Autorin Ruth Herzberg
Foto: Ostkreuz/Sebastian Wells

Ich wurde 1975 in Ost-Berlin, Hauptstadt der DDR, geboren, ging in einen evangelischen Kindergarten, fiel schon wegen meines Vornamens in der Schule aus dem Raster und weigerte mich 1981 standhaft, in den Hort zu gehen und den Jungpionieren beizutreten. Ich hatte einfach keine Lust darauf, mehr Zeit als unbedingt nötig in der Schule zu verbringen.

Ich bin eigentlich gar nicht in der DDR, sondern in einer Parallelwelt aufgewachsen. Das kam so: Meine Großeltern und ihre Freunde waren Juden, hingen seit dem 2. Weltkrieg aber einer neuen Religion an: dem Kommunismus. Sie waren nach der Emigration hierher zurückgekehrt, beseelt von dem Glauben, dass der Aufbau eines besseren Deutschland möglich wäre.

Ihre Kinder wiederum, also meine Eltern und deren Freunde, hatten Fanatismus und Dogmatismus ihrer Eltern erlebt und auch deren Desillusionierung, angesichts des täglichen Scheiterns des Kommunismus. Sie opponierten, wurden unangepasste Künstler oder auf andere Art dissidentisch.

Man lebte in der Hauptstadt, wo die Freiheit im Vergleich zum Rest des Landes schon immer größer war. Durch die hohen Posten der Eltern war man vor ernsthafter Verfolgung (Gefängnisstrafen zum Beispiel oder Versetzung in den Tagebau) relativ geschützt. Andererseits ging niemand ein wirkliches Risiko ein, schon allein deswegen, um die von Krieg und Diktatur gezeichneten Eltern nicht noch weiter zu traumatisieren.

Aber man war promisk, man reiste, man machte, was man wollte. Mutter erzählte von den goldenen Zeiten in den Sechzigern, als sie und Freunde, nach durchfeierter Nacht, spontan zum „Frühstücken nach Prag“ geflogen waren.

Reich und trotzdem irgendwie arm

Aber auch 1989 hatten wir es gut. Meine Eltern, meine kleinen Geschwister und ich wohnten in einer 7-Zimmer-Wohnung in Pankow, hatten Fensterputzer, Kindermädchen, Putzmann und trotzdem irgendwie kein Geld beziehungsweise trotzdem welches. Das spielte keine Rolle. Mit drei Kindern galt Mutter in der DDR als kinderreich und die Wohnungsmiete betrug 70 Ostmark.

Die inner- und außerdeutschen Grenzen existierten für uns eher weniger. Schon im Vorjahr hatten meine Eltern es geschafft, anlässlich eines Heiner-Müller-Symposiums, Visa und Spesen für tägliche Fahrten nach West-Berlin zu bekommen. Ich selbst hatte im Alter von sechs Jahren einen ganzen Monat lang meine Oma in Helsinki besuchen dürfen, als sie dort beim Weltfriedensrat arbeitete. Auch meine beiden Onkel hatten schon im Westen unterwegs sein dürfen. In London, Paris und Brüssel, auf Kreta und Ibiza. Großmutter hatte unter anderem Kanada, die USA und Dominika bereist.

Nein, mit dem Land, in dem wir lebten, mit der DDR, hatten wir eigentlich nicht mehr viel zu tun.

Die DDR, das waren Hollywoodschaukeln, Schrankwände, Couchgarnituren und Geranien auf den mit Steuerrädern und Gartenzwergen dekorierten Balkonen. Das war Walter Womackas „Paar am Strand“ an jeder Wand oder Dürers Hase oder Spitzwegs armer Poet. Die DDR, das waren die schlecht gelaunten und gewalttätigen „Vatis“ meiner Klassenkameraden in weißgerippten Unterhemden, selten ohne Bierflasche in der Hand und müde von der Nachtschicht, und die schimpfenden „Muttis“ in ärmellosen Plastikkitteln und mit Lockenwicklern im Haar.

Die DDR war: Kleinbürgertum, Duckmäuserei, heimliches Gemaule und schlechter Geschmack. Nichts, was aus diesem Land kam, galt in unserer Welt etwas. Godard und Truffaut waren alles. Heiner Carow und Konrad Wolf nichts.

Kompromisse waren verpönt und mir wurde beigebracht, immer zu sagen, was ich denke. Ich diskutierte also mit der Staatsbürgerkundelehrerin über Mauerbau und Meinungsfreiheit und weigerte mich, sonntags mit der Klasse zum Singen ins Altersheim zu gehen. Weil ich da lieber im Bett bleiben und lesen wollte.

