Die Faust im Anzug.
Foto: dpa

Kapitalismuskritiker sind hoffnungsvoll. Sie wünschen sich, die Corona-Krise möge der sozial-ökologischen Wende endlich jenen Schub verleihen, der bisher im System von Ausbeutung und Konsumismus stecken blieb. Viele Menschen, die sich um die Umwelt, die Ungerechtigkeit im eigenen Land wie in der ganzen Welt sorgen, hoffen, aus der Krise des Systems werde etwas Besseres hervorgehen: weniger Autos, weniger Flüge, mehr regionale Wirtschaft, mehr soziales Miteinander, mehr Gerechtigkeit, bessere Daseinsvorsorge, mehr Wertschätzung für das wirklich Wichtige. Sie haben eine Art Wende vor Augen, ein bisschen Aufstand, friedlich, intelligent, kreativ.

Andere, weit weniger an der Zahl, wollen die Veränderung härter: Auf der linksextremistischen Plattform „Indymedia“ bricht in diesen Tagen helle Freude aus. „Nun ist schließlich jenes destabilisierende Ereignis eingetroffen, das das kapitalistische System blockieren könnte“, ist dort zu lesen. „Und anders, als wir uns das vorgestellt haben, ist die Ursache dafür nicht das Handeln einer Gruppe von Revolutionären oder einer sozialen Gruppe eines Territoriums oder gar einer Bevölkerung im Aufstand. Das Ereignis entsteht im kapitalistischen Körper selber.“

Rosa Luxemburg täuschte sich gewaltig

Genau so dachte auch Rosa Luxemburg am Ende des Ersten Weltkrieges, genau so dachten die Bolschewiki. Sie verstanden Krieg und das nachfolgende Elend als „Geburtshelfer der Revolution“. Luxemburg sah durch den Krieg die Freiheit auf ein unerträgliches Maß beschränkt und war überzeugt: „Nur in der Gewitterluft der revolutionären Periode vermag sich nämlich jeder partielle kleine Konflikt zwischen Arbeit und Kapital zu einer allgemeinen Explosion auszuwachsen.“ Sie stellte sich die Explosion als politischen Massenstreik vor, der schließlich in den bewaffneten Aufstand übergehen sollte.

Sie täuschten sich fürchterlich – jedenfalls hinsichtlich der Ergebnisse der revolutionären Erschütterungen. Der Umsturz kam – nach den Jahren der schwachen Demokratie der Weimarer Republik – nicht als sozialistische, sondern als nationalsozialistische Revolution. Deren Folge: Zweiter Weltkrieg und die Vernichtung von sechs Millionen europäischen Juden.

Die große Serie

Im 30. Jahr der Wiedervereinigung erleben wir erneut einen Umbruch in der Gesellschaft, ausgelöst durch die Corona-Krise. Die Berliner Zeitung begleitet diese Zeit mit Essays, Analysen, Interviews. Wir führen Debatten und fragen, was wir aus dem Gestern für ein besseres Morgen lernen können.

Haben Sie eine Idee für die Serie „Zeitenwende“ oder wollen Sie uns Feedback geben? Schreiben Sie an: zeitenwende@berlinerverlag.com

Alle Texte der Serie:
berliner-zeitung.de/zeitenwende

Das Netzwerk „Indymedia Linksunten“, das derzeit vom Umsturz deliriert, ist seit 2017 in Deutschland verboten, bleibt online aber sehr präsent. Da schreiben „linke Aktivist*innen“ (hier leuchtet der Genderstern als Coronazeichen): „Es bringt nichts, sich dem Ausnahmezustand billigend zu unterwerfen“, und orakeln unbestimmt, man müsse „den Rahmen der klassischen Aktionsform Latsch-Demo“ verlassen. Ein anonymer Autor namens „Antikalypse“ ruft zum Plündern und zu Sabotageakten auf: „Versuchen wir, unseren revolutionären Beitrag zu den Ausbrüchen von Wut, Ärger, Protesten, Plünderungen und Unruhen zu leisten.“ Er redet von Erschütterungen der „Produktionskreisläufe“ und „Schlägen gegen die Energieversorgung“.

Als Vorbereitung auf den Revolutionären 1. Mai 2020 schrieben „H&S“ auf „Indymedia“: „Und ja, wir müssen Klandestinität üben und praktizieren, bevor es zu spät dafür ist. Denn letztlich geht es uns in allen Zeiten um nichts weniger als den gewaltsamen Umsturz der herrschenden Verhältnisse.“ Das lässt an Klarheit nichts zu wünschen übrig: Gewalt aus dem Untergrund heraus. So klingt  Terror.

