Johnny Norden, ehemaliger DDR-Kulturattaché von Chile, heute in Berlin.
Foto: Ostkreuz/Sebastian Wells

Es gibt diese Reden bekannter Politiker, die den Menschen auf ewig im Gedächtnis bleiben. Beispiele sind Martin Luther King über den Kampf gegen Rassismus in den USA 1963 oder Mahatma Gandhi über den gewaltlosen Kampf um die Unabhängigkeit Indiens 1942.

Was war das Besondere an diesen Reden? Luther King und Gandhi haben die Hoffnungen und Gefühle vieler Menschen erfasst und in Worte gekleidet, ihnen damit eine Stimme gegeben. Für uns, die später Geborenen, haben sie einen wichtigen historischen Moment im Freiheitskampf der Völker festgehalten.

In diese Reihe gehört auch die Rede von Salvador Allende am 11. September 1973. Er zog an diesem, seinem letzten Tag die Bilanz des welthistorisch erstmaligen Versuchs einer friedlichen revolutionären Umgestaltung des Landes, von der Allende drei Jahre vorher gesagt hatte: „Wir werden uns auf den Weg zum Sozialismus begeben, ohne Bruderkrieg und Blutvergießen. Un socialismo con vino y empanadas.“

Es grenzt an ein Wunder, dass jene Bilanz-Rede Allendes vom Tag des Staatsstreichs konterrevolutionärer Militärs im Originalton erhalten geblieben ist. Wir verdanken das dem Geschick und der Zivilcourage einer einzigen Person: Eulogio Suarez.

1971 bis 1973 arbeitete ich als Kulturattaché an der DDR–Botschaft in Chile. Es war einer dieser grauen Wintertage in Santiago 1972 bei einer Veranstaltung des Kulturinstituts Chile–DDR, als ich Eulogio kennenlernte. In den drei Stockwerken einer Häuserzeile im Stadtzentrum konnte man gegen eine symbolische Gebühr deutsche Sprachkurse besuchen und schöngeistige und politische Literatur aus der DDR ausleihen. An dem Abend, als ich Eulogio kennenlernte, gab Professor Hanns Stein von der Universidad de Chile ein Konzert. Mit seiner wunderbar warmen Tenorstimme trug er Lieder von Brecht und Eisler vor.

Wir tranken Bier, das wie Fassbrause schmeckte

Eulogio Suarez – Chef des Rundfunksenders der KP Chiles – hatte ich mir irgendwie anders vorgestellt. Eulogio war überhaupt nicht der Typ eines umtriebigen selbstbewussten Machers. Viel mehr passte er für mich in die Vorstellung eines freundlichen und gebildeten lateinamerikanischen Intellektuellen: ein Mann um die vierzig, dunkles schon schütteres Haar, etwas achtlos nach hinten gekämmt. Auffällig waren Eulogios sanfte, immer etwas neugierige Augen, die er hinter einer unförmigen Hornbrille versteckte. Eulogio und ich waren uns wohl sofort sympathisch. Er holte uns zwei Flaschen chilenisches Bier, welches ich gerne mit ihm trank, obwohl ich wusste, dass es wie Fassbrause schmeckte. Beim Auseinandergehen lud mich Eulogio ein, ihn in seinem Sender zu besuchen.

Damals wurden viele kleine UKW–Sender gegründet. Im Chile Anfang der Siebziger mit seiner damals breiten Parteienstruktur führte das dazu, dass sich jede politische Partei des Landes einen solchen UKW–Sender zulegte. Für die KP Chiles war das Radio Magallanes.

Die Radiostation befand sich im Zentrum von Santiago im sechsten Stock eines Hochhauses. Ich war überrascht: eine mit Technik vollgestopfte kleine Mietwohnung. Eulogio stellte mich den drei jungen Mitarbeitern vor: zwei Männer und eine Frau. Sie berichteten voller Enthusiasmus von ihrer Tätigkeit, ohne dabei ihre Arbeit als Techniker oder Sprecher zu unterbrechen. Sie ahnten damals nicht, dass sie nur noch knapp ein Jahr für ihre Arbeit Zeit hatten und ihr Engagement am 11. September 1973 in die Geschichte eingehen würde.

Mit Eulogio hatte ich in der Folgezeit einen losen Kontakt gehalten. Er wusste immer Interessantes über die komplizierte Lage im Land und über den Kurs der KP Chiles zu berichten. So gab es 1973 eine Welle von spontanen Besetzungen kleiner und mittlerer Privatbetriebe durch die Beschäftigten, verbunden mit der Forderung an die Regierung, diese Unternehmen zu verstaatlichen. Die KP hielt diese Besetzungen für unzweckmäßig, hatte aber keinen Einfluss auf die Bewegung. Die chilenische Reaktion ihrerseits nutzte diese Vorgänge zu einer massive Hetze gegen die Unidad Popular: Die Allende-Regierung habe angeblich die Kontrolle über Recht und Ordnung im Land verloren.