Alles, was von der DDR kam oder in diesem Staat erzeugt wurde, wurde abgelehnt. Man schloss keine Ehen, ging nicht zum Frisör, nähte sich Kleider und baute sich Möbel. Ich besuchte keine AGs und war nie im Ferienlager.

Den Sommer ’89 verbrachten wir in der Uckermark, im Häuschen einer Freundin. Es stand einsam auf einem Hügel, inmitten von Feldern. Solange das Korn hoch stand, also bis die Mähdrescher kamen, war man hier oben unsichtbar und abgeschieden. Zum Haus führte ein Feldweg, der auch genau dort endete. Hierhin verirrte sich niemand zufällig. Hier konnte man den ganzen Tag nackt herumlaufen. Wenn man zum See wollte, warf man sich ein Handtuch über die Schulter und folgte dem Trampelpfad der Rehe, über den Hügel und quer übers Feld. Die Sonne stach, die Grannen zerkratzten einem die Beine, man sprang ins kühle grüne Wasser und wenn man wieder beim Haus war, ging man wieder zum See, so verschwitzt war man vom Rückweg.

Der Westbesuch bringt das Haschisch

Besuch kam, manchmal sogar Westbesuch im Cabrio. Der brachte Haschisch mit, in kleinen silbernen Döschen. Abends veranstalteten wir spiritistische Sitzungen, rückten Gläser, beschworen Geister und gruselten uns in der Dunkelheit des einsamen Hauses. Kein Zweifel. Dies hier war nicht die DDR, dies hier war exterritoriales Gebiet.

Wir brauchten nicht nach Ungarn zu fahren, um die DDR zu verlassen. Um uns frei zu fühlen, genügte es, nackt durchs Feld zum See zu laufen, aber nicht nachts über die grüne Grenze nach Österreich.

Als in diesem Sommer die DDR-Bürger das Land in Scharen verließen, fanden wir das gut, weil es die Bonzen ärgerte, aber auch schlecht. Was wollten die denn noch alles haben? War die DDR mittlerweile nicht sowieso schon ein Miniaturkapitalismus? Mit Maracuja-Brause von Spreequell und Lizenzausgaben von The Cure und Depeche Mode auf Vinyl? Im Kino lief „E.T.“ und „Dirty Dancing“ und im Fernsehen der DDR spätabends „Erotisches zur Nacht“.

Wenn das Fernsehballett beim „Kessel Buntes“ auftrat, dann waren die doch mittlerweile auch nackt, nur mit Puscheln auf den Brustwarzen und Pfauenfedern auf der Scham.

Das Land wurde dekadent, kam also den Wünschen der Bevölkerung doch weitestgehend entgegen, und trotzdem wollten alle in den Westen?

Wie undankbar die Leute doch waren, fand man damals im Häuschen auf dem Hügel. Einfach stumm abhauen, anstatt darum zu kämpfen, diesen Staat zu einem besseren zu machen. Ja sogar: Durch Faulheit, Feigheit und Gemurre mit schuld am Scheitern des Staates zu sein. Um jetzt bei der erstbesten Gelegenheit abzuhauen.

Wir wollten nicht abhauen

Und wohin? Ins langweilige Österreich, um von da ins noch langweiligere Westdeutschland zu gelangen. Nein, München, Bielefeld, Frankfurt oder Paderborn waren keine Sehnsuchtsorte für uns.

Mutter fuhr dann trotzdem für ein paar Tage nach Berlin. Jetzt oder nie, dachte sie und beantragte für uns beide die Erlaubnis für eine Reise nach Strasbourg und Paris. Kurz nach dem Mauerfall kam dann der Brief. Der untergehende Staat hatte uns die Reise bewilligt. Gut so. Westberlin roch nach Zwiebeln und blieb mir fremd. Meine Freunde durften nicht ohne Eltern nach drüben, und so stromerte ich dort allein herum. Klaute die übergroßen, mehlig schmeckenden Äpfel bei Weddinger Gemüsehändlern und Nagellack am Kudamm. Kaufte mir vom Begrüßungsgeld Marmorjeans und bereute es sofort. Fuhr mit der U8 bis zum Kottbusser Tor, verlief mich und landete jedes Mal an der Mauer, wie eine Kuh, die zurück zum Stall will. Noch Jahre später verspürte ich Erleichterung, wenn die U8 zwischen Moritzplatz und Heinrich-Heine-Straße die Grenze überquerte und ich wieder im Osten war.

Der Alltag hatte sich aufgelöst. In der Schule wussten sie nicht mehr, wie und was sie unterrichten sollten. Die Klasse steckte in den Pausen die Köpfe über der Bravo zusammen und „das Volk“, dumm und dumpf wie eh und je, konnte Währungsunion und Wiedervereinigung kaum abwarten.

