September 1990 – Walter Momper, Hans-Jochen Vogel, Manfred Stolpe und Wolfgang Thierse, alle SPD, im Brandenburger Wahlkampf.
Foto: Ostkreuz/Ute Mahler

Berlin„Über wenig haben die Deutschen intensiver gesprochen in den vergangenen dreißig Jahren als über die Lage im Osten, die DDR-Vergangenheit, über die vermeintlichen und realen Ost-West-Unterschiede und deren Auswirkungen“, so schrieb der Journalist Alexander Cammann jüngst in der Zeit. Die Ost-Topoi seien alle laut und meinungsstark verhandelt worden. Ganz anders Jürgen Habermas, Deutschlands wichtigster Denker, einige Wochen zuvor im Interview. Er befand, es hätte „seit Langem informierte und anhaltende Debatten über die Fehler beider Seiten beim Modus der Wiedervereinigung geben sollen“.

Ein Gegenstand, zwei unterschiedliche Bewertungen. Aber nur auf den ersten Blick. Während Cammann die Themen Stasi, Polikliniken und die MDR-Nostalgieshows im Blick hat, geht es Habermas um Grundsätzlicheres. Nämlich um die Frage, ob und wie in der Öffentlichkeit konkurrierende Auffassungen zu wichtigen Gesellschaftsfragen debattiert wurden. Immerhin ist die Bewertung der Wiedervereinigung – nicht als Ereignis, aber als politischer, sozialer und ökonomischer Prozess – in Ost und West sehr unterschiedlich.

Ist der Osten, ist die deutsche Einheit ausdiskutiert? In der Menge vielleicht schon, in der Sache aber noch nicht.

Der Soziologe und ehemalige Rektor des Wissenschaftskollegs zu Berlin, Wolf Lepenies, beklagte schon Anfang der 90er-Jahre die „Folgenlosigkeit einer unerhörten Begebenheit“, sprach gar vom „Desaster der interpretierenden Klasse“. Weltpolitisch war der Fall der Berliner Mauer eine Zäsur, aus bundesrepublikanischer Binnenperspektive aber ein „Festival der Selbstbestätigung“, was die Bereitschaft zu grundsätzlichen Debatten und Selbstbefragungen schmälerte. Für die Politik des Weiter-so trage aber nicht nur die politische Klasse der Bundesrepublik Verantwortung, sondern auch die Ostdeutschen selbst, die sich in Politikverzicht übten. Müde von der „Überpolitisierung“ des Lebens in der DDR, aber auch gefangen in einer Duldungsstarre angesichts der Umbruchsturbulenzen, gelang es ihnen nicht, eine selbstbewusste Diskurshaltung einzunehmen.

Unpolitische Nachwendegeneration

Für meine eigene Ost-Generation, die sogenannten 89er (jene, die 1989 zwischen 17 und 25 Jahre alt waren), prophezeiten Jugendforscher damals allerdings ein stark politisiertes Bewusstsein. Im Kontrast zur „Generation Golf“, den letzten Teenagern der alten Bundesrepublik, versprach man sich von den jungen Ostdeutschen eine feine Antenne für gesellschaftliche Verkrustungen und kein Einrichten im apolitischen Wohlstandskomfort. Allein, diese Erwartung wurde enttäuscht. Die 1989er des Ostens forderten weder ihre Elterngeneration noch die politischen Verhältnisses der alten Bonner Republik heraus. Die Orientierung auf das private Glück stand noch weit vor jedem Versuch, sich eine eigene politische Agenda zu geben.

Seitdem ist viel Zeit vergangen, aber noch immer liegt einiges im Argen. Die Debatten treten auf der Stelle, kommen immer wieder auf dieselben Themen zurück. Etwa die Frage, ob die DDR nun ein Unrechtsstaat gewesen sei oder nicht? Oder die Frage, ob sich mit der Wiedervereinigung das nationale Glück vervollkommnete oder der Osten durch den Westen „übernommen“ wurde? Oder die Frage, ob die Bürgerrechtler die Friedliche Revolution „gemacht“ hätten, während der Rest der DDR nur passiv „hinter der Gardine“ gestanden habe oder nicht?

Oder die Frage, ob die rigide Privatisierungspolitik der Treuhand unvermeidbar war oder eine fehlgelaufene Politik mit gesellschaftlichen Flurschäden als Hinterlassenschaft? So wichtig diese Themen, so überschaubar der Neuigkeitswert der Antworten. Das liegt vor allem daran, dass sich die Kombattanten in ihre Deutungsgräben eingeschaufelt haben. Viele der Beteiligten kennen sich lange, die Argumente des Für und Wider wurden mantraartig ausgetauscht. Aber mit alten Reflexen lassen sich neue Debatten nicht führen.

