Häuser spiegeln sich an der Fassade des Cubes. Am Hauptbahnhof ist ein ein modernes Viertel entstanden.
Foto: Marius Schwarz

BerlinMetropolen wie Berlin platzen aus allen Nähten, obwohl sie traditionelle Funktionen an das Internet verlieren. Ist das Paradox ein Zeichen dafür, dass die Großstadt an einem Wendepunkt steht? David Koser hat erforscht, wie in Berlin die „City“ mit Regierungsgebäuden, Banken und Kaufhäusern entstand. Er erklärt die Gründe für den jüngsten Metropolenboom und überlegt, was dem folgen könnte. Wir erreichen ihn am Telefon in der iranischen Metropole Isfahan, wo er Reste traditioneller persischer Architektur aufspürt und dokumentiert.

Herr Koser, Banken und Sparkassen schließen Filialen, Angestellte gehen wegen der Corona-Pandemie in Homeoffice und viele werden dort bleiben. Unternehmen, womöglich auch Bundes- und Landeseinrichtungen, wollen Büros in teuren Innenstadtlagen abbauen – wie deuten Sie diese Tendenzen?

Grundsätzlich positiv. Die monofunktionalen, von Wohnbevölkerung weitgehend entleerten Stadtzentren, die sich seit dem 19. Jahrhundert in den Großstädten der Industrieländer herausbildeten, waren ja letztlich öde. Das galt für die historische Berliner City in der Dorotheenstadt und Friedrichstadt, das gilt für die Hamburger City, und das gilt insbesondere für die entsprechenden Zentren in angelsächsischen Großstädten wie London. Wenn die Massierung von Büroarbeitsplätzen an zentralen Orten reduziert wird – sie wird ja nicht komplett verschwinden – ist das kein wirklicher Verlust.

Aber auch Konsum- und Vergnügungszonen – die Friedrichstraße, das Viertel am Potsdamer Platz mit der Mall – leeren sich, weil der Handel ins Internet zieht. In den Bezirken schließen Karstadt-Kaufhäuser. Welche Folgen zieht das nach sich?

Es entsteht Platz für Neues. Und mehr Platz wird in einer aus allen Nähten platzenden Stadt wie Berlin dringend benötigt. Dieses „Neue“ kann das sein, was aktuell in Berlin unter Druck steht: Wohnen und Kultur. Vielleicht auch etwas ganz Neues, das heute noch keiner kennt. Vielleicht findet sich auch endlich eine Lösung für das besondere City-Problem Berlins: Die Ödnis im Bereich der Dorotheenstadt und Friedrichstadt und insbesondere an der Friedrichstraße. Vor dem Zweiten Weltkrieg war die Friedrichstraße die Vergnügungsmeile Berlins, letztlich ein Ort für – auch wenn das damals noch nicht so hieß – „Partytourismus“. Heute tobt der Partytourismus in Wohngebieten in Mitte, Friedrichshain, Kreuzberg und Neukölln, während die Friedrichstraße – die zentralste Straße der Stadt – nicht weiß, wofür sie da ist. Die Weserstraße in Neukölln als Partymeile und das Herz der Stadt halbverlassen – da stimmt etwas nicht. Ziehen sich Büros und Handel noch weiter aus dem historischen Citygebiet zurück, kann das einen wünschenswerten Strukturwandel hin zu Tourismus, Kultur und Wohnen fördern.

Sie haben in Ihrem Buch „Abbruch und Neubau“ beschrieben, wie die Berliner City nach der Reichsgründung entstand – macht die Digitalisierung der City ein Ende?

Der entscheidende Faktor für die Urbanisierung, also die Herausbildung und das Anwachsen zentraler Orte, waren die Erfordernisse des Verkehrs und der Kommunikation. Die teilweise Verlagerung der Kommunikation ins Internet entzieht den zentralen Orten tatsächlich einen Teil ihrer Existenzgrundlage. Letztlich konnte das flache Land durch das Internet in den letzten zwanzig Jahren zu den Städten aufschließen. Früher musste die Landbevölkerung zum Einkauf in die ferne Stadt fahren. Jetzt, beim Online-Shopping, sind Dorf- und Stadtbewohner gleich. Früher war die Landjugend bei der musikalischen Sozialisation immer etwas hinterher. Heute findet die musikalische Sozialisation über YouTube statt, und alle sind gleich. Und dank Homeoffice können die Menschen auf dem Land inzwischen sogar von Zuhause aus arbeiten.

Werden Großstädte überflüssig?

