Gesperrter Spielplatz in Corona-Zeiten: „Die Überflussgesellschaft trägt sicher nicht zur Kreativität des Einzelnen bei.“
Foto: Ostkreuz/Sebastian Wells

Seit dem Start unserer Serie Zeitenwende am 4. März 2020 haben wir zahlreiche Mails bekommen, in denen Leserinnen und Leser über eigene Erfahrungen berichten, uns ermutigen oder widersprechen. Wie auch immer die Reaktionen ausfallen, wir haben das Gefühl, einen Nerv getroffen zu haben, und dokumentieren im Folgenden die Debatte. Schreiben Sie uns gern Ihren persönlichen Kommentar an: zeitenwende@berlinerverlag.com

Die Geschichte der Anderen aushalten

„Zeitenwende live: Die einen sprechen, die anderen schweigen“, von Katrin Rohnstock, erschienen am 14. Juni

Erzählen und Zuhören und andere Geschichten „auszuhalten“ müssen wir aber lernen und trainieren. Ich habe fast zehn Jahre angehende Ingenieurinnen und Ingenieure unterrichtet und war aktive Koordinatorin von Veranstaltungen. Hier ist mir besonders aufgefallen, wie wichtig das Erzählen ist und dass wir es in allen Generationen aktivieren, fördern und erlernen müssen. Denn nur so können wir in einer Wissensgesellschaft bestehen. Nicht Rechthaben, sondern der Austausch und das Erzählen zu lernen ist wichtig; in der beruflichen Entwicklung und auch im Privaten. Ich war privat schon häufig bei den Samen in Lappland. Die können erzählen, von denen können wir viel lernen, wie Erzählkultur erhalten werden kann. Vielleicht wird das Humboldt-Forum ein Ort der Kulturen, der Vielfalt und des Erzählens.

Anna Biermann, per E-Mail

Was passiert, wenn man Menschen als Expert_innen ihrer Erfahrungen anerkennt? Und sie dazu noch reden lässt? Diese Fragen Katrin Rohnstocks könnten aktueller und wichtiger nicht sein. Ihre Idee der „Erzählsalons“ ist dabei ausgesprochen sympathisch und absolut unterstützenswert. Es geht um das Schreiben von Geschichte durch die Erfahrungen der Menschen, die sie erlebt haben. Schon seit Jahren gewinnt dieser Ansatz der „oral history“ in der Wissenschaft an Bedeutung. Er rückt genau die Menschen in den Mittelpunkt, die sonst durch die Raster der Geschichte fallen. Dabei – und das macht der Beitrag Katrin Rohnstocks auf wundervolle Weise klar – gibt es gerade im ostdeutschen Kontext vieles, was sich zu bewahren lohnt: Transformations- und Wendeerfahrung, das heißt Träume, Ängste, Kämpfe, Visionen und Realitäten, die sich in den letzten 30 Jahren stets verändert haben. Diese Erfahrungen sind es wert, in all in Schattierungen bewahrt zu werden. Allerdings kommt im Beitrag Katrin Rohnstocks noch eine andere Sache sehr gut heraus: Wie ein roter Faden zieht es sich durch den ganzen Text, dass „Erzählsalons“ mehr sind als eine Ansammlung von Geschichten. Mit einem Feingefühl für Biografien und einem Respekt für die Menschen, die sie teilen, geht es um das Miteinander und um den Mut zur Imperfektion. Nicht „richtig“ und „falsch“ zählen, sondern Zwischentöne geben den Ton an. Damit stellen sich die „Erzählsalons“ selbstbewusst gegen das, was sich zu Zeiten überhitzter Kommunikationsräume immer stärker in den Vordergrund drängt: plakative Schwarz-Weiß-Malerei und hitziger Schlagabtausch. Ich finde es positiv und lobenswert, dass die Berliner Zeitung dieses Projekt unterstützt. Denn man kann den „Erzählsalons“ nur wünschen, dass sie über Jahre Erfolg haben. Vielleicht bietet sich so eine wirkliche Chance, einander besser zu verstehen.

Mandy Tröger, München

„Verluste müssen artikuliert werden dürfen“ von Julia Haak, erschienen am 8. Juni 2020

Grundsätzlich zu bejahen ist, dass sich die Spaltung in Arm und Reich enorm verschärft hat. Nicht mitgehen möchte ich mit der Einschätzung, es gebe immer wieder neue Konstellationen von Modernisierungsgewinnern und -verlierern. Mir ist nicht bekannt, dass sich bestimmte Schichten, wie Beschäftige in sozialen Berufen oder im Dienstleistungssektor zu Modernisierungsgewinnern entwickelt haben. Das wird keine Krankenschwester, keine Pflegerin, kein Lkw-Fahrer und kein Lagerarbeiter in der Logistik bestätigen können. Mir ist auch kein Fall bekannt, dass aus den 10 Prozent der Familien in Deutschland, die über 60 Prozent des Gesamtvermögens verfügen, jemand zu den Modernisierungsverlierern gehört oder gar an den Rand seiner Existenz gedrängt wurden. Wenn wir über Globalisierungsgewinner und -verlierer reden, muss ich auch an den Lkw-Fahrer aus dem Baltikum denken, der monatelang durch Europa fährt und dessen einziges Heim in dieser Zeit die Lkw-Kabine ist. Ich denke auch an die Schlachter aus Südosteuropa, die als sogenannte Selbständige in deutschen Fleischverarbeitungsbetrieben schuften oder an die logistischen Hilfskräfte aus Osteuropa, die als Sub-Sub-Subunternehmer im Rahmen verschachtelter Werksverträge in den Lagern großer Handelsketten tätig sind und von deren Arbeit mehrere Werksvertragsunternehmen und Personaldienstleister profitieren.

Hans-Ulrich Brandt, Spremberg

„Eine Revolutionsgeschichte“ von Anja Reich, erschienen am  6./7. Juni

Es ist ein Irrglaube anzunehmen, vielleicht hundert DDR-Dissidenten seien die Mütter und Väter der Revolution gewesen. Auch Zehntausende von SED-Mitgliedern wollten eine substanzielle Änderung der gesellschaftlichen Verhältnisse in der DDR und mussten für sich und ihre Familien oft schmerzvolle Wege in den neuen Staat finden. Nur wurde und wird ihr Anteil daran in den letzten 30 Jahren systematisch totgeschwiegen oder die Realität verzerrend dargestellt. Eine differenzierende Bewertung des Lebens und Wirkens der Menschen in der DDR steht (leider) immer noch auf der Tages- ordnung. Ohne sie wird die anzustrebende innere Einheit der Deutschen nicht erreichbar sein.

Dieter Freese, per E-Mail

„Tanz gegen die Ignoranz des Westens“ von Nele Hertling, erschienen am 1. Juni

Ich bedanke mich für den Artikel zu einem Thema, das wenig beleuchtet wird. Zum Vergleich des westlichen und östlichen Tanztheaters möchte ich die Aufführungen von „Romeo und Juli“ von Sergej Prokofjew in der Komischen Oper, Choreografie von John Cranko, anführen. Während in der Komischen Oper das Tanztheater die Geschichte – wunderbar getanzt – im Vordergrund standen, war die Aufführung in der Deutschen Oper ein zwar gut getanztes, aber doch eher ein Show- und Ausstattungsstück, in dem das Drumherum wichtiger wurde als die Geschichte und der Tanz. Wenn ich an die Aufführungen zu DDR-Zeiten in der Komischen Oper und der Staatsoper (z. B. „Petruschka“) zurückdenke, stehen mir die Tänze, die Musik und die Geschichte vor Augen. Die Ausstattung passte sich dem Stück an und nicht umgedreht. Die Tanztheaterabende zu DDR-Zeiten waren für mich immer eine Freude und ich bin froh, dass ich sie erleben durfte.

Marlis Kemnitz, Berlin-Weißensee

Als Abonnent der Berliner Zeitung seit den frühen 50er-Jahren des vorigen Jahrhunderts kann ich aktuell feststellen: Eure jetzige Seite 3, insbesondere mit der Reihe „Zeitenwende“ hat eine merkbar neue, höhere Qualität erreicht. Die Art der sachlich-kritischen Analyse gesellschaftlicher Fakten finde ich hervorragend. Medien mit solch anspruchsvoller, oft investigativer Journalistik sind am Printmarkt nicht häufig zu entdecken.
Besonders beeindruckend war der Beitrag von Heinrich Niemann zum Gesundheitswesen. Leider ist davon auszugehen, dass seine Schlussfolgerungen bezüglich der Verstaatlichung und Rückbesinnung auf echte Polikliniken mit einer gemeinsamen Patientenakte als sozialistisches Teufelszeug bei uns kaum Erfolgschancen einzuräumen sind.
Peter Lauterbach, Hoppegarten

Zu: „Ein Arzt ist kein Kleinunternehmer“ von Heinrich Niemann, erschienen am 22. Mai 2020


Die DDR hatte mit ihrem weitestgehend staatlichen Gesundheitswesen und einem zentralistischen System gewisse Vorteile gegenüber dem föderalen in der heutigen Bundesrepublik. Wie die DDR bei den in den 1980er-Jahren zu Tage getretenen Defiziten und Engpässen mit einer Seuche dieses Ausmaßes zurechtgekommen wäre, ist schwer zu sagen. Mit der Erwartung, das Gesundheitswesen in Deutschland zu verstaatlichen, gerät Dr. Niemann ins Utopische. Aber über all dies hinaus sollte die Corona-Krise für die Politik in diesem Land dringender Anlass zu Reformen sein. Medizinische und kaufmännische Führungskräfte in Krankenhäusern und Kliniken sowie viele Arztpraxen sind oft in dem fortwährenden Interessenkonflikt von Dienst an der Gesundheit und geschäftlichem Erfolg befangen oder können nicht anders, weil die Bedingungen eines vorwiegend privatwirtschaftlichen Gesundheitswesens sie dazu zwingen. Die auch von der SPD geforderte Aufhebung der unseligen Fallpauschale wäre ein Schritt in Richtung Reform.

(21. Mai)

Man sollte Leuten wie dem Schreiber mehr Beachtung einräumen. Jeder und jedes Land kann positive Dinge von anderen lernen und unser Gesundheitswesen in der DDR war vorbildlich! Als die Coronakrise ausbrach, dachte ich sofort daran, wie die Tuberkulose in der DDR ausbrach. Mein Schwager wurde in einem vorbildlichen Krankenhaus in Beelitz operiert und wurde als geheilt entlassen. Mein Bruder erkrankte ebenfalls und wurde in Bad Berka behandelt und geheilt. Bei meinem Vater wurde im hohen Alter ein Schatten auf der Lunge entdeckt. Er wurde nicht operiert, aber regelmäßig zur Kontrolle abgeholt.

Erika Kühl, per E-Mail


Als Laie auf dem Gebiet des Gesundheitswesens möchte ich Ihnen ein herzliches Dankeschön sagen für Ihren Artikel. Ich habe ihn im Freundes- und Bekanntenkreis unter Medizinern und Nicht-Medizinern bundesweit verbreitet und auch schon zustimmende Rückmeldungen erhalten. Zum Beispiel „In der Tat mal ein vernünftiges Wort klar zu Papier gebracht“ und „Da geht einem das Herz auf“. Das sollte Sie freuen! Vielen Dank für diese Arbeit.

Hans-Peter Puffky, per E-Mail

Das DDR-Gesundheitswesen war in der Vorsorge, Grundversorgung und im „Durchregieren“ stark und orientierte sich darüber hinaus auch nur an den wirtschaftlichen Gegebenheiten und Notwendigkeiten. Den edlen Artikeln der DDR-Verfassung stand die DDR-Wirklichkeit oft im Wege. Zur Wirklichkeit damals möchte ich einige mir bekannte Beispiele anführen: Zur Zeit der Hongkong-Grippe 1969/70 wohnte ich in der Nähe der Lutherstadt Wittenberg. Ich kann mich noch heute gut an die Empörung einer befreundeten Krankenschwester erinnern. Sie arbeitete in Wittenberg.
Sie berichtete, dass aufgrund der extrem vielen Grippefälle alle Grippekranken, die über 80 waren, aus den Zimmern heraus auf die Flure geschoben wurden und eine weitere intensive Versorgung bei ihnen unterblieb. Man brauchte die Betten für Erkrankte im arbeitsfähigen Alter. Vielleicht können Sie diesen Fakt recherchieren. Als meine Frau 1978 unseren ersten Sohn entband, war sie bis zur Entbindung in einem Zimmer mit mehr als zehn Frauen untergebracht. Der Fachärztemangel war noch schlimmer als zur jetzigen Zeit. Ich muss auch heutzutage manchmal ein bis zwei Stunden im Warteraum zubringen. Zu DDR-Zeiten war das aber für den Normalbürger die Mindestwartezeit. Auch in den so hochgelobten Polikliniken musste man stundenlang auf eine Behandlung warten.
Meinen persönlichen Rekord stellte ich 1972 auf: acht Stunden Wartezeit beim Orthopäden.

