Lutz Seiler, Buchpreisträger 2020
Foto: Berliner Zeitung/Paulus Ponizak

Als ich mich Ende April auf den Weg nach Stockholm machte, war unklar, ob mein Versuch, Deutschland zu verlassen (mein Ausbruch, dachte ich), nicht schon an der Grenze zu Mecklenburg-Vorpommern enden würde. In den Nachrichten hatte ich Berichte über Checkpoints und Straßensperren gesehen, Autos wurden angehalten und zurückgeschickt, ein Grenzdurchbruch wurde vereitelt, wie es hieß (zur Illustration ein ausführlicher Bericht darüber, wie ein Wagen polizeilich verfolgt und wieder eingefangen wurde). Die zur Verdeutlichung der Lage eingeblendete Grafik der rundum geschlossenen Staatsgebiete rief unweigerlich die Situation vor ’89 in Erinnerung. Ungerufen tauchte auch das alte, die Wahrheit komplett verdrehende Wort vom „Grenzverletzer“ wieder auf in Gedanken – sicher, ein Vergleich war absurd und vollkommen unangebracht, es handelte sich nur um die historisch letzte Erfahrung mit Einschließung und Restriktion.

Sicher war auch, dass ich gut vorbereitet sein musste. Auf dem Beifahrersitz hatte ich meine Eheurkunde und ein „Extract of the Population Register“ der Stockholmer Steuerbehörde bereitgelegt (um, im Falle des Falles, meine schwedische Frau und ihre schwedische Staatsangehörigkeit zu beweisen), beide Dokumente waren sauber in Klarsichtfolien verstaut, was, wie ich annahm, dem Papier einen würdigen, noch glaubhafteren Rahmen verlieh, zugleich ein Versuch, welchem Grenzwächter auch immer, einen unübersehbaren Eindruck von Seriosität zu vermitteln.

Auch den Wagen hatte ich (nach Monaten der Vernachlässigung) gewaschen und vollgetankt, die Reifen gewechselt (Sommer- gegen Winterräder, genauer gesagt), eine Gelegenheit, endlich auch die Bremsbeläge erneuern zu lassen, dazu TÜV und ASU, da ich schließlich nicht wissen konnte, wie lange ich außer Landes bleiben würde, im Exil (das hochfliegende Wort), falls es mir gelänge, mich bis nach Stockholm durchzuschlagen.

Die Fähre heißt „Peter Pan“. 
Collage: Fred Mann

Ich schmierte mir fünf Doppelstullen (Bemmen, wie die Ostthüringer sagen), beinah so viele, wie ich in jungen Jahren für einen Tag auf dem Bau gebraucht habe. Dazu Äpfel, zwei Tafeln Schokolade und eine Thermoskanne mit Kaffee. Kernstück meiner Vorbereitung war das Zurechtlegen und Erlernen von schwedischen Sätzen, die ich der schwedischen Grenzpolizei, falls es Probleme geben würde, entgegnen konnte. Obwohl ich inzwischen schon ein Jahrzehnt in Stockholm wohne (etwa die Hälfte des Jahres verbringe ich dort), ist mein Schwedisch im Ernstfall beschämend dünn und ungelenk. Wir übten ein paar Sätze am Telefon, ich bemühte mich, klang aber nicht besonders überzeugend. „Wahrscheinlich wäre alles leichter, wenn Mecklenburg-Vorpommern noch zu Schweden gehören würde, wie früher.“ – „Zur Not rufst du mich an. Du rufst mich an und gibst denen dann das Handy, und ich erkläre den Rest.“

Wir waren lange sehr einsichtig und vernünftig gewesen. Alles andere schien uns absurd. Nach sieben Wochen nicht mehr.

Lutz Seiler, Schriftsteller

Mitte März war meine Frau von Stockholm nach Deutschland gekommen und dann mit dem praktisch letzten regulären Flug wieder ausgeflogen, um ihr Institut an der Stockholmer Universität durch die Krise zu leiten. In den folgenden Wochen unseres unfreiwilligen Getrenntseins waren wir lange sehr einsichtig und vernünftig gewesen. Alles andere schien uns absurd. Nach sieben Wochen nicht mehr.