Es fehlt der Schwung

Aber warum ist alles so festgefahren, warum fehlt der Schwung, sich neue Perspektiven zu erobern? Natürlich hat das etwas mit dem unterschiedlichen Erleben der DDR zu tun, mit Verstrickung und Widerstand. Bürgerrechtler lassen sich ungern von anderen sagen, was „ihre“ Revolution gewesen sein soll. Erika und Max Mustermann aus Ostdeutschland pochen hingegen auf die eigene Sicht und das eigene Erleben. Auch der Beitritt hat viele Erfahrungsgesichter. Selbst wenn die Vereinigungsbilanz der großen Mehrheit der Ostdeutschen positiv ausfällt, sparen sie nicht mit Kritik. Die Gestalter der Wiedervereinigung wiederum verschanzen sich hinter der Überzeugung, das Beste herausgeholt zu haben. Aus der Kritik an dem Weg in die Einheit machen sie einen „Widerwillen gegen die Einheit“, stellen vergangene Entscheidungen als alternativlos dar. Und der Westen winkt oft müde ab, manche sind gar genervt vom ewig weinerlichen Ossitum und möchten sich keine Ost-West-Debatte aufdrängen lassen. Davon habe man doch nun schon genug gehört. Lieber verteilt man Haltungsnoten in Sachen Demokratie.

Juli 2020 – Tram-Haltestelle in Berlin.
Foto: Ostkreuz/Sebastian Wells

Von der ostdeutsch geprägten SED/PDS/Die Linke hat man aus den bekannten Gründen – eigene Verstrickung, politische Selbsterhaltungsinteressen, ideologische Beißhemmung – keine tiefschürfende Auseinandersetzung mit der DDR erwarten dürfen. Zu sehr war sie damit beschäftigt, die eigene Wählerschaft nicht zu verprellen und im vereinten Deutschland Fuß zu fassen, und zu leicht war es, sie mit „Rote-Socken-Kampagnen“ zu diskreditieren. Leidenschaftlich war sie aber immer dann, wenn es darum ging, die Misere der Wiedervereinigung zu beklagen. Die AfD versucht sich seit geraumer Zeit als Sammelbecken all derer, die sich mit Ressentiment gegen gesellschaftliche Veränderungen stemmen. Das „Vollende die Wende“ von in München oder Lünen geborenen Spitzenpolitikern der AfD kann man allenfalls als dünkelhafte Trittbrettfahrerei verstehen, mit der versucht wird, sich eines Ostdiskurses zu bemächtigen.

Und die einst diskursstarken Bürgerrechtler sind im vereinten Deutschland in eine Schleife des Immergleichen hineingeraten. Aus den einstigen Protagonisten des Aufbruchs sind, mit Verlaub, erinnerungspolitische Traditionalisten geworden. Sie melden sich immer dann kraftvoll zu Wort, wenn es darum geht, das eigene Vermächtnis zu verteidigen. So wichtig diese Wortmeldungen im Einzelnen, so überraschungsarm und monothematisch bleiben sie oft. Eine Allzuständigkeit ist sicherlich keine Tugend, aber zu all den drängenden Themen, von der Globalisierung bis hin zur Digitalisierung (man denke an die Frage der digitalen Überwachung), kamen kaum intellektuelle oder politische Impulse mehr, für das Rassismusthema oder die neue Identitätspolitik gilt dasselbe. Selbst die Linien und Spannungen der großen Transformationen in Ost- und Mitteleuropa haben uns Ivan Krastev, Philipp Ther und Swetlana Alexandra Alexijewitsch besser erklärt und in die internationale Diskussion hineingebracht als die ostdeutschen Bürgerrechtler.

Jenseits der Nostalgie

Die vielfach konstatierte Elitenschwäche des Ostens ist schließlich ein besonders gravierender Grund für die schwächelnde Diskursfähigkeit. Ob im Feld der Kultur, der Wissenschaft, der öffentlichen Verwaltung oder der Wirtschaft – mit nur wenigen Personen in herausgehobenen Positionen fehlen die Sprecherinnen und Sprecher, die eigene Themen setzen könnten. In den Medien wiegt dieser Mangel an den Führungspersönlichkeiten – in den Chefredaktionen, den Herausgeberschaften oder Intendanzen – doppelt schwer, weil hier die Themen gesetzt, Titelgeschichten gemacht werden. Die Kehrseite des Elitendefizits ist eine Artikulationsschwäche des Ostens. Auch deshalb bleibt der Osten, der vieles miteinander bereden müsste, bis heute auffallend einsilbig.

