Gesperrter Spielplatz in Corona-Zeiten: „Die Überflussgesellschaft trägt sicher nicht zur Kreativität des Einzelnen bei.“
Foto: Ostkreuz/Sebastian Wells

Seit dem Start unserer Serie Zeitenwende am 4. März 2020 haben wir zahlreiche Mails bekommen, in denen Leserinnen und Leser über eigene Erfahrungen berichten, uns ermutigen oder widersprechen. Wie auch immer die Reaktionen ausfallen, wir haben das Gefühl, einen Nerv getroffen zu haben, und dokumentieren im Folgenden die Debatte. Schreiben Sie uns gern Ihren persönlichen Kommentar an: zeitenwende@berlinerverlag.com

Zu Maritta Tkalec: Eigentum des Volkes. Lehren aus dem Zusammenbruch, erschienen am 11.4.2020

Danke Maritta Tkalec für diese ausgezeichnete Anlayse. Die macht klar: Bei der gewollten und für sehr viele Menschen schmerzaften Zerschlagung der DDR-Wirtschaft hat eine Mehrheit verständlicher Weise DDR-frustrierter und DM-gieriger ehemaliger DDR-Bürger mitgeholfen, die nicht begriffen hatten, welche Errungenschaften sie damit gleichzeitig leichtfertig aufgeben. Sie sind etlichen zweckvoll verbreiteten Lügen zum Opfer gefallen. Was hätte werden könnnen, wenn die positiven Seiten beider Systeme hätten zusammengelegt werden können: Volkskapitalismus durch Anteilsscheine am angeblich wertlosen Volkseigentum, damit strukturell verankerte Demokratie. Eine fortschrittliche gesamtdeutsche Verfassung nach den Entwürfen des Runden Tisches. Bei dem hohen Bildungsgrad der DDR-Bevökerung durch ein – abgesehen von ideologischen Verzerrungen – ausgezeichnetes Bildungssystem hätten es eigentlich genügend viele besser wissen können. Schade.

Dr. Hans-Volker Pürschel, Berlin


Für Essays wie diese liebe ich die Berliner Zeitung – immer noch die einzige - von der ich weiß -  dass dort die Wiedervereinigung stattgefunden hat.

Und jetzt? Wird man die jüngste Debatte um die Schließung kleiner Krankenhäuser beerdigen? Werden Privatisierungen auf den neu entdeckten, systemrelevanten Feldern rückgängig gemacht? Wird die Mär, der Staat könne nicht wirtschaften und müsse das den privaten Anbietern überlassen, verhungern? Oder stehen nicht schon wieder die Großen am Gabentisch des Staates, um ihre Bilanzen aufzuhübschen und der Mittelstand verdampft? Und werden nicht in Zukunft wir alle wieder den Gürtel enger schnallen müssen, weil wir ja einen Riesenschuldenberg aufgebaut haben? Ich wünschte so sehr, dass dies Zeiten für Utopien sein könnten. Allein mir fehlt der Glaube – weil wir einfach nicht auf die Straße gehen wollen, um unsere zornig bebenden Fäuste in den Himmel zu recken – und momentan dürften wir es nicht einmal.

Petra Viek


Maritta Tkalec beschreibt die Schicksalstage der Ossis mit Kompetenz und Herz. Sie legt Ursachen offen, warum in Osten eine Unruhe noch 30 Jahre anhält. Danke auch für die Hintergründe der Wahlerfolge der AfD.

Günter Buhlke, Berlin/Zürich


Zu Klaus Wolfram: „Der Mutige wird wieder einsam“, erschienen am 6.4.2020:


Meine Hochachtung für den heutigen Artikel der Serie „Zeitenwende“.  Denn nur durch eine Aufarbeitung der letzten 30 Jahre und der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland bis 1990 kann ein Auseinander brechen der Gesellschaft verhindert werden. Nach dem Wechsel der Eigentümer der Berliner Zeitung war ich skeptisch und dachte, das ist nur alter Wein in neuen Schläuchen. Glücklicherweise hat sich das bisher nicht bestätigt.

Friedhelm Wendel


Wegen solcher Artikel liebe ich die Berliner Zeitung, trotz alledem.

Wolfgang Wallich


Wie wunderbar, dass es der DDR-Obrigkeit - im Gegensatz zur BRD - gelungen ist, ihre Untertanen zu mündigen Bürgern zu erziehen und in eine selbstbestimmte Revolution zu führen. Ich empfinde es als geradezu zynisch, wie Herr Wolfram hier argumentiert.

Stefan Sievers


Analytisch herausragend und präzise auf den Punkt gebracht wird ein in vielen Teilen Ostdeutschlands existierendes Bauchgefühl in Fakten zusammengefasst.

Torsten Schlüter


Mit unerklärlicher Verspätung habe ich jetzt in der Berliner Zeitung Klaus Wolframs herausragende Rede vom 8. November 2019 gelesen. Diese Rede gehört in ihrer bestechenden Klarheit in die Schulbücher. Analytisch herausragend und präzise auf den Punkt gebracht, wird ein in vielen Teilen Ostdeutschlands existierendes Bauchgefühl in Fakten zusammengefasst.

Torsten Schlüter


Der Beitrag von Klaus Wolfram hat sicher bei vielen ehemaligen Ostdeutschen alte Wunden wieder aufgerissen. Das Beleidigendste was ich in einem „Reinigungsgespräch“ erfahren mußte, war: „Ihr braucht nicht wieder zu arbeiten, wir ernähren Euch doch mit“. Kann es auch sein, daß viele Ostdeutsche gern gearbeitet haben (oder hätten) und manche auch gebraucht wurden und weiterarbeiten durften?

Prof. i.R. Dr. Reinhart Metz


Diese Rede von Klaus Wolfram vom 8. November 2019 in der Akademie der Künste ist eine in ihrer Wahrhaftigkeit beeindruckende Beschreibung dessen, was sich in den letzten dreißig Jahren in Ostdeutschland abgespielt hat. Und ich kann mir gut vorstellen, dass die von Herrn Wolfram ausgesprochenen Wahrheiten bei den heutigen Entscheidungsträgern in Politik und Wirtschaft und in der Kunst -so sie sich denn überhaupt dafür interessieren-  auf wenig Gegenliebe stoßen. Denn schließlich wähnen sie sich im Besitz der absoluten Wahrheit, schon gar, wenn es um die Einordnung dessen geht, was in den letzten 30 Jahren in der ehemaligen DDR geschehen ist. Und diese absolute Wahrheit wird uns tagtäglich in den sogenannten Leitmedien nahegebracht. Aber ich kann mir gut vorstellen, dass viele Ostdeutsche (ich gehöre auch mit dazu) Herrn Wolfram Respekt zollen, zumal er meines Erachtens immer noch Bürgerrechtler ist.

Werner Stibane


Warum muss denn jetzt noch mehr gejammert werden? Entmündigung, Belehrung durch die Westdeutschen. Was soll das?

Wenn Sie ernsthaft eine Analyse über die Zeit der DDR, des Umbruchs und der Zeit danach erstellen wollen, müssen Sie auch am Anfang beginnen und nicht mittendrin. Und der Anfang war die tolle Idee des Sozialismus, der nie auch nur ansatzweise funktioniert hat. Dafür hat diese feine DDR enteignet, entmündigt und Leute, die dagegen angegangen sind, denunziert, weggesperrt oder einfach erschossen.
Und bitte behaupten Sie jetzt nicht, das stimme nicht. Ich durfte 30 Jahre in diesem  Staat leben. Und was haben die ach so armen DDR Bürger gemacht in den 30 Jahren? Zum größten Teil haben Sie weggeschaut. Ein paar haben fleißig mitgemacht. Viele sind abgehauen. Und ganz wenige hatten den Mut, aktiv gegen diesen Staat anzugehen. Und Sie beklagen jetzt, dass nachdem dieser Spuk endlich vorbei war, die DDR Bürger entmündigt und belehrt wurden? Wen meinen Sie denn jetzt da konkret? Meinen Sie die alten Bonzen und Stasis? Oder die Menschen, die schon vor 89 rüber sind? Oder die große Menge derer, die meist die Klappe gehalten haben und sich gedacht haben, das geht schon noch vorbei? Oder meinen Sie sich selbst? Für wen sind Sie der Anwalt?

