“

Mir kam der Humor im Laufe der Behandlung bisweilen abhanden. Manchmal schlug die Panik wie eine Welle über mir zusammen, und ich war vollkommen verzweifelt, wusste mir vor Angst überhaupt nicht mehr zu helfen. Tagelang saß ich weinend in meinem Arbeitszimmer, haarlos, abgemagert, wie ein gerupftes Hühnchen. Ich konnte mich nicht mehr im Spiegel ansehen, mein gelbes Mondgesicht, meinen kahlen Schädel. Ich erkannte mich selbst nicht mehr wieder. Ich sah immer bloß Imaginationen von Krieg und Krankheit. Es gibt so viele Filme über Krebs, und sie liefen alle gleichzeitig in meinem Kopf.

Die Angst ist ein Geschichtenerzähler, und sie kennt ausschließlich Katastrophenfilme und Tragödien.

Der Psychologe Klaus Eidenschik schreibt auf seinem Blog: „Ängste sind besonders heimtückisch, weil im Gedächtnis der Angst abgespeichert ist, was demnächst passieren wird. Sie schreiben also emotional eine erwartete Zukunft fest. Die Annahmen von Ängsten darüber, wie es kommen wird, sind für jeden Menschen, der seine Ängste nicht hinreichend bearbeitet hat, von maximaler innerer Überzeugungskraft.“

Regelmäßige Panikattacken

Ich befand mich mitten in einer Psychotherapie zur Bewältigung einer Angststörung, als die Krebs-Diagnose kam. Angststörungen gehören zu den häufigsten psychischen Erkrankungen überhaupt, bei den meisten Betroffenen sind sie nicht mal diagnostiziert. Sorgen macht sich jeder mal. Gerade die Deutschen sind darin bekanntlich ganz groß. Ich hatte jedoch schon eine Weile regelmäßige Panikattacken und konnte nicht mehr U-Bahn fahren, weil ich Angst hatte zu ersticken.

Ich bekam Panikattacken bei allem, was mit dem Thema Holocaust zu tun hatte. Der größte Teil meiner jüdischen Vorfahren war in Konzentrationslagern ermordet worden, und ich hatte ihren Tod vor Augen. Noch dazu, wo die Imaginationen zur Judenvernichtung dieselben sind wie zu Krebs. Ausgemergelte, haarlose Körper, lebende Tote. Transgenerationstrauma nennt man sowas. Lange erforscht. Ich war in meiner Psychotherapie ziemlich weit fortgeschritten, hatte meine Ängste langsam unter Kontrolle, fühlte mich nicht mehr für das gesamte Elend der Welt verantwortlich und von jedem Pups persönlich bedroht. Und dann kam die Diagnose.

Die Angst ist eine böse alte Tante, die dir ein Schauermärchen nach dem anderen erzählt und wenn auch nur ein einziger Punkt davon wirklich eintritt, aufsteht und laut brüllt: „Siehste! Hab ick doch jesacht. Und dass a) passiert ist, beweist, dass b) auch passieren wird.“

Ich hatte eine schlimme Krankheit bekommen, also würde ich ganz sicher daran sterben. Es gab keine Alternative. Jede scheinbare Besserung war nur das retardierende Moment in einem Drama, das getreu dem Schema von Gustav Freytag unweigerlich in der Katastrophe enden musste.

„Wissen schützt nicht vor Angst. Es füttert nur die Erzählerin im Kopf mit Möglichkeiten, was alles noch schiefgehen könnte.“ 
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Ein Statist inmitten eines Horrorfilms

Im Angesicht der neuen globalen Bedrohung namens Corona-Pandemie kann man heutzutage den Eindruck gewinnen, man sei als unfreiwilliger Statist inmitten eines Horrorfilms aufgewacht, und der habe gerade erst begonnen.

Das Problem ist unser begrenztes Repertoire an Geschichten. Wir denken in Geschichten, wir fühlen in Geschichten. Eine Geschichte, eine Erzählung ist eine Kausalkette mit einem Anfang und einem Ende, deren einzelne Glieder durch das Wenn-Dann verknüpft sind. Die Erzählung ist immer linear, wir sprechen beim Erzählen vom roten Faden. Ist der rote Faden einer Erzählung gut und fest geknüpft, ist es eine gute Geschichte.

Gute Geschichten sind wie Kuchen mit Eiscreme für unser Gehirn, sie entsprechen unserer Wahrnehmung und dem was wir erwarten, deswegen verwechseln wir sie mit der Realität. Verschwörungstheoretiker machen sich das zunutze, denn Verschwörungstheorien sind immer gute Geschichten.

