Steffen Uhlmann in Italien, 1983.
Foto: Privat

BerlinEigentlich hätte ich am liebsten mit ihr einen Flirt angefangen – schon wegen ihrer deutschen Sprache mit dem weichen französischen Akzent. Das hätte mir gutgetan in diesem sterilen Verhörraum der französischen Alliierten im Notaufnahmelager Berlin-Marienfelde. Bei den Amerikanern und Engländern war ich bereits zum „Gespräch“ gewesen. Sie hatten mich weitergeschickt und mir damit noch mehr Nervenkrieg erspart. Und jetzt flirten, von wegen.

„Haben Sie für das Ministerium für Staatssicherheit gearbeitet?“, fragte sie und schaute mir forschend in die Augen: „Sie haben.“ Den „Beweis“ dafür hielt sie ja in den Händen: meinen blauen DDR-Pass. Die Visa für Holland, Schweden, Italien oder Griechenland, vor allem aber die vielen Stempel von 1988, die meine ständigen Wechsel zwischen Ost- und West-Berlin belegten, hatten mich in ihren Augen längst entlarvt.

„Was ist?“, fragte  sie streng. „Wenn Sie lügen, schicken wir Sie zurück nach Ost-Berlin.“

Mir kamen die Ratschläge in den Sinn, die mir Übersiedler aus dem Osten mit auf den Weg gegeben hatten: Bloß nicht widersprechen, am besten gleich alles zugeben! Da war es also wieder das Problem, das wie ein Rucksack mit mir von Ost- nach West-Berlin gewandert war. Wieder sollte ich erklären, was ich mir all die Jahre selbst nicht erklären konnte. Als ich 1974 als Redakteur bei der Berliner Zeitung anfing, hatte die Stasi bald versucht, mich anzuwerben. Aber genau das wollte ich nicht und war zu meinem Chefredakteur Dieter Kerschek gelaufen. Das versuchten sie bei jedem Zweiten, hatte er mir damals nach kurzer Stille erklärt. Und dann hinzugefügt: „Wenn sie wiederkommen, dann schicke sie zu mir.“

Genau das habe ich damals dann auch meinen beiden Werbern entgegnet. Ich bin sie losgeworden. Für immer, nie wieder habe ich es mit der Staatssicherheit zu tun bekommen. Und das bleibt für mich ein Rätsel – bis heute, wo ich meine Stasi-Akte kenne.

Schließlich war ich Anfang der 80er-Jahre  von der Berliner Zeitung zur Neuen Berliner Illustrierten (NBI) gewechselt und kurz darauf das erste Mal in den Westen gefahren – mit einem Lkw der Spedition Deutrans nach Schweden. Nach der Überfahrt von Saßnitz nach Trelleborg und einer kurzen Nacht im Fahrerhaus des Lkw  stand ich am frühen Morgen auf dem Hafenklo neben einem Mann, der sich gerade rasierte. Er war mir fremd, genau wie die ganze Gegend hier. In meinem Kopf aber rumorte es:  Wie wäre es, jetzt für immer im Westen zu bleiben?

Eigentlich hielt mich damals nicht viel in Ost-Berlin. Meine Frau hatte keine Lust mehr auf meine Eskapaden gehabt und mich aus unserer ersten gemeinsamen Wohnung geschmissen. Ich lebte von ihr und unserem anderthalbjährigen Sohn getrennt. Und das ziemlich kümmerlich in einem winzigen Zimmer in der Wohnung meines Freundes Alexander in Prenzlauer Berg. Alexander hatte schon vor einer ganzen Weile seinen Redakteursjob bei der Berliner Zeitung quittiert und danach einen Ausreiseantrag gestellt. Er schlug sich mit kleinen Handelsgeschäften durch und jobbte in der Sommerzeit wie viele Antragssteller als Kellner auf der Insel Hiddensee. Man ließ ihn warten. Bliebe ich jetzt weg, dann würde ich viel bequemer und früher als er in den Westen gelangen.

Ich aber bin nach zehn Tagen Schweden zurückgefahren. Ich war Anfang 30 und einfach noch nicht fertig mit mir und dem Osten. Auch, weil so eine Reise in den Westen immer in zwei Teile  zerfiel – in die Abfahrt in ein so fernes Land, und in die Rückkehr in eine  Gemeinschaft von vertrauten Menschen, die einen bisweilen neidisch, aber immer auch neugierig und freundlich wieder aufnahm. Erst einmal, dann zweimal, dann dreimal, schließlich so oft wie es nur geht – der Wunsch, in diese andere, bislang so verschlossene Welt einzutauchen, nahm einfach nicht ab. Aber wie sollte ich das dieser Französin erklären, wo schon viele Daheimgebliebene mich und meine Schlüssellösung argwöhnisch betrachteten?

