Das Vorzimmer des Büros von Erich Mielke in der Normannenstraße in Berlin-Lichtenberg. Der Minister gratulierte meinem Opa persönlich zum 50. Geburtstag. 
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Dieser Text handelt von meinem Opa, einem Offizier des Ministeriums für Staatssicherheit. Als Enkel schreibe ich aus einer sehr persönlichen Perspektive, aber ich schreibe auch mit dem Abstand, den ich als fast 50-Jähriger zu den Ereignissen von damals habe, 30 Jahre nach dem Fall der Mauer. Und ich habe heute nicht nur meine vielen Erinnerungen, sondern auch Personalakten des MfS zur Hand.

Über meinen Opa möchte ich vor allem deshalb reden, da er, der bei seiner Frühpensionierung Ende 1983 im Alter von 54 Jahren den Rang eines Oberstleutnant des MfS innehatte, bei vielen Menschen ein Kopfkino auslöst, das meiner Meinung nach wenig mit der Realität zu tun hat. Ich will versuchen, mit meinem Blick auf Franz Lengsfeld einen Beitrag zu den Debatten liefern, die im Moment geführt werden: über Karrieren und das Leben in der DDR, auch über Verantwortung. Es sind Debatten, die ich oft als zu schwarz-weiß empfundenen habe.

Dieser Text ist die Sicht eines Enkels auf seine Großeltern mütterlicherseits, aber auch die Sicht eines politischen Analytikers, der im Einheitsjahr 1990 volljährig wurde. Ich bin als Einzelkind aufgewachsen, in einer sehr engen mütterlichen Generationsfolge. Als jeweils Erstgeborene waren ich, meine Mutter und meine Großmutter Kinder von sehr jungen Eltern. So genoss ich das seltene Privileg, in dieser Linie sogar beide Urgroßeltern zu erleben. Ich hatte eine sehr enge Beziehung zu meinen Großeltern, die bei meiner Geburt gerade mal Anfang, Mitte vierzig waren und die meine damals alleinerziehende Mutter stark unterstützten. Mein Opa war kein Kind der DDR. Im Gegenteil.

1946 Zwangsumsiedlung nach Thüringen

Geboren im März 1929 in Mittel-Lipka in Böhmen, war er ein Kind des Adlergebirges, das im Grenzgebiet zwischen Polen und Tschechien liegt und Teil des Sudetenlandes war. Von 1935 bis 1944 ging er erst in Mittel-Lipka, dann in Grulich zur Volks-, dann Bürgerschule, die er nach der achten Klasse abschloss. Das alles habe ich in seiner Personalakte gelesen.   Was mein Opa in der Zeit nach Ende des Krieges bis zu seiner Zwangsumsiedlung 1946 nach Thüringen machte, darüber weiß ich wenig, in den Akten steht nicht viel, nur dass er Landarbeiter bei einem Bauern in Mittel-Lipka war.

Was ich weiß, ist, dass diese Zeit das weitere Leben meines Opas tief und umfassend geprägt hat. Nach der Wende, kurz vor seinem zu frühen Tod, fuhr er mit meiner Tante in seine Heimat. Er selbst hat mir nie davon erzählt, aber nach allem, was ich von anderen Verwandten darüber gehört habe, müssen die Emotionen auf dem Bahngelände von Grulich enorm gewesen sein. Mein Opa, damals 17 Jahre alt, wurde von den Tschechen fast totgeprügelt und erlitt dabei Verletzungen, die sein Leben und seinen späteren Berufsweg immer prägen sollten. In der gleichen Zeit verlor er beide Eltern, auch in unmittelbarem Zusammenhang mit der Zwangsumsiedlung und deren Vorgeschichte.

In Thüringen bot die sich gerade gründende DDR dem jungen Vertriebenen ohne höheren Schulabschluss, ohne erlernten Beruf, dem knapp mit dem Leben davongekommen Waisen, Zuflucht, Ausbildung, Wohnung – eine Zukunft. Nach zwei weiteren Jahren als Landarbeiter bei einem Bauern in Rottleben bekam er eine Chance bei den im Aufbau begriffenen „bewaffneten Organen“. Er trat in die Grenz-Kripo ein und wurde dort zum Ermittler qualifiziert.

