Szene aus „Whisky & Flags“ von Jo Fabian, uraufgeführt 1993. 
Foto: David Baltzer/Bildbuehne.de 

BerlinIm Jahr 1994 fand in Berlin das erste Mal die Tanzplattform Deutschland statt, gemeinsam geplant und verantwortet von Dieter Buroch vom Mousonturm in Frankfurt am Main, von Walter Heun von Joint Adventures in München und mir mit dem Hebbel-Theater. Zunächst gedacht als ein Angebot zur Vorauswahl für den internationalen Wettbewerb in Bagnolet, Paris, verstand sich dieses Festival schnell als Möglichkeit zur Etablierung und Unterstützung einer frei produzierenden Tanzszene und als Ort mit internationaler Ausstrahlung.  Mit der alle zwei Jahre stattfindenden Plattform sollte die Arbeit der in Deutschland produzierenden Künstler*innen über die Grenzen hinaus sichtbar gemacht werden.

Die Programmauswahl entstand in gemeinsamer Entscheidung, doch uns in Berlin war es ein besonderes Anliegen, nicht nur Künstler*innen und Gruppen aus dem westlichen Teil des Landes einzuladen, sondern den Blick ebenso in die ehemalige DDR zu richten. Die Tanzentwicklung und aktuelle Situation in den neuen Ländern war in der deutschen und internationalen Tanzszene kaum bekannt und es fehlte damals auch offensichtlich die notwendige Neugier, um das zu ändern.

Neben Jo Fabian mit „Whisky & Flags“, entstanden 1993 im Theater unterm Dach in Berlin-Prenzlauer Berg, luden wir mit Irina Pauls und dem Tanztheater im Schauspiel Leipzig und Arila Siegert mit dem Tanztheater Dessau zwei prominente Choreografinnen der DDR zur Präsentation ihrer Arbeit nach Berlin ein. Diese beiden Aufführungen führten für mich zu einer schockierenden Erfahrung, die bis heute nachwirkt: Teile des Publikums (weitgehend „Fachleute“ des Tanzes) reagierten mit Gelächter oder lautem Verlassen des Saales auf die ihnen fremde Ästhetik und formale Tradition des Ausdrucks.

Das Fehlen von persönlichem Interesse und Respekt gegenüber den Künstlerinnen aus dem Osten des Landes (etliche andere machten ähnliche Erfahrungen wie die hier genannten) war zutiefst verletzend und führte dazu, dass der erhoffte Prozess einer beginnenden Zusammenarbeit und Offenheit für ein wachsendes gegenseitiges Verständnis zunächst fast zum Stillstand kam. Für die Tanzplattform 1996 in Frankfurt am Main gab es keine einzige Einladung einer Gruppe aus einem der neuen Bundesländer, und 1998 in München war lediglich Jo Fabian mit Example Dept. Berlin mit einer neuen Produktion vertreten.

Jo Fabian hatte die DDR nie verlassen wollen, auch wenn er mit seinen Arbeiten immer wieder Ärger erregte und seine Stücke schnell abgesetzt wurden. Sie wurden als „formalistisches Bildertheater“ abqualifiziert.

Ich muss meine Kraft nicht mehr aus der Ablehnung entwickeln. Heute muss ich vielmehr mit Zustimmung umgehen.

Jo Fabian, Choreograf

Einige Kritiker im Westen warfen ihm vor, Robert Wilson oder Jan Fabre zu kopieren – obwohl er die Arbeiten beider Künstler in der DDR nie sehen konnte! –, doch nach der Wende fand er hier große Beachtung. Das war ihm jedoch eher suspekt, wie er 1994 in der Zeitschrift Ballett international/tanz aktuell sagte: „Ich muss meine Kraft nicht mehr aus der Ablehnung entwickeln. Heute muss ich vielmehr mit Zustimmung umgehen. Mich aber auch der wieder entziehen zu können, ist mir sehr wichtig.“

Doch auch Jo Fabian musste feststellen, dass ostdeutsche Tänzer*innen der westdeutschen Tanzszene zwar allgemein Interesse entgegenbrachten, dieses Interesse jedoch umgekehrt ganz vermissen mussten. Er beklagte eine oft ignorante, mit Arroganz gepaarte Haltung: „Nach ’89 hat sich kein Mensch mehr dafür interessiert, was ich in den DDR-Jahren gemacht habe. Und das war nichts anderes als das, was als Erstes sichtbar geworden ist. So müssen Leute meiner Generation wieder neu um ihr Eigenes kämpfen, weil es nicht selbstverständlich angenommen wird, weil teilweise gar nicht geglaubt wird, dass in so einem Gebilde DDR etwas entsteht, was der Westen für sich gepachtet hat.“ Im Hebbel-Theater haben wir ihm mit seinen Inszenierungen seit 1994 für Jahre einen Ort und ein Publikum geboten.