Den Ruf nach Anerkennung der Lebensleistung der Ostdeutschen verstärken? Was ist das: Lebensleistung? Wie wird das bemessen?

Rainer Schmidt

Und Sie beklagen, dass alle Posten von Westdeutschen übernommen wurden. Ja und? Gab es denn im Osten geeignetes Personal? Wo sollte das auch herkommen? Die Leute, die wirklich etwas konnten und auch Führungsqualitäten besaßen (oder entwickelt haben), sind in den Westen gegangen - vor 89 und auch noch lange danach. Oder hatten ihre Führungsqualitäten bei SED und Stasi erworben - waren also auch nicht wirklich geeignet für einen Neuanfang nach 89.

Beleuchten Sie doch mal Politiker aus dem Osten, die nach 89 Karriere gemacht haben. Schauen Sie sich Leute wie Herrn Stolpe oder Herrn Gysi doch mal genauer an. Wollten Sie von denen noch mehr in der Politik?

Tut mir leid, aber an Ihrer Kritik fehlt mir die Substanz. Und was erreichen Sie denn jetzt damit? Den Ruf nach Anerkennung der Lebensleistung der Ostdeutschen verstärken? Was ist das: Lebensleistung? Wie wird das bemessen? Und gilt das dann nur für Ostdeutsche? Während wir im Osten mit Winkelementen rumgerannt sind und Hurra gebrüllt haben, sind meine Verwandten in West-Berlin und Westdeutschland arbeiten gegangen. Denen im Westen hat man nämlich auch nichts geschenkt! Wird in der Diskussion gern mal vergessen.

Ich halte das alles für nicht wirklich hilfreich oder wie es neudeutsch heißt: Das spaltet mehr, als es irgendwelche neuen Erkenntnisse bringt.

Rainer Schmidt


Man kann der Redaktion nur Mut machen zur Serie „Zeitenwende“. Klaus Wolframs Text ist tiefgründig erhellend und das eigene Erleben auch im Heutigen bewusst machend.

Günter Böhme


Dieser Beitrag beschreibt die heutige Stimmung im Osten gut. Meine persönliche Sicht: Ich bin Jahrgang 1940, fühle mich bis heute nicht als Bundesbürger, sondern als Bewohner der ostdeutschen Kolonie. Ein naher Verwandter aus Aachen hat mir 1990 geschrieben, ich zitiere wörtlich: "In der DDR brauchte ja niemand zu denken, denn Denken tat der Dachdecker, und das Ergebnis sieht man ja heute". Damit sagte er indirekt, dass 16-17 Millionen DDR-Bürger ihren Kopf nur zum Haareschneiden hatten. Ein langer Antwortbrief von mir war das Ende unserer Beziehung. 

Bis heute ärgert mich sehr die unglaubliche Arroganz vieler Wessis gegenüber ihren „Brüdern und Schwestern“ aus dem Osten. 

Herbert Ritter


Tolle Rede! Danke an die Berliner für den Abdruck, da finde ich mich und meine Erinnerung an diese großartige Zeit, wo ich/wir ohne Angst auf Veränderung hofften, wieder. Der erste Schock kam nach der Wahl, als all die, die diese unglaubliche Hoffnung auf eine Zukunft in Demokratie, aber ohne Kapitalismus beförderten, abserviert wurden. Meine Nachbarn in meiner Wahlheimat Dresden antworteten auf meine verzweifelten Fragen: „Na, mir misse doch die wähle, die dos Geld hoben!“
Von Wolfram lese ich auch seit langem erstmals wieder, dass ja die staatlichen DDR-Behörden überhaupt zugelassen haben, dass diese radikalen Änderungen so friedlich verliefen. Einzelne hätten sicher gern dreingeschlagen .
Auch seinem Resümee kann ich nur beipflichten. Aber eine Hoffnung auf breit wirksame Versöhnung wird nicht erreicht werden, wer sollte sie initiieren?

Chris Jurscha


Ich habe den Artikel mit großem Interesse und großer Sympathie gelesen, zumal ich selbst Ostberlinerin bin und es die Seele streichelt, wenn man mal ausnahmsweise was Positives über Ostdeutsche liest. So manche Formulierung fand ich entweder poetisch oder erhellend, und den Beitrag insgesamt angemessen philosophisch, gegen den Strich des westdeutsch dominierten Mainstreams - aber eben nicht aus der Schmollecke heraus, sondern aus der Perspektive der kurz aufscheinenden Möglichkeit eines selbstbestimmten demokratischen Aufbruchs der Ostdeutschen, dessen baldiges Ende sich aber schon im März 1990 mehr oder weniger abzeichnete.

Trotzdem kann ich mir eine empörte Reaktion des Publikums (West) gut vorstellen, denn ausgewogen ist der Beitrag sicher nicht. Waren die Runden Tische wirklich so repräsentativ und „inklusiv“, dass sie etwa diejenigen einbeziehen würden, die gerade noch die Macht des Politbüros unterstützt hatten (Stasi, NVA, Polizei, Parteibürokratie)? Musste nicht das Neue Forum sich zum Aufbruch aus den verkrusteten Strukturen abgrenzen von der Bevormundung und Bespitzelung durch den alten Staatsapparat?

Dass die bewaffneten Kräfte sich entschieden, nicht auf ihr Volk zu schießen - das ist schon zu würdigen, hebt aber den Gegensatz zwischen ihnen und dem bespitzelten Volk nicht auf. 47% für die CDU - das sind aus meiner Sicht nicht 47% Konservative, sondern 47%, die an die Utopie eines Neuanfangs nicht glauben mochten, sondern ganz handfest den Regime Change durch die BRD herbeisehnten. Also Westgeld, Westwaren, Westfreiheit... und natürlich zu diesem Zeitpunkt nicht vorhersahen, dass das die ostdeutsche Wirtschaft in die Katastrophe führen musste. Sicher kann man die radikale Privatisierung der Treuhand als Brandbeschleuniger sehen, die grundlegenden Entscheidungen wie die Einführung der DM hatte bereits das Todesurteil über die weniger produktive und nicht wettbewerbsfähige Industrie gesprochen.

Ich gehörte zum Zeitpunkt des Mauerfalls zu den idealistischen Marxisten, die einen selbstbestimmten ostdeutschen Weg favorisierten, aber angesichts der Machtverhältnisse wenig Chancen sahen. Klar bin ich links geblieben, soziale Ziele, demokratische Methoden, Rechtsstaat, ein bisschen Ökologie - alles ganz nett, nur - wie richtig hervorgehoben in einer neuen medialen Bevormundung, ohne freien Meinungsaustausch, ohne Repräsentation in den neuen Strukturen und auch bis heute in den beruflichen Chancen beschnitten. Mir gefiel die Formulierung vom Mutigen, der einsam und vom Zweifler, der wieder schüchtern wurde.

Ganz entscheidend fehlten und fehlen uns Ostdeutschen Foren der Solidarisierung abseits von den Instrumentalisierungen der AfD. Deshalb müssen wir uns noch 30 Jahre nach dem Mauerfall von Westdeutschen vorhalten und vorschreiben lassen, dass unsere DDR-Abschlüsse nichts taugen, dass langjährige berufliche Erfahrung nichts wert ist. Ich musste mich kürzlich in einem Gerichtsverfahren zur beruflichen Anerkennung als „Wendeverliererin“ beschimpfen lassen.

Und klar ist doch, dass sich die Westdeutschen nicht ändern wollen, dass sie keinen Dialog mit den Ostdeutschen anstreben.

Kristine Leithold

Und klar ist doch, dass sich die Westdeutschen nicht ändern wollen, dass sie keinen Dialog mit den Ostdeutschen anstreben, dass sie eher bereit sind, die Realität total zu ignorieren und sich eine schiefe Perspektive des Sprechens über die DDR und die „friedliche Revolution“ zu eigen zu machen, als eigene Gewissheiten in Frage zu stellen.