Philipp Lengsfeld mit seiner Mutter und seinem Großvater Ende der 70er-Jahre.
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Er wohnte auf einem Schachtgelände bei Sondershausen in Nordthüringen und lernte dort meine Oma kennen. Sie war die Tochter des Hausherren, eines hochrangigen Bergmanns, dessen letzte Dienststation das Kaliwerk Sondershausen war. Meine Oma, eine wunderschöne junge Frau, ausgebildete Apothekenhelferin, ergriff ebenfalls die Chancen des neuen Staats und sattelte als Neulehrerin in die sozialistische Volksbildung um. Die beiden verliebten sich, heirateten und bekamen 1952 ihr erstes gemeinsames Kind, meine Mutter, und zwei Jahre später ihre zweite Tochter, meine Tante. Ich bin immer sehr zurückhaltend, was die Bewertung von Ehen angeht, aber ich denke, dass die Ehe meiner Großeltern sehr glücklich war. Fakt ist, dass die beiden bis zu ihrem frühen Tod Anfang der 90er-Jahre zusammen waren – mein Opa starb nicht mal ein Jahr nach meiner Oma.

Als vehementer Kritiker der DDR-Diktatur muss ich mich ein wenig zwingen, es auszusprechen, aber so abwegig ist die Vorstellung eigentlich gar nicht: Es muss damals eine ungeheure Dynamik gerade bei denen geherrscht haben, die den Staat aufbauten. Ich kann heute nachvollziehen, warum der junge Mann, das junge Paar den neuen Staat an entscheidender Stelle unterstützten.

Für ihr eigenes Leben tun sich so unglaubliche Chancen auf. In den Akten liest sich die Schnellausbildung meines Opas so: Vier Wochen Kreisparteischule Halberstadt, vier Wochen Landespolizeischule Erfurt, fünf Wochen Kriminalpolizeischule Erfurt – fertig ist der Unteroffizier und Volkspolizeimeister nach kurzer Zeit als Anwärter und Oberwachtmeister.

Und natürlich das SED-Mitglied: Eintritt im Januar 1949, noch deutlich vor der offiziellen Gründung des neuen Staates. Von 1949 bis 1951 war mein Opa Leiter der Grenz-Kripo im Bereich Mühlhausen.

Was veranlasste ihn, von der Grenz-Kripo zum MfS zu gehen?

Was veranlasste meinen Opa, von der Grenz-Kripo zum MfS zu wechseln? Ich weiß es nicht genau, aber ich habe Hinweise: Der Ermittlerdienst an der Grenze, den mein Opa offenbar auch unter hohem körperlichen Einsatz geleistet hat – die Akten erwähnen die Kradfahrten zu den Einsatzstellen – forderte Tribut. Die Verletzungen, die er während der Umsiedlung am Rücken erlitt, waren die Schwachstelle. Mein Opa wurde schwer krank – die Akten erwähnen eine neunmonatige Tuberkulose-Erkrankung –, er sprang dem Tod auch durch den unermüdlichen Einsatz meiner Oma von der Schippe, aber ein sinnvoller Einsatz an der Grenze war nicht mehr möglich.

Mein Opa brauchte einen Schreibtischjob und eine Schreibtischkarriere und wurde so 1951 zum Sachbearbeiter und später Hauptsachbearbeiter bei der Volkspolizei in Thüringen. Als Kommissar trat mein Opa in die Offizierslaufbahn ein. Seine Erfahrungen als Grenzermittler und später die Arbeit in der Zentrale in Thüringen ebneten ihm den Weg zum Ministerium für Staatssicherheit. Hier muss ich ein wenig spekulieren.