Die Gläubigen sind im Vorteil

Das Geschichtenrepertoire der heutigen Zeit hält keine positiven Geschichten über Krankheit und Tod bereit. Da sind die im Vorteil, die an Gott glauben. Die Gläubigen haben die längeren Geschichten und die haben immer ein Happy End. Wir modernen Weihnachtsprotestanten stehen doof da. Für uns ist der Tod immer eine Katastrophe. Denn die Geschichten, die wir zu dem Thema im Kopf haben, kommen aus der Populärkultur, aus Katastrophen- und Horrorfilmen.

Krankheit kommt in unserem Alltag nur in Form von Krankenhausserien vor, die die Arbeit der Ärzte zum Gegenstand machen und Patienten als wechselnde Dramenlieferanten in jeder Folge benutzen. Die Helden dieser Serien sind immer die Ärzte, und die sind alle unverwundbar. Die Krankheit ist immer das Andere, der Alien, eine Bedrohung von außen, die ausgemerzt und unter Kontrolle gebracht werden muss. Sie ist nie Normalität.

Jahre später schrieb ich einen Roman über eine junge Frau mit Morbus Hodgkin, weil ich vom Krankenhausalltag erzählen wollte, von der Normalität einer solch angstbesetzten Krankheit. Von überforderten Pflegekräften, die teilweise so gestresst waren, dass sie die Reihenfolge der Medikamente vergaßen. Von Akten, die ständig verschwanden und Reinigungskräften, die nicht zur Verfügung standen, wenn ein Zimmer neu belegt werden musste.

„Ich hab solche Angst“

Ich lernte aber auch, dass es geht, dass ein Leben als Kranke möglich ist und dass es sich in Krankenhäusern mitunter leichter krank sein lässt als zu Hause, wo man die ganze Zeit von Gesunden umgeben ist, die einen bemitleiden und Angst vor und um einen haben. Im Krankenhaus hat die Krankheit ihren Platz, hier hat sie eine Existenzberechtigung, hier wird sie behandelt.

Auf der Onkologie regt sich niemand auf, dass du Krebs hast, im Gegenteil. „Frau Streisand, warum weinen Sie denn?“, fragte mich der Onkologe verwundert, als ich eines Tages auf dem Krankenhausgang in Tränen ausbrach. Panikattacke. „Ich hab solche Angst“, jammerte ich.

„Aber warum denn?“, wunderte sich der Onkologe. „Sie sind doch einer von unseren leichtesten Fällen! Sie schlagen hervorragend auf die Therapie an. Der Tumor ist vollständig rezidiert, Sie vertragen die Chemo gut, es gibt keine Verzögerung. Sie sollten sich freuen!“

„Aber wenn ich eine Lungenentzündung kriege“, heulte ich. Das war nämlich die absolute Horrorvorstellung. Lungenentzündung auf geschwächtes Immunsystem, daran sterben die Leute. Deswegen ist dieses neue Coronavirus so unheimlich, weil es in die Lunge wandern kann.

Unsere neue Serie

Im 30. Jahr der Wiedervereinigung erleben wir erneut einen Umbruch in der Gesellschaft, ausgelöst durch die Corona-Krise. Die Berliner Zeitung begleitet diese Zeit, in der erneut viel Altgewohntes auf dem Prüfstand steht, mit Essays, Analysen, Interviews. Wir wollen Debatten führen und fragen, was wir aus dem Gestern für ein besseres Morgen lernen können.

Haben Sie eine Idee für die Serie „Zeitenwende“ oder wollen Sie uns Feedback geben? Schreiben Sie uns eine E-Mail an: zeitenwende@berlinerverlag.com

Alle Texte der Serie:
berliner-zeitung.de/zeitenwende

Der Onkologe wurde langsam ungeduldig. Er hatte eine ganze Station mit Krebspatienten zu betreuen. „Wer sagt denn, dass Sie eine Lungenentzündung kriegen, Frau Streisand? Nichts deutet darauf hin. Und selbst wenn es dazu kommt, dann werden wir Sie eben behandeln. Das hier ist ein Krankenhaus. Dafür sind wir da. Und Sie sind jung und haben Kraft. Machen Sie sich nicht solche Sorgen.“

Mein Mann versuchte, mich mit Statistiken zu beruhigen. „Es ist so unwahrscheinlich, dass du an dem Krebs stirbst“, sagte er. „Es widerspricht deiner Intelligenz, solche Angst zu haben.“

Krebs bedeutet Tod - oder?

Für mich war damals allein das Wort Krebs ein solcher Trigger, dass ich überall nur noch Krebstote sah. Selbst gute Nachrichten waren für mich schlechte Nachrichten. Meine Wahrnehmung war vollkommen gestört, ich war so grundlegend verunsichert und schockiert davon, Krebs zu haben, in so jungem Alter, dass dies für mich rein emotional nur eine Konsequenz haben konnte: Tod.