Die größte Hürde für einen NBI-Redakteur, in den Westen zu reisen, das behaupte ich noch heute, war nicht das Misstrauen von Chefredaktion und Verlagsleitung, sondern zunächst einmal die klamme Reisekasse der Redaktion. Die Reisen von mir und einem Fotografen finanzierten zwei Großkombinate, die als Gegenleistung von uns für ihre Werbezwecke kostenlos Fotos und Texte über den Einsatz ihrer Erzeugnisse im Ausland erhielten– etwa von Hafen- und Eisenbahnkranen des Leipziger Kombinats Takraf in Holland, Italien und Griechenland. Oder von Nahrungsgütermaschinen und -anlagen aus dem Dresdener Kombinat Nagema, die nach Westdeutschland oder nach Kuba geliefert worden waren. Und „nebenbei“, das gehörte zum Deal, recherchierten wir Reportagen und Porträts aus diesen Ländern für unsere Illustrierte, bis das zugeteilte Geld alle war.

Das haben wir genossen. Im Osten die privilegierten Grenzgänger, im Westen die ostdeutschen Exoten. Solche Erzählungen aber machen ostdeutsche Geschichte kompliziert, gerade auch für eine misstrauische französische Alliierte. Wie sollte man ihr das erklären? Dass es für Leben in der DDR nicht nur ein überzeugtes, angepasstes oder eben karrieregeiles Dafür gab. Und nicht nur ein kompromissloses, bisweilen auch eigensinniges Dagegen, was meist in der Nische oder für die Bürgerbewegten gar im Knast enden konnte. Es gab, glaube ich bis heute, auch noch ein Leben dazwischen, das freilich meist in einem persönlichen Dilemma endete, weil man lange Zeit weder wirklich Ja noch konsequent Nein zu dieser Gesellschaft sagen konnte. Zugleich erlebte man mehr und mehr, wie sie ihren Geist aufgab, weil in ihr geistige Freiheit verkümmerte und mir eine Utopie verlustig ging, die eigentlich keiner so recht beschreiben konnte. Also weg, mit Ende dreißig wurde es Zeit für einen Neuanfang.

Was immer die Französin, später kam noch ihr Chef zum Verhör hinzu, von mir halten mochte, irgendwann ließ sie mich laufen. Da stand ich nun knapp ein Jahr vor dem Mauerfall über eine Woche lang auf den überfüllten Fluren des Aufnahmelagers mir die Beine in den Bauch. Warten auf die Eintrittskarte für den Westen. Für ein erfolgreiches Aufnahmeverfahren benötigte man ein Dutzend Stempel auf seinem Laufzettel– vom ärztlichen Dienst über Sichtungsstelle und Vorprüfungskommissionen bis hin zum Sozialamt und zur polizeilichen Anmeldung. Unzählige Geschichten der Wartenden schwirrten durch die Flure. Fast alle drehten sich um den Frust über Bevormundung, eingehämmerte staatstragende Lebensfreude und den so nervenden kümmerlichen Alltag in der DDR.

Irgendwann endlich die letzte Station. Das war für mich der Verfassungsschutz. Und wieder die gleichen Fragen und wieder die gleichen Antworten, die auch den jungen deutschen Beamten nicht überzeugten. Er aber drohte nicht, sondern versuchte es mit einem Anwerbeversuch. Als ich ihm erklärte, dass ich auch künftig für keinen Geheimnisdienst arbeiten würde, hielt er mir vor: „Sie wollen doch die freiheitlich demokratische Grundordnung schützen helfen.“ Das kam mir irgendwie bekannt vor.