Es ist ja richtig, dass die Außenperspektive auf diesen Aufbruch nicht richtig sein kann. Aber es ist auch wahr, dass die Bürgerbewegung nur einen kleinen Teil präsentierte und dass sie besiegt war, bevor sie 43 oder 44% der Bevölkerung hätte hinter sich bringen können. Es gibt außer in Berlin und Thüringen kein rot-rot-grünes Projekt. Und die dramatische Entwicklung um Ramelow zeigt, wie heftig die Gegenwehr vor allem in der CDU ist.

Dagegen zeigt Berlin, dass rot-rot-grün in der Praxis nicht die beste Figur macht. Die Sozialdemokraten und die Christdemokraten sind im Zweifel überwiegend westdeutsch und keineswegs fair den Ostdeutschen gegenüber, selbst wenn ein paar Ostdeutsche mitmischen dürfen - zu den Bedingungen der Wessis. Auch bei den Grünen gibt es nicht soviel Aufbruch, sondern eine Bürgerlichkeit der Arrivierten mit etwas Idealismus der Jüngeren gemischt.

Ich sehe kein politisches oder demokratisches Projekt der Ostdeutschen, das an das Neue Forum anknüpfen könnte oder wollte oder eine Solidarität der Ostdeutschen auf demokratischem Boden fördern könnte. Dass sich die wesentlich westdeutsche AfD in der dargestellten Weise der Ossis bemächtigen konnte (Denkzettel, Wut...), das ist nur eine weitere tragische Wendung. Und ein unwürdiges Ende der Revolution.

Nichtmal in der Literatur, Philosophie und Kunst haben wir Ostdeutschen einen wirklich eigenen prägnanten Eindruck hinterlassen, der je einen Wessi überzeugt hätte. Die Erzählung über das Leben der Anderen - blieb ebenfalls meist ein westdeutsches Projekt.

Unsere eigenen Bauchschmerzen mit der Bespitzelung und Bevormundung in der DDR relativieren sich langsam. Es ist nicht alles frei, demokratisch und rechtsstaatlich, was sich so nennt. Aber einen neuen selbstbestimmten demokratischen ostdeutschen Zusammenhalt den konnten wir in der Kürze der Zeit nicht erringen.

Wir sind überrollt worden. Vor allem wurden wir aber vereinzelt. Wir wurden zu Konkurrenten um knappe Arbeitsplätze und Zukunftschancen gemacht. Wir haben die soziale Gleichheit verloren, ohne die neuen Freiheiten richtig nutzen zu können, vor allem nicht im 'demokratischen' System der Machtstrukturen, der Medien, der Kunst und Kultur. Ausnahmen bestätigen die Regel, nur es gibt so wenige davon.

Kristine Leithold


Zu: „Das Wunderjahr“ und „Warum wir in der Corona-Zeit auf den Umbruch 1990 zurückschauen“

Sie haben mir ganz und gar aus der Seele gesprochen! 1989/90 war ich 36, 37 Jahre alt, verheiratet und wir lebten schon damals mit unseren drei Söhnen in einem kleinen Häuschen im heutigen Speckgürtel von Berlin.

Die Kinder und das Private standen neben der Tätigkeit in einer Kinderkrippe ganz vorn. Ich habe dem DDR-System keinen Tag nachgetrauert, aber sehr oft dieser wunderbaren Zeit bis ca. 1991. Ich übernahm damals die Leitung der Krippe und wir gestalteten die Einrichtung um, strickten ein völlig neues und in der DDR nie da gewesenes Konzept.

Wir orientierten uns an NRW und behielten die Kinder bis zum Schuleintritt – unter großer Kritik der Kindergärten. Wir haben es einfach getan. Wir haben altersheterogen und inklusiv gearbeitet, als dieser Begriff noch relativ „unbekannt“ war.

Kindern, Eltern und uns tat diese Veränderung gut. Wir fanden viel Unterstützung, und entgegen aller Unkenrufe: Die Schule bescheinigte unseren Schulanfängern gute kognitive und soziale Kompetenzen. Ich glaube, Menschen in der ehemaligen DDR mussten/durften schon immer kreativ sein. Grund dafür war nicht nur die Mangelwirtschaft, aber auf jeden Fall auch.

Die Überflussgesellschaft mit ihrer Wegwerfideologie trägt ganz sicher nicht zur Kreativität des Einzelnen bei. Das sieht man schon bei Kindern. Was denen aber einfiel in spielzeugfreien Zeiten oder in Feld und Wald, war unglaublich kreativ.

Und dann - wie komme ich an politischen und gesellschaftlichen Einschränkungen vorbei? Wie kann ich Kritisches sagen, ohne es zu sagen? (Beispiele: Renft, Pankow, Silly u.a.) Darüber muss man sich in der Bundesrepublik keine Sorgen machen – und das ist auch gut so, tatsächlich ein hohes Gut. Und dann ist plötzlich alles möglich. Mich hat der Film „Preis der Freiheit“ sehr beeindruckt. Und ich frage mich heute: Was wäre tatsächlich möglich gewesen, wenn es einen anderen Weg gegeben hätte?

Vielleicht wird den Entscheidungsträgern in Politik und Wirtschaft klar, dass es bestimmte Bereiche gibt, in denen es nicht um Gewinnoptimierung gehen darf!

Monika Kruschinski

Was mich heute hoffen lässt: Viele Menschen und das Leben insgesamt kommen zur Ruhe. Viele merken, was wirklich wichtig ist. Vielleicht wird mehreren klar, wie wichtig der Erhalt unserer ökologischen Grundlagen ist. Vielleicht wird einigen klar, dass es angenehm ist, den Himmel mit weniger Flugverkehr zu erleben. Vielleicht wird den Entscheidungsträgern in Politik und Wirtschaft klar, dass es bestimmte Bereiche gibt, in denen es nicht um Gewinnoptimierung gehen darf! Vielleicht kommen Entscheidungsträger der Rüstungsindustrie auf die Idee, dass man auch mit der Herstellung anderer Produkte (z.B. für erneuerbare Energien, Daseinsfürsorge etc.) Gewinne erzielen könnte. Vielleicht könnten manche einfach mit etwas Weniger zufrieden sein. Vielleicht könnte die Menschheit ganz nebenbei global denken …

Unsere neue Serie

Im 30. Jahr der Wiedervereinigung erleben wir erneut einen Umbruch in der Gesellschaft, ausgelöst durch die Corona-Krise. Die Berliner Zeitung begleitet diese Zeit, in der erneut viel Altgewohntes auf dem Prüfstand steht, mit Essays, Analysen, Interviews und Reportagen. Wir wollen Debatten führen und fragen, was wir aus dem Gestern für ein besseres Morgen lernen können.

Haben Sie eine Idee für die Serie „Zeitenwende“ oder wollen Sie uns Feedback geben? Schreiben Sie uns! zeitenwende@berlinerverlag.com
Sabine Rennefanz
Anja Reich

berliner-zeitung.de/zeitenwende

Was mich fürchten lässt, dass diese Hoffnungen sich nicht erfüllen könnten. Dass vielleicht zu viele denken: Endlich können wir wieder aus dem Vollen schöpfen. Ignoranz und Bequemlichkeit – ich sehe Leute, die mit dem Auto um die Ecke fahren, um ein Brot zu kaufen. Dass die Wirtschaft, die Reise- und Fluggesellschaften nun erst recht alles aufholen wollen und das ökologische System damit wieder überfordern werden. Wir alle wieder so mit uns beschäftigt sein werden, dass wir das Ganze dabei übersehen und alle möglichen Vorsätze vergessen. Wir eher den Weg des geringsten Widerstandes wählen, dem Lustprinzip folgend, der Verdrängung unangenehmer Gedanken an unangenehme Folgen nachgeben.

Eigentlich wird mir von Freunden und Bekannten ein unverbesserlicher Optimismus bescheinigt, dennoch – ich kann grad meine Zweifel nicht beiseite schieben. Und vielleicht ist auch das gut.