Ich tauschte mit Eulogio die privaten Telefonnummern aus. Das sollte im September 1973 von großer Wichtigkeit werden.

Der Pinochet-Putsch traf die Linke in Chile unvorbereitet. Den Putschisten war die absolute Geheimhaltung ihrer Vorbereitungen gelungen. Und sie schlugen sofort mit einer solchen Brutalität zu, wie das in der langen Geschichte der politischen Kämpfe in Chile bisher unbekannt war.

Beim Staatsstreich am 11. September war Radio Magallanes gegen 9.30 Uhr der letzte funktionierende Sender der Unidad Popular. Alle anderen Sender hatten die Pinochet-Truppen zerbombt oder besetzt.

Eulogio erzählte mir später, was damals im Sender geschah. Zu diesem Zeitpunkt war das gesamte Zentrum von Santiago bereits unter Kontrolle von Panzern und Infanterie der Konterrevolution. Flugzeuge überflogen im Tiefflug den Präsidentenpalast, der nur drei Querstraßen vom Radio Magallanes entfernt stand. Pinochet hatte die Moneda umstellt und Allende zum Rücktritt aufgefordert. Allende erklärte, dass er sich nicht ergeben und die Moneda nicht verlassen werde.

Kurz vor 10 Uhr rief der persönliche Referent Allendes aus dem Präsidentensitz beim Radio an und fragte, ob der Sender Magallanes eine Rede des Präsidenten übertragen könne. Am Telefon war Eulogio, der antwortete: „Ja natürlich!“ und hinzufügte: „Einen Moment noch, wir müssen noch das Tonband zur Aufzeichnung dazuschalten“. Er hatte das kaum ausgesprochen, da war schon Allende selbst in der Leitung: „Compañero, dafür ist keine Zeit mehr, ich fange sofort an!“

Man kann weder durch Verbrechen noch durch Gewalt die gesellschaftlichen Prozesse aufhalten. Die Geschichte gehört uns, es sind die Völker, die sie machen.

Salvador Allende in seiner letzten Rede

Geistesgegenwärtig sprang einer der beiden jungen Techniker heran, schaltete das Tonbandgerät ein und legte das Band auf, während Eulogio eilig die Knöpfe für die Übertragung bediente. Allende redete circa 15 Minuten. Menschen im ganzen Land konnten so die Stimme des von ihnen gewählten Präsidenten hören:

„Mitbürger, dies wird höchstwahrscheinlich die letzte Gelegenheit sein, dass ich mich an Sie wende. … Ich werde nicht zurücktreten! … In diesem kritischen Augenblick von historischer Bedeutung werde ich meine Loyalität gegenüber dem Volk mit dem Leben bezahlen. … Man kann weder durch Verbrechen noch durch Gewalt die gesellschaftlichen Prozesse aufhalten. Die Geschichte gehört uns, es sind die Völker, die sie machen. ... Das Auslandskapital, der mit der Reaktion verbündete Imperialismus haben ein solches Klima geschaffen, dass die Streitkräfte mit ihrer Tradition brechen. … Jetzt sitzen dieselben, die unsere Genossen ermorden ließen, in ihren Häusern und warten, dass man ihnen die Macht über Reichtum und Privilegien in die Hände zurücklegt. … In diesem düsteren und bitteren Augenblick, in denen sich der Verrat durchsetzt, sollt ihr wissen, dass sich früher oder später, sehr bald erneut die breiten Avenidas auftun werden, auf denen der würdige Mensch dem Aufbau einer besseren Gesellschaft entgegengeht ...“

Der Zeitraum der Übertragung muss für Eulogio und seine drei Genossen eine Zitterpartie gewesen sein. Unmittelbar nach Ende der Übertragung verließen sie den Sender. Sie hatten wirklich Glück gehabt. Das Militärkommando, welches den Magallanes besetzen sollte, hatte den Hauseingang verwechselt und ein Rechtsanwaltsbüro gestürmt. Eulogio packte die Tonbandkassette mit der Rede in seine Aktentasche und machte sich zu Fuß auf den Weg nach Hause. Unterwegs wurde er zweimal von Militärpatroullien angehalten und auf Waffen kontrolliert. Der Inhalt der Aktentasche in Gestalt eines Sandwichs und der Tonbandkassette interessierte sie nicht.

Die Nachricht von der Ermordung Allendes* durch die Konterrevolution ging um die Welt, einschließlich der Tatsache, dass er drei Stunden vor seinem Tod noch eine Rede gehalten hatte. Aber niemand kannte den Wortlaut. Und so war es verständlich, dass drei oder vier Tage nach dem 11. September die Botschaft der DDR aus Berlin den Auftrag erhielt, den Redetext zu übersenden.