Ich hatte Glück, mir blieb das Lager mit seinen Doppelstock-Betten in den schmalen Zimmern als Übernachtungsort erspart. Wieder nahm mich zunächst mein Freund Alexander in seine Wohnung auf. Er war ein Jahr vor mir angekommen. Eigentlich wollte ich so schnell wie möglich raus aus West-Berlin. Nicht auf dieser Insel inmitten der DDR, davon war ich überzeugt, sondern nur tief im Westen würde mir der Neuanfang gelingen – weit weg von meinem alten Leben. Zumal, West-Berlin fühlte sich nicht unbedingt gut an für einen Ost-Berliner. Die Leute dort hatten sich im Windschatten der Mauer gemütlich eingerichtet, lebten als Inselbewohner gern, gestützt von westdeutschen Subventionen, ihre Exzentrik oder nur ihr biederes, eingezäuntes Wohlstandsleben aus. Dabei hatten sie, vor allem aber auch die aus Westdeutschland Zugereisten, Ende der 80er-Jahre mit ihren Nachbarn aus dem anderen Teil der Stadt nicht viel am Hut: Die gingen, die rochen, die redeten anders. Man schaute lieber nach Frankreich, Italien oder sonst wohin, nur nicht in den grauen Osten.

Zugleich aber war hier so etwas wie ein Schonraum für gescheiterte ostdeutsche Lebensentwürfe entstanden. Eine Community der Ehemaligen hatte sich in West-Berlin zusammengefunden. Ein seltsames Völkchen in der Diaspora, das sich untereinander längst nicht immer grün war, aber wie in einer Notgemeinschaft zusammenhielt. Man traute sich bisweilen nicht über den Weg, doch man half sich gegenseitig, gab sich praktische Tipps für den Einstieg in diese andere Gesellschaft. So reichte das Trauma des Wechsels von Ost nach West allemal für eine Krankschreibung, die einem zunächst einmal den Gang zum Arbeitsamt ersparte. Einige Westberliner Ärzte hatten sich auf diese ostdeutsche Klientel spezialisiert. Ihre Adressen kursierten in der Community. Und in der Regel war es kein Problem, von ihnen den begehrten Krankenschein zu bekommen. Auch ich hatte ihn schnell in der Hand. Mein Trauma: Ich war quasi von heute auf morgen illegal, ohne Geld und nur mit den Kleidern am Leibe im Westteil angekommen. Es hätte wohl für eine monatelange Krankschreibung gereicht. Ich habe sie nur eine Woche in Anspruch genommen. Ich wollte losmachen.

Die gewonnene Freiheit aber bescherte mir zunächst weiterhin nur ein Leben im Wartestand: zum Beispiel auf dem Arbeitsamt. „Akademikereinstufung ist hier nicht“, sagte meine von Ossis genervte Bearbeiterin. „Seien Sie froh, wenn Sie überhaupt was kriegen.“ Also erst einmal die Anerkennung für die Studienabschlüsse – bei mir zwei – beim Senat beantragen. Und nach deren Anerkennung wieder hin. Dazwischen Zeit totschlagen mit Rockkonzerten, Vernissagen, natürlich von ehemaligen Ost-Künstlern, oder mit Nachtausflügen in die Rote Hand zum Skat und Billardspielen oder zum nächtlichen Schnellschach ins Café hinter dem Europa-Center.

Die Wohnungssuche wurde zur Odyssee. Der Markt in West-Berlin war längst heiß gelaufen. Man ging samstags am frühen Abend zum Bahnhof Zoo, um die Morgenpost vom Sonntag mit ihren Wohnungsanzeigen zu ergattern. Ab Sonntag traf man sich dann in einer langen Schlange wieder – um eine der raren bezahlbaren Wohnungen zu besichtigen. In der Tasche ein gefälschter Einkommensbescheid, den irgendjemand aus der Community besorgen konnte. Aber, was heißt preiswert, wenn schon am Anhalter Bahnhof eine 25 Quadratmeter große Einzimmerwohnung mit Kochplatte im winzigen Flur für 550 Mark angeboten wurde – mehr als ein Drittel meines Arbeitslosengeldes. Untergekommen bin ich schließlich auf 20 Quadratmetern, fünfte Etage, zweiter Hinterhof. Ein Student aus der Community, der nach Westdeutschland zog, hatte mir die Wohnung in Moabit überlassen – schöne neue Welt mit Innenklo für 300 Mark im Monat.

Und Arbeit? Arbeit gab’s für mich nicht auf dem Arbeitsamt. Noch ein paar Wochen zuvor hatte mich ein Berg von Arbeit beinahe plattgemacht. Nicht zuletzt, weil ich an einem Tatsachenbericht über spektakuläre Versicherungsbetrugsfälle arbeitete, der in der NBI als mehrteiliger Tatsachenbericht und zugleich als Buch erscheinen sollte. Die Arbeit an dem Thema hatte mir auch den Weggang in den Westen erleichtert. Mangels Quellen zum Thema in Ost-Berlin durfte ich über Wochen zur Recherche in die Bibliothek der Technischen Universität fahren. Darum die vielen Stempel in meinem Reisepass. Daher aber auch meine „Übersiedlung“ nach West-Berlin nur mit einer kleinen Aktenmappe unterm Arm und nicht mal mit einer Unterhose zum Wechseln.