Eine Bekannte von mir erlitt 1985 auf der Festung Königsstein einen Herzinfarkt. Sie verstarb. Der Krankenwagen kam nicht schnell genug durch. Ein Hubschraubereinsatz war der DDR wohl zu teuer. Obwohl im Rettungswesen der Bundesrepublik schon 15 Jahre lang Hubschrauber im Einsatz waren.

1983 befand sich die DDR am Rande der Zahlungsunfähigkeit. So wurde der Westimport von Gerinnungshemmern für Operationen stark reduziert. Deshalb ist eine Kollegin von mir in diesem Jahr nach einer Routineoperation an einer Embolie verstorben. Ende der 1980er-Jahre durften wegen HIV nur noch Einwegspritzen eingesetzt werden. Da wenig Devisen für den Import von hochwertigen Spritzen aus dem westlichen Ausland vorhanden waren, wurden diese Spritzen vorwiegend aus dem östlichen Ausland (ich glaube, aus der Sowjetunion ) importiert. Sie waren von einer katastrophalen Qualität und verursachten beim Spritzen starke Schmerzen.
Schlussendlich: Auch ein gesamtstaatliches Gesundheitswesen ist nicht besser als ein privates und muss sich auch die nötigen Ressourcen besorgen bzw. bekommen. Ein paar schöne Sätze in eine Verfassung zu schreiben, reicht nicht.

Gerd Michael Glausch, per E-Mail

Der große Schwermaschinenbaubetrieb am südlichen Rande von Berlin baute Anfang der 50er-Jahre eine Poliklinik. Dort waren alle Ärzte: Zahnarzt, HNO, Internisten, Augenarzt, Orthopäde – sehr gut. Dort ging man ohne Anmeldung in die Sprechstunde, ohne Wartezeiten von vier, sechs, acht Wochen oder drei Monaten. Bei der Anmeldung wurden keine Igel-Leistungen angeboten. Dort wurde man gut behandelt.

Jürgen Freund, Wildau

Von 1959 bis 1965 habe ich an der Humboldt-Uni Humanmedizin studiert. In der Zeit sind sehr viele Studenten in den Westen abgehauen. Weil das privatisierte System den Ärzten mehr Geld für sich brachte. Dafür waren unsere Patienten durchgeimpft, es gab ein Betriebsgesundheitswesen, einen Jugendgesundheitsschutz usw. Alle arbeiteten kooperativ und ohne Konkurrenz. Es gab die Pille kostenlos ohne Abfrage über die Kinderzahl, ohne Protest der Kirche, auch Abtreibung ohne Bezahlung, und Homosexuelle wurden nicht diskriminiert. Aber die Mittel waren bescheiden, die DDR hat auch wichtige Medikamente importiert. Jetzt muss ich mir sagen lassen: Bescheidene Rente, warum sind Sie nicht abgehauen? Ich habe meinen Beruf geliebt, hier und in Ost-Berlin.

Erika Plöntzke, per E-Mail

Zu: „Eine Jammer-Wessi erinnert sich“ von Daniela Pogade, erschienen am 15. Mai 2020

Es belebt die Ost-West-Debatte ungemein, wenn auch „Nicht-Ossis“ zu Wort kommen. Auch für die West-Berliner hat sich die Welt mit dem Jahr 1989 schwer verändert. Ich selbst kam 1980 aus NRW zum Studium nach West-Berlin und finde die Perspektive einer West-Berlinerin auf auswärtige Studenten und Bundeswehrflüchtlinge sehr erhellend.

Zu den West-Berlinern gehörte übrigens auch eine große türkische Community, die das alte West-Berlin stark geprägt hat. Vor allem in Kreuzberg, Wedding, Neukölln und Teilen Charlottenburgs waren sie sehr präsent und in meiner Erinnerung viel moderner und offener als heute. Aus meiner Sicht gehören sie zu den Verlierern der Wende.

Bravo, Berliner Zeitung! Ihre Reihe „Zeitenwende“ ist der richtige Weg, um Pauschalisierungen und Vorurteile abzubauen.

Marion Diehr, per E-Mail

Ich bin begeisterter und auch manchmal kritischer Leser Ihrer Zeitung. Besonders spannend finde ich Ihre Serie zur Wende. Als Westdeutscher, der aber die DDR anders gesehen hat als beschrieben wird, habe ich dazu meine eigene Meinung, eine, die wie mir scheint, viel zu wenig diskutiert wird.

1990 kein Job, offene Zukunft, Reise über das Land, so ging es auch anderen Akademikern.

Wir blickten in den Jahren zuvor manchmal voller Neid auf die DDR, wo das Leben geordneter und überschaubarer schien. Einige meiner Generation haben sich ihr Leben lang durchgeschlagen, bis heute. Und jetzt sind wir Rentner. Ich muss an diese Lebensläufe denken, wenn ich aus der Berliner Zeitung das „ostdeutsche“ Bild der alten Bundesrepublik gespiegelt sehe, wo alle viel erben und die Eltern Ärzte und andere wohlhabende Leute sind. Über Westdeutsche, die immer noch mit Herablassung auf die DDR und Ostdeutschland herabblicken. Von denen gab und gibt es sicherlich viele, keine Frage. Aber es gab und gibt nicht nur sie. Vielleicht sind wir anderen zurückhaltender, dominieren nicht die öffentliche Wahrnehmung, aber es gibt uns auch.

„Wir“, das sind die Westdeutschen, für die die DDR in erster Linie ein interessanter, spannender, anderer zweiter deutscher Staat war. Für viele derjenigen, die in der Nachkriegszeit geboren waren, bedeutete die DDR nicht das Ende der Geschichte, sondern die Fortsetzung einer anderen Geschichte, die 1870 mit der Reichseinigung geendet hatte. Wir fanden die Entwicklung in der DDR wichtig, beobachteten die Kritiker des Systems wie Robert Havemann oder Rudolf Bahro, dessen Buch „Die Alternative“ intensiv diskutiert wurde. Ich kann mich noch an eine Fortbildung in Berlin 1987 erinnern, sie fand statt im Paul-Löbe-Haus am Lützowplatz in West-Berlin. Die Gruppe bestand einerseits aus damals 30- bis 40-Jährigen und einigen Alten. Letztere redeten von der Wiedervereinigung, was bei uns Jüngeren einiges Kopfschütteln auslösten.

Wir wollten deshalb auch keine Wiedervereinigung, es hatte ja immer mehrere Deutschlands gegeben. Und ich habe noch die Sprüche im Ohr, die wir hörten, wenn wir etwas kritisierten: „Geht doch nach drüben, wenn es euch hier nicht gefällt.“ Für mich und mancher meiner Altersgenossen bestand Deutschland eben aus zwei Staaten, und auch wenn ich sie nur aus dem Fernsehen kannte, waren Angelika Domröse, Jutta Hoffmann oder Barbara Dittus, Rolf Ludwig oder Manfred Krug (vor seiner Aussiedlung) Teil meiner kulturellen Sozialisation. 1990 hätte ich mir gewünscht, dass „Auferstanden aus Ruinen“ unsere Nationalhymne wird. Vielleicht bin ich nur eine Einzelperson, Mitglied eine Minderheit sicher, aber diese Minderheit gab es auch und mich ärgert, dass sie immer wieder vergessen wird. Im Westen wie im Osten. Viele meiner Generation im Westen hätten sich gut eine modernisierte DDR vorstellen können.

Bestand aber wirklich Hoffnung? Gab es wirklich eine Mehrheit in der DDR für einen anderen Sozialismus oder waren die meisten einfach nur enttäuscht und hofften nun auf das Wunder, das der Westen bringen sollte. Das brachte er nicht und konnte es wohl auch nicht.

Nach der Wende war ich entsetzt über manche meiner westdeutschen Landsleute, die nun dem Osten zeigen wollten, wo es langgeht Als wir im Herbst 1990 mit Bekannten aus Glauchau sprachen und auf die Schattenseiten des Kapitalismus verwiesen, wurde uns geantwortet, dass das niemanden interessiere. Helmut Kohl wurde 1990 mit den Stimmen aus der da schon ehemaligen DDR gewählt, viele von uns im Westen hatten gehofft, dass es mit Kohl bald vorbei sein würde, doch die Wende kam ihm zugute.

Der Blick auf die Vergangenheit und auf die vielfältige DDR sollte eher Hoffnung machen für das Neue! In den vergangenen Jahren habe ich öfter in Halle, Erfurt, Jena an Tagungen teilgenommen, mit jungen Menschen gesprochen und diskutiert und bin wieder diesem Aufbruch, dieser Bereitschaft, sich aufs Neue einzulassen, begegnet. Das macht Hoffnung. Deutschland ist durch die Wiedervereinigung vielfältiger geworden, variantenreicher. In einigen Teilen wirkt sich die DDR nach wie vor aus, in sehr unterschiedlicher Form, und das ist gut so.

Karl H. Schneider, Vehlen

Zu: „Urlaub in Zeiten des Mangels“ von Anja Reich, erschienen am 9. Mai 2020

Jahrgang 1939, wurde ich zu Beginn des 2.Weltkrieges geboren. Mein bewusstes Leben begann also mit Mängeln aller Art. Diese Jahre während des Krieges und danach sind schon hinreichend beschrieben worden. Also „der Mangel“ war lange Bestandteil des Lebens meiner Generation. Merkwürdigerweise - aber der Mensch ist wohl so konzipiert - empfindet er diesen Zustand als normal. Er freut sich sogar über Rares und Verbesserungen.

Ich wuchs sozusagen hinein: Ost-Berlin/demokratischer Sektor/Hauptstadt der DDR. Schule, Abitur, Studium (mit Tochter und Kindergartenplatz), dann Traumjob in verkürzter Arbeitszeit. Später kamen noch zwei Töchter dazu. Viele Freunde, viele schöne Feten (so sagte man damals). Ein normales Leben also, mit Problemen, Freude und Mangel. Mangel an Sauerkraut, wenn man das Eisbein hatte, Mangel an Dämmmaterial, wenn man das Haus ausbauen wollte und Mangel an einem größeren Auto, wenn es nur zum Trabant reichte.

Nun kommt das Aber! Begonnen haben wir mit Urlauben mit Fahrrad und Zelt an den Mecklenburger Seen. Später, ungefähr 1968, mit drei Kindern, Nachttopf und Zelt ging es an die polnische Ostsee. Dann abwechselnd Ungarn, Tschechoslowakei, Rumänien, Bulgarien. Manchmal gab es Hürden, z.Bsp. brauchte man am Anfang Anlässe oder Einladungen oder eine Art Genehmigung. In einigen Ländern gab es einen begrenzten Umtauschsatz pro Person, den wir mit drei Kindern aus Mangel an Geld gar nicht ausschöpfen konnten. Diese Urlaube, ohne Reservierungen, dorthin wo uns die Sehnsucht trieb, die Naturerlebnisse in zauberhaften, teilweise sensationellen Landschaften, die Architektur- und Kulturerlebnisse und die Begegnungen mit anderen Mentalitäten in den damaligen sozialistischen Ländern waren für uns und unsere Kinder ausfüllend und prägend.

Zu einem deutsch-deutschen Erfahrungsbericht gehört aber auch, dass es einen Massentourismus westlicher Prägung in der DDR aufgrund fehlender materieller und infrastruktureller Voraussetzungen nicht gab. Die individuelle Planung und Realisierung des Urlaubs im In- und Ausland spielte eine große Rolle. Übrigens brauchte man als DDR-Bürger für Budapest kein Westgeld, aber es war vorteilhaft. Denn für eine DM bekam man 40 Forint, für eine Ostmark nur 7 Forint. Die Ungarn fanden das Westgeld auch besser.

Das führte natürlich zu sehr unterschiedlichen Erfahrungen und machte die Rolle des Mangels im Leben der Ostdeutschen in besonderer Weise deutlich. Natürlich ärgerten wir uns über die Unmöglichkeit nach Westen zu fahren, und wir hatten kein Verständnis dafür. Das empfanden wir als Mangel!

Nach 1990 zogen wir, nun zu zweit, im Urlaub wieder mit dem Zelt los. Diesmal west-, süd-, nordwärts. Ganz Europa und Island wurden entdeckt. Nach Eintritt in die Rente dann mit einem kleinen Wohnmobil. Bis heute. Mangel aber haben wir immer noch: Einen Stellplatz an der Ostsee müssen wir wieder reservieren. Aber das ist Luxus. Wir vergessen aber nicht die vielen, die aus Mangel an Geld nirgendwohin fahren können.