Das war natürlich Quatsch, weil Angst ja nichts mit Intelligenz zu tun hat. Nur weil wir mehr wissen, wird die Angst nicht weniger. Im Gegenteil. Eine Kinderärztin, die selbst ein Kind kriegt, macht sich viel mehr Sorgen um das Baby als eine Mutter, die sich noch nie mit den Gefahren für Neugeborene auseinandergesetzt hat.

Wissen schützt nicht vor Angst. Es füttert nur die Erzählerin im Kopf mit Möglichkeiten, was alles noch schiefgehen könnte. Pessimisten zitieren gerne Murphys Gesetz. Alles, was schiefgehen kann, geht schief. Aber auch das ist nur eine Geschichte.

Das Leben schreibt die besten Geschichten. Der Satz hat mich schon immer geärgert. Weil er falsch ist. Schriftsteller schreiben gute Geschichten, Filmemacher erzählen gute Geschichten, Journalisten schreiben gute Geschichten. Das Leben ist ein lausiger Geschichtenerzähler.

Vielleicht verändert Corona unser Bild von Krankheit

Die Geschichten, die das Leben schreibt, sind meist langweilig, kompliziert, verwirrend, undramatisch und krude. Sie haben keinen Anfang und kein Ende, sondern fransen einfach so aus, versickern irgendwo.

Freundschaften beginnen meist nicht damit, dass ein Mensch dem anderen das Leben rettet, sondern damit, dass beide im selben Büro arbeiten. Und Freundschaften enden auch nicht damit, dass einer den anderen umbringt, ihm das Haus abfackelt und mit seinem Partner schläft; sondern weil der eine plötzlich mehr Geld verdient als der andere, einer Kinder kriegt und der andere Single bleibt oder weil einer von beiden einfach in eine andere Abteilung versetzt wird. Langweilig ist das, öde. Solche Geschichten will niemand lesen. Sie bleiben nicht im Gedächtnis.

Gute Geschichten erzählen das Besondere, die Ausnahme von der Regel, dramatisch muss es sein, lebensbedrohlich, sexy, lustig, und am liebsten sollen noch Katzenbabys drin vorkommen.

In Frankreich ist eine 16-Jährige an Covid-19 gestorben, das ist eine Geschichte. Herr Meier hatte Corona, hat aber eigentlich nichts davon gemerkt, ist brav zu Hause geblieben und hat die zwei Wochen mit seiner Frau im Bett verbracht, während die Nachbarn Essen vor die Tür stellten, ist keine gute Geschichte. Zumindest nicht, solange Herr Meier kein Promi ist.

Meine Geschichtenerzählerin hatte unrecht. Ich wurde wieder gesund. Und schrieb ein Buch über die Angst und die Krankheit, über die Zeit im Krankenhaus und über das Leben meiner Großmutter, der mutigsten Frau, die ich kannte und die in den 93 Jahren ihres Lebens so viele Gefahren überlebte, dass sie am Ende vor nichts mehr Angst hatte.

Wir werden wegen Corona nicht aufhören, gute Geschichten zu erzählen, aber vielleicht ändert das Virus unser Bild von Krankheit.

Konfrontiert mit der eigenen Verletzlichkeit

Viele Menschen sind vermutlich jetzt zum ersten Mal in ihrem Leben mit ihrer eigenen Verletzlichkeit konfrontiert. Was wir jetzt erleben, ist eine Art Götterdämmerung, das Ende der Unsterblichkeit.

Krankheit und Tod sind in unserer Gesellschaft Tabus, an denen nicht gerüttelt werden darf.

In den letzten Tagen war Steven Soderberghs Seuchen-Drama „Contagion“ einer der meistgestreamten Filme auf Netflix, genauso wie „World War Z“, der Zombiefilm mit Brad Pitt. Das ist nur folgerichtig. Geschichten, Filme, Märchen kanalisieren die Angst und helfen uns dabei, sie zu verarbeiten. Nach meiner Krebserkrankung wurde ich ein großer Fan von Zombiefilmen, weil dort der Mensch durch Krankheit (meist ist es ein Virus) entmenschlicht und zum Untoten wird, ein Haufen Fleisch, der sich nur noch durch Instinkt vorwärts bewegt, ein abstoßendes Etwas, genauso, wie ich mich als Krebskranke gefühlt hatte. In den Zombies erkannte ich sowohl meinen Ekel vor mir selbst, als auch die Angst vor der Krankheit.

Wenn diese Pandemie überstanden ist, und wir werden sie überstehen, dessen bin ich sicher – es braucht mehr, um die Menschheit auszurotten (das Erzählgedächtnis von der Bibel bis Hollywood hält noch einige Alternativen parat) –, dann werden wir vielleicht gelassener mit dem Thema Krankheit umgehen. Was bitte nicht als Aufforderung zum Leichtsinn missverstanden werden soll. Haltet euch an die Regeln und hört auf die die Wissenschaftler, aber wie meine Großmutter sagen würde: „Kinder, nu regt euch doch nicht so uff!“