Monika Kruschinski


Es ist wunderbar, dass der Osten eine Stimme bekommt.

Meike Raßbach

Seit 33 Jahren bin ich Leserin der Berliner Zeitung. Nun erscheint zunächst zu meiner Verwunderung ein Logo „Zeitenwende“ auf der Titelseite der Wochenendausgabe, das mich sehr neugierig machte. Welch gute Idee, Dinge zusammenzubringen und nach gesellschaftlichen Lösungsmöglichkeiten zu suchen.

Schon der erste Teil in der heutigen Ausgabe zeigt, wie ernst Sie auch diesmal das Thema nehmen. Auf die weiteren bin ich schon jetzt gespannt. Es ist wunderbar, wie Befindlichkeiten und Hintergründe aufgegriffen werden und, ganz anders als in der überwiegenden Medienöffentlichkeit, der Osten eine Stimme bekommt, die es ermöglicht, sich zu erinnern, erneut nachzudenken und nachzuempfinden, wie und was diese Wende 1989/90 war. Viele persönliche Erinnerungen und Erlebnisse finden sich in den Artikeln der Berliner Zeitung über die Wendezeit dokumentiert. Sie bieten Raum und sind Grundlage für neue Gespräche und den Austausch mit Menschen, die die Zeit nicht oder aus dem fernen Westen erlebt haben. Mir fiel auf, dass wir im Osten auch nicht allzu viel darüber wissen, was die Leute im Westen jenseits der „großen Politik“ empfanden, was sie dachten und wovon sie träumten …

Auch für die nun begonnene neue Serie sage ich schon jetzt danke! Danke für die Art des Journalismus, der die Berliner Zeitung ausmacht. Ja, auch die Corona-Phase wird vorübergehen. Irgendwann werden wir uns erinnern an die Zeit des Homeoffice und hoffentlich auch daran, welche neuen Möglichkeiten wir plötzlich üben durften, ohne vorherigen Plan, und welche davon wir dann als völlig normal leben werden.

Ich möchte Sie und den Verlag ausdrücklich ermuntern, die Zeitenwende-Artikel und auch die vorherige Serie zum Mauerfall als Sammlung in einem Buch zu veröffentlichen. Die Artikel zu sammeln ist das eine, sie gesammelt in der Bibliothek zu haben jedoch etwas ganz anderes. Es sind wirklich wichtige Zeitdokumente, die auch nachweisen, wie sich der Blick auf Erlebtes über die Jahre ändert.

Meike Raßbach


Ihren Beitrag vom 4.4.2020 habe ich interessiert und mit Verwunderung gelesen. Nun, ich habe einen Vorteil, der auch ein Nachteil ist. Im Jahr des Mauerfalls war ich im fünfzigsten Lebensjahr – darauf komme ich noch zurück.

Sie schreiben, dass Sie vor dem Mauerfall gar nicht wussten, dass Sie unfrei waren. Meine Kinder wussten das. Sie sahen die Mauer, sogar schon auf dem Weg zum und vom Kindergarten, sie rochen die U-Bahnluft, die aus den zugeschweißten Notausgängen der U6 in der Friedrichstraße kam und sie wussten, dass in der Schule in manchen Bereichen Zurückhaltung zu üben war. 

Im Bahnhof Friedrichstraße war in der Halle die große Wand mit der kleinen Tür zu sehen, durch die die „Einreisenden“ kamen. Zwischen dem Bahnsteig C, auf dem die Ost-S-Bahnzüge endeten, und dem Bahnsteig B, der von einem Fernbahnsteig zum Bahnsteg für die S-Bahnzüge aus Richtung Westen umgeformt worden war, war die Blech-Drahtglas-Mauer unübersehbar. Vor dem Bahnhof tarnte der Tränenpalast seine abgrenzende Funktion mit freundlicher Architektur.

Sie schreiben auch von neuen Ländergrenzen. Eine Staatsgrenze verschwand aus Deutschland. Zwei Staaten in Deutschland wurden einer. (Land DDR habe ich nie gekannt, ich konnte da nur fragen, wie denn die Landsleute zu bezeichnen wären). Das Land änderte sich, blieb aber in seinen Nachkriegsgrenzen. Allerdings, nachdem Honecker ab 1971 aus diversen Bezeichnungen das „deutsch“ hatte entfernen lassen (in DDR, Neues Deutschland, Museum für Deutsche Geschichte blieb es) ging eine böse Bemerkung um: Wir sind keine Deutschen mehr, sondern nur noch DeDeErsche – breit auszusprechen. Nun, einige Jahre später war diese Bemerkung schon eingeschlafen.

Jetzt zu meinen persönlichen Erfahrungen. Meine besonders aktive, spannende Zeit war vor dem Mauerfall. Es galt auf der Straße und mittels „Eingaben“ zu protestieren. Unter Aufbietung von erwachtem Mut wurden Losungen, Schlagzeilen entwickelt, Material beschafft und möglichst groß und weit lesbar beschriftet. Als das geschafft war, war der Inhalt schon zu zahm. Es galt, die Auflösung der DDR noch stärker zu beschleunigen.

Nach dem Mauerfall galt es, die berufliche Zukunft zu gestalten – gelang mir gut – und die Wiedervereinigung zu beschleunigen – aus Angst vor einem Putsch in der SU und den dann rollenden Panzern. Der Putsch kam dann erst im August 1991 und misslang.

Wenn ich hundert Jahre alt werde, habe ich wenigstens die Hälfte meines Lebens nicht im Sozialismus gelebt.

Klaus Krause, Berlin

Ich könnte noch Diverses schildern. Wie ich 1986 (25 Jahre nach dem Mauerbau) nach einer neuen, gar nicht richtig öffentlich gemachten Regelung einen West-Berliner Verwandten zu einem besonderen Anlass besuchen durfte und am ersten Abend meine Frau anrief und sagte, dass in diesem Teil Berlins alles normal ist und in Tränen ausbrach – richtig zusammenbrach über ein Vierteljahrhundert gegängeltes Leben. Wie ich 1990 meine Veröffentlichungen zusammensuchte und auflistete, das half sehr für die berufliche Übernahme. Ich musste wirklich zusammensuchen, Veröffentlichungen waren im Osten nicht so wichtig, darum lagen sie irgendwo herum.

Ich selber kann Herrn Klaus Wolfram bei „Alle Selbstverständigung … verwandelte sich in Entmündigung und Belehrung“ nicht folgen. Ich konnte endlich echt und selbstbewusst leben. Arbeiter in großen Industriebetrieben hatten es schwerer, doch Eigeninitiative konnte viel helfen.

Und jetzt noch zu meinem Alter. Ich war von Geburt an bis zum fünfzigsten Lebensjahr im Sozialismus, die letzten 28 Jahre, 10315 Tage, eingemauert. Wenn ich es schaffe, hundert Jahre alt zu werden, kann ich sagen, dass ich wenigstens die Hälfte meines Lebens außerhalb des Sozialismus verbringen konnte.

Klaus Krause, Berlin


Mit Interesse habe ich Ihren Artikel „Das Wunderjahr“ in der „Berliner Zeitung“ gelesen. Sie werfen darin mit Blick auf die Zeit nach 1990 die Frage auf: „Aber wurde jemals gezählt, wer sich in den Jahren danach zu Tode trank, an Überforderung starb oder an gebrochenem Herzen?“

Vor einigen Jahren bin ich genau dieser Frage nachgegangen, vor allem auch deshalb, weil sie oft mit pauschalen Aussagen kolportiert wird. Anhand von einzelnen Schicksalen zeigte sich dann, wie vielschichtig aber auch kurzschlüssig die dahinter stehenden Gründe sein können. Deutlich wurde auch, wie nahe oftmals der Versuch einer politischen Instrumentalisierung liegt.

Letzteres halte ich auch in der gegenwärtigen Lage für eine Gefahr, auf die ich Sie aufmerksam machen möchte.