Trotz der beschriebenen Veränderungen boomen in den Industrieländern die Metropolen, während die Provinz unter Abwanderung leidet. Dies ist ein offensichtlicher Widerspruch: Die Metropolen sind nicht mehr zwingend erforderlich, aber sie platzen aus allen Nähten. Das Bevölkerungswachstum etwa von Berlin in den letzten Jahren ist auch im historischen Vergleich beeindruckend. Es muss also Gründe geben, warum die Metropolen gerade boomen, obwohl ihre Bedeutung durch die Digitalisierung eigentlich zurückgegangen ist.

Ein Lieblingsplatz: die Monkeybar auf der Dachterasse des Bikinihauses am Breitscheidplatz
Foto: imago images/Henning Angerer

Welche könnten das sein?

Ich sehe für den unerwarteten Boom der Metropolen zwei Gründe: Zum einen die Verlagerung der wirtschaftlichen Aktivität in die spekulative Ökonomie, also das Investment in Immobilien, Aktien und Start-up-Unternehmen, die man mit hohem Gewinn wieder zu verkaufen hofft. Nicht zufällig sind Immobilien und Start-ups die Boom-Branchen Berlins. Und zum anderen das „In-Mode-Kommen“ der Metropolen, das sich in der Zunahme des Städtetourismus zeigt. Auch hier spielt Berlin derzeit ganz vorne mit. Es ist gerade „in“, in Metropolen zu sein. Die Leute sind stundenlang am Tag online, aber das muss offenbar an einem besonders urbanen Ort sein, am besten einem angesagten Szeneviertel in Berlin. In einem Fachwerkstädtchen in der Provinz stundenlang online sein? Geht offenbar nach Meinung vieler Leute gar nicht.

Klingt tatsächlich paradox – wie läuft das weiter?

Ich gehe davon aus, dass die spekulative Ökonomie weiter Kapital in die Metropolen pumpen wird – wo soll es denn sonst hin? Auch die „Lust an der Metropole“ wird wohl erstmal erhalten bleiben, woran ja grundsätzlich nichts Schlechtes ist. Andererseits gibt es nun mal die Digitalisierung, die der Urbanisierung unaufhaltsam entgegenläuft, und vermutlich führt die Corana-Krise zu einer beschleunigten Verlagerung von Tätigkeiten in das Netz.

Zur Zeit der City-Werdung Berlins wurden im Zentrum ganze Straßenzüge abgerissen und teilweise innerhalb weniger Jahre zwei-, dreimal überbaut, bis sich der neue Stadttyp etabliert hatte. Kann solch ein vollständiger Umbruch wieder passieren?

In der Stadtentwicklung kann es immer zu heftigen Umbrüchen kommen. Zu beachten ist natürlich, dass bei der Citybildung im 19. und frühen 20. Jahrhundert eine ökonomisch geringerwertige Nutzung – also vor allem das Wohnen – durch eine höherwertige Nutzung – das waren Handel und Verwaltung – aus den Stadtzentren verdrängt wurde. Das hat natürlich erhebliche Investitionen ausgelöst. Ziehen sich nun umgekehrt Handel und Verwaltung aus den Stadtzentren zurück, löst das natürlich nicht automatisch Investitionen aus.

Kann man trotzdem mit der Wiederkehr der alten Wohnstadt, kleinteilig und mit Mischnutzung, rechnen?

Letztlich kommt das auf die demographischen, wirtschaftlichen und kulturellen Rahmenbedingungen in den einzelnen Städten an. In einer dank spekulativer Ökonomie und Tourismus boomenden Stadt wie Berlin, in der das Kapital bereitwillig in (hochpreisigen) Wohnungsbau investiert, bestehen tatsächlich Chancen, dass das Wohnen im Zentrum wieder mehr Raum findet. Man denke da aktuell nur an den Umbau des Postbank-Hochhauses am Halleschen Ufer. Bislang war dort ein zugiger Platz mit einem Büroturm – nun entsteht dort ein neues Stadtquartier. Das ist in jedem Fall ein Gewinn für die Stadt.

Und wenn das Geld fehlt?

Natürlich kann eine teilweise Umnutzung des Zentrums auch ohne große bauliche Investitionen stattfinden. In der Weltwirtschaftskrise ab 1929 wurden Gewerberäume am Rand des Zentrums einfach in Wohnungen umgewandelt. Und die Berliner Alternativkultur der 1980er- und 1990er-Jahre fand ja auch in umgenutzten Gewerberäumen statt. Man denke da nur an das Kunsthaus Tacheles in den früheren Friedrichstraßenpassagen, den Technoclub Tresor in den Kellern des früheren Warenhauses Wertheim oder Kreuzberger Fabriketagen und Ladenwohnungen. Andererseits kann es in schrumpfenden, wirtschaftlich angeschlagenen Städten ohne kreatives kulturelles Milieu auch zu einem Verfall des Zentrums kommen. Aber wie gesagt: In Berlin überwiegen die Chancen.

