Film: Open Memory Box/Alberto Herskovits

Normalerweise würde ich meinen Mann um diese Zeit fragen: Sag mal, was machen wir eigentlich im Urlaub? Mein Mann würde antworten: Keine Ahnung, was denkst du denn? Ich würde sagen: Wir wollten mal wieder nach Frankreich. Oder: In Portugal waren wir lange nicht mehr. Klingt gut, würde mein Mann sagen, und ich wüsste, dass er es nicht so meint.

Ich bin so froh, dass wir in diesem Jahr dieses Gespräch nicht führen müssen. Ich bin so froh, dass wir nicht verreisen können, dass der Urlaubsterror ein Ende hat. Dieses Um-jeden-Preis-Wegfahren, die Pauschalurlaube in winzigen Zimmern mit schlechten Matratzen, die überfüllten Flughäfen, das schlechte Gewissen, die Umwelt zu zerstören. Vorbei. Wir müssen zu Hause bleiben. Wir dürfen. Endlich.

Legoland, Disneyland, Småland

Dreißig Jahre hat es gedauert, bis ich es zugeben kann: Das deutsche Urlaubskonzept war nie meins. Ich habe alles versucht, fast jede Art von Urlaub ausprobiert: Busreisen, Skireisen, Fernreisen, Familienhotel, Cluburlaub, Strandurlaub, Städteurlaub, Schnorchelurlaub. Tunesien, Türkei, Ägypten, Dänemark, Indien, Legoland, Disneyland, Småland. All die Verheißungen der Tourismus-Industrie, die Glücksversprechen einer Branche, die jetzt wegen eines Virus mit einem Schlag zum Erliegen gekommen ist. Und hoffentlich in ihrer alten Form nicht wieder zurückkehrt.

Ich weiß, ich mache mich nicht besonders beliebt mit Sätzen wie diesen. Ich habe die Welt ja gesehen, viele Jahre im Ausland gelebt. Meine Tochter kann es kaum erwarten, wieder den Koffer zu packen und weit wegzufliegen. Wie so viele andere auch. Der Tourismusbeauftragte der Bundesregierung fordert einen staatlichen Tourismus-Rettungsschirm. Er heißt Thomas Bareiß und ist Mitglied der CDU. Ich hatte seinen Namen vorher noch nie gehört. Ich wusste nicht mal, dass es einen deutschen Tourismusbeauftragten gibt. Dass Tourismus Staatsaufgabe ist und die Wo-fahren-wir-dieses-Jahr-hin-Gespräche mit meinem Mann Teil eines Systems sind, dem man sich schwer entziehen kann und gar nicht soll.

Das erste Gespräch dieser Art führten wir im Dezember 1990 vor einem Reisebüro in der Greifswalder Straße. Im Schaufenster hing ein Schild: „Zehn-Tage-Reise nach Istanbul, Silvester in der Märchenstadt aus 1001 Nacht“. Erwähnt wurde nicht, dass wir davon nur vier Tage in Istanbul und den Rest im Bus verbringen würden. Er war zweistöckig und fuhr am Alexanderplatz los. Wir konnten wählen zwischen Ober- und Unterdeck. Wir blieben unten, da war Rauchen erlaubt.

"Wir wollten was erleben". Silvester in Istanbul mit Holiday-Reisen 1990/91.
Foto: privat

Wir rauchten viel, es war eine lange Reise. Ich erinnere mich vor allem an das türkische Bad und die beiden  Männer mit Braunbären, die unbedingt ein Foto mit uns machen wollten und dann, als es ans Bezahlen ging, plötzlich die Bärenleine lockerließen. Höhepunkt der Reise war die Silvesterfeier mit Bauchtänzerinnen, an der noch 800 weitere Ostdeutsche teilnahmen. Wie war’s?, fragte meine Mutter, als wir in Berlin ausstiegen. Toll, sagte ich.

In Weimar teilte ich mir mit meiner Oma ein Doppelstockbett. In Szklarska Poreba hing Jesus über meinem Bett.

Es war immer toll. Es musste einfach toll sein. Ich hatte 20 Jahre lang in einem Staat gelebt, der seinen Bürgern vorschrieb, wohin sie reisen durften und wohin nicht. Prag und Warschau waren erlaubt, für Budapest brauchte man Westgeld und Visa, für Kuba Beziehungen, die ich nicht hatte. Ich verbrachte meine Ferien im Harz, an der Ostsee, in der CSSR oder auf dem Wochenendgrundstück in Rahnsdorf. In FDGB-Heimen, Ferienlagern, Privatunterkünften und Studentenwohnheimen, die im Sommer  zu Urlaubsquartieren wurden. In Weimar teilte ich mir mit meiner Oma ein Doppelstockbett. In Szklarska Poreba hing Jesus über meinem Bett. In Leipzig lernte ich sächseln, in Klein-Köris Tischtennis spielen. Das brachte mir später bei den Club-Med-Meisterschaften in Mexiko die Silbermedaille ein. Die Goldmedaille gewann mein Mann.