Am rechten Flügel der Umsturzfront stehen Prepper, Reichsbürger, Hooligans und andere Zerstörungsfreunde und sehen ebenfalls ihre Stunde nahen. Götz Kubitschek, einer der führenden rechtsextremen Ideologen, schrieb im Herbst 2019, es sei ja schon „fast alles vorhanden“, es müsse bloß noch „der nächste gewaltige kalte Realitätsschock in die Deutschen fahren“. Auch für sie kommt Corona wie gerufen. Die Retter des Abendlandes horten Waffen, trainieren im Gelände, knüpfen ihre Netze immer fester, damit sie im kommenden Bürgerkrieg gerüstet dastehen.

Björn Höcke, Thüringer Landesvorsitzender der AfD, munkelt in seinem 2018 erschienenen Buch von „mitteldeutschen Refugien“, dem „Überlebenskern unserer Nation“, wo genug „Lebensglut“ lodert, um daraus „wieder ein lebendiges Feuer hervorschlagen zu lassen“. Das Orakel Höcke erläutert nicht näher, welches Feuer ihm da vor Augen flackert.

Kühl betrachtet ist die Wahrscheinlichkeit, dass von den politischen Rändern eventuell ausgehende Aufstände hierzulande die Massen ergreifen und in Bewegung setzen können, sehr niedrig.

Ist der „Tag X“ jetzt tatsächlich gekommen? Werden brave, aber wegen der vom staatlichen Seuchenschutz verlangten Beschränkungen aufgebrachte Bürger – nicht nur in Deutschland – gegen das „System“ aufstehen? Was bedeutet es, „wenn die Stimmung kippt“? Wende-erfahrene DDR-Bürger wissen zumindest, dass auch das Unwahrscheinliche passieren kann. Etwas, mit dem man nicht rechnet: Festgefügt erscheinende Machtstrukturen können sich auflösen. Millionen auf der Straße können „Keine Gewalt“ rufen und derart gewaltig wirken, dass nicht nur eine Mauer fällt, sondern globale Blöcke bröseln. 1989 und 1990 passierten nahezu täglich ganz und gar undenkbare Dinge. Man muss also kein Apokalypse-Süchtiger sein, um auch heute das Verrückteste als Möglichkeit zu erwägen.

Kühl betrachtet ist die Wahrscheinlichkeit, dass von den politischen Rändern eventuell ausgehende Aufstände hierzulande die Massen ergreifen und in Bewegung setzen können, sehr niedrig. Die Umfragen zeigen, dass die riesige Mehrheit der Bürger Vater Staat und Mutter Merkel zutrauen, die akute Corona-Lage zu managen – mit Ruhe, in Abwägung der Alternativen, mit wissenschaftlicher Beratung und sehr, sehr viel Geld. Letzteres wirkte übrigens schon nach 1990 auf die Massen sehr befriedend. Vor allem passable Renten (in Westgeld), Vorruhestandsregelungen etc. flachten die Erregungskurve in der verstorbenen DDR deutlich ab.

Der Kapitalismus verfügt mutmaßlich auch im Jahr 2020 noch über genügend Mittel, um auch diese Krise zu überwinden – er ist reformfähig, innovativ und flexibel genug, um übermäßigen Druck abzufangen und zu kanalisieren. Derzeit regnet es Billionen Euro herab, als seien Himmelstore aufgetan. Ein digitaler Ruck ist bereits zu spüren. Die Globalisierung könnte eine Kurskorrektur erfahren, ein paar Klimafragen könnten stärkeren Stellenwert erhalten, die Digitalisierung von Arbeitswelt und Schule könnten einen Sprung machen – so wie nach der Reaktorkatastrophe von Fukushima, als der Atomausstieg in Deutschland plötzlich mehrheitsfähig wurde.

Betrachtet man die aktuelle, von Corona getriebene Debatte, so fällt es leicht, sich in die Zeit Jesu zu versetzen, als der spätere Begründer des Christentums nur einer von zahlreichen umherziehenden Propheten war – nicht mal der mit den meisten Followern. Die in einer Umbruchzeit verunsicherten Menschen suchten sich jeweils den Heilsverkünder, der ihnen am meisten zusagte, weil er die eigene Auffassung am besten bestätigte. Deutschland verfügt heute über eine große Vielfalt an Anbietern von wahrsten Wahrheiten.