So ist das: Mängel gab es in der DDR, die ja so gerne als Mangelwirtschaft bezeichnet wird, viele. Aber verreisen konnten eigentlich alle und wenn es in ein FDGB-Heim war. Ferienplätze für die Kinder waren auch immer fast kostenlos zu haben.

V. Becker, Schulzendorf

Zu: „Die Corona-Wende: Weniger Flugreisen, weniger Auto, weniger Billig-Fleisch“ von Franziska Eichstädt-Bohlig, erschienen am 12. Mai

Frau Eichstädt-Bohlig hat recht, wenn sie die Rückkehr zur Normalität kritisch sieht, denn die „Normalität“ ist ja gerade das Problem. Werden die Politiker nach Ende der Covid-19-Tragödie die Lektion gelernt haben? Zweifel sind angebracht. Aber ich möchte hier drei nachhaltige Maßnahmen anregen:

1. Die Krankenhäuser vom Diktat der schwarzen Zahlen befreien und die Kaufmännischen Direktoren mit Schimpf und Schande davonjagen.

2. Krankenschwestern und Pflegekräfte ab sofort tariflich erheblich besser bezahlen und wertschätzen.

3. Die Pharmaindustrie per Gesetz zwingen, die Produktion aus Indien und China wieder zurück nach Deutschland oder wenigstens in die EU zu verlagern, und zwar ohne finanzielle Kompensation.

Jürgen Appell, Gerbrunn (Bayern)

Als sich die Wende ereignete, war ich, Margot Irmer, 53 Jahre alt. Ich hatte 30 Jahre lang den Beruf der Englischlehrerin ausgeübt und war nicht ein einziges Mal in Großbritannien gewesen. Als ich im Sommer 1990 zum ersten Mal auf der Westminster Bridge stand, war das für mich eine Erschütterung. Die Engländer nennen so etwas „emotional overload“.

Sprachlich war ich einigermaßen gerüstet, wie ich in England feststellte. Dank eines soliden Studiums der Anglistik, Amerikanistik und Germanistik an der Leipziger Karl-Marx-Universität und des anschließenden Berufslebens. Weiterbildung war im Beruf immer wieder nötig. Auch, als endlich der Umschlag von der grammatischen zur kommunikativen Sprachausbildung kam. Wir hatten ja eigentlich in der Schule und auf der Universität das Sprechen nicht gelernt. In der Anglistik wurden alle Vorlesungen in den 1950er-Jahren, in denen ich studiert habe, in deutscher Sprache abgehalten. Der Fokus lag also nicht auf dem Sprechen der Sprache, sondern vielmehr in gründlichen, grammatischen und lexikalischen Kenntnissen derselben. Das traf in der DDR auch auf Russisch zu, das Generationen mühsam und jahrelang lernen mussten, ohne je zum richtigen Sprechen zu kommen. In meinem Fall waren es zehn Jahre, bis wir die „Prawda“ (sowjetische Parteizeitung) lesen konnten. Wir konnten uns aber nicht mit den „Freunden“ unterhalten

In der DDR, speziell in meiner Außenhandelsschule, musste das Lehrmaterial intern hergestellt werden. Es durfte auf gar keinen Fall etwas aus England sein. Entsprechend dogmatisch waren teilweise die Texte. Es wurde englische Sprache vermittelt plus Ideologie.

Für mich war das regelmäßige Hören des Radiosenders BBC unabdingbar, um dranzubleiben. Das war nicht erwünscht. Nicht einmal die Aufzeichnung einer BBC-Wettervorhersage durfte ich im Unterricht verwenden.

Englisch war auch ein Stiefkind in der Schule. Die DDR-Schule reagierte auf die internationale diplomatische Anerkennung in den 70er-Jahren mit einem fakultativen Angebot für Englisch oder Französisch ab der 7. Klasse. Russisch war ein Hauptfach ab der 5. Klasse. Es war Pflicht für alle Schüler. Die Schule in Pankow (5. POS), die unser älterer Sohn Thomas (Jahrgang 1962) besuchte, war nicht in der Lage, die neue gesetzliche Verordnung sofort umzusetzen. Sie fanden damals nicht schnell genug Englischlehrer. Durch die Planwirtschaft waren massenhaft Russischlehrer ausgebildet worden. Ich war damals schon einige Jahre im Beruf und außerdem Mitglied eines Elternaktivs und gab klein bei, als ich gebeten wurde, in der 7. Klasse unseres Sohnes den Anfängerunterricht zu übernehmen.

Natürlich boten die Volkshochschulen in der DDR abends Kurse der westlichen Fremdsprachen an. Sie waren durchaus begehrt bei denen, die weder Mühe noch Zeit scheuten. Aber das traf auf verhältnismäßig wenige zu. 1990 waren viele DDR-Bürger nicht auf die Sprachwende vorbereitet. In unserem Sprachinstitut, das durch einen Glücksfall nicht abgewickelt wurde, konnten wir dem Ansturm auf unsere Englischkurse kaum standhalten. Es gab auch Anfragen aus Betrieben und Fortbildungseinrichtungen. Aber erst einmal musste ich mich selbst zweimal schriftlich um meine eigene Arbeitsstelle bewerben. Außerdem musste ich mein DDR-Diplom bei einer West-Berliner Senatsstelle für gültig erklären lassen. Ich wusste, dass fast alle um ihre Arbeitsstelle zittern mussten und viele sie auch verloren. In dieser Situation unterrichtete ich gemeinsam mit einer Kollegin unseres Instituts einen Intensivkurs im KWO (Kabelwerk Oberspree) in der Wilhelminenhofstraße in Treptow. Es war durch die Treuhand in britische Hände gekommen. Die ehemaligen Leiter und die Ingenieure mussten nun quasi über Nacht mit ihren englischen Arbeitgebern kommunizieren können. Da haben auch Fünfzigjährige für ihr Leben gelernt und alles Angebotene aufgesogen. Nach ein paar Jahren besuchte sogar Queen Elizabeth II. dieses Werk. Für sie wurde extra ein Landesteg gebaut, damit sie per Schiff auf der Spree dorthin gelangen konnte.

Heute lernen die meisten Kinder bereits ab der dritten Klasse Englisch, manche sogar schon im Kindergarten. Ohne Englisch kommt keiner mehr im Beruf aus und privat auch kaum. Sprache bedeutet vor allem Sprechen und ich bin froh über den Wandel des Unterrichts, der stattgefunden hat. Mir hat die Fremdsprache ein ganzes Leben lang viel gegeben.

Auch heute noch lese ich Bücher in der Originalfassung, kann mir die BBC-Sender oder den Fernsehsender CNN ins Wohnzimmer holen, Vorträge in englischer Sprache besuchen oder auch Filme im Original (vorzugsweise mit deutschen Untertiteln) anschauen.

Margot Irmer, Berlin

Ist es wirklich so, dass wir Deutsche uns gern führen lassen, das wir einen Vordenker brauchen und gern folgsam sind? Diesen Eindruck kann man gewinnen, wenn man sich die Erfolge des Nationalsozialismus vor Augen hält. Natürlich war die anfängliche Zustimmung aus der Not geboren, aus dem Wunsch, aus dem wirtschaftlichen und politischen Chaos der späten Weimarer Republik auszubrechen, was nur durch eine starke Führung möglich schien. Dabei stellte sich der Begriff Nationalsozialismus als eine geschickte Verbindung beider vorherrschenden politischen Richtungen dar: der konservativ-nationalistischen und der sozialistischen. Aber spätestens als klar wurde, dass man auf einen durchgeknallten Rassisten und Kriegstreiber reingefallen war, hätte das durchaus intelligente und moralisch gefestigte deutsche Volk einmütig aufstehen müssen, um diesem ganzen Wahnsinn ein Ende zu bereiten. Aber es gab immer genug folgsame Funktionäre, die etwaige Widerständler unter Druck setzten und eine Wende verhinderten. Was kann man daraus für eine gedeihliche Zukunft lernen? Gestärkt werden muss das eigenverantwortliche Individuum gegenüber der Herrschaft des Kollektivs. Dabei kommt es nicht darauf an, ob das Kollektiv als gut oder böse erscheint. Das kann der Zeitgenosse oft wegen zu großer Nähe nicht erkennen. Es geht um das Prinzip. Jede selbstständig gebildete Meinung zählt, die für das politische Handeln maßgebliche kollektive Meinung muss von unten nach oben und nicht umgekehrt gebildet werden. Außerdem muss das Subsidiaritätsprinzip streng befolgt werden.

Ein anderes Phänomen der Nazi-Vergangenheit ist der Terror der Straße, die Herrschaft der verführten und entfesselten Massen. Zu diesen primitiven Verführern gehörte die gesamte Führungselite der NSDAP. Alle maßgeblichen Personen waren primitive charakterlose Menschen, was man auch schon zeitgleich erkennen konnte. Es ist unfassbar, dass ein zivilisiertes Volk wie das deutsche eine solche Meute gewähren ließ. Natürlich, sie waren nun einmal an der Macht und jeder wollte Karriere machen oder wurde bedroht, wenn er einen eigenen Weg gehen wollte. Daraus ergibt sich als Lehre für die Zukunft: Eine sich anbahnende Herrschaft der Masse muss genauestens beobachtet werden. Nicht wer sich von Emotionen treiben lässt und sich als selbst ernannter Missionar aufführt, sondern wer druckfeste Argumente für das Handeln des rationalen Staats vorbringt, soll berücksichtigt werden. Zu beachten ist, dass es nicht nur um die Verhinderung von Neonazis geht, vielmehr muss man hinter jede scheinheilige politische Fassade blicken, am besten jeden Politiker bestmöglich einer Charakterprüfung unterziehen. Nie wieder Selbstverwirklichungs-Demagogen, weder auf der Straße noch im Minister- oder Abgeordnetensessel!

Harald Kallmeyer, Berlin-Mitte

Zu: Kai-Hinrich Renner: „Die meisten wollten es doch so“, erschienen am 23. April, und Martina Tkalec: „Eigentum des Volkes: Lehren aus dem Zusammenbruch“, erschienen am 8. April 2020

Zunächst ein großes Lob für diese superspannende neue Reihe von Beiträgen, die echte Dialogimpulse setzen! Interessant fand ich heute Herrn Renners Antwort auf Frau Tkalecs Beitrag von vor zwei Wochen. Er schreibt: „(…) Viele der Ost-Betriebe erwiesen sich schlicht und einfach als unverkäuflich und mussten geschlossen werden. (…)“

In diesen zwei Sätzen kondensiert sich aus meiner Sicht das westliche Unvermögen, anders als monetär auf Unternehmen und Arbeitswelt und somit auf die DDR zu blicken. Der Wert eines Unternehmens besteht nicht nur in Anlagevermögen und profitabler Bilanz, sondern doch auch in seinem Beitrag zu Gesellschaft, Lebensverhältnissen und Sinnstiftung für Menschen. Insofern hätte es ein - durchaus auch westdeutsches! - gesellschaftliches = staatliches Interesse am Erhalt ostdeutscher Betriebe geben können! Keineswegs „mussten“ sie alle geschlossen werden, weil sich etwa „schlicht und einfach kein Käufer fand“, sondern die Bundesrepublik wollte sie nicht erhalten. Was hätte dagegen gesprochen, Elemente beider Wirtschaftssysteme zu verbinden statt alles dem „westlichen“ Markt zu überlassen, der es eben auf seine Weise gerichtet hat. Wenn Herr Renner den damaligen DDR-Bürger*innen zudem vorwirft, sich mit Kaufrausch statt mit Politik beschäftigt zu haben, so verkennt er, dass die Abgelenktheit der einen nicht automatisch als Freibrief für die anderen interpretiert werden musste.

Dies schreibe ich als westsozialisiert Handwerksunternehmerin aus Berlin, die Ihre Zeitung seit den 90ern liest und außerordentlich schätzt!

Orsine Mieland, per E-Mail

Zu: „Das Ende der Gewissheit“ von Charlotte Thiele, erschienen am 11. April 2020

Es gibt und gab nie Gewissheit. Mir ist das nach der Geburt meiner Tochter 1964 schmerzlich bewusst geworden. Sie war winzig und viel zu früh auf die Welt gekommen. Für die ersten vier Wochen lag sie im Brutkasten und meine Stimmung hing ab vom täglichen Anruf im Krankenhaus, wo ihr Gewicht kontrolliert wurde. Bei jedem Gramm Verlust war ich verzweifelt. Unter Tränen versuchte mein Vater, mich zu trösten. Ich fragte, wann diese Ungewissheit endlich aufhört und wann wissen wir, dass es gut geht. Er antwortete mir: „Niemals. Es kommt immer wieder Ungewissheiten. Das ist das Leben.“ Meine Tochter hat es gut geschafft und ist eine starke Frau, die sehr selten krank ist.
In der jetzigen Situation kann keiner Gewissheit geben. Leider stellt sich raus, dass es mit ziemlicher Sicherheit immer Menschen geben wird, die versuchen, diese Unsicherheit für ihre niederträchtigen Zwecke zu nutzen.
Hoffnungsvoll ist, dass es auch Menschen gibt, die ruhig und besonnen der Unsicherheit begegnen. Im Moment bin ich froh, dass die meisten Politiker im Lande diesen Weg gehen. Die einzige Gewissheit ist der Tod. Ich denke, wir wollen das gerade nicht.