Mein Fernweh stillte ich bei Freundschaftstreffen der FDJ. Der erste Junge, den ich küsste, hieß Thierry und war Sohn französischer Kommunisten. Im Studium lernte ich Angel aus Nicaragua kennen. Meine Freundin verliebte sich in einen Kolumbianer. Wir tanzten Salsa in verfallenen Leipziger Gründerzeitbauten und träumten von der großen, weiten Welt.

Wie man sich diesen Traum erfüllt, wie man die Welt erobert, was die Unterschiede zwischen all den Ferienressorts und Tourismusanbietern sind, davon hatte ich keine Ahnung, und manchmal denke ich, ich habe es bis heute nicht begriffen. In der DDR musste man den Urlaubsplatz nehmen, den man bekam. In der Bundesrepublik kann man mit hundert verschiedenen Airlines an tausend verschiedene Orte fliegen, zwischen Null- und Fünfsternehotels wählen, zwischen Zelt, Ferienhaus, Wüste, Meer, Bergen. So viele Entscheidungen! Dazu die Diskussionen in der Familie, der Stress an den Flughäfen, die Enttäuschung, wenn das Büffet nicht den Erwartungen entspricht oder der Pool zu klein zum Schwimmen ist.

Die Reisen waren ja nicht nur Urlaub, es war immer auch die Suche nach Neuem, neuen Menschen, neuen Orten, einem neuen Sinn im Leben.

Fragt man sich, wo die revolutionäre Energie der Ostdeutschen nach der Wiedervereinigung geblieben ist, wo die waren, die nicht um den Erhalt von Arbeitsplätzen kämpften, muss man sich nur die Fotoalben jener Zeit ansehen: Marakesch, Gardasee, Costa Brava, Mallorca. „Nachholeffekt“, nennt es der Tourismusexperte Hasso Spode. Er leitet das Historische Tourismusarchiv an der TU Berlin und weiß: „Die DDR war schon kurz vor ihrem Zusammenbruch Reiseweltmeister. Niemand fuhr so gerne in den Urlaub wie die Ostdeutschen.“ Nach der Wende ging es erst richtig los. Die Arbeitslosigkeit war hoch, das Geld knapp, aber Reisen musste  nicht teuer sein. Man ließ sich die Mittelmeer-Sonne auf den Bauch scheinen, prügelte sich mit seinen Landsleuten an kalten Büfetts und um Sonnenliegen. Ich erinnere mich, wie ich 1992 im Tunesienurlaub am Strand lag und, als ich meinen Blick in den Himmel richtete, sah, wie meine 50-jährige Mutter im Badeanzug an einem Fallschirm über mir schwebte. Sie hatte sich von freundlichen Männern dazu überreden lassen – wie ich in Istanbul zum Bärenfoto. Wir wollten was erleben. Die Reisen waren ja nicht nur Urlaub, es war immer auch die Suche nach Neuem, neuen Menschen, neuen Orten, einem neuen Sinn im Leben, vielleicht sogar einer neuen Heimat.

1171 Kilometer nach Rom. Reisewerbung am Flughafen Berlin-Schönefeld
Foto: Ostkreuz/Sebastian Wells

Mein Mann kam meist nicht mit bei diesen Reisen. Pauschaltourismus passte nicht zu seinem Freiheitsgefühl. Er kaufte sich lieber einen schnittigen Zweisitzer. Einfach losfahren war die Idee. In Italien fingen wir an, fuhren tagelang durch herrliche Landschaften, aber spätestens bei der Suche nach einem Übernachtungsplatz hörte für mich das Freiheitsgefühl auf. Ich brauchte ein Bett, er brauchte die Straße.

Kompromisse waren die Lösung. Unsere Hochzeitsreise führte uns für drei Tage nach Venedig und für zwei Wochen an die Ostküste der USA. Wenn ich mit Kind und Freundin in ein familienfreundliches Ferienressort am Mittelmeer flog, machte er einen Roadtrip durch Kalifornien. Am liebsten aber fuhr er auf Dienstreisen, mitunter auch mitten im Urlaub. Als ich mit Freunden nach Montauk unterwegs war, befand er sich auf dem Weg nach Kuba. Im Ferienhaus auf Hiddensee musste er plötzlich nach Kuwait. Es handelte sich stets um sehr dringliche Angelegenheiten, die sich nicht verschieben ließen. Manchmal denke ich, er wollte vor allem deswegen so gerne nach Amerika ziehen, weil dort fast niemand mehr als eine Woche im Jahr frei bekommt und Urlaub so gut wie kein Thema ist.

Urlaub an der Ostsee war plötzlich nichts Besonderes mehr, jetzt, da uns die ganze Welt zur Verfügung stand.

