Ingo Schulze, 1962 in Dresden geboren, begann 1995 sein Schriftstellerleben mit dem St.-Petersburg-Roman „33 Augenblicke des Glücks“.
Foto: Sabine Gudath

BerlinEigentlich wäre Ingo Schulze jetzt auf Lesereise. Denn wenn ein Schriftsteller ein neues Buch veröffentlicht hat, gehört es für ihn dazu, dies landauf, landab in Buchhandlungen und Literaturhäusern vorzustellen. Die Honorare dafür bedeuten Autoren einen Teil ihres Lebensunterhalts. Die Maßnahmen zur Eingrenzung der Pandemie bewirken, dass Ingo Schulze zu Hause in Berlin ist. Wir treffen uns mit Sicherheitsabstand unter freiem Himmel im Kleistpark zum Gespräch.

In Ihrem Roman „Die rechtschaffenen Mörder“ gibt es einen Autor namens Schultze. Warum geben Sie ihm diese Ähnlichkeit zu Ihnen?

Jeder andere Name wäre beliebig gewesen. Diese Figur entstammt meinem „Milieu“. Ich komme wie er aus Dresden, wohne schon lange in Berlin und kann von der Arbeit, die ich am liebsten mache, also dem Schreiben, bisher auch leben. Spätestens am Ende des Buches wird man merken, dass es vor allem um diesen Schultze ging, dass eigentlich der auf dem Prüfstand steht. Denn wir lesen seine Erzählung über den Antiquar Norbert Paulini und hören seinem Bericht über die Begegnungen mit ihm und seiner Welt zu. Schultzes Blick pendelt zwischen Glorifizierung und Verdammnis. Seine eigene Position wird durch die Rückkehr nach Dresden infrage gestellt, das beunruhigt ihn, so wie ihn einiges an der Wendung Norbert Paulinis beunruhigt.

Die Geschichte könnte überall im Osten spielen

Mit der Rückkehr nach Dresden spielen Sie auf das viel diskutierte Buch von Didier Eribon „Rückkehr nach Reims“ an, in dem der Autor sich das Milieu seiner Herkunft anschaut. Kann man es auch so lesen, dass auch der Autor Ingo Schulze schaut, was aus ihm hätte werden können?

Sie meinen, ich wäre in Dresden vielleicht ein besserer Mensch geworden? Vielleicht! Die Schwierigkeit, angemessen auf diese Frage zu antworten, liegt auch darin, dass ich jemand bin, der erst während des Schreibens herausfindet, was er da eigentlich erzählt, auch wenn ich vorher eine Geschichte im Kopf habe. Ich wollte ja tatsächlich über einen Antiquar schreiben. Die Geschichte könnte überall im östlichen Deutschland spielen. Aber das Dresden der 70er- und 80er-Jahre kenne ich halbwegs. Ich erinnerte mich an ein Antiquariat in Blasewitz in der 1. Etage eines Wohnhauses, aber weder wusste ich die genaue Adresse noch, ob ich damals dort etwas gekauft habe. Erst als mein Roman fertig war, erfuhr ich, dass sich dieses Antiquariat tatsächlich in der Brucknerstraße befunden hat und der Inhaber wirklich legendär war.

Ich musste an das Buchhaus Loschwitz denken, ausgezeichnet mit dem Deutschen Buchhandlungspreis, dessen Inhaberin Susanne Dagen allerdings neurechte Positionen unterstützt. Die habe ich mal bei einer Diskussion erlebt, als sie sagte, sie überlege gut, wen sie in ihrer Buchhandlung auftreten lassen, denn die sei ihr Wohnzimmer.

Dieses Ineinander von Leben und Arbeit war ja charakteristisch für den Osten. Deshalb lasse ich die Kunden bei der Eröffnung der Buchhandlung im Roman auch mal auf dem Bett von Paulini sitzen, und in der Küche wird für alle gekocht. Dass es im intellektuellen Milieu auch eine Tendenz nach rechtsaußen geben kann, ist ja nicht neu. Es gab nicht nur Ernst Jünger, sondern tonnenweise nationalistische, rassistische und faschistische Literatur – und deren Leser.

Und in der DDR?

Da gab es immerhin unterschiedliche Weisen, gegen den Staat zu sein. Da man nicht damit rechnete, dass sich das so radikal ändern würde, fand man alles sympathisch, was den Status Quo nicht komplett guthieß. Wie verschieden die Ziele im Grunde waren, wurde für mich erst Ende ’89 sichtbar. Wie man die DDR und die Selbstermächtigung vom Herbst ’89 beurteilt, entscheidet mit über aktuelle Fragen. Die Thüringer Regierungsbildung hat ja gezeigt, dass Antikommunismus für die extreme Rechte und die bürgerlichen Parteien zum gemeinsamen Nenner avancieren kann.

