Vera Lengsfeld, 68 Jahre alt, hat eine Lebensgeschichte, die man sich nicht ausdenken kann: Stasi-Vater, Stasi-Mann, Stasi-Haft, Exil in England, Mitglied der letzten DDR-Volkskammer, Bundestagsabgeordnete für Bündnis 90/Grüne, Bundesverdienstkreuz, und heute CDU-Mitglied mit AfD-nahen Positionen. Zu diesen Positionen gehört nicht nur ihre Kritik an der deutschen Flüchtlingspolitik, sondern auch an den Corona-Maßnahmen der Bundesregierung. Zum Interview aber kommt sie - wie erbeten - mit Maske. 

Frau Lengsfeld, der 30. Jahrestag der deutschen Wiedervereinigung ist gerade vorbei. Erinnern Sie sich noch an die Zeit damals?

Ja, ich war ja eine der drei Fraktionsvorsitzenden von Bündnis 90/Grüne neben Jens Reich und Marianne Birthler, und auf mich fiel die Wahl, bei der Einheitsfeier auf der Tribüne am Reichstag zu stehen mit Kohl und den anderen. Dazu hatte ich überhaupt keine Lust, und da kam es mir zupass, dass der verteidigungspolitische Sprecher der Grünen, Alfred Mechtersheimer, unbedingt eine Karte wollte. Ich habe ihm meine gegeben, war aber am Brandenburger Tor, habe dort Roland Jahn auf dem Fahrrad getroffen, der auch mal gucken wollte, und dann sind wir beide zusammen gegen den Strom zurückgegangen. Jahre später hat mir mal ein Thüringer Geschäftsführer der Grünen gesagt, er hätte uns gesehen, das hätte ihn so beeindruckt, wie Jahn und ich gegen den Strom zurückgegangen sind.

Was war das für ein Gefühl, an diesem Tag so gegen den Strom zu gehen?

Eigentlich normal, weil ich es in meinem Leben gewöhnt war, gegen den Strom zu schwimmen. Aber ich wollte mit diesen offiziellen Feiern und Reden nichts zu tun haben. Vorher hatten wir ja noch dieses Konzert am Schauspielhaus …

… wo die DDR verabschiedet wurde. Waren Sie froh, dass es vorbei war?

Als die deutsche Nationalhymne gespielt wurde, habe ich mit Werner Schulz den Text der DDR-Hymne dazu gesungen. Die Hymne war ja so komponiert und geschrieben, dass der Text auf beide Melodien passte.

Unsere Serie

Im 30. Jahr der Wiedervereinigung erleben wir erneut einen Umbruch in der Gesellschaft, ausgelöst durch die Corona-Krise. Die Berliner Zeitung begleitet diese Zeit, in der erneut viel Altgewohntes auf dem Prüfstand steht, mit Essays, Analysen, Interviews. Wir wollen Debatten führen und fragen, was wir aus dem Gestern für ein besseres Morgen lernen können.

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Sabine Rennefanz
Anja Reich

https://www.berliner-zeitung.de/zeitenwende

Heißt das, Sie waren für die Wiedervereinigung, wollten aber nicht alles aus der DDR aufgeben?

Na ja, ich habe gesehen, dass die Wiedervereinigung unvermeidlich war. Ich erinnere mich an die erste Massen-Demo Anfang Mai vor der Volkskammer. Wir haben völlig fassungslos aus dem Fenster geguckt, weil die Leute plötzlich gegen uns demonstrierten und sagten, wir sollen mal hier nicht noch so viele Gesetze machen. Sie wollten die Vereinigung ohne Wenn und Aber. Ich weiß noch, wie Ilse Nirade vom Neuen Forum aus Sachsen sagte: „Die haben kein Verständnis für eine Demokratisierung der DDR.“ Als Lothar de Maizière nach den ersten freien Wahlen im April 1990 seine Regierungserklärung hielt, haben wir geglaubt, mindestens vier Jahre wird es dauern.