Klaus Behling


Ich habe Ihren Essay „Das Wunderjahr“ mit großem Interesse und - nennen wir es getrost so - „Vergnügen“ gelesen. Mir gefällt, wie Sie unaufgeregt und vorurteilslos die Ereignisse und Befindlichkeiten beschreiben, die mit diesem existentiellen Umbruch im Zusammenhang standen. In einem winzigen Detail muss ich Ihnen jedoch widersprechen. Sie schreiben „Es gab keine Toten, als der Staat zusammenbrach…“. Auch wenn das in der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen wurde und statistisch weitgehend irrelevant ist, gab es als unmittelbare Reaktion auf den Zusammenbruch der DDR eine nicht unbedeutende Zahl von Suiziden. Ich kenne allein aus meinem damaligen näheren beruflichen Umfeld vier Fälle. Zumindest im „Spiegel“ gab es zehn Jahre später, am 17.09.2010, zu diesem Thema einen Beitrag des Politikwissenschaftlers Stefan Appelius.

Peter Müller


Erstmal Kompliment dafür, dass Sie in diesen Zeiten nicht ganz außer Acht lassen, was in den vergangenenen drei Jahrzehnten hier in diesem Land geschah. Den Anstoß zur „Zeitenwende“ finde ich demzufolge eine hervorragende Idee und hoffe, dass viele Leser ihre Erfahrungen aus und mit der jüngeren deutschen Geschichte einbringen werden. Die Berliner Zeitung lese ich ( Jahrgang 1956 ) solange ich lesen kann. Selber Abonnent seit den 70ern. In der Vergangenheit habe ich oftmals in Erwägung gezogen, das Abo zu kündigen. Der Grund dafür war die sehr westdeutsch geprägte Sichtweise vieler Autoren, sodass man seine eigene Identität wenig wiederfand. Aber dann gab es in den letzten Jahren doch einige Journalisten mit Ostbiografie, die es wieder verstanden, den Lesern ihre eigene Sichtweise näherzubringen. 

Von einer zentral gesteuerten ideologisch geprägten Hauptstadtzeitung ( Berlin-Ost ) zu einem Blatt, das sich zwar unabhängig wähnt, aber doch in den 30 Jahren immer wieder ökonomischen Zwängen folgend durch Eigentümerwechsel je nach politischen Konstellationen ihren Autoren gewisse politische Vorgaben mit auf ihren journalistischen Weg gibt, ist für mich die Berliner Zeitung immer noch das Nonplusultra auf dem Berliner Zeitungsmarkt. Warum sehe ich dieses so? Als Ostberliner meiner Generation musste man seine Sinne  schärfen, indem man lernte,  zwischen den Zeilen zu lesen. Habe ich mir glücklicherweise bewahrt.

Schade nur, dass die jungen Menschen diese Fähigkeiten nicht haben, ja, nicht haben können, da sie ja niemals auf Grund freier Meinungsäußerung Vorsicht walten lassen mussten, um nicht eventuellen Repressalien ausgesetzt zu sein.

Karrierefördernd ist freie Meinung heute auch nicht immer.

Tom Hirschmüller, Berliner Taxifahrer

Obwohl. Auch das ist nicht ganz richtig. Auch heute muss man schon genau überlegen, wo man etwas wie sagt. Heute landet man zwar nicht mehr in Hohenschönhausen oder Bautzen, aber karrierefördernd ist freie Meinung auch nicht immer. In meinem Beruf - Taxifahrer seit 35 Jahren in Berlin - spielt das zum Glück keine Rolle. Ich konnte - und tue das auch konsequent - meine Meinung äußern. Das hat mir schon wunderbare Begegnungen mit meinen Fahrgästen gebracht. Und glauben Sie mir, der Querschnitt der Bevölkerung in seiner Vielfältigkeit ermöglicht mir ein teilweise differenzierteres Bild, als es die Medien wiedergeben. Umso erfrischender ist es demzufolge, dass in der Berliner Zeitung in den letzten Monaten Autoren mit Ostsozialisation vermehrt ein starkes Auftreten zeigen. Das war nicht immer so.

Was für Sie das Jahr 1990 war, war für mich das Jahr 1989. Als die spannendste Zeit in meinem Leben beschreibe ich gerne die Zeit zwischen dem Sommer '89 und dem 18. März 1990. Danach fielen unsere Ideale aus dem Wendejahr, mit dem Aufbau einer neuen Gesellschaft als Ziel, wie ein Kartenhaus zusammen. Warum aber waren es trotz alledem die spannendsten Monate? Vom ersten Cut des Eisernen Vorhangs an der österreich-ungarischen Grenze bis zu den ersten freien Wahlen '90 war theoretisch alles in diesem Land - wir reden von der DDR - möglich. Unvergessen die Tränen meiner Frau jeden Abend bei der Tagesschau, als immer mehr Menschen sich auf den Weg gen Westen über Ungarn, Polen, die CSSR machten. Und ich der Meinung war, auch die größte DDR der Welt wird sich nicht ewig Reformen verschließen können.

Und ich wollte nicht weg. Das wiederum konnte meine Frau überhaupt nicht verstehen. Materiell ging es uns auskömmlich gut, aber das ist ja nur ein Aspekt des Lebens. Eine sichere soziale Existenz, Arbeit, Freunde, all das hätte man zurücklassen müssen. Und alles nur für die sogenannte Freiheit? Auch Freiheit ist nicht absolut, sie ist immer relativ. Natürlich war das alles nicht lustig, nicht zu seinen Verwandten in den Westen zu können, Einschränkungen in der Meinungsbildung durch verbotene Literatur zu haben, aufzupassen, wo man was sagen kann. Alles nicht lustig. Und dagegen sind wir ja auch auf die Straße gegangen im Herbst '89. Und wir haben gewonnen! Und was kam dann?

Nach der ersten Euphorie für viele der große Katzenjammer. Dass Politiker - und nicht nur aus dem Westen - den Menschen in Ostdeutschland erklärten, dass es bei einer möglichen Wiedervereinigung auf dem Gebiet der ehemaligen DDR eine „vorübergehende“ Arbeitslosigkeit geben werde, war nicht nur grob fahrlässig. Es war schon kriminell. Für mich war dann eine der größten Enttäuschungen der Nachwendezeit die Tatsache, mitansehen zu müssen, dass meine lieben ostdeutschen Landsleute ihre vermeintlich bessere politische Bildung und Aufgeklärtheit dem Wedeln von Kohls Bananen und dem Versprechen der D-Mark geopfert haben. Haben wohl alle vergessen, was man im Geschichtsunterricht 10. Klasse gelernt hat. Arbeitslosigkeit gehört zum Wesen des Kapitalismus. Und nicht nur vorübergehend. Die Sehnsucht nach D-Mark und Freiheit war wohl größer als die Ratio.

Um Missverständnissen vorzubeugen: Ich vermisse und ich sehne mich NICHT nach dem real existierenden Sozialismus à la DDR zurück. Aber wer das Privileg hatte, in zwei Systemen zu leben, deren Übergang auch noch unbutig verlaufen ist, der verfügt in meinen Augen über einen ideellen Reichtum, der nicht zu unterschätzen ist. Es gibt nicht nur falsch und richtig, nicht nur schwarz und weiß. Die Gesellschaft ist nun einmal wesentlich vielschichtiger. Und ich merke es immer wieder in Gesprächen und zum Teil auch über die Medien, dass auch von Menschen mit Westsozialisation differenziert diskutiert wird. Es ist übrigens eine der größten Errungenschaften meinerseits, dass ich mir nach 1990 ein sehr starkes Selbstbewusstsein angeeignet habe. Und mein Leben lasse ich mir von Menschen, die nie hier gelebt haben, schon gar nicht erklären.

Und ja, ich denke, Sie haben recht. Ostdeutsche haben auf Grund ihrer Lebenserfahrung der letzten 30 Jahre einen anderen Umgang mit der neuen Krisensituation. Wir haben soviel er- und überlebt, das macht uns nur noch stärker.