Nele Hertling
Foto: Ostkreuz/Sebastian Wells

Irina Pauls, ausgebildet bei Gret Palucca in Dresden, versuchte schon 1985 am Theater Altenburg aus der für das DDR-Ballett charakteristischen Tradition auszubrechen. Sie beschäftigte sich besonders mit Außenseitern, Menschen des Alltags und ihrer eigenen Situation. „Ich muss einen anderen Weg gehen. Aber wie? Ich durfte ja nicht raus aus der DDR. Und Videos durften nicht rein. Das bisschen, was im ZDF zu sehen war, war alles“, sagte sie im Jahr 2000 im Gespräch mit der Tanzjournalistin Gabriele Wittmann. Nach der Wende musste sie die schmerzliche Erfahrung machen „plötzlich zu merken, dass die anderen nicht nur drei, sondern zehn Schritte weiter sind. Und man doch so gekämpft hat in diesem kleinen Land, für diese lächerlichen drei neuen Schritte.“

Arila Siegert, ebenfalls ausgebildet und stark beeinflusst von Palucca, zählte in der DDR zu den wichtigsten modernen Tänzerinnen und Choreografinnen. 1985 entstand ihr erster Soloabend „Gesichte“, 1987 folgte „Herzschläge“. 1986 arbeitete sie mit Ruth Berghaus in Wien an der Produktion von „Orpheus“ mit Musik von Hans Werner Henze. Nach ihrer Zeit als Solotänzerin an der Komischen Oper Berlin und der Dresdner Staatsoper gründete sie 1987 am Staatsschauspiel Dresden ihr Tanztheater, das nur aus ihr selbst bestand. Sie konnte sich hier mit der Tradition des deutschen Ausdruckstanzes beschäftigen und nahm in der Folge Tänze von Dore Hoyer, Mary Wigman oder Marianne Vogelsang in ihr Solotanzprogramm auf. 1988 choreografierte sie nach einem eigenen Libretto und der Musik von Gerald Humel „Othello und Desdemona“ an der Komischen Oper Berlin.

Mit ihren Soloprogrammen wurde Arila Siegert zunehmend auch ins westliche Ausland eingeladen. Schon seit 1984 gab es mit Besuchen von Dirk Scheper und mir bei ihr in Dresden erste Kontakte zur West-Berliner Akademie der Künste, die Verbindung intensivierte sich in den folgenden Jahren, und drei Jahre vor dem Fall der Mauer, 1986, zeigte sie ihren Solotanzabend „Gesichte“ in der Akademie der Künste am Hanseatenweg im Rahmenprogramm einer Ausstellung anlässlich des 100. Geburtstages von Mary Wigman. Von West-Berlin aus war ein Kontakt zu einer Künstlerin aus der DDR politisch weniger problematisch, als es die offiziellen Ost-West-Verbindungen zu der Zeit sein konnten.

Die große Serie

Im 30. Jahr der Wiedervereinigung erleben wir erneut einen Umbruch in der Gesellschaft, ausgelöst durch die Corona-Krise. Die Berliner Zeitung begleitet diese Zeit mit Essays, Analysen, Interviews. Wir führen Debatten und fragen, was wir aus dem Gestern für ein besseres Morgen lernen können.

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2011 erinnerte sich Arila Siegert: „Ich konnte reisen, und das hat auch bewirkt, dass man ein bisschen ‚unantastbarer‘ wurde durch diese Erfolge im Ausland, vor allem wenn man dann auch wieder eingeladen wurde. Und es war wichtig, genau dann in der DDR zu bleiben und die Mauer sozusagen zu durchlöchern.“ Und: „Beobachtet gefühlt haben wir uns immer. Aber wir haben trotzdem alles gemacht, was wir wollten. Dieses Widerstehen und Weiterwollen hat einen aus sich herausgetrieben, gepuscht.“

Auch 1987 bestand die Führung der SED noch auf dem Paradigma des Sozialistischen Realismus. „Obwohl in der DDR Bestrebungen wie die von Siegert nicht mehr unterdrückt wurden, war ihre Unternehmung noch immer ein Widerstand gegen die Stagnation im Bereich des Tanzes.“

So beschrieb es Jens  Richard Giersdorf in „Arila Siegert – Tänzerin, Choreographin, Regisseurin“ im Jahr 2014. Ihr vierter Solotanzabend unter dem Titel „Fluchtlinien“ im Oktober 1991 war ihr letzter im Kleinen Haus des Staatsschauspiels Dresden, das Tanztheater wurde 1992 geschlossen. Auch das Tanztheater von Irina Pauls, ab 1990 am Schauspiel Leipzig angesiedelt, wurde 1997 aus Kostengründen aufgelöst.