Joan Klakow, per E-Mail

Zu: Maritta Tkalec "Eigentum des Volkes. Lehren aus dem Zusammenbruch", erschienen am 11. April

Danke Maritta Tkalec für diese ausgezeichnete Anlayse. Die macht klar: Bei der gewollten und für sehr viele Menschen schmerzaften Zerschlagung der DDR-Wirtschaft hat eine Mehrheit verständlicher Weise DDR-frustrierter und DM-gieriger ehemaliger DDR-Bürger mitgeholfen, die nicht begriffen hatten, welche Errungenschaften sie damit gleichzeitig leichtfertig aufgeben. Sie sind etlichen zweckvoll verbreiteten Lügen zum Opfer gefallen. Was hätte werden könnnen, wenn die positiven Seiten beider Systeme hätten zusammengelegt werden können: Volkskapitalismus durch Anteilsscheine am angeblich wertlosen Volkseigentum, damit strukturell verankerte Demokratie. Eine fortschrittliche gesamtdeutsche Verfassung nach den Entwürfen des Runden Tisches. Bei dem hohen Bildungsgrad der DDR-Bevökerung durch ein – abgesehen von ideologischen Verzerrungen – ausgezeichnetes Bildungssystem hätten es eigentlich genügend viele besser wissen können. Schade.

Dr. Hans-Volker Pürschel, Berlin


Für Essays wie diese liebe ich die Berliner Zeitung – immer noch die einzige - von der ich weiß -  dass dort die Wiedervereinigung stattgefunden hat.

Und jetzt? Wird man die jüngste Debatte um die Schließung kleiner Krankenhäuser beerdigen? Werden Privatisierungen auf den neu entdeckten, systemrelevanten Feldern rückgängig gemacht? Wird die Mär, der Staat könne nicht wirtschaften und müsse das den privaten Anbietern überlassen, verhungern? Oder stehen nicht schon wieder die Großen am Gabentisch des Staates, um ihre Bilanzen aufzuhübschen und der Mittelstand verdampft? Und werden nicht in Zukunft wir alle wieder den Gürtel enger schnallen müssen, weil wir ja einen Riesenschuldenberg aufgebaut haben? Ich wünschte so sehr, dass dies Zeiten für Utopien sein könnten. Allein mir fehlt der Glaube – weil wir einfach nicht auf die Straße gehen wollen, um unsere zornig bebenden Fäuste in den Himmel zu recken – und momentan dürften wir es nicht einmal.

Petra Viek, per E-Mail


Maritta Tkalec beschreibt die Schicksalstage der Ossis mit Kompetenz und Herz. Sie legt Ursachen offen, warum in Osten eine Unruhe noch 30 Jahre anhält. Danke auch für die Hintergründe der Wahlerfolge der AfD.

Günter Buhlke, Berlin/Zürich


Zu: Klaus Wolfram: „Der Mutige wird wieder einsam“, erschienen am 6. April 2020


Meine Hochachtung für den heutigen Artikel der Serie „Zeitenwende“.  Denn nur durch eine Aufarbeitung der letzten 30 Jahre und der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland bis 1990 kann ein Auseinander brechen der Gesellschaft verhindert werden. Nach dem Wechsel der Eigentümer der Berliner Zeitung war ich skeptisch und dachte, das ist nur alter Wein in neuen Schläuchen. Glücklicherweise hat sich das bisher nicht bestätigt.

Friedhelm Wendel, per E-Mail


Wegen solcher Artikel liebe ich die Berliner Zeitung, trotz alledem.

Wolfgang Wallich, per E-Mail


Wie wunderbar, dass es der DDR-Obrigkeit - im Gegensatz zur BRD - gelungen ist, ihre Untertanen zu mündigen Bürgern zu erziehen und in eine selbstbestimmte Revolution zu führen. Ich empfinde es als geradezu zynisch, wie Herr Wolfram hier argumentiert.

Stefan Sievers, per E-Mail


Analytisch herausragend und präzise auf den Punkt gebracht wird ein in vielen Teilen Ostdeutschlands existierendes Bauchgefühl in Fakten zusammengefasst.

Torsten Schlüter


Mit unerklärlicher Verspätung habe ich jetzt in der Berliner Zeitung Klaus Wolframs herausragende Rede vom 8. November 2019 gelesen. Diese Rede gehört in ihrer bestechenden Klarheit in die Schulbücher. Analytisch herausragend und präzise auf den Punkt gebracht, wird ein in vielen Teilen Ostdeutschlands existierendes Bauchgefühl in Fakten zusammengefasst.

Torsten Schlüter, per E-Mail


Der Beitrag von Klaus Wolfram hat sicher bei vielen ehemaligen Ostdeutschen alte Wunden wieder aufgerissen. Das Beleidigendste was ich in einem „Reinigungsgespräch“ erfahren mußte, war: „Ihr braucht nicht wieder zu arbeiten, wir ernähren Euch doch mit“. Kann es auch sein, daß viele Ostdeutsche gern gearbeitet haben (oder hätten) und manche auch gebraucht wurden und weiterarbeiten durften?

Prof. i.R. Dr. Reinhart Metz, per E-Mail


Diese Rede von Klaus Wolfram vom 8. November 2019 in der Akademie der Künste ist eine in ihrer Wahrhaftigkeit beeindruckende Beschreibung dessen, was sich in den letzten dreißig Jahren in Ostdeutschland abgespielt hat. Und ich kann mir gut vorstellen, dass die von Herrn Wolfram ausgesprochenen Wahrheiten bei den heutigen Entscheidungsträgern in Politik und Wirtschaft und in der Kunst -so sie sich denn überhaupt dafür interessieren-  auf wenig Gegenliebe stoßen. Denn schließlich wähnen sie sich im Besitz der absoluten Wahrheit, schon gar, wenn es um die Einordnung dessen geht, was in den letzten 30 Jahren in der ehemaligen DDR geschehen ist. Und diese absolute Wahrheit wird uns tagtäglich in den sogenannten Leitmedien nahegebracht. Aber ich kann mir gut vorstellen, dass viele Ostdeutsche (ich gehöre auch mit dazu) Herrn Wolfram Respekt zollen, zumal er meines Erachtens immer noch Bürgerrechtler ist.

Werner Stibane, per E-Mail


Warum muss denn jetzt noch mehr gejammert werden? Entmündigung, Belehrung durch die Westdeutschen. Was soll das?

Wenn Sie ernsthaft eine Analyse über die Zeit der DDR, des Umbruchs und der Zeit danach erstellen wollen, müssen Sie auch am Anfang beginnen und nicht mittendrin. Und der Anfang war die tolle Idee des Sozialismus, der nie auch nur ansatzweise funktioniert hat. Dafür hat diese feine DDR enteignet, entmündigt und Leute, die dagegen angegangen sind, denunziert, weggesperrt oder einfach erschossen.
Und bitte behaupten Sie jetzt nicht, das stimme nicht. Ich durfte 30 Jahre in diesem  Staat leben. Und was haben die ach so armen DDR Bürger gemacht in den 30 Jahren? Zum größten Teil haben Sie weggeschaut. Ein paar haben fleißig mitgemacht. Viele sind abgehauen. Und ganz wenige hatten den Mut, aktiv gegen diesen Staat anzugehen. Und Sie beklagen jetzt, dass nachdem dieser Spuk endlich vorbei war, die DDR Bürger entmündigt und belehrt wurden? Wen meinen Sie denn jetzt da konkret? Meinen Sie die alten Bonzen und Stasis? Oder die Menschen, die schon vor 89 rüber sind? Oder die große Menge derer, die meist die Klappe gehalten haben und sich gedacht haben, das geht schon noch vorbei? Oder meinen Sie sich selbst? Für wen sind Sie der Anwalt?

Den Ruf nach Anerkennung der Lebensleistung der Ostdeutschen verstärken? Was ist das: Lebensleistung? Wie wird das bemessen?

Rainer Schmidt

Und Sie beklagen, dass alle Posten von Westdeutschen übernommen wurden. Ja und? Gab es denn im Osten geeignetes Personal? Wo sollte das auch herkommen? Die Leute, die wirklich etwas konnten und auch Führungsqualitäten besaßen (oder entwickelt haben), sind in den Westen gegangen - vor 89 und auch noch lange danach. Oder hatten ihre Führungsqualitäten bei SED und Stasi erworben - waren also auch nicht wirklich geeignet für einen Neuanfang nach 89.

Beleuchten Sie doch mal Politiker aus dem Osten, die nach 89 Karriere gemacht haben. Schauen Sie sich Leute wie Herrn Stolpe oder Herrn Gysi doch mal genauer an. Wollten Sie von denen noch mehr in der Politik?

Tut mir leid, aber an Ihrer Kritik fehlt mir die Substanz. Und was erreichen Sie denn jetzt damit? Den Ruf nach Anerkennung der Lebensleistung der Ostdeutschen verstärken? Was ist das: Lebensleistung? Wie wird das bemessen? Und gilt das dann nur für Ostdeutsche? Während wir im Osten mit Winkelementen rumgerannt sind und Hurra gebrüllt haben, sind meine Verwandten in West-Berlin und Westdeutschland arbeiten gegangen. Denen im Westen hat man nämlich auch nichts geschenkt! Wird in der Diskussion gern mal vergessen.

Ich halte das alles für nicht wirklich hilfreich oder wie es neudeutsch heißt: Das spaltet mehr, als es irgendwelche neuen Erkenntnisse bringt.

Rainer Schmidt, per E-Mail


Man kann der Redaktion nur Mut machen zur Serie „Zeitenwende“. Klaus Wolframs Text ist tiefgründig erhellend und das eigene Erleben auch im Heutigen bewusst machend.

Günter Böhme, per E-Mail


Dieser Beitrag beschreibt die heutige Stimmung im Osten gut. Meine persönliche Sicht: Ich bin Jahrgang 1940, fühle mich bis heute nicht als Bundesbürger, sondern als Bewohner der ostdeutschen Kolonie. Ein naher Verwandter aus Aachen hat mir 1990 geschrieben, ich zitiere wörtlich: "In der DDR brauchte ja niemand zu denken, denn Denken tat der Dachdecker, und das Ergebnis sieht man ja heute". Damit sagte er indirekt, dass 16-17 Millionen DDR-Bürger ihren Kopf nur zum Haareschneiden hatten. Ein langer Antwortbrief von mir war das Ende unserer Beziehung. 

Bis heute ärgert mich sehr die unglaubliche Arroganz vieler Wessis gegenüber ihren „Brüdern und Schwestern“ aus dem Osten. 

Herbert Ritter, per E-Mail


Tolle Rede! Danke an die Berliner für den Abdruck, da finde ich mich und meine Erinnerung an diese großartige Zeit, wo ich/wir ohne Angst auf Veränderung hofften, wieder. Der erste Schock kam nach der Wahl, als all die, die diese unglaubliche Hoffnung auf eine Zukunft in Demokratie, aber ohne Kapitalismus beförderten, abserviert wurden. Meine Nachbarn in meiner Wahlheimat Dresden antworteten auf meine verzweifelten Fragen: „Na, mir misse doch die wähle, die dos Geld hoben!“
Von Wolfram lese ich auch seit langem erstmals wieder, dass ja die staatlichen DDR-Behörden überhaupt zugelassen haben, dass diese radikalen Änderungen so friedlich verliefen. Einzelne hätten sicher gern dreingeschlagen .
Auch seinem Resümee kann ich nur beipflichten. Aber eine Hoffnung auf breit wirksame Versöhnung wird nicht erreicht werden, wer sollte sie initiieren?

Chris Jurscha, per E-Mail


Ich habe den Artikel mit großem Interesse und großer Sympathie gelesen, zumal ich selbst Ostberlinerin bin und es die Seele streichelt, wenn man mal ausnahmsweise was Positives über Ostdeutsche liest. So manche Formulierung fand ich entweder poetisch oder erhellend, und den Beitrag insgesamt angemessen philosophisch, gegen den Strich des westdeutsch dominierten Mainstreams - aber eben nicht aus der Schmollecke heraus, sondern aus der Perspektive der kurz aufscheinenden Möglichkeit eines selbstbestimmten demokratischen Aufbruchs der Ostdeutschen, dessen baldiges Ende sich aber schon im März 1990 mehr oder weniger abzeichnete.