Irgendwie fühlte ich mich wie aus dem Nest gefallen: über Nacht ohne Arbeit, ohne Familie, ohne Freunde und auch ohne Anerkennung. Eine seltsame Zeit, ich wollte kein Opfer sein, kein Mitleid erhoffen, sondern angreifen, schnell und selbstbewusst. Ein fiebriger Drang beherrschte mich und ließ mir keine Zeit, darüber nachzudenken, wie ich überhaupt in Zukunft leben wollte. Ich wollte wieder dazugehören und nicht mehr vor Türen warten.

Kassierer bei Aldi wurden gesucht, auch ein Korrektor beim Anzeigenblatt „Zweite Hand“, für zehn Mark die Stunde. Ich nahm mir vor, wenn nötig, auch solche Jobs anzunehmen. Davor aber wollte ich versuchen, wieder als Journalist zu arbeiten. Nicht irgendwo, sondern dort, wo ich meinte, hinzugehören, zu den renommierten Wochen- oder Tageszeitungen. Herrje, war ich naiv. Das Pfund, mit dem ich wuchern wollte, meine intimen DDR-Kenntnisse, erzeugte noch Anfang 1989 in den Redakteursstuben angesagter westdeutscher Blätter meist nur ein müdes Lächeln. Ich war einfach dem Irrtum aufgesessen, dass das große Interesse der Ostdeutschen am Westen auch umgekehrt bestand. Von wegen, ein paar Schmonzetten, ein paar Gruselgeschichten vielleicht, aber bloß nicht so viel schwere Kost, die die Erosion einer für die meisten Westdeutschen fremden Gesellschaft beschreibt.

Also: Erzählen Sie mal! Und: Wir rufen zurück. Diese elegante Art, jemanden loszuwerden, habe ich bald begriffen. Wieder war es einer aus der Community, der weiterhalf und einen Job bei einem Synchronstudio vermittelte, das die deutsche Bearbeitung von Dialogbüchern amerikanischer Billigserien vergab. Fast das ganze Synchrongeschäft in West-Berlin war zu jener Zeit in den Händen von ehemaligen ostdeutschen Schauspielern und Regisseuren. Ein Teil von ihnen verdiente viel Geld damit und sehnte sich danach, wie zu DDR-Zeiten in einer großen Film- oder Fernsehproduktion mitzuwirken.

Das Leben dümpelte vor sich hin. Nicht so im Ostteil der Stadt. Dort gerät in der ersten Hälfte 1989 die Gesellschaft immer mehr in Bewegung. Zwar erklärt SED-Chef Erich Honecker noch Mitte Januar, dass die Mauer noch in 50 oder gar 100 Jahren stehen werde. Ein paar Monate später aber, am 2. Mai, beginnt Ungarn mit dem Abbau des Stacheldrahts an der Grenze zu Österreich. Fünf Tage danach wiederum überführen Bürgergruppen die SED-Oberen der Fälschung der Kommunalwahlen. Fortan gibt es am 7. jedes Monats Demonstrationen.

Auch die westdeutsche Presse entdeckt nun den Osten für sich. Aber immer noch hält sich bei ihr die Schimäre, dass die DDR zwar demokratische Defizite aufweist, doch ökonomisch gesehen mit Abstand das stabilste Land des Ostblocks sei. Das aber stimmte anno 1989 so absolut schon lange nicht mehr. Honeckers Sozialpolitik war nicht mehr zu bezahlen, für Investitionen in die Infrastruktur und für Städte und Gemeinden fehlte das Geld. Nicht zuletzt drückte die wachsende Auslandsverschuldung der DDR-Gesellschaft die Luft ab.