Sie haben ja sogar noch an einer neuen DDR-Verfassung gearbeitet.

Ja, ich war in der Verfassungskommission des Runden Tisches für die Grünen. Tag und Nacht haben wir daran gesessen, Verfassungen gelesen, verglichen. Die aus der Weimarer Republik, die französische Verfassung, die Paulskirchen-Verfassung und viele mehr, und gleichzeitig diskutiert und geschrieben. Die Verfassung war fertig gedruckt, als die freie Volkskammer zusammentrat, aber dann hat sich die Regierung de Maizière entschieden, bis zur Vereinigung mit der alten DDR-Verfassung weiterzumachen. Das war der erste große Schlag vor die Magengrube.

Was war Ihnen im Rückblick das Wichtigste aus dieser neuen Verfassung?

Wir haben jede Menge von unseren Illusionen reingeschrieben: das verfassungsmäßig garantierte Recht auf Wohnen, was ja heute wieder in der Diskussion ist, und auch das Recht auf selbstbestimmtes Sterben, was gerade vom Verfassungsgericht bestätigt wurde nach fast 30 Jahren. Dafür habe ich mich vor allem eingesetzt.

Warum war Ihnen das Recht auf selbstbestimmtes Sterben so wichtig?

Mein Großvater musste noch eine Woche an diesen Geräten hängen, obwohl er nicht mehr wollte. Später bei meinem Vater war es noch schlimmer. Ich hatte dem Arzt gesagt, er soll mich anrufen, wenn es zu Ende geht, weil ich dabei sein will. Ich war Abgeordnete und konnte nicht die ganze Zeit am Bett sitzen. Dann hat er, als mein Vater starb, ihn wieder reanimiert, mich angerufen, damit ich hinkommen kann und das Sterben dauerte dann nochmal drei Wochen. Furchtbar.

Mit 17 habe ich den schönsten Jungen Ost-Berlins kennengelernt. Seine Eltern waren beide Tito-Partisanen gewesen, was mir unheimlich imponierte.

Vera Lengsfeld

Ihr Vater war Stasi-Major, Sie selbst waren SED-Mitglied. Wie sind Sie in der DDR zur Oppositionellen geworden?

Mit 17 habe ich den schönsten Jungen Ost-Berlins kennengelernt, den Sohn des jugoslawischen Handels-Attachés. Seine Eltern waren beide Tito-Partisanen gewesen, was mir unheimlich imponierte und meinen Eltern auch. Was ich nicht wusste, war, dass dieser Junge, dieser Jugoslawe, als jemand aus dem kapitalistischen Ausland galt, weil Jugoslawien mit den Moskauer Kommunisten verkracht und einen eigenen Weg gegangen war. Und mir als Tochter eines Majors war es nicht erlaubt, Kontakte zu einem kapitalistischen Element zu haben. Einmal wurden wir erwischt, die Polizisten sind nachts mit mir zu meinen Eltern gefahren, mein Vater kam im Schlafanzug an die Tür. „Genosse Major, wir haben Ihre Tochter mit einem kapitalistischen Element auf der Straße aufgegriffen. Und wir werden dieses Mal noch von einer Anzeige absehen, aber beim nächsten Mal wird das auch für Sie Konsequenzen haben.“ Wir haben uns natürlich heimlich getroffen, aber für mich war es das Ende meiner Liebe zur DDR. Das hab ich ihr nie verziehen.

Sie sind dann aber trotzdem Jahre später noch in die SED eingetreten. Warum?

Das hatte mit meinem ersten Mann Sebastian zu tun, der gesagt hat, außerparteiliche Opposition ist in der DDR verboten, wenn du etwas in der DDR verändern willst, musst du in diese Partei gehen. Ich habe mich überreden lassen. Übrigens war ich nicht die Einzige, die diesem Irrtum erlegen ist. Wolfgang Templin auch, um nur den Bekanntesten zu nennen. Aber ich habe da interessante Erfahrungen gemacht, besonders nachher in der Akademie der Wissenschaften in Berlin. Diese Parteilehrjahre waren unheimlich interessant.