In der Botschaft hatte keiner die Rede aufgenommen. Und so gab es nur eine geringe Chance: Irgendwie Leute vom Sender Magallanes zu kontaktieren in der Hoffnung, dass sie eine Aufzeichnung hätten. Dies war ein riesiges Problem, denn das Pinochet-Regime verfolgte alle Linken des Landes mit einer erbarmungslosen Hetzjagd: sie wurden entweder sofort umgebracht oder in Konzentrationslager gesperrt. Was Eulogio anbetrifft, mussten wir davon ausgehen, dass er Opfer der Verfolgung geworden war oder in tiefster Illegalität lebte. Ich erhielt den Auftrag, nach Eulogio zu suchen. Die Sache war es wert, und ich entschloss mich, ihn zu Hause von einem Straßentelefon anzurufen.

Ich hoffte, dass Eulogio noch lebte

Ich hoffte nur, dass Eulogio nicht schon verhaftet war. Seine Frau ging ans Telefon und meinte, dass Eulogio nicht zu Hause sei. Das konnte alles bedeuten. So bat ich sie, ihm einen „Gruß von Johnny“ auszurichten. Sie zögerte kurz und sagte dann, dass Eulogio mich „auf Arbeit“ anrufen werde und hängte auf. Ich dachte: Das war’s, hoffentlich lebt er zumindest noch.

Doch dann die Überraschung: Zwei bis drei Tage später rief mich Eulogio abends in meiner Wohnung in der Calle San Sebastian an. Ohne Small Talk schlug er vor, am nächsten Tag in einer uns beiden bekannten Gaststätte Mittag zu essen, denn „er wolle mir ein Geschenk machen“.

Ich war mir bewusst, dass dieser Treff mit Risiken verbunden war. Es herrschte Ausnahmezustand, die Stadt war voller Militärs auf der Suche nach Allende-Anhängern. Aber Eulogios Idee des Treffs in einem Restaurant für Begüterte machte Sinn: Hier war es eher unwahrscheinlich, von einer Razzia überrascht zu werden.

Das Essen dauerte nur 20 Minuten. Eulogio übergab mir – ohne, dass ich gefragt hatte – ein Pappkuvert mit der Kassette. Eulogio nickte kurz und ich hatte verstanden.

Wenige Tage später unterbrach die DDR die diplomatischen Beziehungen mit dem Pinochet-Chile. Am 23. September flog ich mit meiner Frau Conny und unserer dreijährigen Tochter Jenny zurück in die DDR. Neben unserem persönlichen Gepäck transportierten wir einen Sack mit Diplomatenpost, in diesem Sack die Tonbandkassette mit der Allende-Rede.

Im DDR–Fernsehen wurde die Rede noch im September in einer Sondersendung ausgestrahlt mit Bildern vom Staatsstreich und als Fließtext die deutsche Übersetzung. Die DDR-Plattenfirma Eterna brachte die Allende-Rede als Single mit einer Auflage von 5000 heraus. Sie war nach drei Tagen vergriffen.


Eulogio Suarez (2.v.l.) bei einem Besuch bei der Familie Norden in den Siebzigern in Berlin.
Foto:  Johnny Norden

Eulogio Suarez ging Ende 1973 mit seiner Familie ins Asyl nach Bulgarien. Er hat uns in den Siebzigerjahren noch einmal in der DDR besucht. In der Folgezeit ist es mir nicht mehr gelungen, einen Kontakt mit Elogio herzustellen. Er war Kaderfunktionär der Kommunistischen Partei, welche bis zum Sturz der Pinochet-Diktatur in tiefster Illegalität agierte. Im Jahr 1996, sechs Jahre nach Ende der Diktatur, besuchte ich noch einmal Chile. Trotz aller Bemühungen musste ich feststellen, dass ich Eulogios Spur endgültig verloren hatte.


* Korrektur: In einer früheren Version dieses Artikels hieß es in der Unterzeile, Salvador Allende habe die Rede drei Stunden vor seiner Ermordung gehalten. Das war die Nachricht, die sich damals verbreitete und an die viele glaubten. Im Jahr 2011 wurden die Überreste Allendes von inländischen und ausländischen Gerichtsmedizinern obduziert. Dabei stellte sich heraus, dass Salvador Allende Selbstmord beging: Während der Präsidentenpalast von den Pinochet-Truppen angegriffen wurde, habe er sich in den Kopf geschossen. Seine Tochter, Isabel Allende, sagte dazu: „Angesichts der extremen Umstände, die er erlebte, entschied er sich, aus dem Leben zu scheiden, bevor er gedemütigt wurde.“