Trotzdem kann ich mir eine empörte Reaktion des Publikums (West) gut vorstellen, denn ausgewogen ist der Beitrag sicher nicht. Waren die Runden Tische wirklich so repräsentativ und „inklusiv“, dass sie etwa diejenigen einbeziehen würden, die gerade noch die Macht des Politbüros unterstützt hatten (Stasi, NVA, Polizei, Parteibürokratie)? Musste nicht das Neue Forum sich zum Aufbruch aus den verkrusteten Strukturen abgrenzen von der Bevormundung und Bespitzelung durch den alten Staatsapparat?

Dass die bewaffneten Kräfte sich entschieden, nicht auf ihr Volk zu schießen - das ist schon zu würdigen, hebt aber den Gegensatz zwischen ihnen und dem bespitzelten Volk nicht auf. 47% für die CDU - das sind aus meiner Sicht nicht 47% Konservative, sondern 47%, die an die Utopie eines Neuanfangs nicht glauben mochten, sondern ganz handfest den Regime Change durch die BRD herbeisehnten. Also Westgeld, Westwaren, Westfreiheit... und natürlich zu diesem Zeitpunkt nicht vorhersahen, dass das die ostdeutsche Wirtschaft in die Katastrophe führen musste. Sicher kann man die radikale Privatisierung der Treuhand als Brandbeschleuniger sehen, die grundlegenden Entscheidungen wie die Einführung der DM hatte bereits das Todesurteil über die weniger produktive und nicht wettbewerbsfähige Industrie gesprochen.

Ich gehörte zum Zeitpunkt des Mauerfalls zu den idealistischen Marxisten, die einen selbstbestimmten ostdeutschen Weg favorisierten, aber angesichts der Machtverhältnisse wenig Chancen sahen. Klar bin ich links geblieben, soziale Ziele, demokratische Methoden, Rechtsstaat, ein bisschen Ökologie - alles ganz nett, nur - wie richtig hervorgehoben in einer neuen medialen Bevormundung, ohne freien Meinungsaustausch, ohne Repräsentation in den neuen Strukturen und auch bis heute in den beruflichen Chancen beschnitten. Mir gefiel die Formulierung vom Mutigen, der einsam und vom Zweifler, der wieder schüchtern wurde.

Ganz entscheidend fehlten und fehlen uns Ostdeutschen Foren der Solidarisierung abseits von den Instrumentalisierungen der AfD. Deshalb müssen wir uns noch 30 Jahre nach dem Mauerfall von Westdeutschen vorhalten und vorschreiben lassen, dass unsere DDR-Abschlüsse nichts taugen, dass langjährige berufliche Erfahrung nichts wert ist. Ich musste mich kürzlich in einem Gerichtsverfahren zur beruflichen Anerkennung als „Wendeverliererin“ beschimpfen lassen.

Und klar ist doch, dass sich die Westdeutschen nicht ändern wollen, dass sie keinen Dialog mit den Ostdeutschen anstreben.

Kristine Leithold

Und klar ist doch, dass sich die Westdeutschen nicht ändern wollen, dass sie keinen Dialog mit den Ostdeutschen anstreben, dass sie eher bereit sind, die Realität total zu ignorieren und sich eine schiefe Perspektive des Sprechens über die DDR und die „friedliche Revolution“ zu eigen zu machen, als eigene Gewissheiten in Frage zu stellen.

Es ist ja richtig, dass die Außenperspektive auf diesen Aufbruch nicht richtig sein kann. Aber es ist auch wahr, dass die Bürgerbewegung nur einen kleinen Teil präsentierte und dass sie besiegt war, bevor sie 43 oder 44% der Bevölkerung hätte hinter sich bringen können. Es gibt außer in Berlin und Thüringen kein rot-rot-grünes Projekt. Und die dramatische Entwicklung um Ramelow zeigt, wie heftig die Gegenwehr vor allem in der CDU ist.

Dagegen zeigt Berlin, dass rot-rot-grün in der Praxis nicht die beste Figur macht. Die Sozialdemokraten und die Christdemokraten sind im Zweifel überwiegend westdeutsch und keineswegs fair den Ostdeutschen gegenüber, selbst wenn ein paar Ostdeutsche mitmischen dürfen - zu den Bedingungen der Wessis. Auch bei den Grünen gibt es nicht soviel Aufbruch, sondern eine Bürgerlichkeit der Arrivierten mit etwas Idealismus der Jüngeren gemischt.

Ich sehe kein politisches oder demokratisches Projekt der Ostdeutschen, das an das Neue Forum anknüpfen könnte oder wollte oder eine Solidarität der Ostdeutschen auf demokratischem Boden fördern könnte. Dass sich die wesentlich westdeutsche AfD in der dargestellten Weise der Ossis bemächtigen konnte (Denkzettel, Wut...), das ist nur eine weitere tragische Wendung. Und ein unwürdiges Ende der Revolution.

Nichtmal in der Literatur, Philosophie und Kunst haben wir Ostdeutschen einen wirklich eigenen prägnanten Eindruck hinterlassen, der je einen Wessi überzeugt hätte. Die Erzählung über das Leben der Anderen - blieb ebenfalls meist ein westdeutsches Projekt.

Unsere eigenen Bauchschmerzen mit der Bespitzelung und Bevormundung in der DDR relativieren sich langsam. Es ist nicht alles frei, demokratisch und rechtsstaatlich, was sich so nennt. Aber einen neuen selbstbestimmten demokratischen ostdeutschen Zusammenhalt den konnten wir in der Kürze der Zeit nicht erringen.

Wir sind überrollt worden. Vor allem wurden wir aber vereinzelt. Wir wurden zu Konkurrenten um knappe Arbeitsplätze und Zukunftschancen gemacht. Wir haben die soziale Gleichheit verloren, ohne die neuen Freiheiten richtig nutzen zu können, vor allem nicht im 'demokratischen' System der Machtstrukturen, der Medien, der Kunst und Kultur. Ausnahmen bestätigen die Regel, nur es gibt so wenige davon.

Kristine Leithold, per E-Mail


Zu: „Das Wunderjahr“ von Anja Reich, erschienen am 4. April 2020

Sie haben mir ganz und gar aus der Seele gesprochen! 1989/90 war ich 36, 37 Jahre alt, verheiratet und wir lebten schon damals mit unseren drei Söhnen in einem kleinen Häuschen im heutigen Speckgürtel von Berlin.

Die Kinder und das Private standen neben der Tätigkeit in einer Kinderkrippe ganz vorn. Ich habe dem DDR-System keinen Tag nachgetrauert, aber sehr oft dieser wunderbaren Zeit bis ca. 1991. Ich übernahm damals die Leitung der Krippe und wir gestalteten die Einrichtung um, strickten ein völlig neues und in der DDR nie da gewesenes Konzept.

Wir orientierten uns an NRW und behielten die Kinder bis zum Schuleintritt – unter großer Kritik der Kindergärten. Wir haben es einfach getan. Wir haben altersheterogen und inklusiv gearbeitet, als dieser Begriff noch relativ „unbekannt“ war.

Kindern, Eltern und uns tat diese Veränderung gut. Wir fanden viel Unterstützung, und entgegen aller Unkenrufe: Die Schule bescheinigte unseren Schulanfängern gute kognitive und soziale Kompetenzen. Ich glaube, Menschen in der ehemaligen DDR mussten/durften schon immer kreativ sein. Grund dafür war nicht nur die Mangelwirtschaft, aber auf jeden Fall auch.

Die Überflussgesellschaft mit ihrer Wegwerfideologie trägt ganz sicher nicht zur Kreativität des Einzelnen bei. Das sieht man schon bei Kindern. Was denen aber einfiel in spielzeugfreien Zeiten oder in Feld und Wald, war unglaublich kreativ.

Und dann - wie komme ich an politischen und gesellschaftlichen Einschränkungen vorbei? Wie kann ich Kritisches sagen, ohne es zu sagen? (Beispiele: Renft, Pankow, Silly u.a.) Darüber muss man sich in der Bundesrepublik keine Sorgen machen – und das ist auch gut so, tatsächlich ein hohes Gut. Und dann ist plötzlich alles möglich. Mich hat der Film „Preis der Freiheit“ sehr beeindruckt. Und ich frage mich heute: Was wäre tatsächlich möglich gewesen, wenn es einen anderen Weg gegeben hätte?

Vielleicht wird den Entscheidungsträgern in Politik und Wirtschaft klar, dass es bestimmte Bereiche gibt, in denen es nicht um Gewinnoptimierung gehen darf!

Monika Kruschinski

Was mich heute hoffen lässt: Viele Menschen und das Leben insgesamt kommen zur Ruhe. Viele merken, was wirklich wichtig ist. Vielleicht wird mehreren klar, wie wichtig der Erhalt unserer ökologischen Grundlagen ist. Vielleicht wird einigen klar, dass es angenehm ist, den Himmel mit weniger Flugverkehr zu erleben. Vielleicht wird den Entscheidungsträgern in Politik und Wirtschaft klar, dass es bestimmte Bereiche gibt, in denen es nicht um Gewinnoptimierung gehen darf! Vielleicht kommen Entscheidungsträger der Rüstungsindustrie auf die Idee, dass man auch mit der Herstellung anderer Produkte (z.B. für erneuerbare Energien, Daseinsfürsorge etc.) Gewinne erzielen könnte. Vielleicht könnten manche einfach mit etwas Weniger zufrieden sein. Vielleicht könnte die Menschheit ganz nebenbei global denken …

Unsere neue Serie

Im 30. Jahr der Wiedervereinigung erleben wir erneut einen Umbruch in der Gesellschaft, ausgelöst durch die Corona-Krise. Die Berliner Zeitung begleitet diese Zeit, in der erneut viel Altgewohntes auf dem Prüfstand steht, mit Essays, Analysen, Interviews und Reportagen. Wir wollen Debatten führen und fragen, was wir aus dem Gestern für ein besseres Morgen lernen können.

Haben Sie eine Idee für die Serie „Zeitenwende“ oder wollen Sie uns Feedback geben? Schreiben Sie uns! zeitenwende@berlinerverlag.com
Sabine Rennefanz
Anja Reich

berliner-zeitung.de/zeitenwende

Was mich fürchten lässt, dass diese Hoffnungen sich nicht erfüllen könnten. Dass vielleicht zu viele denken: Endlich können wir wieder aus dem Vollen schöpfen. Ignoranz und Bequemlichkeit – ich sehe Leute, die mit dem Auto um die Ecke fahren, um ein Brot zu kaufen. Dass die Wirtschaft, die Reise- und Fluggesellschaften nun erst recht alles aufholen wollen und das ökologische System damit wieder überfordern werden. Wir alle wieder so mit uns beschäftigt sein werden, dass wir das Ganze dabei übersehen und alle möglichen Vorsätze vergessen. Wir eher den Weg des geringsten Widerstandes wählen, dem Lustprinzip folgend, der Verdrängung unangenehmer Gedanken an unangenehme Folgen nachgeben.

Eigentlich wird mir von Freunden und Bekannten ein unverbesserlicher Optimismus bescheinigt, dennoch – ich kann grad meine Zweifel nicht beiseite schieben. Und vielleicht ist auch das gut.

Monika Kruschinski, per E-Mail


Es ist wunderbar, dass der Osten eine Stimme bekommt.

Meike Raßbach

Seit 33 Jahren bin ich Leserin der Berliner Zeitung. Nun erscheint zunächst zu meiner Verwunderung ein Logo „Zeitenwende“ auf der Titelseite der Wochenendausgabe, das mich sehr neugierig machte. Welch gute Idee, Dinge zusammenzubringen und nach gesellschaftlichen Lösungsmöglichkeiten zu suchen.

Schon der erste Teil in der heutigen Ausgabe zeigt, wie ernst Sie auch diesmal das Thema nehmen. Auf die weiteren bin ich schon jetzt gespannt. Es ist wunderbar, wie Befindlichkeiten und Hintergründe aufgegriffen werden und, ganz anders als in der überwiegenden Medienöffentlichkeit, der Osten eine Stimme bekommt, die es ermöglicht, sich zu erinnern, erneut nachzudenken und nachzuempfinden, wie und was diese Wende 1989/90 war. Viele persönliche Erinnerungen und Erlebnisse finden sich in den Artikeln der Berliner Zeitung über die Wendezeit dokumentiert. Sie bieten Raum und sind Grundlage für neue Gespräche und den Austausch mit Menschen, die die Zeit nicht oder aus dem fernen Westen erlebt haben. Mir fiel auf, dass wir im Osten auch nicht allzu viel darüber wissen, was die Leute im Westen jenseits der „großen Politik“ empfanden, was sie dachten und wovon sie träumten …

Auch für die nun begonnene neue Serie sage ich schon jetzt danke! Danke für die Art des Journalismus, der die Berliner Zeitung ausmacht. Ja, auch die Corona-Phase wird vorübergehen. Irgendwann werden wir uns erinnern an die Zeit des Homeoffice und hoffentlich auch daran, welche neuen Möglichkeiten wir plötzlich üben durften, ohne vorherigen Plan, und welche davon wir dann als völlig normal leben werden.