Tom Hirschmüller, Berlin


Gestern las ich Ihren Artikel - und mir fiel auf, dass sich in der vorigen Woche, als wir noch nicht im Lockdown waren und mit jüngeren Kollegen zusammenstanden, Gespräche ebenfalls um dieses Thema drehten - die Parallelen der heutigen Situation mit dem Ende der DDR 1989/90.

Ich selber war damals 25, und ich war in diesem Oktober in Berlin und dort auf der Straße. Als Absolvent, mein Studium war 1988 zu Ende gegangen, hatte ich alle Möglichkeiten und keine Verpflichtungen. Keine Kinder, keine Frau, niemanden, der sich unnötige Sorgen hätte machen müssen - dafür Freunde in dem, was wir damals die Bohème nannten, die Wohnungsbesetzer und Überlebenskünstler vom Prenzlauer Berg, von Leipzig Connewitz und der Dresdner Neustadt. Aber zurück zum Thema.

... dass wir nach dieser Krise, dieser Umwälzung endlich, endlich den Westdeutschen, die ja bis heute immer noch meinen, es habe sich doch gar nichts verändert damals, sagen können: Siehste, so war das damals für uns auch.

Dirk Moebius, Berlin

In den Gesprächen mit den jüngeren Kollegen, die die DDR nur als Kinder oder gar nicht erlebt haben, kamen wir auch darauf, daß die BRD jetzt die Erfahrung machen würde, die wir damals machten (das Brecht-Zitat, das damals Steffi Spira am Ende der großen Demonstration vom 4. November brachte: „So, wie es ist, bleibt es nicht. Wer noch lebt, sage nicht 'Niemals'.“) Und dass wir nach dieser Krise, dieser Umwälzung endlich, endlich den Westdeutschen, die ja bis heute immer noch meinen, es habe sich doch gar nichts verändert damals, sagen können: Siehste, so war das damals für uns auch.

Aber es gab auch noch einen anderen Punkt. Die Situation war damals in manchen Aspekten vergleichbar mit der heutigen. Ewige Wahrheiten galten nicht mehr, die Statements der Politiker von heute galten morgen nichts mehr, die Marschrichtung änderte sich täglich. Aber es gibt da, meines Erachtens, einen großen Unterschied: Die Grundstimmung der Mehrheit war in etwa: „Ja, wir haben hier ein Chaos, ja, wir wissen nicht, was morgen ist, aber am Ende werden wir im Land der Goldenen Berge sein.“ Es gab da eine Zuversicht (wie berechtigt oder unberechtigt die gewesen sein mag, ist wieder ein weites Feld), die viele Menschen über diese Zeit trug.

Diese Zuversicht sehe ich heute nicht, es ist ein: „Wir haben hier ein Chaos, wir wissen nicht, was morgen ist, aber wir sehen auch keinen Silberstreif am Horizont.“

Und der autoritäre Backlash, der Putsch der Exekutive, dem wir gerade beiwohnen, trägt auch nicht direkt dazu bei, Hoffnungen zu machen - aber das ist wiederum ein anderes Feld.

Dirk Moebius, Berlin


Im Oktober 1989 bin ich 18 Jahre alt geworden und war Schüler der  12. Klasse an der EOS W.I. Lenin in Königswusterhausen, als die Wende 89 das Leben auf den Kopf stellte. Interessiert und mit sehr viel Mitgefühl verfolge ich die Situation der heutigen Schüler und Gymnasiasten in den Abschlussklassen.

1989/90 hat sich kein Mensch um unsere Lage gekümmert. Zeit und Nerven zum Lernen hatte ich keine, die Mauer wurde geöffnet, wir liefen berauscht durch West-Berlin, vorbei an der Siegessäule, die Freiheit eröffnete uns ungeahnte Möglichkeiten, unsere Abiturnoten wurden um etliche Kommastellen herabgesetzt. Das nun doch mögliche Architekturstudium geriet in ungeahnte Ferne, denn dafür war in Berlin ein NC von 1,0 erforderlich.

Die ‚Generation Wende‘ kam aus einem kaputten System, einem kaputten Staat, in ein völlig unbekanntes, vom Geld dominiertes System.

Alexander Wähmer

Sechs Jahre später wurde es dann durch beharrliches „Warten“ doch noch möglich. Über zwölf „Wartesemester“ waren dafür erforderlich. Viele Jahre später bin ich nun glücklich in diesem Beruf tätig.

Aber wie viele haben es nicht geschafft? Die „Generation Wende“ kam aus einem kaputten System, einem kaputten Staat, in ein völlig unbekanntes, vom Geld dominiertes System. Und genau davon hatten gerade die Menschen aus den neuen Bundesländern am wenigsten. Alles änderte sich, und das war auch gut so, und so dringend herbeigesehnt! Ich habe als 13-Jähriger heimlich Orwells 1984 gelesen und wusste, ich lebe in einem solchen Staat.

Heute bin ich froh, meine Kinder und mein erstes Enkelkind in einer zum Teil freien, demokratischen und humanistischen Welt heranwachsen zu sehen und aktiver Teil meiner Familie sein zu können. Meinen Eltern und vielen anderen war das damals nicht so möglich. Sie hatten zum Teil mit Jobverlust, Karriereverlust, finanziellen Schwierigkeiten, mit dem Wegbrechen des sozialen Umfeldes und zigtausendfachem Wegzug von Familie, Partnern und Freunden zu kämpfen und darunter zu leiden.

Nach 30 Jahren und im Anbetracht dieser weltweiten Pandemie, daran zu erinnern und die daraus gewonnene Stärke zu erkennen, finde ich den richtigen Weg! Die Weltgemeinschaft erlebt die heftigsten Wachstumsschmerzen der letzten hundert Jahre. Trotzdem fühle ich mich durch meine Erfahrungen der letzten 48 Jahre in der Lage, das zu schaffen. Und auch wenn Frau Merkel es diesmal nicht sagt, aber: Wir schaffen DAS!

Alexander Wähmer


Mit Ihrer Wahrnehmung „Ein bisschen wie damals“ treffen Sie ganz sicher nicht nur bei mir ins Schwarze. Auch wenn ich in Ihrem „Wunderjahr“ noch vier Jahre älter als Ihr damaliger Partner war, zum Mauerfall ebenfalls in einer Kurzzeit-(Schein)ehe steckte und schon bald darauf von West- nach Ost-Berlin zurückgekommen war. Glücklich über die Chance, hier am Ort meiner Herkunft noch einmal ganz von vorn anfangen zu können. Auch mein Vater verlor viel, aber nicht die Selbstachtung. Dank seines als „staatstragend“ eingestuften Jobs als Dozent war es u. a. vorbei mit dem angemessenen Auskommen am Lebensabend: „Zur Strafe“ gab’s die Mindestrente bis zum Ende! Der Grund waren übrigens seine Vorlesungen zum Thema „Französische Literatur“ vor angehenden Journalisten. Auch mir fallen viele Gründe ein, über das Jahr 1989/90 zu schreiben, festzustellen, dass nicht nur die Deutschen, sondern auch wir Ostdeutschen nach wie vor tief gespalten sind. Insbesondere in unserem Blick auf das, was die einen Wende und die anderen Mauerfall nennen.

Ich halte den Serienstart zur „Zeitenwende“ für einen großartigen Ansatz, den ich - mit Verlaub - der Berliner Zeitung nicht zugetraut hätte. Bitte, enttäuschen Sie mich und Ihre übrigen Leser nicht!

Wolfgang Papenbrock, Berlin


Ihre Serienidee finde ich prima! Über die Vermengung mit dem gegenwärtigen Top-Thema „Covid-19“ muss ich nochmal nachdenken. Vielleicht wird mir der epochale Umschwung erst mit der Zeit deutlich. Momentan habe ich das Gefühl, dass das, was „danach“ kommt, durchaus kalkulierbar ist. Die Abwicklung der DDR hat bewiesen, dass wir über immens starke ökonomische Kräfte verfügen.