Die Autobahn Richtung Norden war nicht gesperrt, hinter Kreuz Wittstock nur ein Schild: „Ein- und Durchreise für Touristen verboten“. Die A19 war wie leer gefegt und ich genoss es, unterwegs zu sein. Einerseits hatte es etwas Berauschendes auf einer Straße ohne Verkehr so dahinzugleiten, andererseits war es einfach zu still – als hätte ich mich schon zu weit vorgewagt, und von da an war nichts mehr normal: Das Blau des Himmels wirkte künstlich (spröde) und die strahlende Sonne eher bedrückend und gespenstisch erschienen plötzlich auch die sanften Hügel der Moränen (und was sie verbargen) und unklar war, warum sie ewig so mitzogen und nicht ablassen wollten, links und rechts der Fahrbahn … Alles infiziert.

Eine Empfindung, die ich zu Hause, in der Stille und Abgeschiedenheit meiner Wohnung noch verdrängt hatte, um in Ruhe zu arbeiten, die geschenkte Zeit zu nutzen: Das Gefühl, nicht mehr zu verstehen, was da draußen eigentlich geschieht, draußen im Leben, in der Pandemie, wo sich die Ereignisse überschlugen. Sicher, was tatsächlich vorgeht, kann man ohnehin nicht wissen, aber man hat doch ein Konstrukt im Kopf, dem man halbwegs vertraut, Erfahrungen und Denkgewohnheiten, das alles stand plötzlich infrage.

Aber auch das war letztlich kein unbekanntes Gefühl: Für den Umgang mit Umbrüchen, Umstürzen, großen Zäsuren steht jedem Ostdeutschen die Erfahrung der Zeitenwende von ’89 zur Verfügung. Eine schwierige und zugleich kostbare Erfahrung: Wegfall aller bisherigen Koordinaten und Funktionen der Gesellschaft. Eine Revolutionen- oder Katastrophenkompetenz, wenn man es so nennen wollte, die der Ostdeutsche dem Westdeutschen unbestreitbar voraushat. Katastrophen- oder auch Chaoskompetenz, wie es der Soziologe Steffen Mau beschreibt.

‚Noch ein paar Masken mitnehmen?‘, fragte der Mann an der Kasse – wie ein Gemüsehändler, der fragt, ob es nicht auch noch ein Bund Mohrrüben sein darf.

Chaoskompetenz: Im neuerdings nicht mehr allzu hypothetischen Fall des Zusammenbruchs der modernen Konsum- und Dienstleistungsgesellschaft (ein Virus genügt) gehörte dazu auch die Fähigkeit, mit wenigen einfachen Dingen zu leben und diese zur Not selbst herzustellen oder zu reparieren – falls das Werkzeug noch im Schrank ist oder in der Garage. Und falls die Handgriffe noch nicht verlernt und die Vorzüge der Nachbarschaftshilfe noch nicht vergessen sind und die allenthalben geforderte Mutation zur „Marktgängigkeit“ (gleichbedeutend mit der Aufgabe aller für minderwertig gehaltenen ostdeutschen Spezifika) noch nicht zu hundert Prozent vollzogen ist. Und vielleicht haben in den Gemeinschaftskellern, Garagenzeilen und Kleingartenanlagen auch ein paar der ehemals ewig haltbaren Dinge überlebt. Nicht nur überlebenstechnisch dürfte der Osten dem Westen im Ernstfall um einiges voraus sein. Auch eine Avantgarde der Nachhaltigkeit rekrutierte sich daher und logischerweise aus östlichen Beständen und Kompetenzen – so träumte ich vor mich hin, während am Horizont der Kirchturm von Linstow auftauchte (Linstow an der Nebel), auf den ich immer schon warte auf meinen Reisen Richtung Norden, ans Meer.