Ich möchte Sie und den Verlag ausdrücklich ermuntern, die Zeitenwende-Artikel und auch die vorherige Serie zum Mauerfall als Sammlung in einem Buch zu veröffentlichen. Die Artikel zu sammeln ist das eine, sie gesammelt in der Bibliothek zu haben jedoch etwas ganz anderes. Es sind wirklich wichtige Zeitdokumente, die auch nachweisen, wie sich der Blick auf Erlebtes über die Jahre ändert.

Meike Raßbach, per E-Mail


Ihren Beitrag habe ich interessiert und mit Verwunderung gelesen. Nun, ich habe einen Vorteil, der auch ein Nachteil ist. Im Jahr des Mauerfalls war ich im fünfzigsten Lebensjahr – darauf komme ich noch zurück.

Sie schreiben, dass Sie vor dem Mauerfall gar nicht wussten, dass Sie unfrei waren. Meine Kinder wussten das. Sie sahen die Mauer, sogar schon auf dem Weg zum und vom Kindergarten, sie rochen die U-Bahnluft, die aus den zugeschweißten Notausgängen der U6 in der Friedrichstraße kam und sie wussten, dass in der Schule in manchen Bereichen Zurückhaltung zu üben war. 

Im Bahnhof Friedrichstraße war in der Halle die große Wand mit der kleinen Tür zu sehen, durch die die „Einreisenden“ kamen. Zwischen dem Bahnsteig C, auf dem die Ost-S-Bahnzüge endeten, und dem Bahnsteig B, der von einem Fernbahnsteig zum Bahnsteg für die S-Bahnzüge aus Richtung Westen umgeformt worden war, war die Blech-Drahtglas-Mauer unübersehbar. Vor dem Bahnhof tarnte der Tränenpalast seine abgrenzende Funktion mit freundlicher Architektur.

Sie schreiben auch von neuen Ländergrenzen. Eine Staatsgrenze verschwand aus Deutschland. Zwei Staaten in Deutschland wurden einer. (Land DDR habe ich nie gekannt, ich konnte da nur fragen, wie denn die Landsleute zu bezeichnen wären). Das Land änderte sich, blieb aber in seinen Nachkriegsgrenzen. Allerdings, nachdem Honecker ab 1971 aus diversen Bezeichnungen das „deutsch“ hatte entfernen lassen (in DDR, Neues Deutschland, Museum für Deutsche Geschichte blieb es) ging eine böse Bemerkung um: Wir sind keine Deutschen mehr, sondern nur noch DeDeErsche – breit auszusprechen. Nun, einige Jahre später war diese Bemerkung schon eingeschlafen.

Jetzt zu meinen persönlichen Erfahrungen. Meine besonders aktive, spannende Zeit war vor dem Mauerfall. Es galt auf der Straße und mittels „Eingaben“ zu protestieren. Unter Aufbietung von erwachtem Mut wurden Losungen, Schlagzeilen entwickelt, Material beschafft und möglichst groß und weit lesbar beschriftet. Als das geschafft war, war der Inhalt schon zu zahm. Es galt, die Auflösung der DDR noch stärker zu beschleunigen.

Nach dem Mauerfall galt es, die berufliche Zukunft zu gestalten – gelang mir gut – und die Wiedervereinigung zu beschleunigen – aus Angst vor einem Putsch in der SU und den dann rollenden Panzern. Der Putsch kam dann erst im August 1991 und misslang.

Wenn ich hundert Jahre alt werde, habe ich wenigstens die Hälfte meines Lebens nicht im Sozialismus gelebt.

Klaus Krause, Berlin

Ich könnte noch Diverses schildern. Wie ich 1986 (25 Jahre nach dem Mauerbau) nach einer neuen, gar nicht richtig öffentlich gemachten Regelung einen West-Berliner Verwandten zu einem besonderen Anlass besuchen durfte und am ersten Abend meine Frau anrief und sagte, dass in diesem Teil Berlins alles normal ist und in Tränen ausbrach – richtig zusammenbrach über ein Vierteljahrhundert gegängeltes Leben. Wie ich 1990 meine Veröffentlichungen zusammensuchte und auflistete, das half sehr für die berufliche Übernahme. Ich musste wirklich zusammensuchen, Veröffentlichungen waren im Osten nicht so wichtig, darum lagen sie irgendwo herum.

Ich selber kann Herrn Klaus Wolfram bei „Alle Selbstverständigung … verwandelte sich in Entmündigung und Belehrung“ nicht folgen. Ich konnte endlich echt und selbstbewusst leben. Arbeiter in großen Industriebetrieben hatten es schwerer, doch Eigeninitiative konnte viel helfen.

Und jetzt noch zu meinem Alter. Ich war von Geburt an bis zum fünfzigsten Lebensjahr im Sozialismus, die letzten 28 Jahre, 10315 Tage, eingemauert. Wenn ich es schaffe, hundert Jahre alt zu werden, kann ich sagen, dass ich wenigstens die Hälfte meines Lebens außerhalb des Sozialismus verbringen konnte.

Klaus Krause, Berlin


Mit Interesse habe ich Ihren Artikel „Das Wunderjahr“ in der Berliner Zeitung gelesen. Sie werfen darin mit Blick auf die Zeit nach 1990 die Frage auf: „Aber wurde jemals gezählt, wer sich in den Jahren danach zu Tode trank, an Überforderung starb oder an gebrochenem Herzen?“

Vor einigen Jahren bin ich genau dieser Frage nachgegangen, vor allem auch deshalb, weil sie oft mit pauschalen Aussagen kolportiert wird. Anhand von einzelnen Schicksalen zeigte sich dann, wie vielschichtig aber auch kurzschlüssig die dahinter stehenden Gründe sein können. Deutlich wurde auch, wie nahe oftmals der Versuch einer politischen Instrumentalisierung liegt.

Letzteres halte ich auch in der gegenwärtigen Lage für eine Gefahr, auf die ich Sie aufmerksam machen möchte.

Klaus Behling, per E-Mail


Ich habe Ihren Essay „Das Wunderjahr“ mit großem Interesse und - nennen wir es getrost so - „Vergnügen“ gelesen. Mir gefällt, wie Sie unaufgeregt und vorurteilslos die Ereignisse und Befindlichkeiten beschreiben, die mit diesem existentiellen Umbruch im Zusammenhang standen. In einem winzigen Detail muss ich Ihnen jedoch widersprechen. Sie schreiben „Es gab keine Toten, als der Staat zusammenbrach…“. Auch wenn das in der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen wurde und statistisch weitgehend irrelevant ist, gab es als unmittelbare Reaktion auf den Zusammenbruch der DDR eine nicht unbedeutende Zahl von Suiziden. Ich kenne allein aus meinem damaligen näheren beruflichen Umfeld vier Fälle. Zumindest im „Spiegel“ gab es zehn Jahre später, am 17.09.2010, zu diesem Thema einen Beitrag des Politikwissenschaftlers Stefan Appelius.

Peter Müller, per E-Mail


Erstmal Kompliment dafür, dass Sie in diesen Zeiten nicht ganz außer Acht lassen, was in den vergangenenen drei Jahrzehnten hier in diesem Land geschah. Den Anstoß zur „Zeitenwende“ finde ich demzufolge eine hervorragende Idee und hoffe, dass viele Leser ihre Erfahrungen aus und mit der jüngeren deutschen Geschichte einbringen werden. Die Berliner Zeitung lese ich ( Jahrgang 1956 ) solange ich lesen kann. Selber Abonnent seit den 70ern. In der Vergangenheit habe ich oftmals in Erwägung gezogen, das Abo zu kündigen. Der Grund dafür war die sehr westdeutsch geprägte Sichtweise vieler Autoren, sodass man seine eigene Identität wenig wiederfand. Aber dann gab es in den letzten Jahren doch einige Journalisten mit Ostbiografie, die es wieder verstanden, den Lesern ihre eigene Sichtweise näherzubringen. 

Von einer zentral gesteuerten ideologisch geprägten Hauptstadtzeitung ( Berlin-Ost ) zu einem Blatt, das sich zwar unabhängig wähnt, aber doch in den 30 Jahren immer wieder ökonomischen Zwängen folgend durch Eigentümerwechsel je nach politischen Konstellationen ihren Autoren gewisse politische Vorgaben mit auf ihren journalistischen Weg gibt, ist für mich die Berliner Zeitung immer noch das Nonplusultra auf dem Berliner Zeitungsmarkt. Warum sehe ich dieses so? Als Ostberliner meiner Generation musste man seine Sinne  schärfen, indem man lernte,  zwischen den Zeilen zu lesen. Habe ich mir glücklicherweise bewahrt.

Schade nur, dass die jungen Menschen diese Fähigkeiten nicht haben, ja, nicht haben können, da sie ja niemals auf Grund freier Meinungsäußerung Vorsicht walten lassen mussten, um nicht eventuellen Repressalien ausgesetzt zu sein.

Karrierefördernd ist freie Meinung heute auch nicht immer.

Tom Hirschmüller, Berliner Taxifahrer

Obwohl. Auch das ist nicht ganz richtig. Auch heute muss man schon genau überlegen, wo man etwas wie sagt. Heute landet man zwar nicht mehr in Hohenschönhausen oder Bautzen, aber karrierefördernd ist freie Meinung auch nicht immer. In meinem Beruf - Taxifahrer seit 35 Jahren in Berlin - spielt das zum Glück keine Rolle. Ich konnte - und tue das auch konsequent - meine Meinung äußern. Das hat mir schon wunderbare Begegnungen mit meinen Fahrgästen gebracht. Und glauben Sie mir, der Querschnitt der Bevölkerung in seiner Vielfältigkeit ermöglicht mir ein teilweise differenzierteres Bild, als es die Medien wiedergeben. Umso erfrischender ist es demzufolge, dass in der Berliner Zeitung in den letzten Monaten Autoren mit Ostsozialisation vermehrt ein starkes Auftreten zeigen. Das war nicht immer so.

Was für Sie das Jahr 1990 war, war für mich das Jahr 1989. Als die spannendste Zeit in meinem Leben beschreibe ich gerne die Zeit zwischen dem Sommer '89 und dem 18. März 1990. Danach fielen unsere Ideale aus dem Wendejahr, mit dem Aufbau einer neuen Gesellschaft als Ziel, wie ein Kartenhaus zusammen. Warum aber waren es trotz alledem die spannendsten Monate? Vom ersten Cut des Eisernen Vorhangs an der österreich-ungarischen Grenze bis zu den ersten freien Wahlen '90 war theoretisch alles in diesem Land - wir reden von der DDR - möglich. Unvergessen die Tränen meiner Frau jeden Abend bei der Tagesschau, als immer mehr Menschen sich auf den Weg gen Westen über Ungarn, Polen, die CSSR machten. Und ich der Meinung war, auch die größte DDR der Welt wird sich nicht ewig Reformen verschließen können.

Und ich wollte nicht weg. Das wiederum konnte meine Frau überhaupt nicht verstehen. Materiell ging es uns auskömmlich gut, aber das ist ja nur ein Aspekt des Lebens. Eine sichere soziale Existenz, Arbeit, Freunde, all das hätte man zurücklassen müssen. Und alles nur für die sogenannte Freiheit? Auch Freiheit ist nicht absolut, sie ist immer relativ. Natürlich war das alles nicht lustig, nicht zu seinen Verwandten in den Westen zu können, Einschränkungen in der Meinungsbildung durch verbotene Literatur zu haben, aufzupassen, wo man was sagen kann. Alles nicht lustig. Und dagegen sind wir ja auch auf die Straße gegangen im Herbst '89. Und wir haben gewonnen! Und was kam dann?

Nach der ersten Euphorie für viele der große Katzenjammer. Dass Politiker - und nicht nur aus dem Westen - den Menschen in Ostdeutschland erklärten, dass es bei einer möglichen Wiedervereinigung auf dem Gebiet der ehemaligen DDR eine „vorübergehende“ Arbeitslosigkeit geben werde, war nicht nur grob fahrlässig. Es war schon kriminell. Für mich war dann eine der größten Enttäuschungen der Nachwendezeit die Tatsache, mitansehen zu müssen, dass meine lieben ostdeutschen Landsleute ihre vermeintlich bessere politische Bildung und Aufgeklärtheit dem Wedeln von Kohls Bananen und dem Versprechen der D-Mark geopfert haben. Haben wohl alle vergessen, was man im Geschichtsunterricht 10. Klasse gelernt hat. Arbeitslosigkeit gehört zum Wesen des Kapitalismus. Und nicht nur vorübergehend. Die Sehnsucht nach D-Mark und Freiheit war wohl größer als die Ratio.