Parteilehrjahre waren interessant?

Ja. Da wurde ziemlich offen diskutiert, da wurde uns auch das eine oder andere Zugeständnis gemacht, dass wirklich etwas nicht richtig läuft. Und das hat tatsächlich dazu geführt, dass wir nach einer Weile geglaubt haben, etwas bewirken zu können. Es war natürlich eine Illusion. Früher oder später sind wir alle rausgeschmissen worden.

Waren Sie vielleicht mutiger als andere, weil Sie Ihren Vater im Hintergrund hatten?

Ich weiß nicht, ich war vielleicht naiver als andere. Meine Ideale waren die Grundsätze, die mir meine Eltern beigebracht haben. Dass wir das bessere Deutschland sind und dass wir aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt haben.

Ihr Sohn Philipp hat in seinem Text für die Berliner Zeitung darüber geschrieben, dass Erich Mielke zum 50. Geburtstag Ihres Vaters kam.

Ja, der wurde ganz groß in der Dynamo-Sporthalle gefeiert.

Galten Sie zu der Zeit schon als Regime-Kritikerin?

Zu der Zeit war ich gerade mit einem Holländer liiert, meiner zweiten großen Liebe, und ich gehörte zum Kreis von Bettina Wegener und Klaus Schlesinger. 

Ich erinnere mich, dass Erich Mielke zu mir gesagt hat, ich solle meinem Vater keine Schwierigkeiten machen.

Vera Lengsfeld

Wie war es für Sie, zu so einer Veranstaltung mit Mielke zu gehen, in so einer Doppelwelt zu leben?

Ach, das war ja nur eine Geburtstagsfeier. Ich weiß noch, da habe ich Klamotten angehabt, die ich von meinem holländischen Freund hatte, ein Kleid mit tiefem Rückenausschnitt, sehr feminin. Und ich erinnere mich, dass Mielke zu mir gesagt hat, ich solle meinem Vater keine Schwierigkeiten machen.

Wussten Sie eigentlich genau, was Ihr Vater macht?

Nein, der hat nie darüber geredet.

Wann haben Sie das erfahren?

Nachdem sich mein Vater von dieser Truppe innerlich verabschiedet hatte. Das war der Augenblick, wo ich verhaftet wurde und im Neuen Deutschland über mich stand, ich sei „die Kriminelle“. Mein Vater hat sich gesagt, wer meine Tochter eine Kriminelle nennt, ist nicht mehr mein Genosse. Er ist in derselben Woche, als ich mein Parteiverfahren und den Parteiausschluss bekam, 1983, vom Dienst suspendiert worden, wurde noch sechs Wochen zwischengelagert als Offizier für besondere Dienste und ist dann ausgeschieden.


Vera Lengsfeld (mit Zöpfen) im Alter von neun Jahren mit ihren Eltern und ihrer Schwester Evi.
Foto: privat

Und hat Sie das enger zusammengebracht?

Ja, auch weil meine Eltern nie den Kontakt zu mir unterbrochen oder aufgegeben haben, wie es von ihnen gefordert wurde. Ich habe später in den Akten meines Vaters gelesen, dass er zwei- oder dreimal unterschrieb, mich nie wiederzusehen, aber sich nie daran gehalten hat.

Heißt das, Sie haben sich heimlich gesehen?

Das war so, dass meine Mutter mich angerufen und gesagt hat, ich solle sie jetzt mal lieber nicht besuchen. Aber meinen Sohn Philipp haben sie abgeholt, und nach einer Weile hieß es: Jetzt kannst du wieder kommen. Sie haben sich nie von mir losgesagt. Und wie schwer sie es hatten, habe ich tatsächlich erst aus den Akten erfahren. Anfang der 60er-Jahre hat der Mann der jüngeren Schwester meiner Mutter Republikflucht versucht, ist erwischt worden und saß im Gefängnis. Auch damals musste mein Vater unterschreiben, dass er sämtlichen familiären Kontakt zu meiner Tante abbricht. Er hat unterschrieben und sich nicht daran gehalten.