„Noch ein paar Masken mitnehmen?“, fragte der Mann an der Kasse – wie ein Gemüsehändler, der fragt, ob es nicht auch noch ein Bund Mohrrüben sein darf. „Sind gerade im Angebot.“ Die Masken lagen gleich neben der Kasse, er nannte den Preis, der unverschämt hoch war. Sofort sagte ich „Ja“ und erwarb die ersten Masken meines Lebens.

Sie waren eingeschweißt und sahen sehr professionell aus, nicht wie selbst genäht, was mich irgendwie froh machte, fast glücklich, ja, als hätte ich unverhofft Glück gehabt – Maskenglück. Und das in einer Tankstelle, in der es bis auf mich weit und breit keinen anderen Kunden gab. Ans Selbernähen hatte ich nie ernsthaft oder nur mit Schrecken gedacht, trotz „Nadelarbeit“ (oder gerade deswegen), ein ganzjähriger Kurs an der Polytechnischen Oberschule, der zu unserer Ausbildung im Rahmen eines Fachs namens „Werken“ gehört hatte. Augenblicklich wurde klar, dass ich selbst ein Schwachpunkt war in meiner östlichen Nachhaltigkeitsthese.

Der Rostocker Hafen: wie ausgestorben. Über zwei Kreisverkehre kurve ich an das Fährterminal von TT-Lines heran, deren Schiffe üblicherweise nach Trelleborg fahren. Der Checkpoint ist unbesetzt. Ich steige aus und versuche, einen Blick in das dunkel verglaste Kontrollhäuschen zu werfen – niemand da. Im Film „28 Days Later“ (einer Dystopie aus England) ist der Checkpoint zerstört und verlassen, gestürmt von Menschen, welche ein unbekanntes Virus innerhalb von Sekunden in Monster verwandelt.

Ich hole die Dokumente meiner Überfahrt aus dem Auto und strecke sie den beiden Kosmonauten-Wesen entgegen.

Zwei Gestalten in Vollschutz kommen auf mich zu, sie halten eine Waffe oder eine Art Feuerwehrspritze in den Händen, außerdem ziehen sie einen kleinen Wagen hinter sich her: großes Unbehagen. Trotzdem bin ich froh, dass überhaupt irgendjemand da ist. Ich hole die Dokumente meiner Überfahrt aus dem Auto und strecke sie den beiden Kosmonauten-Wesen entgegen. Es sind Frauen, junge Frauen, so viel ist zu erkennen hinter der Plastikscheibe vor ihrem Gesicht. „Davon wissen wir gar nichts“, ruft die eine, „davon haben wir keine Ahnung.“ Dann beginnen sie die Kontrollhäuschen und die Straße vor den Schranken abzuspritzen.

Schon zu Hause am Computer, beim Kauf meiner Überfahrt von Rostock nach Trelleborg, hatte ich Zweifel gehabt: Ob diese Schiffe überhaupt noch fuhren? Im Grunde sprach alles dagegen. Und nur für solche, die nicht wussten, was eine „Weltweite Reisewarnung“ bedeutet und ihr Geld gern zum Fenster hinauswerfen wollten, hatte TT-Line die Buchungsfunktion nicht abgeschaltet. Ein paar würde es immer geben, die naiv genug wären, trotzdem zu buchen.

Auf dem Rückweg zum Wagen entdecke ich einen Automaten. Er hat mehrere Fensterchen und ein paar Knöpfe. Probeweise halte ich den Barcode auf meinem Papier an jedes der Fensterchen. Irgendwann beginnt es in der Maschine ein wenig zu flackern, wie bei einem kleinen Lagerfeuer. Ein Pappkärtchen schiebt sich aus dem Kasten heraus. Es dauert eine Weile, bis ich begreife, dass die Pappe der Schlüssel sein könnte für die Schranke zwischen den frisch desinfizierten Kontrollhäuschen. Als ich sie benutze, erscheint Schrift in einem Display: „Please drive to lane 15-17“, die Schranke öffnet sich, und der Weg zum Fähranleger ist frei.