Um Missverständnissen vorzubeugen: Ich vermisse und ich sehne mich NICHT nach dem real existierenden Sozialismus à la DDR zurück. Aber wer das Privileg hatte, in zwei Systemen zu leben, deren Übergang auch noch unbutig verlaufen ist, der verfügt in meinen Augen über einen ideellen Reichtum, der nicht zu unterschätzen ist. Es gibt nicht nur falsch und richtig, nicht nur schwarz und weiß. Die Gesellschaft ist nun einmal wesentlich vielschichtiger. Und ich merke es immer wieder in Gesprächen und zum Teil auch über die Medien, dass auch von Menschen mit Westsozialisation differenziert diskutiert wird. Es ist übrigens eine der größten Errungenschaften meinerseits, dass ich mir nach 1990 ein sehr starkes Selbstbewusstsein angeeignet habe. Und mein Leben lasse ich mir von Menschen, die nie hier gelebt haben, schon gar nicht erklären.

Und ja, ich denke, Sie haben recht. Ostdeutsche haben auf Grund ihrer Lebenserfahrung der letzten 30 Jahre einen anderen Umgang mit der neuen Krisensituation. Wir haben soviel er- und überlebt, das macht uns nur noch stärker.

Tom Hirschmüller, Berlin


Gestern las ich Ihren Artikel - und mir fiel auf, dass sich in der vorigen Woche, als wir noch nicht im Lockdown waren und mit jüngeren Kollegen zusammenstanden, Gespräche ebenfalls um dieses Thema drehten - die Parallelen der heutigen Situation mit dem Ende der DDR 1989/90.

Ich selber war damals 25, und ich war in diesem Oktober in Berlin und dort auf der Straße. Als Absolvent, mein Studium war 1988 zu Ende gegangen, hatte ich alle Möglichkeiten und keine Verpflichtungen. Keine Kinder, keine Frau, niemanden, der sich unnötige Sorgen hätte machen müssen - dafür Freunde in dem, was wir damals die Bohème nannten, die Wohnungsbesetzer und Überlebenskünstler vom Prenzlauer Berg, von Leipzig Connewitz und der Dresdner Neustadt. Aber zurück zum Thema.

... dass wir nach dieser Krise, dieser Umwälzung endlich, endlich den Westdeutschen, die ja bis heute immer noch meinen, es habe sich doch gar nichts verändert damals, sagen können: Siehste, so war das damals für uns auch.

Dirk Moebius, Berlin

In den Gesprächen mit den jüngeren Kollegen, die die DDR nur als Kinder oder gar nicht erlebt haben, kamen wir auch darauf, daß die BRD jetzt die Erfahrung machen würde, die wir damals machten (das Brecht-Zitat, das damals Steffi Spira am Ende der großen Demonstration vom 4. November brachte: „So, wie es ist, bleibt es nicht. Wer noch lebt, sage nicht 'Niemals'.“) Und dass wir nach dieser Krise, dieser Umwälzung endlich, endlich den Westdeutschen, die ja bis heute immer noch meinen, es habe sich doch gar nichts verändert damals, sagen können: Siehste, so war das damals für uns auch.

Aber es gab auch noch einen anderen Punkt. Die Situation war damals in manchen Aspekten vergleichbar mit der heutigen. Ewige Wahrheiten galten nicht mehr, die Statements der Politiker von heute galten morgen nichts mehr, die Marschrichtung änderte sich täglich. Aber es gibt da, meines Erachtens, einen großen Unterschied: Die Grundstimmung der Mehrheit war in etwa: „Ja, wir haben hier ein Chaos, ja, wir wissen nicht, was morgen ist, aber am Ende werden wir im Land der Goldenen Berge sein.“ Es gab da eine Zuversicht (wie berechtigt oder unberechtigt die gewesen sein mag, ist wieder ein weites Feld), die viele Menschen über diese Zeit trug.

Diese Zuversicht sehe ich heute nicht, es ist ein: „Wir haben hier ein Chaos, wir wissen nicht, was morgen ist, aber wir sehen auch keinen Silberstreif am Horizont.“

Und der autoritäre Backlash, der Putsch der Exekutive, dem wir gerade beiwohnen, trägt auch nicht direkt dazu bei, Hoffnungen zu machen - aber das ist wiederum ein anderes Feld.

Dirk Moebius, Berlin


Im Oktober 1989 bin ich 18 Jahre alt geworden und war Schüler der  12. Klasse an der EOS W.I. Lenin in Königswusterhausen, als die Wende 89 das Leben auf den Kopf stellte. Interessiert und mit sehr viel Mitgefühl verfolge ich die Situation der heutigen Schüler und Gymnasiasten in den Abschlussklassen.

1989/90 hat sich kein Mensch um unsere Lage gekümmert. Zeit und Nerven zum Lernen hatte ich keine, die Mauer wurde geöffnet, wir liefen berauscht durch West-Berlin, vorbei an der Siegessäule, die Freiheit eröffnete uns ungeahnte Möglichkeiten, unsere Abiturnoten wurden um etliche Kommastellen herabgesetzt. Das nun doch mögliche Architekturstudium geriet in ungeahnte Ferne, denn dafür war in Berlin ein NC von 1,0 erforderlich.

Die ‚Generation Wende‘ kam aus einem kaputten System, einem kaputten Staat, in ein völlig unbekanntes, vom Geld dominiertes System.

Alexander Wähmer

Sechs Jahre später wurde es dann durch beharrliches „Warten“ doch noch möglich. Über zwölf „Wartesemester“ waren dafür erforderlich. Viele Jahre später bin ich nun glücklich in diesem Beruf tätig.

Aber wie viele haben es nicht geschafft? Die „Generation Wende“ kam aus einem kaputten System, einem kaputten Staat, in ein völlig unbekanntes, vom Geld dominiertes System. Und genau davon hatten gerade die Menschen aus den neuen Bundesländern am wenigsten. Alles änderte sich, und das war auch gut so, und so dringend herbeigesehnt! Ich habe als 13-Jähriger heimlich Orwells 1984 gelesen und wusste, ich lebe in einem solchen Staat.

Heute bin ich froh, meine Kinder und mein erstes Enkelkind in einer zum Teil freien, demokratischen und humanistischen Welt heranwachsen zu sehen und aktiver Teil meiner Familie sein zu können. Meinen Eltern und vielen anderen war das damals nicht so möglich. Sie hatten zum Teil mit Jobverlust, Karriereverlust, finanziellen Schwierigkeiten, mit dem Wegbrechen des sozialen Umfeldes und zigtausendfachem Wegzug von Familie, Partnern und Freunden zu kämpfen und darunter zu leiden.

Nach 30 Jahren und im Anbetracht dieser weltweiten Pandemie, daran zu erinnern und die daraus gewonnene Stärke zu erkennen, finde ich den richtigen Weg! Die Weltgemeinschaft erlebt die heftigsten Wachstumsschmerzen der letzten hundert Jahre. Trotzdem fühle ich mich durch meine Erfahrungen der letzten 48 Jahre in der Lage, das zu schaffen. Und auch wenn Frau Merkel es diesmal nicht sagt, aber: Wir schaffen DAS!

Alexander Wähmer, per E-Mail


Mit Ihrer Wahrnehmung „Ein bisschen wie damals“ treffen Sie ganz sicher nicht nur bei mir ins Schwarze. Auch wenn ich in Ihrem „Wunderjahr“ noch vier Jahre älter als Ihr damaliger Partner war, zum Mauerfall ebenfalls in einer Kurzzeit-(Schein)ehe steckte und schon bald darauf von West- nach Ost-Berlin zurückgekommen war. Glücklich über die Chance, hier am Ort meiner Herkunft noch einmal ganz von vorn anfangen zu können. Auch mein Vater verlor viel, aber nicht die Selbstachtung. Dank seines als „staatstragend“ eingestuften Jobs als Dozent war es u. a. vorbei mit dem angemessenen Auskommen am Lebensabend: „Zur Strafe“ gab’s die Mindestrente bis zum Ende! Der Grund waren übrigens seine Vorlesungen zum Thema „Französische Literatur“ vor angehenden Journalisten. Auch mir fallen viele Gründe ein, über das Jahr 1989/90 zu schreiben, festzustellen, dass nicht nur die Deutschen, sondern auch wir Ostdeutschen nach wie vor tief gespalten sind. Insbesondere in unserem Blick auf das, was die einen Wende und die anderen Mauerfall nennen.

Ich halte den Serienstart zur „Zeitenwende“ für einen großartigen Ansatz, den ich - mit Verlaub - der Berliner Zeitung nicht zugetraut hätte. Bitte, enttäuschen Sie mich und Ihre übrigen Leser nicht!

Wolfgang Papenbrock, Berlin


Ihre Serienidee finde ich prima! Über die Vermengung mit dem gegenwärtigen Top-Thema „Covid-19“ muss ich nochmal nachdenken. Vielleicht wird mir der epochale Umschwung erst mit der Zeit deutlich. Momentan habe ich das Gefühl, dass das, was „danach“ kommt, durchaus kalkulierbar ist. Die Abwicklung der DDR hat bewiesen, dass wir über immens starke ökonomische Kräfte verfügen.

Bei einem Satz bin ich sofort steckengeblieben: „Statt für eine ostdeutsche Verfassung zu kämpfen, fuhr ich mit dem VW Polo eines Westfreundes gegen einen Zaun, weil ich die Bremse nicht fand.“ Nicht nur die Metapher sitzt, sondern auch die Feststellung, dass sich die damalige junge Erwachsenengeneration zu wenig Gedanken gemacht hat, was da kommen mag. Zu wenig Ambitionen, Gestaltungswillen, Engagagement. Ziele?

Ich bin Jahrgang 75. Ich kann mich rausreden. Aufgewachsen in einem kleinen brandenburgischen Nest, Bezirk Potsdam. Wir waren sehr wach und interessiert daran, was um uns herum passierte. Wir haben in jeder Pause diskutiert, zum Teil auch mit Lehrern. Meine Zeit war ja nicht mehr so dogmatisch. Ich hatte von der Stasi erstmals in der Wendezeit gehört. Gute Grundlagen, tolle Aussichten!

Ich kann mich an eine Situation im Gesellschaftskundeunterricht erinnern, der den Stabü-Unterricht schnell und ohne viel Federlesen ersetzt hat. Unsere Lehrerin fragte uns in der Zeit, über die wohl Herr Wolfram eine Rede hielt, ob wir uns als Klasse eher eine veränderte DDR vorstellen können, oder ein neues Deutschland. Wir waren 28 Schüler. Eine herausragende Mehrheit war für die DDR. Die Heimat. Nur zwei Gegenstimmen. Ich weiß heute noch die Namen. Nicht weil ich mir das so präzise hätte merken können, sondern wohl eher, weil die Biografien der beiden bzw. die ihrer Eltern so verliefen, wie man sich das in der neuen Welt so vorgestellt hat. CDU-Ortsvorstand und einer der ersten Unternehmer im Ort.

Warum ist dieser Zusammenhalt – das Gemeinsame, das wohl jeder beschreiben kann, der in der DDR aufgewachsen ist – so sehr aus unserem Leben verschwunden? 

Steffen K., Spanien 

Sie hatten das Unverständnis Westdeutscher sehr gut mit einfließen lassen. Ich selbst habe das nie so erfahren. Aber ich kenne die Lebensläufe meiner Eltern, meiner Familie etc. Da ist vieles schiefgelaufen. Bei dem Thema, dem Sie sich nun annehmen wollen und zu dem ich Ihnen schreibe, besteht (erneut) große Gefahr für neue Angriffsfläche für den Berliner Verlag. Aber es gäbe so viel, über das Sie in diesem Kontext schreiben und recherchieren könnten. Gab es eigentlich ernstzunehmende Strömungen/Engagements in Zeiten der Wende, die sich für eine reformierte DDR eingesetzt haben? Die Großdemonstration auf dem Alexanderplatz mit Stefan Heym hatte ja noch diesen Tenor. Für was sind die Leute wirklich auf die Straße gegangen? Wie definieren diese ehemaligen Demonstranten heute Freiheit? Stimmt es, dass Wolfgang Schäuble der einzige populäre West-Politiker war, der sich offen für die Gestaltung von etwas Neuem aus Ost und West geäußert hat? Warum ist dieser Zusammenhalt - das Gemeinsame, das wohl jeder beschreiben kann, der in der DDR aufgewachsen ist - so sehr aus unserem Leben verschwunden? War dieses Sozialistische wirklich so schwer finanzierbar? War die DDR wirklich so unwirtschaftlich? Haben wir noch eine soziale Markwirtschaft? 