Im gesamtdeutschen Resonanzraum sind die hörbaren Stimmen zu leise und zu begrenzt, um wirklich ein Spektrum von Meinungen und Perspektiven aufzufalten. Diejenigen, die zur politischen Elite wurden, begnügten sich damit, die Ostdeutschen auf den öffentlichen Bühnen zu erklären oder sich als Dolmetscher zwischen Ost und West zu gerieren. Spitzenpolitiker wie Angela Merkel oder Joachim Gauck haben sich schon von Amtes wegen nicht als Ostdeutsche profiliert. Die Ministerpräsidenten der Ostländer melden sich vor allem dann zu Wort, wenn es etwas zu verteilen gibt. So klug und beredt er auch sein mag, ob Wolfgang Thierse als „Mundwerk des Ostens“ – schon diese klassensprecherhafte Bezeichnung ist entblößend – das Diskursfeld als Ein-Mann-Betrieb zu beackern vermag, darf man getrost bezweifeln. Aber ohne große Debatte, ohne die Verschränkung der Perspektiven wird es kaum gelingen, zu einem neuen politischen Bewusstsein zu kommen, welche die Erfahrung von Trennung und Einheit, von Diktaturerfahrung und Transformation in sich aufnimmt.

Aber was für eine Debatte könnte das sein? Der Idealfall wäre: eine mit Lebendigkeit, Neugier und auch Zuspitzung zwischen Wirtschaftseliten, Wissenschaftlerinnen, Leitartiklern, der Politik, Literatinnen und Literaten, Kulturfunktionären, Spitzenjuristen, den Bürgerrechtlern und, natürlich, den Bürgerinnen und Bürgern. Eine Debatte, die den dominanten Blick des Westens dezentriert und zugleich viele Selbstverständlichkeiten im Osten (etwa den gern in Richtung Westen gemachten Kolonialisierungsvorwurf) befragt. Eine, in der Menschen sich erkennen und zugleich herausgefordert werden, die sie an einem Prozess der Meinungsbildung beteiligt. Eine, die das Auseinanderfallen von offiziöser Geschichtspolitik und Alltagserfahrungen der Menschen zu überwinden weiß. Und eine, die in dem Zusammenkommen von Ost und West ebenso wie in der Migrationsgeschichte eine Quelle gesellschaftlicher Selbstverständigung sieht.

„Empowerment Ost“, so hat der Intendant der Berliner Festspiele, Thomas Oberender, sein jüngstes Buch betitelt. Er fordert ein Ausbrechen aus den ausgetretenen Diskurspfaden und eine Neuaneignung der Geschichte. Der Osten Deutschlands schleppt nicht nur die wenig aufgearbeitete DDR-Vergangenheit mit sich herum, sondern ebenso die Wunden eines dramatischen Gesellschaftsumbruchs, die noch lange nicht verheilt sind. Dieser Diskurs müsste Abstand nehmen vom „Besprochenwerden der Ostdeutschen“ hin zu Debatten unter Beteiligung aller. Es gibt gewiss kein Erkenntnisprivileg der „Ostdeutschen“, wenn es um die Fragen der Vereinigung geht, schon gar keine einheitliche Meinung eines unterstellten ostdeutschen Kollektivs, aber eine offene und gut durchlüftete Debatte wäre etwas, was dem vereinten Deutschland drei Jahrzehnte nach der Wiedervereinigung gut anstünde.

Einen Opferdiskurs oder eine identitätspolitische Bewusstseinsbildung braucht man dafür nicht, aber den Mut, neue Diskursschneisen zu schlagen, die den Osten nicht nur erklären, sondern zum Ort des Diskurses machen. Denn letztlich sind es auch die bislang ausgebliebenen und wenig akzentuierten Auseinandersetzungen im Osten selbst, aus denen Sprachlosigkeit entsteht. Vielleicht bringen die jüngeren Generationen hier einen anderen Blick jenseits von Nostalgie und Einheitsklagen. Mit seinem Hashtag #baseballschlägerjahre hat der Journalist Christian Bangel im vergangenen Jahr Hunderte animiert, von Erfahrungen mit der rechten Szene in der ostdeutschen Provinz der 1990er zu berichten. So sehr sich damit auch das Bild vom „rechten Osten“ zementierte, es war plötzlich ein vielstimmiger und diskussionsstarker Osten wahrzunehmen.

Gegen das routinierte Wegschweigen zeigte sich hier nicht nur die dunkle Seite einer absterbenden DDR, sondern auch der Transformationsschock, der die gesellschaftlichen Verhältnisse taumeln ließ. Es offenbarte sich aber auch, dass die Aufwallung und politische Instrumentalisierung nationaler Gefühle im Zuge des Einheitsprozesses nicht folgenlos geblieben sind. Nicht zuletzt steht die Vereinigung selbst für eine Unternutzung des demokratischen Potenzials, das aus der friedlichen Revolution hervorging, und eine Übernutzung nationaler Mobilisierungsressourcen. Ähnlich lebhaft würde man gern, um Habermas aufzugreifen, gesamtdeutsch nicht nur über Freuden, sondern auch über Fehler, Folgen und Frakturen des Einigungsprozesses diskutieren. 30 Jahre Deutsche Einheit mögen Anlass genug sein, sich der Vereinigungsgeschichte neu zu stellen.

Steffen Mau ist Professor für Makrosoziologie an der Humboldt-Universität zu Berlin. Er ist Autor des Buchs „Lütten Klein. Leben in der ostdeutschen Transformationsgesellschaft“ (Suhrkamp 2019)