Der hohen Kompetenz des Virologen Professor Christian Drosten von der Charité vertrauen die Meisten, aber auch die Videos von Professor Sucharit Bhakdis, Mikrobiologe und Infektionsepidemiologe aus Mainz, werden millionenfach angeschaut. Er nennt die Maßnahmen der Bundesregierung „sinnlos und selbstzerstörerisch“ und wurde zu einem der Apostel der Zweifler.

Selbst wenn die Infektionsraten derzeit niedrig erscheinen: Noch stecken wir am Anfang der Krise. Noch wollen wir uns lieber nicht vorstellen, wie die Wirtschaft in ein paar Monaten aussehen, wie viele Millionen Arbeitslose, wie viele Pleiten es geben wird – und wer die Billionen-Dämpfungs-Programme bezahlt, wenn dereinst der Tag X als Zahltag daherkommt. Entsteht dann eine „revolutionäre Situation“? Füllt dann ein Heer aus dem kleinen Wohlstand abgestürzter Arbeitsloser die Straßen? Völlig ausgeschlossen ist das nicht.

Sahra Wagenknecht hatte sich das so vorgestellt, als sie ihre Bewegung „Aufstehen“ erfand und im Dezember 2018 in Gelbweste vor dem Kanzleramt aufkreuzte. Damals blieb man gemütlich sitzen. Alle Sozialkassen waren randvoll, Steuerüberschüsse ohne Ende stärkten die Staatsreserven. In ein paar Monaten, wenn sich herausstellen sollte, dass das Land Selbstmord aus Angst vor dem Tode beging, sieht das anders aus.

Wer einigermaßen bei Troste ist, wird sich selbst im schlimmsten Fall keine Aufstände wünschen: Welcher Aufstand in den vergangenen Jahrzehnten ist denn im Sinne der Rebellen „gut“ ausgegangen? Den Arabischen Frühling kaperten Islamisten so erfolgreich, dass sie sogar Wahlen gewannen – heute regiert nach viel Blutvergießen wieder ein korrupter Despot.

In Libyen folgte der Beseitigung Muammar al-Gaddafis nicht nur der Zusammenbruch des ganzen Staates, es kollabierte eine ganze Region. Heute leidet Libyen unter einem Bürgerkrieg. In Syrien vereinnahmten  islamistische Terrorgruppen die demokratischen Aufstände gegen Assad. In der Konsequenz fand die Niederschlagung der Bewegung genug Zustimmung im Land –  von Menschen, die eine islamistische Herrschaft noch schrecklicher fanden als das Regime der Assad-Leute.

Fern, aber furchtbar: die Umstürze in Somalia oder Kongo. Als im Kongo der langjährige Despot Mobuto gestürzt wurde, war die  Freude groß. Mehr als zwanzig Jahre später blickt man in Abgründe – der Sturz des Mobuto-Systems ohne Macht-Alternative führte zu zwei Millionen Bürgerkriegstoten, die Lebenden kämpfen mit einem instabilen, korrupten Land. Selbst im Falle Chinas mit seinem kontrollversessenen Regime kann einen das Grausen packen bei der Vorstellung, das Land könne infolge einer Rebellion zerfallen. Furchtbar wären auch – tatsächlich zu erwartende – Elendsrevolten in coronaerschütterten armen Ländern wie Indien, Pakistan oder allenthalben in Afrika.

Inzwischen dürfte weithin klar sein, dass die Zeiten vorbei sind, da fernes Elend und ferne Revolten Europa gleichgültig sein könnten. Die Schockwellen, die von solchen Epizentren ausgehen, lassen die Wohlstandsinseln nicht verschont.

Was dann geschieht, weiß niemand. Aber es ist doch absehbar, dass das Coronavirus die schwächsten Länder in unvorstellbare Nöte stürzt. Und Europa muss sich vorwerfen lassen, es habe durch das Runterfahren der Wirtschaft, das Kappen aller Handelsstränge massiv zur Potenzierung des Elends zum Beispiel in Afrika beigetragen – zum Schutze eigener, weißer Leben andere zusätzlich gefährdet. Wer wollte sich wundern, wenn dort unkontrollierbare Aufstände ausbrechen. Überall gibt es Machtpolitiker, die in der Krise ihre Chance suchen.

Niemand kann ausschließen, dass das auch hierzulande geschieht. Aber aus heutiger Sicht sei für Deutschland die optimistische Prognose gewagt: Wenn die Stimmung kippt, reagieren Politiker mit „Maßnahmen“. Wenn sie ihre Bazooka herausholen, bekommt das Volk keinen Schreck, sondern legt sich beruhigt schlafen.