1991 sagte Arila Siegert der Dresdner Morgenpost: „Künftig kann sich ein Ensemble-Theater nach Aussage des Intendanten kein derartiges eigenständiges Projekt mehr leisten. Doch wenn nicht in Dresden, der Wiege des deutschen Ausdruckstanzes, dann führe ich es anderswo fort.“ Doch nachdem sie mit ihren ersten Auftritten im Westen nach der Wende viel Beachtung gefunden hatte, war die Reaktion auf ihren Auftritt bei der Tanzplattform 1994 das Zeichen einer erkennbaren Entwicklung. Viele ostdeutsche Produktionen wurden als verstaubt und rückständig betrachtet, die Arbeitsstrukturen als veraltet abgelehnt.

Der frühere Tänzer und Leipziger Tanzdramaturg Jens Richard Giersdorf schreibt in seinem Beitrag zu Arila Siegert: „Zu diesem Zeitpunkt (2004) war mir die fortschreitende Auslöschung jeglicher Erinnerung an den DDR-Tanz in den vergangenen 15 Jahren nicht bewusst. Erst im Nachhinein, als ich weiter forschte, wurde mir bewusst, wie Protagonisten und Archivinstitutionen nach und nach aus dem offiziellen Tanzkanon verschwinden, und vor allem, dass der Mangel an Interesse nicht persönlich, sondern ideologisch geprägt ist, vor allem in Deutschland.“

Erst im Nachhinein, als ich weiter forschte, wurde mir bewusst, wie Protagonisten und Archivinstitutionen nach und nach aus dem offiziellen Tanzkanon verschwinden.

Jens Richard Giersdorf, Tanzdramaturg

2002 machte die Tanzplattform mit einer Ausgabe in Leipzig und einem Programmschwerpunkt „Ostdeutschland“ einen letzten Versuch, die Tanzszene der DDR zu erkunden. Doch die eingeladenen Produktionen genügten den Ansprüchen von Jury und Publikum nicht. Die Bilanz: „Im Osten nichts Neues“. Doch obwohl es im Ostteil Deutschlands an Strukturen für den zeitgenössischen Tanz nach westeuropäischen Maßstäben sowie an international und professionell vernetzten Produktionsstrukturen fehlte, ebenso an Ausbildungsmöglichkeiten und theoretischen Diskursen, gab es doch das Potenzial einer vielschichtigen Entwicklung nach der politischen Wende – ohne Bindung an vorhandene Strukturen, Traditionen und Errungenschaften.

In  seiner Trilogie „Vaterlandskomplex“ von 1993 setzte sich Jo Fabian mit der eigenen Geschichte, den Utopien, der Wendesituation und der verlorenen Identität der Menschen in der DDR auseinander: „Zu einem geschichtlichen Selbstbewusstsein zu kommen, ist in unserer Situation nicht leicht ... also wenn man annektiert wurde … in einer Situation, in der man einen Lebenskampf hatte, der nicht aufgehoben werden kann in der Annexion, tritt Befreiung nicht ein.“ Und zehn Jahre später 2003, bei der Wiederaufnahme von „Whisky & Flags“ und der Neuproduktion „Tenyearsafter“ zog er das Fazit: „Gerechtigkeit gibt es nicht, nicht in diesem Leben.“

Und doch formulierte Irina Pauls in einem Interview 2016 für die Gegenwart: „In unserer deutschen Gesellschaft spüre ich eine Entwicklung, die in der DDR entstandene Kunst nicht mehr nur unter ‚Staatsdoktrin‘ abzutun. Künstlerische Arbeiten werden nicht mehr vordergründig unter ideologischem Aspekt eingeschätzt. Dokumentation wird wichtig, die Kunstwerke gehen sonst verloren. Sie sind ein Teil unserer deutschen Geschichte. Sie machen einen wichtigen Teil der Gegenwart aus. (…) Ich reflektiere, was ich in meiner künstlerischen Arbeit in dieses vereinte Deutschland mitbringen konnte, was ich im Moment einbringe. Dieser Zusammenhang interessiert mich, die eigene Arbeit in einen größeren Zusammenhang einzuordnen und für das Publikum sichtbar zu machen.“

Die Erfahrung der Tanzplattform Deutschland in Berlin 1994 bleibt sicher unvergessen. Vielleicht hilft sie zu verstehen, wie wichtig es ist, der großen Vielfalt von Kunst und Kultur mit Neugier, Offenheit und Respekt vor dem Künstler zu begegnen. Jo Fabian ist heute Schauspieldirektor am Staatstheater Cottbus. Irina Pauls arbeitete, nachdem ihr Ensemble in Leipzig abgewickelt wurde, an verschiedenen westdeutschen Theatern, und kehrte 2007 nach Leipzig zurück. Seit 2016 leitet sie u.a. die jährliche Werkstatt Orff-Tanz. Arila Siegert ist seit Jahren eine vielbeschäftigte und international sehr erfolgreiche Opernregisseurin.