In der Volkspolizei wurde er 1955 zum Oberleutnant befördert. Ob es in dieser Zeit schon Verbindungen zum MfS gab, kann ich weder belegen noch ausschließen, es ist aber ziemlich wahrscheinlich. Fakt ist, dass mein Opa im Alter von 30 Jahren in die „Firma“ eintrat. Mit der Unterschrift unter eine eidesstattliche Erklärung besiegelte er den Wechsel in das MfS und wurde dort nach kurzer Zeit zum Hauptmann befördert. Wenn ich den Einleitungstext der Verpflichtungserklärung lese, dann wirkt auch das schlüssig:

„Das Ministerium für Staatssicherheit ist ein zuverlässiges Instrument der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands, in deren Auftrag es politisch-operative Aufgaben von großer Bedeutung zu erfüllen hat. Das Ministerium für Staatssicherheit ist ein Organ der Regierung der DDR, das wichtige Aufgaben zur Festigung der Arbeiter-und-Bauernmacht, zur Erhaltung und Sicherung des Friedens und zur friedlichen Wiedervereinigung Deutschlands durchführt.

Das Ministerium für Staatssicherheit wurde geschaffen als ein bewaffnetes Organ der Arbeiter-und-Bauernmacht der Deutschen Demokratischen Republik zum Schutz und zur Sicherung der sozialistischen Umgestaltung, zum Kampf gegen alle Anschläge der Feinde des Friedens und des Sozialismus.“

Ein Organ von Partei und Regierung mit operativen Aufgaben, von großer Bedeutung, zum Schutz und zur Sicherung des Sozialismus und des Friedens – diese Selbstbeschreibung muss für meine Großeltern ein ziemliches Maß an Glaubwürdigkeit gehabt haben.

Und dann dieser Satz: „Ich bin mir bewusst, dass mir die sozialistische Einheitspartei Deutschlands durch die Aufnahme in die Reihen des Ministeriums für Staatssicherheit ein großes Vertrauen entgegenbringt.“

Umzug nach Berlin ins Zentrum des Staates und des Apparats

Ich gehe davon aus, dass es sich um einen Standardsatz handelt, aber es passte natürlich perfekt auf den bisherigen Berufs- und Lebensweg meines Opas. Natürlich bot die Karriere im MfS nicht nur enorme berufliche Entwicklungschancen, sondern auch Privilegien. Schon vor dem offiziellen Eintritt in die „Firma“ erfolgte im Februar 1958 der große Karrieresprung: der Umzug nach Berlin ins Zentrum des Staates und des Apparats. In den Erzählungen meiner Mutter, die damals sechs Jahre alt war, klingt der Umzug von Sondershausen, wo sie mit dem riesigen Gartengrundstück ihrer Großeltern aufwuchs, nach Berlin fast wie die Vertreibung aus dem Paradies.

Für meine immer noch jungen Oma und Opa muss es aber die Erfüllung eines Traumes gewesen sein. Als Kind liebte ich die Wohnung meiner Großeltern. Die Wohnanlage am Hendrichplatz in Lichtenberg war ein realsozialistischer Traum: neu gebaute, hochwertige Spitzdachhäuser – nicht die elenden Plattenbauten der späteren Generation –, drei Zimmer mit modernem Bad und Balkon, drum herum eine kleine, schöne Grünanlage mit geschlossener Bebauung, alles natürlich Dienstwohnungen des MfS – die Zentrale lag gerade mal 400 Meter Luftlinie entfernt.

Aber davon bekam man gar nicht viel mit, wenn man wie ich kurz hinter der mittelalterlichen Dorfkirche von Lichtenberg aus der Straßenbahn stieg. Das Leben spielte sich auf der Seite des Rathauses und des Volksparks ab, bis runter zum Bahnhof Frankfurter Allee. Zur Anlage gehörte ein Konsum, der kurz hinter dem kleinen Blockheizwerk lag. Ich habe die Konsummarken meiner Oma genauso gerne ins Heftchen geklebt, wie ich damals Briefmarken gesammelt habe.