Im Februar ’90 reisten Mutter und ich, mit neuen Pässen ausgestattet und mit mühsam zusammengeborgtem Geld, im Nachtzug Richtung Frankreich. An den Grenzen wollte niemand unsere Pässe sehen und erst recht nicht die Reiseerlaubnis. Wäre dies eine Geschichte über meine Mutter, würde ich sagen, dies war für sie ein Abstieg. Ein Privileg, das für alle gilt, ist keines mehr. In Strasbourg verloren wir unsere Identität noch mehr. Hier waren wir, was wir nie sein wollten: Ossis. Der Minderwertigkeitskomplex ist ja die Kehrseite der Arroganz. Der Kontrast zu den eleganten Franzosen war zu stark. Hier waren wir keine Parallelweltbewohner mehr, sondern stinknormale DDR-Bürger, lächerliche Hinterwäldler, die alles anstaunten, ständig stolperten, überall anstießen, vergaßen, Bitte und Danke zu sagen, oder es im Gegenteil: viel zu oft sagten. Mit schwitzigen Fingern hielten wir unser weniges Geld umklammert und waren ständig am Umrechnen: Von Ostgeld zu D-Mark zu Franc. Teuer und billig waren für uns kaum zu unterscheiden.

Parallelwelt adé

Nach ein paar Tagen fuhren wir von Strasbourg mit dem Zug nach Paris weiter. Paris. Hier war es anders. Hier fühlte ich mich überhaupt nicht fremd. Ich kannte es und hatte das alles schon mal gesehen: in Filmen, in Büchern, auf Fotos, auf Gemälden. Die Métro, die Champs-Élysées, das kleine Hotel an dem kleinen Platz und gleich um die Ecke waren Pigalle, Moulin Rouge und Sacré-Cœur. Eiffelturm, Louvre, Notre-Dame und die Seine. Die Straßen, die Häuser, die Parks. Es war, als käme man nach Hause. Paris, das Jerusalem der Bohème. Ich träumte doch damals schon von einem Künstlerleben als Schriftstellerin. Tagsüber im Kaffeehaus sitzen und Menschen beobachten, lesen und Gedanken notieren. Und nachts scheint der Mond durch das kleine Fenster in der Mansarde.

Ja, genau, das hier war mein Land, meine Welt, meine Heimat. Der Ort, wo ich hingehöre, ist Paris, dachte ich. Nicht Ost-Berlin, nicht West-Berlin, nicht die DDR, nicht die BRD, nicht die Uckermark, nicht Strasbourg oder Bielefeld.

Aber es war 1990 und ich war 14. Für Braque, Picasso und Gertrude Stein kam ich zu spät, für alles andere war ich zu jung und zu arm. Wir waren und blieben Touristen und nach einer Woche fuhren Mutter und ich nach Berlin zurück.

Zurück in Berlin war es dann endgültig vorbei mit dem Leben in der Parallelwelt. In unseren Kreisen trat man ins „Neue Forum“ ein und wieder aus und trennte sich von Partnern und Freunden. Aus dem Westen tauchten die sogenannten Alteigentümer auf, und die Tage in unserer 7- Zimmer-Wohnung waren gezählt. Mein altes Leben schmolz dahin. Rückkehr unmöglich. Jeder stand allein auf Eisschollen und trieb ins offene Meer hinaus.

Die Realität griff nach mir, mit kalten, profanen Fingern. Meine Eltern schrien einander täglich an, bis sie sich endlich trennten. Wenn das Telefon klingelte, waren ehemalige Freunde dran, jetzt enttarnte Stasispitzel, durchgedreht und irre flüsternd. Mutters Regie-Karriere begann und kam rasch zum Erliegen. Ihre Unangepasstheit und mangelnde Kompromissbereitschaft galten nichts mehr und waren nun auch nicht mehr dissidentisch verklärbar. Sondern schlicht für einen geregelten bundesdeutschen Theaterbetrieb nicht zu gebrauchen. Großmutter wurde angesichts der Wiedervereinigung und der Rückkehr Großdeutschlands depressiv. Mit Recht. Es folgten die Anschläge von Mölln und Solingen und in ganz Ostdeutschland verprügelten und erschlugen Skinheads die „Ausländer“ und „Punks“ auf offener Straße.

Ehemals linientreue Lehrer propagierten nun genauso linientreu die „Leistungsgesellschaft“. Ich hasste die Schule mittlerweile noch mehr als vorher, ging nicht mehr hin, blieb erst sitzen und brach dann ab. Ich wollte mit dem neuen Staat genauso wenig zu tun haben wie vorher mit der DDR, aber nun hatte ich keine Parallelwelt mehr. Wir waren nicht mehr privilegiert.

Seither bin ich damit beschäftigt, mir neue Parallelwelten zu errichten, um leben zu können.