Was war Ihr Vater für ein Mensch?

Sehr dem Leben zugewandt, sehr emotional, sehr begeisterungsfähig, freute sich über alles, auch über Kleinigkeiten. Wie er in seinem Leben gelitten hat, als Sudetendeutscher, in seiner Zeit im Steinbruch, woher seine Verletzung an der Wirbelsäule kam, darüber hat er nie gesprochen.

Sie wurden dann nicht nur aus der Partei ausgeschlossen, sondern sogar verhaftet und nach Hohenschönhausen gebracht. Wie kam es dazu?

Das war 1988, und es gab den ersten großen Streit, den ich mit meinem damaligen Ehemann hatte. Der wollte mich unbedingt davon abhalten, zu dieser Demo zu gehen. Die war mir aber wichtig, weil es der Versuch war, mit unseren Forderungen auf die Straße zu gehen. Ich fand seine Argumente nicht schlüssig und habe gesagt: „Knud, warum soll ich da nicht hingehen? Du sagst doch immer, sie werden das Gesetz beugen, aber nicht brechen.“ Es war der Morgen der Karl-Liebknecht- und Rosa-Luxemburg-Demo. Ich hatte ein Transparent in meinem Rucksack, das mein Sohn mit einem Freund gemacht hatte: „Jeder Bürger der DDR hat das Recht, seine Meinung frei und öffentlich zu äußern“, und wollte es auf dem Sozialisten-Friedhof rausholen, bin aber vorher schon erkannt worden von Stasi-Leuten. Sie haben mich festgenommen und weggeschleift. Das war ein ziemliches Spektakel, weil ich im Pelzmantel meiner Mutter sehr elegant angezogen war und die Genossen entsetzt geguckt haben, dass da so eine wie ich weggeschleift wurde. Die Stasileute sagten ständig zu mir: Gehen Sie doch ordentlich!

Und dann kamen Sie in den Stasi-Knast?

Erst ins Gefängnis Rummelsburg, von da in so einen Westtransporter, dunkelblau, mit sechs Zellen.

Und Sie immer noch im Pelzmantel?

Ja, immer noch im Pelzmantel und mit Handschellen. Einer in Zivil nahm sie mir ab, ich bedankte mich, er sagte: „Sie wissen doch, dass Sie nicht reden dürfen.“ Aber die anderen in den anderen Zellen wussten dadurch, dass ich mit dabei war. Und dann landeten wir in Hohenschönhausen.

Ich habe gleich zu meinem Vernehmer gesagt, ob er nicht wüsste, dass das hier Isolationshaft sei. Das wäre nach dem internationalen Völkerrecht Folter.

Vera Lengsfeld über ihre Stasi-Haft

Wie war es dort?

Totale Isolationshaft. Man sah, hörte, sprach nie einen anderen Mitgefangenen, außer die Stasi wollte das. Es gab nichts in dieser Zelle außer dieser hölzernen Pritsche, Tisch, Hocker, Waschbecken, einem kleinen Schränkchen für Seife, Zahnbürste, Zahnpasta, Waschlappen und einen Kamm. Durch Glasbaufenster kam ein bisschen frische Luft. Wenn man zum Verhör geführt wurde, hatte man das Gefühl, man sei in einem Labyrinth, so haben die einen desorientiert. Ich habe gleich zu meinem Vernehmer gesagt, ob er nicht wüsste, dass das hier Isolationshaft sei, das wäre nach dem internationalen Völkerrecht Folter. Nein, das sehen Sie falsch, sagte der. Wir müssen ja erst die passende Zellengefährtin für Sie finden. Das war dann eine Frau in meinem Alter, mit drei Kindern wie ich, eine ähnliche Berufskarriere wie ich, ein ähnlicher Strafvorwurf. Da dachte ich: Die ist nicht echt, das ist ein Zellenspitzel.