Manchmal fuhren wir raus aus der Stadt, meine Großeltern hatten ein Gartengrundstück in, nicht weit von Strausberg. Auch die Bezahlung und die Prämien beim MfS waren sehr ordentlich. Mein Opa, der ein Autonarr war, investierte Teile dieses Geldes immer in Topwagen. Ich habe den Eindruck, dass ihm seine Arbeit als Kaderoffizier großen Spaß machte, ihn forderte. Er machte ein Diplom als Jurist, dafür hatte das MfS eine eigene geheime „Hochschule“ in Potsdam-Eiche. Hier kann ich mich an eine eher sarkastische Bemerkung meiner Oma aus der Vorwendezeit erinnern: Mein Opa sei alles, aber nun wirklich kein Akademiker.

1966 wurde mein Opa erst zum Major befördert und schließlich, 1973, im Alter von 44 Jahren, zum Oberstleutnant. Anfang 1979 wurde er Leiter der Abteilung K4, der Hauptabteilung Kader und Schulung, genannt HA KuSch, ein Akronym, von dem ich zu gerne wissen würde, ob die brutal-zynische Kurzform intendiert war oder man dies DDR-typisch erst später bemerkt hat und dann nicht mehr korrigieren konnte.

Minister Erich Mielke gratulierte persönlich zum 50. 

Ein echter Höhepunkt war sein 50. Geburtstag im März 1979, ich war gerade in der ersten Klasse. Meine Mutter hat mir ihre Erinnerungen an diesen Tag ausführlich beschrieben: Minister Erich Mielke war persönlich anwesend, oder zumindest sehr hochrangige Generäle, das Ganze fand auf dem Dynamogelände in Hohenschönhausen statt. Es muss eine zünftige DDR-Feier gewesen sein, als Sachgeschenk bekam mein Opa die teure Variante einer vermutlich sehr begehrten DDR-Bohrmaschine (Multimax und Zubehör). Die Karriere meines Opas war auf einem wirklich guten Weg. Dass dies schon der Zenit war, hat er zu diesem Zeitpunkt ganz sicher nicht geahnt. Was hat mein Opa als Offizier beim MfS eigentlich gemacht? Und wie viel hat man davon mitbekommen?

Ich war ein kleiner Junge, ich habe nicht viele Fragen gestellt, aber dass Opa Offizier war, wusste ich – ich habe ihn mehrfach in Uniform gesehen. In der Wohnung in Lichtenberg hing im Flur gleich neben der Tür ein Bild von Sigmund Jähn in NVA-Uniform, für mich sah er aus wie NVA-Minister Hoffmann oder wie mein Opa selbst. Im Gästezimmer, das früher das Kinderzimmer meiner Mutter und ihrer Schwester war und dann zu „meinem“ Zimmer wurde, weil ich dort schlief, wenn ich zu Besuch war, stand eine stattliche Zahl von DDR-Miniaturbüchern. Diese „Sachgeschenke“ der Firma fand mein Opa offenbar gut. Ich selber habe darin auch gerne geblättert, aber nur in denen, die Bilder hatten.

Irgendwann fiel mir noch auf, dass meine Großeltern zwar ein Telefon hatten – was in der DDR überhaupt nicht selbstverständlich war –, aber nicht im Telefonbuch auftauchten.

Die Arbeit meines Opas war immer ein Tabuthema, auch nach der Wende, wo Opa zwar geheimnisvolle Besuche von „Amis“ bekam, aber nichts über seine Verantwortung erzählte. Einen tieferen Einblick gaben mir erst seine Personalakten. Die HA KuSch, wo mein Opa arbeitete, war die Personalabteilung der Stasi. Außerdem gehörte zu den Aufgaben die Betreuung von Bereichen, die offiziell zum MfS gehörten. Mein Opa arbeitete im Bereich Kader für die NVA, zuletzt war er Leiter des Kaderreferats für die Hauptabteilung I (NVA und Grenztruppen), dessen langjähriger Leiter, MfS-General Karl Kleinjung, ein wichtiger dienstlicher Bezugspunkt für meinen Opa war.