Darüber wollte ich schreiben. Nur wollte das keiner von mir haben. Wieder war es ein Mitglied der ostdeutschen Community, das mir den direkten Kontakt zum Ostberliner Spiegel-Korrespondenten verschaffte: Schreiben Sie das mal auf. Ich schickte ihm einen ersten Teil. Seine Reaktion: Schreiben Sie bloß weiter! Doch es blieb ein Kampf um Platz und Aussage im Spiegel-Heft. Am 19. Juni war es endlich so weit. Unter dem Titel „Computer am Dienstag, Chaos am Mittwoch“ erschien mein fünfseitiger Report über das Missmanagement im SED-Staat. Im Osten wurde er totgeschwiegen. Von den Partei-Oberen und der von ihnen gelenkten Presse sowieso. Aber auch die meisten westdeutschen Korrespondenten in der DDR misstrauten meinem Report. So musste sich der Spiegel-Korrespondent die Häme gefallen lassen, den „Märchen eines abgehauenen und frustrierten Ost-Journalisten“ aufgesessen zu sein. Nicht mal ein Jahr später blieb ihm die Genugtuung, als Erster das wirtschaftliche Dilemma der DDR dezidiert aufgedeckt zu haben.

Dann der heiße Sommer '89 mit Botschaftsbesetzungen in Budapest, Prag und Warschau, mit der Massenflucht von DDR-Bürgern. In Westdeutschland begann man zu ahnen, dass dem zweiten deutschen Staat nicht nur die Menschen wegliefen, sondern er anfing, sich selbst aufzulösen. So hat dann auch die westdeutsche Presse die DDR wieder für sich entdeckt. Und plötzlich standen für mich die Türen zu den Redaktionen weit offen: Süddeutsche Zeitung, Frankfurter Rundschau, die taz und immer wieder auch der Spiegel wollten nun Erklärstücke zu den ostdeutschen Zuständen von mir. Tagelang saß ich fast ohne Pause in meiner Hinterhofwohnung und hackte auf meine kleine Erika-Reiseschreibmaschine ein, die, na klar, mir einer aus der Community besorgt hatte.

Steffen Uhlmann, geboren 1950, arbeitete bis 1988 als Redakteur bei der Berliner Zeitung und der Neuen Berliner Illustrierten, von 1989 bis 1992 bei Spiegel und Stern. Seither ist er freier Autor. Er lebt in Berlin-Mitte
Foto: Ostkreuz/Sebastian Wells

Dann die immer größer werden Herbst-Demonstrationen, überall der Ruf „Wir sind das Volk!“ Das alte System stürzte in sich zusammen. Die alten Männer aus dem SED-Politbüro verschwanden, die Staatspartei verlor ihre Macht. Schließlich fiel die Mauer. Ein großer Teil der Ostdeutschen, die in den Westteil Berlins gekommen waren, verhielten sich dazu seltsam distanziert. Sie waren schlichtweg enttäuscht über den historischen Knall. Sie hatten Risiko, Reibereien und jede Menge Rückschläge in Kauf genommen, um in die von ihnen ersehnte Freiheit zu gelangen. Das Gros der Daheimgebliebenen dagegen hatte einfach stillgehalten. Und nun fiel ihnen die „Freiheit“ so einfach in den Schoß.

Und ich? Ich selbst habe den Mauerfall in meinem Hinterhof-Exil beinahe verschlafen. Erst gegen vier Uhr morgens holte mich mein alter Freund Alexander aus dem Bett. Gemeinsam versuchten wir, über den Übergang Invalidenstraße in den Osten zu gelangen. Ein Ostberliner Grenzoffizier wollte uns einfach nicht mehr rüberlassen. „Ab jetzt“, beschied er uns, „kommse nur noch mit einem Passierschein durch.“

„Wir wollen doch nur mal gucken“, sagte ich. Da ließ er uns durch. „Aber nur für eine Stunde. Länger nicht.“

Nach einem Jahr zurück in Ost-Berlin: graue Häuserzeilen im anbrechenden Morgen, eine stumme Schlange am Zeitungskiosk neben der Volksbühne, dann noch ein Blick auf mein Verlagshaus am Alexanderplatz, in dem ich über ein Jahrzehnt ein- und ausgegangen war. Seltsam, Vertrautes war schon nach so kurzer Zeit fremd geworden. Schnell kehrten wir in den Westen zurück. Vielleicht machten sie ja doch die Grenze wieder dicht. Wochen später kehrte ich in den Osten zurück. Erst einmal, dann zweimal, dann immer wieder. Ich war ein Krisengewinnler, der seine Familie, die meisten Freunde und einen festen Job wiedergewonnen hatte. Als Spiegel-Korrespondent in Ost-Berlin eroberte ich mir in dieser neuen Zeit ein Stück altes Leben zurück. Aber das ist schon wieder eine andere Geschichte.