05.04.2020, Brandenburg, Rangsdorf: Menschen fahren mit ihren Fahrrädern bei Sonnenuntergang am Strand des Rangsdorfer See im brandenburgischen Landkreis Teltow-Fläming.
Foto: dpa

Sie haben vor der Corona-Krise in einem Interview gesagt, dass unsere jetzige Art des Reisens nicht mehr ewig so weitergehen wird. Das klingt aus heutiger Sicht fast prophetisch.

Der Satz ist im Kontext von Overtourism und Flugscham entstanden. Die ITB hatte das sogar selbstkritisch als Leitmotiv angesprochen. Dass es so schnell so einen Einbruch geben würde, damit habe ich nicht gerechnet. Man könnte sagen, wir haben jetzt eine Situation, die sich die Klimaschützer in ihren kühnsten Träumen nicht erhofft haben. Seit dem Mittelalter hat es eine solche Beschränkung der Mobilität nicht mehr gegeben.

Könnte das eine Zeitenwende im Tourismus werden?

Es ist auf jeden Fall eine unvergleichliche Erfahrung in der neueren Geschichte. Urlaub ist ja mit Freiheit, der Abwesenheit von Zwängen legitimiert und assoziiert. Und diese Freiheit wird uns verlorengehen. Seit der Nachkriegszeit erleben wir einen langfristigen Trend der Demokratisierung des Reisens. In den frühen 50ern sind 20 Prozent der Bevölkerung einmal im Jahr in den Urlaub gefahren, in den 70ern mehr als die Hälfte.

Kurz bevor die Mauer fiel, 1989, war die DDR Reiseweltmeister.

Auch in Ostdeutschland?

Die DDR-Bürger haben die 50-Prozent-Marke sogar fünf, sechs Jahre früher erreicht als die Westdeutschen. Um 1970. Kurz bevor die Mauer fiel, 1989, war die DDR Reiseweltmeister. Die Reiseintensität lag bei 80 Prozent. Wir haben jetzt 75. In der alten Bundesrepublik lag sie zehn Prozent niedriger.

Wohin sind die Ostdeutschen denn gereist?

Es gab im Ostblock mal eine Phase der Liberalisierung der Grenzregime. Da wurde der Passzwang nach Polen und der Tschechoslowakei aufgehoben, das führte dazu, dass ein Viertel der DDR-Bürger Auslandsreisen machten. Das ist eine recht hohe Quote, die ungefähr Frankreich und England entsprach. Die Westdeutschen waren da  allerdings weit voraus. Die waren immer Auslandsreiseweltmeister.

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Im 30. Jahr der Wiedervereinigung erleben wir erneut einen Umbruch in der Gesellschaft, ausgelöst durch die Corona-Krise. Die Berliner Zeitung begleitet diese Zeit, in der erneut viel Altgewohntes auf dem Prüfstand steht, mit Essays, Analysen, Interviews. Wir wollen Debatten führen und fragen, was wir aus dem Gestern für ein besseres Morgen lernen können.

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Und nach dem Mauerfall?

Da erlebten beide deutsche Staaten einen kurzen Boom des Inlandstourismus. Die Westdeutschen haben sich für Dresden und die Ostsee interessiert, die Ostdeutschen für den Kölner Dom, München und dann natürlich Italien. Das waren Nachholeffekte. Aber sehr schnell glich sich das Reiseverhalten an. Ende der 90er war es relativ einheitlich geworden.

Wie wichtig ist Reisen für die Deutschen? Spielen sich jetzt Dramen in den Wohnzimmern ab, weil der Sommerurlaub platzt?

Es heißt ja, die schönsten Wochen des Jahres. Das war, glaube ich, mal ein Spruch der TUI. Und schon Fontane schrieb: Die Menschen müssen elf Monate im Jahr leben, und den zwölften wollen sie leben. Genau das ist ihnen jetzt weggebrochen, der Höhepunkt des Daseins, wie Fontane sagte.