19.12.1989: Bundeskanzler Helmut Kohl gibt Volkspolizisten und Bürgern während seines Besuches auf dem Dresdner Altmarkt die Hände. 
Foto: Imago

Die Entscheidung fiel für die D-Mark

Das Jahr 1990 ist der Wendepunkt nicht nur unserer Geschichte, sondern auch im Roman. Einiges, was dem Antiquar widerfährt, zeigt, was damals falsch gelaufen ist. Zum Beispiel sind tonnenweise Bücher auf Müllkippen und in Tagebaue geworfen worden.

Es war eben eine rein ökonomische Sache. Dass Fernseher oder Autos aus DDR-Produktion den westlichen oder fernöstlichen unterlegen waren, galt als ausgemacht. Aber Bücher, in Leinen gebundene Klassikerausgaben oder auch Partituren!

Die DDR-Bürger wollten nichts mehr aus DDR-Produktion haben.

Ich denke, unser Problem ist – wenn man die Ostler mal als Einheit sieht –, dass es uns nicht gelungen ist, die Dinge erst einmal unter uns zu lösen. Wir hatten ja tatsächlich die Macht erobert, die Freiheit der Rede und des Reisens, vor allem wählten wir die eigenen Chefs, die Demokratie machte nicht vor der Ökonomie halt. Aber wir haben diese Macht sehr schnell wieder abgegeben im Tausch gegen geordnete Verhältnisse und Versprechungen, die sich an die D-Mark geknüpft haben. Und wenn man es nicht zu einer Vereinigung, sondern nur zu einem Beitritt schafft, dann geht es nach den Spielregeln des Landes, dem man beitritt. Gesellschaftliche Alternativen spielten von da an keine Rolle mehr.

Manchmal denke ich auch, es wird so viel über den Osten gesprochen, um über den Westen zu schweigen. Denn eigentlich kann man nur über beides zugleich sprechen.

Ingo Schulze

Ich möchte noch einmal nach „Rückkehr nach Reims“ fragen.  Wieso kommen Sie jetzt auf den prüfenden Blick auf die eigene Herkunft?

Die Analogie zu Eribon besteht für mich darin, dass man lange etwas übersieht, was sich aber abrupt wieder in den Vordergrund schiebt. Für mich ist das eine Erfahrung vor allem der letzten drei, vier Jahre. Die Künstlerin und Soziologin Yana Milev sagt, nach 30 Jahren beginnt Geschichtsschreibung, vorher ist alles Soziologie. Vielleicht geht es jetzt mehr ums eigene Selbstverständnis.

Auch das Selbstverständnis als Ostdeutscher?

In Gesprächen wird das viel öfter ein Thema. Immer wieder sagt mir jemand, sie oder er sei seit 20 Jahren der oder die Einzige aus dem Osten in bestimmten Gremien oder Kreisen. Warum stößt einem jetzt auf, was man lange kommentarlos akzeptiert hat? Da ist eine wachsende Unduldsamkeit, die ich auch an mir bemerke und die mich auch beunruhigt, weil sie mich unsouverän macht.

Vielleicht wollten diese Ostler nicht jammern?

Wer ist denn überhaupt ein Ostler? Es gibt da keine Homogenität. Mich interessiert mindestens genauso, wie sich diese Prozesse auf den Westen ausgewirkt haben. Für die Linke im Westen hatte das schwerwiegende Folgen. Ohne den Beitritt der DDR wäre Helmut Kohl wohl nicht noch einmal Kanzler geworden. Die Mehrheit im Westen hat vom Beitritt ökonomisch gesehen höchstens vermittelt profitiert, aber mit Steuergeldern kräftig dafür gezahlt. Die Zahl der Millionäre ist in diesem Zusammenhang explodiert, vor allem im Westen, aber eben auch im Osten gab es plötzlich welche. Manchmal denke ich auch, es wird so viel über den Osten gesprochen, um über den Westen zu schweigen. Denn eigentlich kann man nur über beides zugleich sprechen.

Der Bücherfreund Paulini im Roman entwickelt sich zu einem Fremdenhasser, könnte das auch für einen Antiquar im Westen passen?

Mir wurde vorgeworfen, die Wendung Paulinis sei nicht plausibel. Das kann auch gar nicht plausibel sein. Ich kann mich in einen Rechten hineinversetzen und seine verengte Sicht beschreiben, aber es gibt keine Folgerichtigkeit, warum jemand ein Nazi wird. Man kann Faktoren aufzählen, die so einer Hinwendung förderlich sind. Und dazu gehört neben Paulinis ökonomischen Verlusten und sozialer Unsicherheit auch sein Statusverlust als Antiquar, also als umworbener Herr über die Bücher, als Held der Gegenöffentlichkeit.