Und, war sie es?

Ja. Als ich das nächste Mal zum Vernehmer kam, sagte der, „Na, wie gefällt Ihnen Ihre Gefährtin?“ Ich sagte: „Ich hoffe, dass die Genossin Erschwerniszulage bekommt. Das ist kein einfacher Dienst, den sie da tut.“ Ich kam dann in eine andere Zelle mit einem 19-jährigen Mädchen, das versucht hatte, mit Hilfe eines italienischen Regisseurs über Ungarn abzuhauen. Da war für mich die schwerste Zeit vorbei, weil wir uns gegenseitig stützen konnten.

Hatten Sie diese Ahnung, die Sie bei der Frau in Ihrer Zelle hatten, dass sie ein Spitzel war, auch bei anderen?

Eigentlich nicht.

Auch nicht bei Ihrem  damaligen Mann Knud, der Sie gewarnt hatte, zur Demo zu gehen, und der IM der Staatssicherheit war, wie sich später herausstellte? Wusste er damals, dass Sie verhaftet würden?

Er hat es wohl zumindest geahnt. Und er hat wirklich alles versucht, um mich abzuhalten, außer zu sagen: „Pass auf, ich weiß, dass du verhaftet werden sollst.“ Das konnte er ja nicht. Aber eigentlich möchte ich dazu nichts mehr sagen.

Das Furchtbare war, dass wir beide überhaupt keine Zeit hatten, die Sache unter uns zu klären, weil das sofort Weltnachricht war.

Vera Lengsfeld über ihren früheren Mann, der als IM enttarnt wurde.

Noch eine Frage: Sie haben ihm später verziehen, oder?

Ja, weil ich ja weiß, dass er wirklich versucht hatte, mich mit allen Mitteln abzuhalten, zu dieser Demo zu gehen. Das Furchtbare war, dass wir beide überhaupt keine Zeit hatten, die Sache unter uns zu klären, sondern dass das sofort Weltnachricht war.

Die Nachricht, dass Ihr damaliger Mann IM war?

Ja, ich war damals Thüringer Abgeordnete und wohnte mit meinen Kindern in Sondershausen. Die Parlamentspräsidentin Süssmuth musste eine Sicherheitszone bestellen, so waren wir von Journalisten umlagert, auch meine Kinder, sechs und acht Jahre alt. Es war schrecklich. Wir hatten gar keine Zeit, das für uns aufzuarbeiten. Das ist auch das, was ich meinen ehemaligen Freunden und Weggefährten nicht verzeihen kann, also denen, die das ein Jahr vorher schon wussten und mir nichts gesagt haben.

Wer hat es denn damals öffentlich gemacht?

Ich bekam einen Anruf von einem Freund: „Vera, morgen steht in der Anderen (eine Zeitung, d. Red.), dass Knud IM war. Wann legst du dein Mandat nieder?“ Den Mann kenne ich, seit ich 17 bin. Er hat irgendwann mal versucht, sich zu entschuldigen, aber ich habe gesagt, es tut mir leid, ich kann nicht. Das war zu heftig.

Hat Ihr Mann zum Schluss gewusst, dass Sie ihm verziehen haben?

Ja.

Dann waren die Neunzigerjahre auch nicht leicht für Sie?

Die habe ich eigentlich als die goldenen in Erinnerung. Ich hab damals als Abgeordnete viel erreicht.

Und heute, wie geht es Ihnen, wo sehen Sie Ihre politische Heimat?

Ich brauche keine politische Heimat. Ich denke anders. Ich suche mir immer Verbündete für die Vorhaben, die ich wichtig finde. Nicht nur innerhalb der Partei, sondern auch parteiübergreifend. Dieses Parteisoldatentum ist nichts für mich, das hat uns dahin gebracht, wo wir heute sind.

Wo sind wir denn heute Ihrer Meinung nach?