In seinen immer sehr guten dienstlichen Beurteilungen ist viel von seinem Anteil an Pflege und Aufbau der Kaderreserve die Rede, dazu gehörte auch die Kaderwerbung und Betreuung des militärischen Berufsnachwuchses. Meine Mutter erinnert sich, dass mein Opa beruflich regelmäßig im Ministerium der Verteidigung tätig war. Personalwirtschaft im Bereich Armee ist eine grundsolide und fachlich anspruchsvolle Aufgabe. Die Frage nach der Verantwortung meines Opas ist also nicht einfach zu beantworten, die Antwort ist jedenfalls nicht schwarz-weiß.

Ich habe mir die Karriereleiter anderer MfS-Offiziere angesehen, und dabei wird deutlich, dass mein Opa auf einer soliden, aber nicht wirklich steilen Kurve unterwegs war. Natürlich wird die Pyramide in jeder Firma nach oben hin spitz, aber meine Vermutung ist, dass mein Opa die fachliche Arbeit und damit auch die berufliche Zufriedenheit über den unbedingten Aufstiegswillen gestellt hat.

1983 der große Schnitt: Als Vater einer Dissidentin war mein Opa untragbar

Dann kam der große Schnitt: Im Jahr 1983 wurde mein Opa innerhalb von wenigen Wochen in den Ruhestand versetzt. In den Akten klingt das einigermaßen dramatisch. Eigentlich sollte im Herbst 1983 sogar die sofortige Entlassung veranlasst werden, seine Kollegen handelten aber eine Schonfrist bis Jahresende aus, als „Offizier für Sonderaufgaben“, vielleicht weil diese drei Monate direkte Auswirkungen auf die Höhe seiner Rente hatten.

Man merkt den Akten an, dass der De-facto-Rausschmiss meines Opas den KuSch-MfS-Genossen unangenehm war: In acht Anstrichen wird versucht, die sofortige Entlassung aus dem aktiven Dienst abzumildern. Invalidenrente, Übergangsgeld in Höhe von fünf Monaten Nettobesoldung, finanzielle Auszahlung des anteilmäßigen Jahresurlaubs 1983 (42 Tage!, handschriftlich verändert von 32), Verleihung eines Kampfordens anlässlich des ehrenvollen Ausscheidens („Für Verdienste um Volk und Vaterland“ in Gold), Abschiedsgeschenk (Fotoapparat und Blumen im Wert von 325 Mark), Ehrenurkunde für 35 Jahre treue Dienste verbunden mit 5000 Mark, weitere Urkunden, ein Ausstand „in würdiger Form“ durch den neuen Leiter der KuSch und Übergabe in die MfS-Veteranenbetreuung.

Was war geschehen? Gab es neue gesundheitliche Probleme? Dies war ja die offizielle Begründung („dauernde Dienstuntauglichkeit“).

Nein, das Problem meines Opas war nicht die Gesundheit, sondern die Familie. Im August 1983 wurde meine Mutter auf Initiative des MfS aus der SED ausgeschlossen, was in der DDR einem Berufsverbot gleichkam. Als Vater einer Dissidentin war mein Opa untragbar. Ob die Umstände, dass seine langjährige Bezugsperson Karl Kleinjung 1981 in den Ruhestand ging und mit Günter Möller ein knallharter Karrierehardliner an der Spitze der KuSch stand, eine Rolle spielten, darüber kann ich nur spekulieren. Letztlich ist der Umgang mit Oberstleutnant Lengsfeld nur ein Abbild des zutiefst paranoiden und destruktiven Verhaltens des DDR-Systems insgesamt und war damit sicherlich zwangsläufig.