Abgesehen von zwei Lastkraftwagen aus Litauen (warum Litauen?) bin ich vollkommen allein auf dem riesigen Gelände. Nach einer halben Stunde taucht das Schiff am Horizont auf: die Schwedenfähre! Oh, du Ikone der Sehnsucht nach Welt und Ferne, denke ich. Saßnitz mit Softeis & Fähre, das war einmal ein schöner Ferientag, vor vierzig Jahren. Mit dem Eis auf der Faust am Zaun des weiträumig abgesperrten Anlegers zu stehen, um den Schiffen der Freiheit beim An- und Ablegen zuzusehen ... Welches Schauspiel. Und der Wunsch, einmal mitzufahren, irgendwann, ein Traum.

Inzwischen gibt es fünf Pkw (und nicht fünfhundert, wie üblich) und einige Lkw. Ich bin nicht mehr allein, was mich beruhigt, einerseits. Andererseits misstrauische Blicke in die Wagen der anderen, verbunden mit der Frage, was diese wohl im Schilde führen. Obwohl man ja selbst „verdächtig“ ist, selbst so ein „Gauner“, eine zwielichtige Gestalt, die gegen die Warnung oberster Behörden verstößt. Der beeindruckend eigenartige schwedische Film „Border“ fällt mir ein und die Trollfrau, die beim Zoll am Fährterminal steht und das Verborgene, die Lügen und die Schuld der Reisenden, wittern kann. Wenn die Schweden Kontrolleurinnen mit solchen Fähigkeiten haben, denke ich, aber dann geht es los.

Ein Mann vom Schiff winkt mir zu (er sieht nicht aus wie ein Troll), und ohne jede Kontrolle rolle ich an Bord der „Peter Pan“ – zuerst der Märchenname im Augenwinkel, dann das Hämmern der stählernen Rampe und der Hall des riesigen Laderaums: Ich hoffe, ich bin nicht im Traum und die Reise geht nicht nach Neverland.

Die Ostsee ist rau an diesem Tag, ein sanftes Schwanken beginnt, und ohne weiteres verbreiten die leeren Flure den Eindruck eines Gespensterschiffs. Restaurants und Kino sind geschlossen. Die Trennscheibe zum Kinderparadies ist mit Figuren aus den „Peter Pan“-Geschichten dekoriert, Wendy und die verlorenen Jungs. In den Sesseln der Kaffee-Bar am Bug des Schiffes entdecke ich ein paar andere Passagiere, dunkle, halb vermummte oder auch nur mit ihren Mänteln und Jacken bedeckte Gestalten, die litauischen Lkw-Fahrer vielleicht, die sich dort ausgestreckt haben, um zu schlafen, sechs Stunden dauert unsere Überfahrt. Ich habe eine „Kabine mit Meerblick“ gebucht, Kabine 9105 auf Deck 9. Vorsichtshalber vermeide ich es, den Fahrstuhl zu benutzen, die Treppe ist leer und die Flure sind so still, dass ich dumpf meine Schritte hören kann auf dem weichen, königsblau schimmernden Teppich. Eine kleine Weile irre ich umher auf Deck 9, dann finde ich meine Kabine.

So klein und schäbig alles auch ist: Beruhigung und Trost der eigenen Höhle wirken sofort. Mit einem Gefühl von Zufriedenheit (bis hierher habe ich es geschafft, jetzt nur noch die schwedische Grenze – und dann Richtung Norden) ziehe ich die Schuhe aus und lege mich in meine Koje. Ich spüre das träge Rollen des riesigen Schiffsrumpfs in der Dünung und schließe die Augen, kann aber nicht schlafen: Ich werde angeblasen, von irgendwoher weht es mich an. Es ist genau das, was ich hatte vermeiden wollen – eine Virenschleuder. Durch eine quadratische, eng vergitterte Öffnung in der Decke über meinem Bett wird unausgesetzt Umluft in den Raum gepumpt. In guten Hotels ist es möglich, die Klimaanlage abzuschalten, hier nicht. Und also auch nicht ihr leise jaulendes Geräusch … Die Kabine war ein Fehler. Andererseits: Klimaanlagen würde es überall geben auf der „Peter Pan“ – auf ihrer Fahrt ins märchenhafte Jenseits, denke ich für eine Sekunde, aber niemand sprüht Feenstaub aus dem vergitterten Loch über mir, nur verdächtige Luft und Viren-Ängste. 