Mich hat die Frage immer beschäftigt, warum es damals so wenig Willen gab, diese kleine DDR wieder aufzupolieren. Und seit einiger Zeit immer wieder mehr. Berlin war so lange verschlafen, so schön. Ich lebe nicht mehr dort, aber ich habe die Zeiten mitbekommen, wo sich Wohnraum immer mehr verknappt hat und es auch immer mehr soziale Veränderungen gab. Und natürlich stellt sich da die Frage, die aus Ihrem Text hervorgeht: Kann man aus diesem Stillstand nicht etwas Neues machen, etwas Besseres? Ich wünschte es uns allen. Die 90er waren toll. Freiheit! Heute hat Freiheit etwas mit Möglichkeiten zu tun. Mit Geld! Das muss man wieder ändern. Ich wünsche Ihnen, dass Sie da etwas rauskitzeln können, was meine Generation bewegt, aber niemand so richtig formulieren kann. Ob das Gewonnene den Verlust überwiegt.

Steffen K., Brandenburger in Spanien


Mein Leben in der DDR, von der Schulzeit über die Jahre des Studiums bis hin zur Arbeit im Beruf, war geprägt von dem ständigen Empfinden des Drucks, den der Staat auf alle seine Bürger und Bürgerinnen ausübte. Gleichzeitig war da das Bestreben, mich nur so weit wie unbedingt nötig anzupassen, um einigermaßen vor mir selbst bestehen zu können. Gott sei Dank gab es Freiräume: für mich vor allem die Familie, die Freunde, die Kirchengemeinde. Abgesehen vom Jahr 1989, in dem ich mich in die Listen des Neuen Forums einschrieb, an Veranstaltungen der neu gegründeten Gruppen und selbstverständlich an der Demonstration am 4.11.89 mit selbstgemaltem Plakat teilnahm, war ich kein Oppositioneller. Trotzdem erlebte ich in meiner beruflichen Entwicklung massive Einschränkungen. Sie hatten damit zu tun, dass ich 1968 aus der FDJ ausgetreten war, Wehrersatzdienst in einer Baueinheit geleistet hatte, manchmal bei den Wahlen die Kabine benutzte usw. - nichts also, was gegen die Gesetze der DDR verstoßen hätte.

Und auch das darf ich jetzt: Leserbriefe schreiben, ohne dass sie zensiert werden.

Helmut Wilhelm, Berlin-Lichtenberg

Der Schock des Jahres 1990 war für mich das Ergebnis der ersten und letzten freien Volkskammerwahlen am 18. März. Die Menschen, denen wir verdankten, dass wir frei wählen durften, wurden so bestraft, wie ich es mir nie hätte vorstellen können. Wenn immer wieder darüber geklagt wird, dass die BRD sich die DDR als Sieger vereinnahmt hat, habe ich dafür kaum Verständnis. Die große Mehrheit der Bevölkerung wollte es doch so. Die Demokratie war den meisten offensichtlich viel weniger wichtig als die DM. Dass die nicht gleichmäßig und ständig in großer Menge auf alle herabrieseln würde, hätte jeder aus den Nachrichten und aus den ML-Kursen wissen können. Aber vielleicht musste ja alles so schnell gehen – ohne Nachdenken und ohne Bemühen, eventuell Sinnvolles aus der DDR zu übernehmen.

Am Tag nach der Wahl durfte ich das erste Mal dienstlich nach Moskau reisen, was mir vorher verwehrt wurde, denn ich war kein Reisekader, nicht einmal für das SW. Bis dahin mussten immer andere Kollegen meine Angelegenheiten bei unserem sowjetischen Partnerunternehmen für mich verhandeln. Und was noch viel großartiger war: Jetzt konnte ich auch privat reisen, wohin ich wollte. Im Juni besuchte ich mit meiner Familie Freunde in England. Als sie uns ein paar Monate zuvor eingeladen hatten, hielt ich das noch für vollkommen utopisch.

Und auch das darf ich jetzt: Leserbriefe schreiben, ohne dass sie zensiert werden. Der einzige Leserbrief, den ich in DDR-Zeiten an das ND geschrieben hatte, wurde zwar nicht veröffentlicht, aber in meiner Stasi-Akte für alle Zeiten aufbewahrt. Danke dafür, liebe Genossen! Als ich am 15. Januar 1990 mit vielen anderen vor eurem Tor in der Normannenstraße stand, wusste ich das noch nicht.

Helmut Wilhelm, Berlin-Lichtenberg


Mit großem Erstaunen habe ich Ihren Artikel und zwischenzeitlich die Rede des Herrn Klaus Wolfram, auf den Sie Bezug nehmen, in der heutigen Ausgabe der Berliner Zeitung gelesen. Am meisten hat mich (negativ) beeindruckt, dass Sie angeblich - vor dem Mauerfall - gar nicht gewusst haben wollen (was wohl so viel heißen soll wie, dass Sie sich dessen nicht bewusst gewesen seien), dass Sie unfrei gewesen sind. 

Haben Sie nicht gewusst, dass die DDR von der Bundesrepublik durch eine durchgehende Grenzbefestigungsanlage mit Schießbefehl (der oft genug "erfolgreich" ausgeführt wurde) getrennt war, die kein DDR-Bürger ohne Lebensgefahr und ohne das Risiko langer und menschenunwürdiger Strafen überwinden konnte?

Haben Sie nicht gewusst, dass Ost-Berlin von West-Berlin durch eine ebenso gesicherte Grenzmauer getrennt war? Haben Sie nicht gewusst, dass DDR-Bürger nicht in westliche und nur in wenige östliche Länder reisen durften und damit auch insoweit in ihrer Bewegungsfreiheit beschränkt waren?

Haben Sie nicht gewusst, dass das gesamte Land - sprich die gesamte Bevölkerung – außer der ständigen Bevormundung durch die SED ständiger Überwachung durch die zum Schluss nahezu 100.000 Mitarbeiter und zahllose IMs zählende Stasi ausgesetzt war?

Klaus Gallinger

Haben Sie nicht gewusst, dass die DDR von einem auf Pseudo-Wahlen beruhenden und daher undemokratischen SED-Regime diktatorisch regiert wurde, gegen das niemand aufbegehren durfte, ohne ebenfalls drakonisch harte Strafen zu riskieren und in unmenschlichen Stasi-Gefängnissen unmenschlicher Behandlung ausgesetzt zu sein? Haben Sie das Stasi-Gefängnis in Hohenschönhausen schon mal besucht?

Haben Sie nicht gewusst, dass das gesamte Land - sprich die gesamte Bevölkerung - außer der ständigen Bevormundung durch die SED ständiger Überwachung durch die zum Schluss nahezu 100.000 Mitarbeiter und zahllose IMs zählende Stasi ausgesetzt war, die auch nicht davor zurückschreckte, Wohnungen zu verwanzen und Eheleute sowie Eltern und Kinder gegeneinander auszuspionieren und auszuspielen?

Haben Sie nicht gewusst oder davon gehört, dass die Stasi - und nicht die Polizei - die wirkliche „Ordnungsmacht“ im Land war und - ohne konkrete rechtliche Grundlage - de facto nahezu Allmachtbefugnisse hatte und inhaftierte Regimegegner langdauernder psychischer Folter unterwarf, um Geständnisse über Mittäter oder andere „Regimegegner“ zu erpressen?

Ich weiß, dass um den Begriff „Unrechtsstaat“ seit langem ein erbitterter politischer Streit tobt. Ich weiß auch, dass die Verfechter der damaligen DDR immer wieder ins Feld führen, dass viele Gesetze der DDR mehr soziale Gerechtigkeit - insbesondere für die sogenannten kleinen Leute - gebracht hätten, als dies in der Bundesrepublik der Fall gewesen sei. Das mag alles sein, und ich will das kapitalistische System der westlichen Staaten mit all seinen Auswüchsen auch gar nicht verteidigen; aber kann man einen Staat, der die grundlegenden Menschenrechte, zu denen zuvörderst die Menschenwürde, das Leben, die Gesundheit und die Freiheit gehören, wirklich als Rechtsstaat bezeichnen, nur weil er auch positive Gesetze hervorgebracht hat? Für mich ist das nicht denkbar. Von daher empfinde ich die Bezeichnung „Unrechtsstaat“ als gerechtfertigt, obwohl ich von meinem 12. bis zu meinem 18. Lebensjahr selbst darin gelebt habe. Diese Bezeichnung richtet sich ja auch keinesfalls gegen die Gesellschaft, d.h. die Bürger, sondern nur gegen die politische Führung des Landes.

Obwohl mir natürlich bekannt ist, dass viele Menschen aus der alten Bundesrepublik sich beim Umbau der DDR-Wirtschaft arrogant verhalten haben (was häufig darauf zurückzuführen war, dass die DDR-Bürger sich weder mit der kapitalistischen Wirtschaftsweise und deren täglicher Praxis noch mit der hierin integrierten modernen Technik auskannten), darf man nicht den zwangsläufigen Schluss ziehen, dass die Mehrheit der „Westdeutschen“ den „Ostdeutschen“ gegenüber von einem Gefühl der Überlegeneheit geprägt seien.

Mir ist auch bewusst, dass zahlreiche Lebensläufe von Menschen aus der DDR durch die und an der Wende zerbrochen sind. Das sollte aber kein Grund sein, „den Wessis“ nun alle Schuld daran zu geben. Man darf nicht vergessen, dass die Mehrheit der DDR-Bürger die Wiedervereinigung gewollt haben, wenngleich sie natürlich keine genaue Vorstellung davon hatten, welche Konsequenzen dies für ihr Leben bedeuten würde. Es ist in meinen Augen auch verständlich, dass manche Westdeutsche gelegentlich darauf verweisen, in welch ungeheurer Größenordnung finanzielle Ressourcen nach der Wende zum Aufbau einer neuen Infrastruktur und Wirtschaft von West nach Ost geflossen sind, denn schließlich sind diese Mittel in erster Linie - wenn auch nicht ausschließlich - von den westdeutschen Steuerzahlern aufgebracht worden. Wenn es umgekehrt gelaufen wäre, würden das die Ostdeutschen sicher auch tun.

Klaus Gallinger, per E-Mail


Mit großer Freude las ich von Ihrer Serie „Zeitenwende“. Das ist eine tolle Idee und Initiative. Mir ging es ähnlich. Ich war zur Wende gerade 11. Und bereits kurz nach dem 17. März, als wir alle vor diesem großen Chaos standen, kamen die Gefühle von damals wieder hoch; wie es ist, wenn plötzlich Systeme, Gesetze und Gewohnheiten von heute auf morgen nicht mehr funktionieren. Das flexible Umdenkenmüssen hat mich sehr an damals erinnert. Und es war so, als wäre alles noch einprogrammiert ...

Nun ist ja schon etwas Ruhe in dieses neue Leben eingekehrt. Gestern saß ich mit meiner Familie auf dem Hinterhof und habe mich über die Entschleunigung gefreut, die diese Krise mit sich bringt, über die Ruhe, den ausbleibenden Flugzeuglärm. Und die Höfe klingen wie früher. Man hört Kinderstimmen, kickende Fußballjungs und die Kinder bauen Buden aus dem, was sie in den Höfen finden. Das hat mich sehr an früher erinnert.

Almut Koch, Berlin


Auch ich (Jahrgang 1947) zähle zu den Menschen, die derzeit ihre zweite „Zeitenwende“ erleben und noch gar nicht richtig zur Besinnung kommen, vor welch großer Umwälzung unseres bisher so gewohnten Lebens wir momentan stehen. Doch sehe ich es als einzigartige Chance, dass wir nicht wieder in ein „Weiter so im Turbowohlstand“ zurückfallen dürfen, wenn die gegenwärtigen Restriktionen gelockert werden können.

Denn schon direkt vor der Haustür steht mit der Klimakatastrophe die dritte „Zeitenwende“, die wir dann aber schon nicht mehr in ein paar Wochen/Monaten aussitzen können in der Hoffnung auf einen Impfstoff. Diese „Zeitenwende“ ist dann entscheidend für den Fortbestand der Menschheit.

Besorgt bin ich, dass die Medien NUR noch das Corona-Thema hin und her wenden. Die Themen von „Fridays for future” und Greta Thunberg sind anscheinend in die Bedeutungslosigkeit abgetaucht und z.B. dem „Nicht-mehr-reisen-können“ wird nachgetrauert. Weder die Politik, noch die Öffentlichkeit lassen erkennen, dass dieses Bewusstsein der kommenden Katastrophe angekommen ist. 

Rolf Held, Berlin-Lichtenberg