Ich zitiere mal Geert Mak, dessen Buch ich gerade lese, ein niederländischer Journalist und Linker. „Große Erwartungen“ heißt das Buch. Er analysiert, was seit 2010 in Europa schiefgegangen ist, ist sehr pessimistisch und sagt, dass die Entscheidungen immer nach Parteiräson oder durch Lobbyisten getroffen und dann durchgesetzt werden, ohne dass es die Grundlage dafür gibt. Er hat das anhand der EU sehr genau analysiert. Dass man zum Beispiel den Euro eingeführt hat, ohne eine gemeinsame Finanz- und Wirtschaftspolitik zu haben und meinte, wenn wir den Euro haben, wird sich alles schon ergeben. Es hat sich nicht ergeben.

Sie schwimmen, hat man den Eindruck, immer noch gegen den Strom? Ist das inzwischen zu Ihrem Lebensmotto geworden?

Nein, das habe ich mir auch nicht vorstellen können. Ich bin ja in die CDU übergetreten, weil die Grünen, ausgerechnet mein Thüringer Landesverband, beschlossen haben, mit der PDS Koalitionen einzugehen. Ich konnte nicht in einer Partei bleiben, die der umbenannten SED einen Steigbügel zur Macht gibt. Dass ich mal in der CDU in die gleiche Situation kommen würde, das hätte ich mir niemals träumen lassen. Die Union ist so weit nach links gerückt, wie ich es für unmöglich gehalten hätte. Da bin ich beileibe nicht die Einzige. Frau Merkel unterstützt den linken Ministerpräsidenten Ramelow und sagt, der muss wiedergewählt werden.

Ist Ramelow nicht aber besser als Björn Höcke?

Ja, na klar. Ramelow hat ja auch zum Teil Sachen unterstützt, für die ich mich noch als Grüne eingesetzt habe, Planungen für ein S-Bahn-System durch Thüringen zum Beispiel. Ich finde auch sehr vernünftige Ansätze bei ihm in der Corona-Sache. Er hat relativ früh gesagt, er will nicht, dass sich hier jeder Sportverein wieder reinklagen muss. Aber hinter Ramelow steht die Partei.

Aber würden Sie denn der CDU in Thüringen zur Koalition mit der AfD raten?

Das geht ja gar nicht wegen Höcke. Das geht überhaupt nicht. Dazu habe ich mich auch ganz klar positioniert. Und bin da auch richtig zwischen die Fronten geraten. Da bin ich von den Rechtspopulisten angegriffen worden.

Wenn man liest, was Sie sagen und mit wem Sie sich verbünden, dann wirkt es, als seien Sie selbst stark nach rechts gerutscht.

Das wird mir ständig nachgesagt, aber ich sag dann an dieser Stelle, ja, ich habe das Herz auf dem rechten Fleck und ich bin für den Rechtsstaat, für die Geltung des Rechts. Wenn das rechts ist, dann bin ich rechts. Ich finde diese Zuweisung schrecklich. Meine Erfahrung ist, es bringt nichts, ständig zu beteuern, ich bin nicht rechts. Die Kategorisierung ist eine Dialogverweigerung, eine Verweigerung, andere Positionen anzuerkennen.

Machen Sie es sich da nicht ein bisschen einfach? Ihre Positionen sind teilweise extrem. 2018 haben Sie eine umstrittene Erklärung initiiert, in der Sie sich gegen „illegale Masseneinwanderung“ wandten.

Wer definiert eigentlich „umstritten“? Und was ist daran extrem, gegen Illegalität zu sein? An dieser Stelle möchte ich sagen, dass wir als Bündnis 90/Grüne-Bundestagsgruppe 1993 ein Einwanderungsgesetz ausgearbeitet haben. Und damals mit Hohn und Spott übergossen wurden: Deutschland wäre kein Einwanderungsland, wir wären ganz schlimme Laienspieler, wir brauchen kein Einwanderungsgesetz und wir spinnen. Ich gehöre zu denen, die von Anfang gesagt haben, eine Einwanderung muss ein geordneter Prozess sein. Ich war gegen dieses Chaos, was da ausgebrochen ist, weil es uns auch nicht gut getan hat.