Panik kann ich jetzt nicht gebrauchen. Die ganze Zeit war ich ruhig, und das soll so bleiben. Also stehe ich auf und starre eine Weile aufs Wasser hinaus. Das Meer. Der gute alte Zauber wirkt noch immer: Diese Wellen, das sind majestätisch wandernde Täler und Berge, ein großes Geschiebe mit Gischt und Fischen und Algen, das magische Schauspiel der Natur. Der man ja selbst auch angehört, auf zweifelhafte Weise, und zu der auch das Virus gehört. Algen, Mensch und Virus – drei Erscheinungsweisen derselben Ursuppe, könnte man sagen, und die Frage ist, wer überlebt. Wahrscheinlich die Algen.

Die ‚Peter Pan‘ hat ihren Heimathafen erreicht. Sie kommt mir jetzt wie ein fahrendes Hochhaus vor, das die Gebäude am Ufer überragt.

Keine Beruhigung. Also kehre ich in meine Koje zurück und lese, was ich mir für unterwegs eingesteckt habe: Eduard Mörike, „Halb ist es Lust, halb ist es Klage“, Gedichte, Reclam-Verlag, Leipzig 1983: „Und das Meer beginnt zu schwanken, / Well auf Welle steigt und springt, / Alle Elemente zanken / Um das Schiff, bis es versinkt.“ Nach „Kruso“ und „Stern 111“ bin ich wieder bei den Gedichten, im Heimathafen, nur etwas schneller als geplant – keine Buchpremiere für den „Stern“ und keine Lesereise, das alles fällt aus. Dafür das Glück mit den Gedichten, Glück im Unglück, wie man so sagt.

Durchsagen in drei Sprachen, das heißt, auch die „Peter Pan“ hat ihren Heimathafen erreicht. Sie kommt mir jetzt wie ein fahrendes Hochhaus vor, das die Gebäude am Ufer überragt, und während wir uns dem Festland nähern, denke ich an den Fähren-Springer von Trelleborg. Bei meiner Recherche für den Roman „Kruso“ war ich der Frage nachgegangen, was mit den namenlosen Toten (ihren sterblichen Überresten) geschehen war, die es nach einer gescheiterten Flucht über die Ostsee an der schwedischen oder dänischen Küste angespült hatte. Eine Statistik verzeichnet zwischen 1961 und 1989 über 5600 Flüchtlinge aus der DDR, darunter mindestens 174 Todesopfer. Da es nicht wenige gegeben haben wird, die nirgendwo angespült wurden, weder am ersehnten noch am verhassten Ufer, wird man niemals wissen, wie viele Menschen auf ihrer Flucht übers Wasser tatsächlich ertrunken sind. Nicht wenige blieben, wurden Teil der Gezeiten, Teil der Ostsee, „Meer des Friedens“, Endstation.

Das erste namentlich bekannte Opfer war der Fähren-Springer von Trelleborg. Noch Monate nach dem Mauerbau war es Bürgern der DDR erlaubt gewesen (seltsamerweise, möchte man sagen), mit den Fähren nach Dänemark und Schweden überzusetzen – ohne Landgang, nur die Reise, nur der Blick über die Reling in den Hafen und in den Abgrund: Einer von denen, die versuchten, von der Fähre zu springen, stürzte zwischen Kai und Bordwand und starb, ein junger Mann aus Leipzig. Dass auch Deutschland eine Geschichte der Meeresfluchten hat, ist heute beinah vergessen.

Die Posten sind bewaffnet, es sind mehrere, sie stehen gestaffelt, hintereinander.