Einmal, wir kannten uns noch nicht so lange, überraschte er mich mit einem Wochenende an der Ostsee. Er hatte in einem ehemaligen Betriebsferienheim, in dem man früher Jahre auf einen Platz warten musste, die Suite reserviert. Es klang wie Urlaub im Schloss, aber in Wirklichkeit war es ziemlich niederschmetternd. Wobei wir gar nicht so richtig wussten, woran es lag. Es hatte sich ja kaum etwas verändert, seit die DDR verschwunden war: der gleiche Strand, die gleichen Zimmer, die gleichen Käse- und Wurstplatten am Büffet, die gleichen unfreundlichen Kellner. Ich glaube, der Unterschied war: Urlaub an der Ostsee war plötzlich nichts Besonderes mehr, jetzt, da die ganze Welt zur Verfügung stand, nicht mal in der Suite.

Das Besondere scheint wichtig zu sein, gerade im Urlaub. Aber es lässt sich, habe ich festgestellt, nicht unbedingt leichter finden, wenn immer alles zur Verfügung steht. In Zeiten von Mangel findet man es manchmal sogar eher als in Zeiten von Überfluss. So jedenfalls wäre zu erklären, warum ich Vorwende-Urlaub im Doppelstockbett nicht unbedingt in schlechterer Erinnerung habe als Nachwende-Urlaub im Vier-Sterne-Hotel. Und warum ich die schönsten Urlaubsmomente ausgerechnet dann erlebe, wenn das Besondere ganz einfach ist. Beim Skatspielen in einer Hütte ohne Fenster und Elektrizität in Kolumbien, auf der Fahrt in einem alten Lada von Trinidad nach Havanna, bei einer Radtour entlang der Oder, in der Hängematte unseres Wochenendgrundstücks in Brandenburg.

Das bringt mich zur aktuellen Situation zurück, in der ein Urlaubsplatz an einem Brandenburger See plötzlich begehrenswerter ist  als eine Villa auf den Malediven. Weil man gar nicht in die Malediven kommt. Hätte mir das vor drei Monaten jemand erzählt, hätte ich dahinter wahrscheinlich eine Umweltaktion von Greta Thunberg vermutet. Einen Geniestreich. Ich weiß, an der Tourismusbranche hängen Tausende Arbeitsplätze. Aus wirtschaftlicher Sicht ist die Corona-Krise eine Katastrophe. Aber mir fällt es schwer, nur die Nachteile dieser Situation zu sehen, zu ignorieren, dass der Flugtourismus in den letzten Jahren stärker gewachsen ist als der gesamte Luftverkehr inklusive Geschäftsreisen und Frachttransporten, wie die Heinrich-Böll-Stiftung schreibt. Dass Venedig im Meer und im Müll versinkt. Dass Einheimische in Urlaubsregionen wenig am Tourismus verdienen und die Reiseveranstalter viel. Dass die meisten Kreuzfahrtschiffe mit Schweröl betankt werden, das die Meere verschmutzt.

Ich will mir gar nicht vorstellen,  wie PR-Agenturen versuchen, Pandemievorschriften und Freiheitsgefühl in einen Werbeslogan zu bringen, damit nur alles bald wieder so ist, wie es war.

Ich habe die letzten zwei Jahre am Mittelmeer gelebt und gearbeitet, ich weiß, in welch schlechtem Zustand es sich befindet. Genau wie die Seen in Brandenburg, die austrocknen, und die Kiefern in den Wäldern, die ihre Nadeln verlieren. Ich finde es zynisch, dort baden zu gehen, wo Flüchtlinge ertrinken, oder Hotels in Thailand, in denen beim Tsunami Urlauber und Angestellte starben, wieder zu eröffnen, als wäre nichts gewesen. Und ich will mir gar nicht vorstellen, wie Ferienanlagen virenfrei gehalten werden sollen, wie PR-Agenturen versuchen, Pandemievorschriften und Freiheitsgefühl in einen Werbeslogan zu bringen, damit alles bald wieder so ist, wie es war.

Die Welt ist zu komplex geworden, um sich vorzugaukeln, wie schön sie ist. Vielleicht wäre es an der Zeit, den Urlaub, wie wir ihn kennen, infrage zu stellen, vielleicht sollte der staatlich eingesetzte Tourismusbeauftragte nicht nur Rettungsschirme spannen, sondern auch Visionen entwickeln, wie der Urlaub der Zukunft aussehen kann.

Wie wäre es zum Beispiel damit, in die menschenleeren Landschaften des Ostens ökologische Feriendörfer zu bauen und damit gleichzeitig neue Arbeitsplätze zu schaffen? Oder wie Amsterdam mehr Ziele in der Umgebung anzupreisen, Stadtstrände zu schaffen? Dafür zu werben, nicht dreimal im Jahr wegzufliegen, sondern nur einmal oder alle zwei, drei Jahre. Und wenn schon Fördergelder fließen, sie eher in Bildungsreisen zu stecken als in Massentourismus.

Die aufregendste Reise meines Lebens habe ich nicht mit meiner Familie, sondern mit der Bundeszentrale für politische Bildung gemacht. Eine zehntägige Rundreise durch Israel und die palästinensischen Gebiete. Ich habe nachts kaum ein Auge zugetan, so aufgewühlt war ich von den vielen Eindrücken. Und erholt habe ich mich erst recht nicht. Aber ich kann sagen: Es war etwas Besonderes.