Könnte es nicht sein, dass sich jetzt, da man nicht verreisen kann, herausstellt, dass alles nur ein Mythos ist, dieses Glückversprechen der Tourismusindustrie?

Kennen Sie den Hans-Magnus-Enzensberger-Aufsatz von 1958?

Nein.

Der war betitelt: „Vergebliche Brandung der Ferne“. Ein genialer Aufsatz zur Geschichte und Theorie des Tourismus. Da gibt es den schönen Satz: Der Tourist zerstört sein Ziel, indem er es erreicht. Enzensberger meinte, Tourismus sei ein Massenbetrug. Die Industrie betrügt die Leute, manipuliert sie, gaukelt ihnen etwas vor, und dann kommen sie zurück und sind enttäuscht, dass sie betrogen wurden.

Können es aber nicht zugeben, weil es bei allen anderen so toll war.

Genau. Das steht da auch drin. Aber Studien, die nicht so hochgeistig daherkommen, sagen, dass die Leute durchaus zufrieden sind mit ihrem Urlaub. Allerdings: Ob sie nun wirklich erholt sind, was ja das Hauptmotiv ist und sogar im Bundesurlaubsgesetz steht, ist eine andere Frage.

Bildung, Völkerverständigung und Heimatliebe sind seit dem 19. Jahrhundert die Hauptmotive von Urlaub. Den Erholungseffekt halte ich allerdings für einen bürgerlichen Mythos.

Im Bundesurlaubsgesetz?

Ja, da steht drin, dass der Mensch Erholung braucht und während des Urlaubs keiner Erwerbstätigkeit nachgehen darf. Bildung, Völkerverständigung und Heimatliebe sind seit dem 19. Jahrhundert die Hauptmotive von Urlaub. Den Erholungseffekt halte ich allerdings für einen bürgerlichen Mythos. Erzählen Sie mal den Kampftrinkern in Ischgl, Sie wollen sich erholen im Urlaub! Entscheidend ist aber das subjektive Gefühl, erholt zurückzukommen, das weiß ich aus eigener Erfahrung. Ich urlaube nicht allzuviel. Ich mache lieber Dienstreisen. In jedem Fall gibt es so einen Placebo-Effekt, der verschwindet nach ungefähr zwei Wochen. Ob das Massenbetrug ist, weiß ich nicht. Tapetenwechsel als solcher ist den Menschen angenehm, in jeder Kultur.

Die Bundesregierung hat sogar einen Tourismusbeauftragten. Ist Reisen Staatsaufgabe?

In der DDR gab es nach dem Mauerfall sogar einen Tourismusminister, Professor Benthin aus Greifswald, ein sehr angenehmer älterer Herr. Und ja, in der Bundesrepublik gibt es den Tourismusbeauftragten im Range eines Staatsekretärs. Das hat damit zu tun, dass fast ein Zehntel des Bruttoinlandprodukts in Deutschland durch den Tourismus generiert wird. Über zehn Prozent aller Beschäftigten haben was mit Tourismus zu tun. Die Branche ist größer als die Autoindustrie.

Was ist denn die Aufgabe des Tourismus-Beauftragten?

Fragen Sie mich mal was Leichteres. In der alten Bundesrepublik hat die Politik viel Scheu gehabt, sich in die Urlaubsplanung der Deutschen einzumischen. Im wiedervereinigten Deutschland war das anders. Viele Kommunen im Osten standen ja vor dem Ruin, und dann hieß es: Der Tourismus kann sie retten. Erst in diesem Kontext ist der Tourismus überhaupt als Wirtschaftsfaktor ins Bewusstsein geraten.

Hasso Spode, Leiter des Tourismusarchivs an der TU-Berlin.
Foto: R. Dörfler

Das hat die Wirtschaft im Osten aber auch nicht gerettet.

Also die höchsten Zuwachsraten in Deutschland hat Mecklenburg-Vorpommern.

Wegen der Ostseebäder.