Wie sehen Sie selbst heute Dresden?

Eine Art Antwort steht vielleicht im Roman. Ich wohnte durch Grundwehrdienst und Studium recht früh nicht mehr in der Stadt. Zwar bin ich durch und durch Dresden-geprägt und ein Teil meiner Freunde lebt dort, aber mir fehlt die Alltagserfahrung des Ostens. Trotzdem werde ich bis heute als ostdeutscher Schriftsteller vorgestellt. Womit ich kein Problem hätte, wenn meine Kollegen mit West-Biografie dann eben westdeutsche Schriftsteller wären, aber sie sind die deutschen Autoren. Diese Zweiteilung sitzt tief.

Frauen wissen: Emanzipation braucht einen langen Atem

Und so wird Kritikern noch heute Undankbarkeit vorgehalten, wie Klaus Wolfram in seiner Rede in der Akademie der Künste?

Wir müssen den Ost-West-Unterschied möglichst genau beschreiben, ohne daraus einen Kampf zu machen, und uns fragen, wie sich dieser Konflikt zu den eigentlichen Auseinandersetzungen verhält. Letztlich geht es um soziale Gerechtigkeit, um Ökologie und Umwelt, Frieden. Frauen wissen besser als Männer: Emanzipationsbewegungen brauchen einen langen Atem.

Migranten geht es auch so.

Ja. Im Deutsch-Deutschen erkennt man Muster, die es auch anderswo gibt. Ich fand ja den Vergleich von Ostlern und Migranten – bei allen Unterschieden – aufschlussreich. Und wenn man nüchtern versucht, die Folgen des Beitritts zu beschreiben, dann zeigen sich da durchaus auch koloniale Züge.

Die Serie

Im 30. Jahr der Wiedervereinigung erleben wir erneut einen Umbruch in der Gesellschaft, ausgelöst durch die Corona-Krise. Die Berliner Zeitung begleitet diese Zeit, in der erneut viel Altgewohntes auf dem Prüfstand steht, mit Essays, Analysen, Interviews. Wir wollen Debatten führen und fragen, was wir aus dem Gestern für ein besseres Morgen lernen können.

Haben Sie eine Idee für die Serie „Zeitenwende“ oder wollen Sie uns Feedback geben? Schreiben Sie uns eine E-Mail an: zeitenwende@berlinerverlag.com

Alle Texte der Serie:
berliner-zeitung.de/zeitenwende

Mir ist das unangenehm, wenn ich an den wirklichen Kolonialismus denke. Der Beitritt war für die Menschen aus dem Osten durchaus mit Vorteilen verbunden.  

Es geht nicht um eine Gleichsetzung, das wäre absurd. Ich suche nach einem Muster, um diese Ost-West-Schieflage zu beschreiben. Wenn nur 1,7 Prozent von Ostlern in Führungspositionen sind, wenn ich frage, wem gehören die Immobilien, die Betriebe, das Land, wo befinden sich die Zentralen, in die der Gewinn fließt, dann muss man auch einen Begriff dafür finden. Daniela Dahn nennt es eine feindliche Übernahme mit Zustimmung der Übernommenen.

Wird die Corona-Krise für eine Angleichung der Lebensverhältnisse sorgen?

Das glaube ich nicht. Eigentlich müsste die Erfahrung dieser Pandemie dazu führen, dass klar wird: Ein Gesundheitswesen kann nicht profitorientiert betrieben werden. Bis vor kurzem wurde noch davon gesprochen, Krankenhäuser zu schließen, weil sie unrentabel seien. Die Proteste des schlecht bezahlten, unterbesetzten Pflegepersonals wurden kaum gehört. Man könnte unter diesem Aspekt alle Bereiche der Gesellschaft durchgehen.

Lesen Sie hier unseren Corona-Newsblog

Kann die Solidarität dieser Tage in der Gesellschaft fortwirken? Also, dass die Leute zu Hause bleiben, Abstand halten, für die alten Nachbarn mit einkaufen?

Das ist doch eine menschliche Selbstverständlichkeit oder gar Notwendigkeit. Wir erleben aber gerade das Primat des Politischen. Der Staat entscheidet und zahlt zugleich enorme Gelder aus. Ich finde das gut, weil es notwendig ist. Aber anderes ist auch notwendig, ob das höhere Einkommen der Pflegekräfte sind, mehr Lehrer, ein menschenwürdiges Existenzminimum, eine Spekulationssteuer, ein Verbot von Hedge-Fonds, die Liste ist lang. Das Primat des Politischen könnte über die Pandemie hinaus viel auslösen.