Bei einem Satz bin ich sofort steckengeblieben: „Statt für eine ostdeutsche Verfassung zu kämpfen, fuhr ich mit dem VW Polo eines Westfreundes gegen einen Zaun, weil ich die Bremse nicht fand.“ Nicht nur die Metapher sitzt, sondern auch die Feststellung, dass sich die damalige junge Erwachsenengeneration zu wenig Gedanken gemacht hat, was da kommen mag. Zu wenig Ambitionen, Gestaltungswillen, Engagagement. Ziele?

Ich bin Jahrgang 75. Ich kann mich rausreden. Aufgewachsen in einem kleinen brandenburgischen Nest, Bezirk Potsdam. Wir waren sehr wach und interessiert daran, was um uns herum passierte. Wir haben in jeder Pause diskutiert, zum Teil auch mit Lehrern. Meine Zeit war ja nicht mehr so dogmatisch. Ich hatte von der Stasi erstmals in der Wendezeit gehört. Gute Grundlagen, tolle Aussichten!

Ich kann mich an eine Situation im Gesellschaftskundeunterricht erinnern, der den Stabü-Unterricht schnell und ohne viel Federlesen ersetzt hat. Unsere Lehrerin fragte uns in der Zeit, über die wohl Herr Wolfram eine Rede hielt, ob wir uns als Klasse eher eine veränderte DDR vorstellen können, oder ein neues Deutschland. Wir waren 28 Schüler. Eine herausragende Mehrheit war für die DDR. Die Heimat. Nur zwei Gegenstimmen. Ich weiß heute noch die Namen. Nicht weil ich mir das so präzise hätte merken können, sondern wohl eher, weil die Biografien der beiden bzw. die ihrer Eltern so verliefen, wie man sich das in der neuen Welt so vorgestellt hat. CDU-Ortsvorstand und einer der ersten Unternehmer im Ort.

Warum ist dieser Zusammenhalt – das Gemeinsame, das wohl jeder beschreiben kann, der in der DDR aufgewachsen ist – so sehr aus unserem Leben verschwunden? 

Steffen K., Spanien 

Sie hatten das Unverständnis Westdeutscher sehr gut mit einfließen lassen. Ich selbst habe das nie so erfahren. Aber ich kenne die Lebensläufe meiner Eltern, meiner Familie etc. Da ist vieles schiefgelaufen. Bei dem Thema, dem Sie sich nun annehmen wollen und zu dem ich Ihnen schreibe, besteht (erneut) große Gefahr für neue Angriffsfläche für den Berliner Verlag. Aber es gäbe so viel, über das Sie in diesem Kontext schreiben und recherchieren könnten. Gab es eigentlich ernstzunehmende Strömungen/Engagements in Zeiten der Wende, die sich für eine reformierte DDR eingesetzt haben? Die Großdemonstration auf dem Alexanderplatz mit Stefan Heym hatte ja noch diesen Tenor. Für was sind die Leute wirklich auf die Straße gegangen? Wie definieren diese ehemaligen Demonstranten heute Freiheit? Stimmt es, dass Wolfgang Schäuble der einzige populäre West-Politiker war, der sich offen für die Gestaltung von etwas Neuem aus Ost und West geäußert hat? Warum ist dieser Zusammenhalt - das Gemeinsame, das wohl jeder beschreiben kann, der in der DDR aufgewachsen ist - so sehr aus unserem Leben verschwunden? War dieses Sozialistische wirklich so schwer finanzierbar? War die DDR wirklich so unwirtschaftlich? Haben wir noch eine soziale Markwirtschaft? 

Mich hat die Frage immer beschäftigt, warum es damals so wenig Willen gab, diese kleine DDR wieder aufzupolieren. Und seit einiger Zeit immer wieder mehr. Berlin war so lange verschlafen, so schön. Ich lebe nicht mehr dort, aber ich habe die Zeiten mitbekommen, wo sich Wohnraum immer mehr verknappt hat und es auch immer mehr soziale Veränderungen gab. Und natürlich stellt sich da die Frage, die aus Ihrem Text hervorgeht: Kann man aus diesem Stillstand nicht etwas Neues machen, etwas Besseres? Ich wünschte es uns allen. Die 90er waren toll. Freiheit! Heute hat Freiheit etwas mit Möglichkeiten zu tun. Mit Geld! Das muss man wieder ändern. Ich wünsche Ihnen, dass Sie da etwas rauskitzeln können, was meine Generation bewegt, aber niemand so richtig formulieren kann. Ob das Gewonnene den Verlust überwiegt.

Steffen K., Brandenburger in Spanien


Mein Leben in der DDR, von der Schulzeit über die Jahre des Studiums bis hin zur Arbeit im Beruf, war geprägt von dem ständigen Empfinden des Drucks, den der Staat auf alle seine Bürger und Bürgerinnen ausübte. Gleichzeitig war da das Bestreben, mich nur so weit wie unbedingt nötig anzupassen, um einigermaßen vor mir selbst bestehen zu können. Gott sei Dank gab es Freiräume: für mich vor allem die Familie, die Freunde, die Kirchengemeinde. Abgesehen vom Jahr 1989, in dem ich mich in die Listen des Neuen Forums einschrieb, an Veranstaltungen der neu gegründeten Gruppen und selbstverständlich an der Demonstration am 4.11.89 mit selbstgemaltem Plakat teilnahm, war ich kein Oppositioneller. Trotzdem erlebte ich in meiner beruflichen Entwicklung massive Einschränkungen. Sie hatten damit zu tun, dass ich 1968 aus der FDJ ausgetreten war, Wehrersatzdienst in einer Baueinheit geleistet hatte, manchmal bei den Wahlen die Kabine benutzte usw. - nichts also, was gegen die Gesetze der DDR verstoßen hätte.

Und auch das darf ich jetzt: Leserbriefe schreiben, ohne dass sie zensiert werden.

Helmut Wilhelm, Berlin-Lichtenberg

Der Schock des Jahres 1990 war für mich das Ergebnis der ersten und letzten freien Volkskammerwahlen am 18. März. Die Menschen, denen wir verdankten, dass wir frei wählen durften, wurden so bestraft, wie ich es mir nie hätte vorstellen können. Wenn immer wieder darüber geklagt wird, dass die BRD sich die DDR als Sieger vereinnahmt hat, habe ich dafür kaum Verständnis. Die große Mehrheit der Bevölkerung wollte es doch so. Die Demokratie war den meisten offensichtlich viel weniger wichtig als die DM. Dass die nicht gleichmäßig und ständig in großer Menge auf alle herabrieseln würde, hätte jeder aus den Nachrichten und aus den ML-Kursen wissen können. Aber vielleicht musste ja alles so schnell gehen – ohne Nachdenken und ohne Bemühen, eventuell Sinnvolles aus der DDR zu übernehmen.

Am Tag nach der Wahl durfte ich das erste Mal dienstlich nach Moskau reisen, was mir vorher verwehrt wurde, denn ich war kein Reisekader, nicht einmal für das SW. Bis dahin mussten immer andere Kollegen meine Angelegenheiten bei unserem sowjetischen Partnerunternehmen für mich verhandeln. Und was noch viel großartiger war: Jetzt konnte ich auch privat reisen, wohin ich wollte. Im Juni besuchte ich mit meiner Familie Freunde in England. Als sie uns ein paar Monate zuvor eingeladen hatten, hielt ich das noch für vollkommen utopisch.

Und auch das darf ich jetzt: Leserbriefe schreiben, ohne dass sie zensiert werden. Der einzige Leserbrief, den ich in DDR-Zeiten an das ND geschrieben hatte, wurde zwar nicht veröffentlicht, aber in meiner Stasi-Akte für alle Zeiten aufbewahrt. Danke dafür, liebe Genossen! Als ich am 15. Januar 1990 mit vielen anderen vor eurem Tor in der Normannenstraße stand, wusste ich das noch nicht.