In diesem Fall müsste der Wandel weg von der klassischen City – die abends menschenleer ist, weil niemand da wohnt – ja nicht von Schaden sein …

Nein, ein solcher Wandel ist grundsätzlich zu begrüßen.

Wer wären die Gewinner einer neuen Internetwirtschaft ? Vielleicht heute fast verlassenen Klein- und Mittelstädte im weiteren Umland, solche wie Luckenwalde oder Trebbin?

Die Gewinner wären im besten Fall alle: Die aus allen Nähten platzenden Metropolen genauso wie abwanderungsbedrohte Kleinstädte und Dörfer. In den Metropolen gäbe es wieder mehr Platz, und in Kleinstädten und Dörfern würde die Abwanderung gestoppt. Im Idealfall gäbe es eine ausgeglichene Verteilung der wirtschaftlichen Aktivität statt regionaler Ungleichheit.

Wer wären die Verlierer?

Die Verlierer könnten Grundeigentümer sein, deren City-Immobilien an Wert verlieren. Wobei das angesichts des allgemeinen Wertzuwachses von Immobilien in den Metropolen nicht einmal der Fall sein muss. Am Ende rechnet sich bei den heutigen Preisen auch der Umbau von Bürohäusern in Wohnhäuser. Beispiele hierfür gibt es ja.

Was kann Stadtplanung tun, damit Zentren lebendige Orte bleiben oder werden?

Wenn es nicht mehr zwingend erforderlich ist, das Zentrum zu besuchen, dann muss es Spaß machen, das Zentrum zu besuchen. Und da scheinen multifunktionale Stadtstrukturen wie die Berliner City-West auf Dauer mehr zu bieten als sterile Kunstwelten à la Potsdamer Platz.

Dafür bräuchte man sicherlich andere Gebäude? Wie sollten die aussehen?

Neue Gebäude in den Zentren sollten, wie die Häuser in den beliebten Gründerzeitvierteln, eine kleinteilige und gemischte Nutzung ermöglichen. Im Idealfall würden große, einst zusammengelegte Einheiten wieder in mehrere kleine Grundstücke aufgeteilt werden. Andererseits kann ja nicht alles Bestehende abgerissen werden – ein ständiger Kreislauf von „Abbruch und Neubau“ ist ökologisch sicherlich keine gute Lösung. Es wird sich also auch vermehrt die Frage stellen, wie nicht mehr benötigte City-Gebäude sinnvoll umgebaut werden können. Kann eine verlassene Shopping-Mall in eine Wohnanlage oder ein Atelierhaus umgestaltet werden? Das wird sich zeigen.

Könnte Berlin zur schrumpfenden Stadt werden?

Berlin war in der 1990er- und 2000er-Jahren zeitweise eine schrumpfende Stadt und kann das wieder werden. Falls ich richtig liege mit der Annahme, dass der aktuelle Berlin-Boom in erheblichem Maß auf einer spekulativen Ökonomie gründet, kann eine Änderung der Geldpolitik und der internationalen Kapitalströme zu einem raschen Ende des Booms führen. Immerhin wird der Tourismus – wenn die Corona-Krise überwunden ist – vermutlich ein wichtiger Wirtschaftsfaktor bleiben.

Foto: Koser
Zur Person

David Koser wurde 1966 in München geboren. Er studierte Archäologie und Bauforschung in Bamberg sowie Stadt- und Regionalplanung in Berlin. 2016 promovierte er an der Technischen Universität und trägt seither den Titel Dr.-Ing. Seine viel beachtete Dissertation veröffentlichte er unter dem Titel „Abbruch und Neubau – die Entstehung der Berliner City“ im Be.bra-Wissenschaft-Verlag Berlin.

Gibt es eine Metropole, die Sie hierfür als Vorbild bezeichnen würden?

Nein, die Metropolen sind zu unterschiedlich, um diese vergleichen und ein Vorbild benennen zu können. Einen gesteuerten Um- und Rückbau des Zentrums sehe ich noch nirgendwo, wobei die Entwicklung ja auch noch gar nicht richtig begonnen hat.

Sie selber haben eine Kleinstadt mit gut erhaltener, schöner Altstadt als Sitz Ihrer Agentur ausgewählt, Sie arbeiten aber auch für Metropolen – welche Gründe haben Sie zur Distanz von der Großstadt bewegt? Ist sie Ihnen zu anstrengend?

Ich bin selber Großstädter und beschäftige mich mit der Entwicklung von Großstädten. Tatsächlich aber empfinde ich die Lebensqualität auf dem Land im Alltag als höher. Ich kann aber nur auf dem Land leben, weil es dort Internet und einen Bahnanschluss gibt. Insofern bin ich selbst ein Beispiel für die – durch die Digitalisierung ermöglichte – Abwanderung aus den Zentren.