Ja, natürlich. Zum Glück wurde da an der Küste nicht so viel gebaut wie zum Beispiel in Spanien zur gleichen Zeit. Das zahlt sich jetzt aus. Die Ostsee im Osten ist für viele attraktiver als die Lübecker Bucht, die schon in den 70er-Jahren zugebaut wurde.

Was passiert jetzt mit dem Tourismus?

Jedes Jahr drei Wochen Urlaub und möglichst weit verreisen – das können wir uns abschminken. Von allen Branchen sind die Event-Branchen am stärksten betroffen, und die größte Event-Branche ist der Tourismus. Der wird noch lange leiden, weil größere Menschenansammlungen das Risiko bergen, dass da ein Hotspot entsteht und die Leute das Virus in ihre Heimat zurücktragen. Massentourismus wird es sobald nicht wieder geben, vielleicht Ferienwohnungen im Inland, Campingbus. Alles, was man trennen kann. Wir fallen mittelfristig vielleicht auf das Niveau der 50er-Jahre zurück mit einer Reiseintensität von 20-25 Prozent. Wenn es hochkommt. Am meisten betroffen werden die Flugpauschalreisen sein.

Was immerhin gut für die Umwelt ist.

Ja, aber so schlimm wie es dargestellt wird, ist es auch nicht. Das ist ein anderes Thema. Touristische Flugreisen, vor allem die Fernreisen werden für lange, lange Zeit kaum möglich sein. Für Geschäftsleute wird es irgendwann wieder gehen. Ich glaube nicht, dass man auf Dauer vernünftige Verhandlungen über Skype führen kann. Die Lufthansa rechnet damit, 2023 vielleicht aus der Verlustzone herauszukommen. Das halte ich für sehr optimistisch. Das ganze Flugwesen könnte den Bach runtergehen. Aber nach Mallorca kommt man notfalls auch ohne Flugzeug. Bis in die 50er-Jahre ging es ja auch so.

Was würden Sie jetzt machen als Tourismusbeauftragter?

Man hat in dieser Position überhaupt keine Macht. Aber der Rettungsschirm, der kommen soll, ist richtig. Stellen Sie sich vor, die TUI bricht zusammen, der weltgrößte Reiseveranstalter. Was da alles dranhängt, wie viele Existenzen. Andererseits: ein Rettungsschirm hält ein halbes, vielleicht ein ganzes Jahr, dann ist auch der deutsche Staat pleite.

Im letzten Jahr sind 55 Millionen Deutsche verreist, die kriegt man nicht alle im Harz oder in Meckpomm unter. Dafür reicht der Platz einfach nicht.

Könnte man nicht die Zeit nutzen, um eine neue, nachhaltigere Art von Tourismus aufzubauen? Müssen es immer Flugreisen sein?

Eins ist klar: Sobald es möglich ist, werden die Leute wieder verreisen. Und im letzten Jahr sind 55 Millionen Deutsche verreist, die kriegt man nicht alle im Harz oder in Meckpomm unter. Dafür reicht der Platz einfach nicht. Und ich will auch nicht an die Ostsee, wenn es wieder so voll ist wie in der DDR. Dann lieber Brandenburger Seen. Wenn man da unterkommt. Also meine Prognose: Erstmal Niveau der 50er-Jahre.

Was haben die Leute damals im Urlaub gemacht?

Dreiviertel blieben zu Hause. Das eine Viertel, das verreiste, bewegte sich vor allem in Deutschland und Österreich, später auch Italien. Erst mit den Bahn, dann mit dem Auto. Dem damaligen Italien-Hype verdanken wir Ravioli und Miracoli. Es entstand der Eindruck, jeder fährt jetzt nach Italien, aber das waren keine fünf Prozent.

Wo werden Sie Urlaub machen dieses Jahr?

Ich bin eigentlich ganz entspannt. Mir reichen zehn Tage im näheren Umfeld, und ich hasse es zu fliegen. Zumal zu den Sicherheits- auch noch Corona-Kontrollen kommen werden. Also entweder Balkonien oder ich mache eine Radtour.