Paradoxerweise hätte meinem Opa und meiner Oma wohl nichts Besseres passieren können. Die Jahre 1983 bis 1987 gehörten zu den besten Jahren ihres Lebens. Meine Oma, die eine leidenschaftliche Lehrerin war, aber die Schwächen des DDR-Schulsystems ziemlich genau durchschaute, ließ sich ebenfalls frühpensionieren, und so hatten die beiden viel Zeit, sich dem Garten in Neuenhagen und ihrer Leidenschaft, dem Reisen, zu widmen. Finanziell ging es ihnen sehr gut: Zum Ende der DDR fuhr mein Opa einen schnieken Mazda. Im Jahr 1987 feierte Ost-Berlin glamourös die 750 Jahre der Stadt – das Regime legte sich noch mal richtig ins Zeug.

Ich genoss den Kleinbürgerluxus, wie den exquisiten Sanyo-Farbfernseher

Wenn ich in Lichtenberg war, genoss ich den Kleinbürgerluxus, wie den exquisiten Sanyo-Farbfernseher. Im Oppositionellenhaushalt meiner Mutter hatte ich nur einen kleinen Schwarz-Weiß-Fernseher mit schlechtem Empfang. Natürlich schauten wir auch bei meinen Großeltern Westfernsehen, wobei ich meist für alte französisch-italienische Koproduktionen im DDR 2 votierte.

Die Stasiparanoia kam aber schon mal durch, als meine Oma mir erklärte, dass, wenn Nachbarn klingeln, wir unbedingt von West- auf Ostkanäle umschalten müssten – was mit der Sanyo-Fernbedienung aber kein Problem gewesen wäre. Die Abende in Lichtenberg, mein Opa in legerem Outfit mit dem unvermeidlichen Bier in der Hand auf dem Sofa, habe ich jedenfalls in bester Erinnerung.

1988 war es mit der Gemütlichkeit vorbei: Meine Mutter wurde verhaftet, verurteilt, dann exiliert, im Herbst wurde ich aus der Schule geschmissen und ging ebenfalls nach England.

Meine Großeltern verloren ihre Dienstwohnung in Lichtenberg, ein Schock, immerhin hatten sie dort fast 30 Jahre lang gelebt. Einen entsprechenden Aktenvermerk habe ich nicht, aber es ist für mich die einzige Erklärung für den Umzug in eine Erdgeschossplattenbauwohnung in Hellersdorf. Zwar war die Wohnung ein wenig näher am Garten, den sie noch hatten, aber die Wohnung war deutlich kleiner, zu klein für die schönen, teuren Möbel, die sie sich in Lichtenberg über die Jahre zugelegt hatten.

Ich weiß nicht, ob es die Stasiparanoia oder der Kleingeist von Stasi und SED war oder auf irre Weise auch eine Instinkthandlung – nach dem Mauerfall hätte niemand meinen Großeltern ihre alte MfS-Dienstwohnung wegnehmen können. Sie selbst haben auch diesen Schnitt preußisch-korrekt wegerklärt, aber gerade bei meiner Oma konnte ich spüren, wie tief sie dies auch menschlich enttäuscht hat. Ganz abgesehen davon, dass das Leben in Hellersdorf vor und vor allem nach der Wende alles andere als angenehm war.

Im Jahr 1989 kam es dann auch zu einem offenen Bruch mit den alten Genossen: Auch hier muss ich auf die Erinnerungen meiner Mutter zurückgreifen, aber ich bin mir sicher, dass es sich genau so zugetragen hat. Mein Urgroßvater, der Bergmann, feierte seinen 85. Geburtstag in dem Haus in Sondershausen. Meine Mutter setzte als prominente Oppositionelle und Exilantin mit DDR-Pass durch, dass die „Organe der DDR“ ihr die Einreise für diesen runden Geburtstag ihres Großvaters erlaubten. Meine Großeltern waren natürlich auch in Sondershausen. Die Genossen vom MfS verwandelten das Waldgrundstück in eine Belagerungszone – es muss wirklich absurd gewesen sein.