Ein seitliches Tor am Bug des Schiffes öffnet sich und gibt die Ausfahrt frei, obwohl mein Becker-Pilot-Navi zeigt, dass ich noch draußen bin, auf See, und kein Land in Sicht ist. Während ich in einer kilometerlangen Schleife den Parcours des Hafens von Trelleborg absolviere, spreche ich meine schwedischen Sätze vor mich hin: Ich sage, dass ich mit einer Schwedin verheiratet bin. Dass wir in Stockholm wohnen. Dass es mir gut geht und ich kein Fieber habe. Wie ein kleines rotes Boot zieht der Richtungspfeil, der meine Position markiert, durch das Meeresblau der Bucht von Trelleborg, und erst kurz vor der schwedischen Grenzkontrolle geht auch mein Becker-Pilot an Land.

Die Posten sind bewaffnet, es sind mehrere, sie stehen gestaffelt, hintereinander. Ich halte an und werde aufgefordert, meinen „Passport“ zu zeigen. Obwohl ich weiß, dass innerhalb der EU mein Personalausweis genügt, habe ich diesmal meinen Reisepass dabei, sicher ist sicher, jetzt, da alle Grenzen rund um Deutschland geschlossen sind und man nicht mehr weiß, ob die EU überhaupt noch existiert. In jedem Fall ist das kleine weinrote Büchlein das gewichtigere Dokument mit seinen Visas und Einreisestempeln – es beweist, dass ich schon ganz andere Grenzen glücklich überschritten habe und: dass ich ein Deutscher bin. Tatsächlich, das bin ich, denke ich, während der junge schwedische Grenzbeamte mein Passbild inspiziert und vergleicht. Meine Brille habe ich abgesetzt (auf dem Foto trage ich keine Brille), um, vorauseilend, auch diese Irritation aus dem Weg zu räumen. Das Ganze dauert fünf Sekunden, dann sagt der Mann in Uniform „Ha en bra resa!“ und „Kör försiktigt!“, und ich sage „Tack så mycket“, vielen Dank. Drei Worte Schwedisch, mehr brauche ich nicht für das Überschreiten der letzten noch offenen europäischen Grenze. Ich schalte in den ersten Gang, gebe Gas, schalte, beschleunige und – bin frei.

Noch vor Sonnenuntergang erreiche ich mein Scandic-Hotel in Helsingborg. Niemand trägt Masken hier. Die freundliche Frau an der Rezeption erklärt mir, dass das Restaurant in zehn Minuten schließt. Das Restaurant ist leer. Kristina G., die junge Frau, die mich bedient (ihr Name auf der Rechnung), serviert ein „Dagens Tips Special“ (ein Burger mit allem, was dazugehört) und ein großes Bier, das in Schweden acht Euro kostet. Sie trägt keinen Mundschutz und hält das Besteck in ihrer bloßen Hand, ein Anblick, der mich nervös macht, zugegeben, aber die Freude über meinen Coup überwiegt. Ich telefoniere mit meinem Sohn in Berlin, der gerade für einen Film im Tonstudio war – für die Filmmusik, genauer gesagt, er spielt die Trompete in „Lieber Thomas“, der die Geschichte Thomas Braschs erzählt. Er ist aufgekratzt und fröhlich, weil er nach Wochen ohne Auftritt (die Tournee seiner Band footprint project ist abgesagt) wieder etwas zu arbeiten hatte.

Solange, bis ich endlich einschlafen konnte an diesem Abend in Helsingborg, war ich noch immer euphorisch genug, genauso zu denken: frei, frei, frei … Was mir heute seltsam vorkommt, denn darum war es gar nicht gegangen. Von Anfang an war ich nichts anderes als ein Reisender in Liebe gewesen.

Der Lyriker und Erzähler Lutz Seiler wurde 1963 in Gera/Thüringen geboren, heute lebt er in Wilhelmshorst bei Berlin und in Stockholm. Für sein Werk erhielt er mehrere Preise, 2014 wurde sein Roman „Kruso“ mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet. Im Frühjahr 2020 bekam er für den Roman „Stern 111“ den Preis der Leipziger Buchmesse. „In Liebe“ schrieb er exklusiv für die Berliner Zeitung.