Helmut Wilhelm, Berlin-Lichtenberg


Mit großem Erstaunen habe ich Ihren Artikel und zwischenzeitlich die Rede des Herrn Klaus Wolfram, auf den Sie Bezug nehmen, in der heutigen Ausgabe der Berliner Zeitung gelesen. Am meisten hat mich (negativ) beeindruckt, dass Sie angeblich - vor dem Mauerfall - gar nicht gewusst haben wollen (was wohl so viel heißen soll wie, dass Sie sich dessen nicht bewusst gewesen seien), dass Sie unfrei gewesen sind. 

Haben Sie nicht gewusst, dass die DDR von der Bundesrepublik durch eine durchgehende Grenzbefestigungsanlage mit Schießbefehl (der oft genug "erfolgreich" ausgeführt wurde) getrennt war, die kein DDR-Bürger ohne Lebensgefahr und ohne das Risiko langer und menschenunwürdiger Strafen überwinden konnte?

Haben Sie nicht gewusst, dass Ost-Berlin von West-Berlin durch eine ebenso gesicherte Grenzmauer getrennt war? Haben Sie nicht gewusst, dass DDR-Bürger nicht in westliche und nur in wenige östliche Länder reisen durften und damit auch insoweit in ihrer Bewegungsfreiheit beschränkt waren?

Haben Sie nicht gewusst, dass das gesamte Land - sprich die gesamte Bevölkerung – außer der ständigen Bevormundung durch die SED ständiger Überwachung durch die zum Schluss nahezu 100.000 Mitarbeiter und zahllose IMs zählende Stasi ausgesetzt war?

Klaus Gallinger

Haben Sie nicht gewusst, dass die DDR von einem auf Pseudo-Wahlen beruhenden und daher undemokratischen SED-Regime diktatorisch regiert wurde, gegen das niemand aufbegehren durfte, ohne ebenfalls drakonisch harte Strafen zu riskieren und in unmenschlichen Stasi-Gefängnissen unmenschlicher Behandlung ausgesetzt zu sein? Haben Sie das Stasi-Gefängnis in Hohenschönhausen schon mal besucht?

Haben Sie nicht gewusst, dass das gesamte Land - sprich die gesamte Bevölkerung - außer der ständigen Bevormundung durch die SED ständiger Überwachung durch die zum Schluss nahezu 100.000 Mitarbeiter und zahllose IMs zählende Stasi ausgesetzt war, die auch nicht davor zurückschreckte, Wohnungen zu verwanzen und Eheleute sowie Eltern und Kinder gegeneinander auszuspionieren und auszuspielen?

Haben Sie nicht gewusst oder davon gehört, dass die Stasi - und nicht die Polizei - die wirkliche „Ordnungsmacht“ im Land war und - ohne konkrete rechtliche Grundlage - de facto nahezu Allmachtbefugnisse hatte und inhaftierte Regimegegner langdauernder psychischer Folter unterwarf, um Geständnisse über Mittäter oder andere „Regimegegner“ zu erpressen?

Ich weiß, dass um den Begriff „Unrechtsstaat“ seit langem ein erbitterter politischer Streit tobt. Ich weiß auch, dass die Verfechter der damaligen DDR immer wieder ins Feld führen, dass viele Gesetze der DDR mehr soziale Gerechtigkeit - insbesondere für die sogenannten kleinen Leute - gebracht hätten, als dies in der Bundesrepublik der Fall gewesen sei. Das mag alles sein, und ich will das kapitalistische System der westlichen Staaten mit all seinen Auswüchsen auch gar nicht verteidigen; aber kann man einen Staat, der die grundlegenden Menschenrechte, zu denen zuvörderst die Menschenwürde, das Leben, die Gesundheit und die Freiheit gehören, wirklich als Rechtsstaat bezeichnen, nur weil er auch positive Gesetze hervorgebracht hat? Für mich ist das nicht denkbar. Von daher empfinde ich die Bezeichnung „Unrechtsstaat“ als gerechtfertigt, obwohl ich von meinem 12. bis zu meinem 18. Lebensjahr selbst darin gelebt habe. Diese Bezeichnung richtet sich ja auch keinesfalls gegen die Gesellschaft, d.h. die Bürger, sondern nur gegen die politische Führung des Landes.

Obwohl mir natürlich bekannt ist, dass viele Menschen aus der alten Bundesrepublik sich beim Umbau der DDR-Wirtschaft arrogant verhalten haben (was häufig darauf zurückzuführen war, dass die DDR-Bürger sich weder mit der kapitalistischen Wirtschaftsweise und deren täglicher Praxis noch mit der hierin integrierten modernen Technik auskannten), darf man nicht den zwangsläufigen Schluss ziehen, dass die Mehrheit der „Westdeutschen“ den „Ostdeutschen“ gegenüber von einem Gefühl der Überlegeneheit geprägt seien.

Mir ist auch bewusst, dass zahlreiche Lebensläufe von Menschen aus der DDR durch die und an der Wende zerbrochen sind. Das sollte aber kein Grund sein, „den Wessis“ nun alle Schuld daran zu geben. Man darf nicht vergessen, dass die Mehrheit der DDR-Bürger die Wiedervereinigung gewollt haben, wenngleich sie natürlich keine genaue Vorstellung davon hatten, welche Konsequenzen dies für ihr Leben bedeuten würde. Es ist in meinen Augen auch verständlich, dass manche Westdeutsche gelegentlich darauf verweisen, in welch ungeheurer Größenordnung finanzielle Ressourcen nach der Wende zum Aufbau einer neuen Infrastruktur und Wirtschaft von West nach Ost geflossen sind, denn schließlich sind diese Mittel in erster Linie - wenn auch nicht ausschließlich - von den westdeutschen Steuerzahlern aufgebracht worden. Wenn es umgekehrt gelaufen wäre, würden das die Ostdeutschen sicher auch tun.

Klaus Gallinger


Mit großer Freude las ich von Ihrer Serie „Zeitenwende“. Das ist eine tolle Idee und Initiative. Mir ging es ähnlich. Ich war zur Wende gerade 11. Und bereits kurz nach dem 17. März, als wir alle vor diesem großen Chaos standen, kamen die Gefühle von damals wieder hoch; wie es ist, wenn plötzlich Systeme, Gesetze und Gewohnheiten von heute auf morgen nicht mehr funktionieren. Das flexible Umdenkenmüssen hat mich sehr an damals erinnert. Und es war so, als wäre alles noch einprogrammiert ...

Nun ist ja schon etwas Ruhe in dieses neue Leben eingekehrt. Gestern saß ich mit meiner Familie auf dem Hinterhof und habe mich über die Entschleunigung gefreut, die diese Krise mit sich bringt, über die Ruhe, den ausbleibenden Flugzeuglärm. Und die Höfe klingen wie früher. Man hört Kinderstimmen, kickende Fußballjungs und die Kinder bauen Buden aus dem, was sie in den Höfen finden. Das hat mich sehr an früher erinnert.

Almut Koch, Berlin


Auch ich (Jahrgang 1947) zähle zu den Menschen, die derzeit ihre zweite „Zeitenwende“ erleben und noch gar nicht richtig zur Besinnung kommen, vor welch großer Umwälzung unseres bisher so gewohnten Lebens wir momentan stehen. Doch sehe ich es als einzigartige Chance, dass wir nicht wieder in ein „Weiter so im Turbowohlstand“ zurückfallen dürfen, wenn die gegenwärtigen Restriktionen gelockert werden können.

Denn schon direkt vor der Haustür steht mit der Klimakatastrophe die dritte „Zeitenwende“, die wir dann aber schon nicht mehr in ein paar Wochen/Monaten aussitzen können in der Hoffnung auf einen Impfstoff. Diese „Zeitenwende“ ist dann entscheidend für den Fortbestand der Menschheit.

Besorgt bin ich, dass die Medien NUR noch das Corona-Thema hin und her wenden. Die Themen von „Fridays for future” und Greta Thunberg sind anscheinend in die Bedeutungslosigkeit abgetaucht und z.B. dem „Nicht-mehr-reisen-können“ wird nachgetrauert. Weder die Politik, noch die Öffentlichkeit lassen erkennen, dass dieses Bewusstsein der kommenden Katastrophe angekommen ist. 

Rolf Held, Berlin-Lichtenberg