Jedenfalls legte Oberstleutnant a. D. Lengsfeld sich mit seinen lokalen Kampfgenossen an und beschwerte sich massiv über diesen abstrusen Aufzug. Aber die DDR war 1989 eh am Ende – mein Opa, der in diesem Jahr 60 geworden war, trug die Wende mit Fassung und sah die Chancen des neuen Lebens durchaus. Er hatte längst erkannt, dass das System nicht zu retten war – Zeit genug zur Reflexion hatte er ja. Und auch dies war die paradoxe Folge der überhasteten Frühberentung von 1983: Die Paralyse und den Untergang der „Firma“, also der DDR im Kleinen, musste mein Opa nicht aktiv durchleiden.

Traurigerweise ging es meiner Oma ganz anders. Sie hat den Zusammenbruch des Systems nicht gut vertragen – beide hatten ja ihr gesamtes Berufsleben und die ersten Jahre der Rente für das und mit dem System gelebt. Meine Oma verlor ihre Lebensfreude und sah die Neuerungen in zunehmend düsteren Farben.

Wie viele DDR-Männer war mein Opa Alkoholiker

Ich kann nicht sagen, an welchem Punkt dies dann auch pathologisch wurde. 1993 starb sie nach kurzer, schwerer Krankheit an einem malignen Hirntumor. Ich war in dieser Zeit in Manchester und konnte trotzdem, zum Glück, meine Oma noch einmal im Krankenhaus besuchen. Ich fuhr meinen Opa mit seinem letzten Wagen, einem sportlichen Toyota, nach Sondershausen zur Beerdigung – man hatte pragmatisch entschieden, dass meine Oma im Grab ihrer Eltern begraben werden soll. Bei der Beerdigungsfeier konnte ich sehen, was ich zu diesem Zeitpunkt eigentlich schon wusste: Wie viele DDR-Männer war mein Opa Alkoholiker, bei ihm in der sehr disziplinierten Form des Spiegeltrinkens: „Auf einem Bein kann man nicht stehen!“

Dieses Bild meines Opas am Abend der Beerdigung trage ich mit mir. Kaum zurück nach England ereilte mich nach wenigen Monaten die nächste Hiobsbotschaft: Mein Opa lag im Koma. Er hatte zuvor in der elenden Hellersdorfer Plattenwohnung einen eigentlich harmlosen Diabetisvorfall gehabt und war dann, wie ich vermute, im Krankenhaus einem kalten Alkoholentzug ausgesetzt worden. Wieder konnte ich wenigstens Abschied nehmen, die deprimierende körperliche Verfassung meines Opas – er war nicht mal ansprechbar – werde ich mein Leben nicht vergessen. Zur zweiten Beerdigung nach Sondershausen konnte und wollte ich nicht fahren.

Meine Großeltern haben das heute geltende gesetzliche Rentenalter nicht erreicht. Immer wenn ich ihr Grab in Nordthüringen besuche, denke ich daran, dass ich mal die Idee hatte, ihnen den Enkeldienst zu leisten, sie zu ihren Genossen nach Friedrichsfelde zu verlegen. Aber im Zuge des Schreibens dieses Textes habe ich den Plan endgültig begraben. Sie liegen in Sondershausen, wo sie sich kennengelernt, wo sie ihre Familie gegründet und ihre Karrieren gestartet haben, schon richtig. Ruhet in Frieden, meine geliebten Großeltern.

Philipp Lengsfeld wurde 1972 in Berlin-Lichtenberg geboren. Von 2013 bis 2017 war er als Abgeordneter für die CDU im Deutschen Bundestag. Er ist promovierter Physiker und arbeitet heute als wissenschaftlicher Angestellter eines Pharmakonzerns. Lengsfeld ist der älteste Sohn der ehemaligen Politikerin Vera Lengsfeld und des Journalisten Sebastian Kleinschmidt. Vera Lengsfeld war Anfang der 80er-Jahre als Bürgerrechtlerin in der DDR aktiv, sie wurde 1983 aus der SED ausgeschlossen.