Die illegale Masseneinwanderung, von der Sie reden, gibt es aber nicht. Nicht 2015 und nicht heute. Die Menschen kommen nicht illegal, sie haben laut Menschenrechtskonvention das Recht, einen Asylantrag zu stellen. Die meisten werden abgelehnt, die Zahlen der Asylbewerber sind seit 2015 rapide gesunken.

Mit illegal meine ich, dass nach Anweisung des damaligen Innenministers Thomas de Maizière auch Menschen ohne Papiere oder mit sichtbar gefälschten Pässen ins Land gelassen werden. Das hebelt unsere Gesetze aus. Nicht nur ich oder die sogenannten Rechten sehen das zur Zeit herrschende Grenzregime als Fehler. Auch der schon zitierte Geert Mak hat in seinem Buch geschrieben, dass es ein verheerender Fehler war, die Grenze nicht wieder zu schließen. Das hat zur Destabilisierung Europas beigetragen. Es wird nicht zwischen politisch Verfolgten oder Bürgerkriegsflüchtlingen und anderen Migranten unterschieden. Das zerstört das Vertrauen in die demokratischen Prozesse.

Ich bin kein Fan der Maske, auf der Straße trage ich grundsätzlich keine.

Vera Lengsfeld

Die AfD ist eine Partei, deren Spitzenfunktionäre den Nationalsozialismus als „Vogelschiss“ bezeichnen und davon schwadronieren, dass man Migranten vergasen müsse. Ihnen wird Nähe zur AfD unterstellt. Was sagen Sie dazu?

Genau, das sind Unterstellungen. Ich spüre gar keine Nähe zur AfD. Ich plädiere nur dafür, dass man mit der Partei vernünftig umgeht, sie zu dämonisieren, wird nicht dazu führen, dass sie verschwindet. Solange Gauland seine schützende Hand über Höcke hält, ist die Partei nicht politikfähig.

Sie waren im Juni auf einer Anti-Corona-Demo? Warum?

Im Juni? Ach, Sie meinen in Schmalkalden. Das war keine Anti-Corona-Demo, sondern eine Demo für Demokratie, für Bürgerbeteiligung. Dass dabei auch über einzelne Corona-Maßnahmen diskutiert wurde, ist absolut legitim.

Tragen Sie Maske?

Ich bin kein Fan der Maske, auf der Straße trage ich grundsätzlich keine.

Und in der U-Bahn?

Wenn die U-Bahn voll ist, ja, schon aus Rücksicht auf die anderen. Wenn ich allein im Wagen bin oder hinten noch einer sitzt, dann auch nicht. Ich bin keine notorische Maskenverweigerin.

Heißt das, Sie haben nichts gegen die Corona-Maßnahmen, aber Ihnen ist wichtig, dass diese demokratisch legitimiert sind? Waren Sie deswegen auf dieser Demo?

Ja. Ihre Wirksamkeit muss regelmäßig überprüft werden. Jetzt erst wachen endlich die Parlamentarier auf und sagen, dass solche Notfall-Verordnungen vom Parlament beschlossen werden müssen und nicht einfach durch Kanzlerin und Ministerpräsidenten verfügt werden.

Warum, meinen Sie, hat dieses Aufwachen so lange gedauert?

Weil viele Abgeordnete im Parlament vergessen haben, dass sie dazu da sind, die Regierung zu kontrollieren und diese Funktion nicht wahrnehmen. Ich finde es auch ganz erstaunlich. Ich habe in dieser Corona-Geschichte immer das Verfassungsproblem thematisiert und gesagt, die Einschränkung der bürgerlichen Freiheiten kann nur durch die Parlamente erfolgen und dann muss es Regeln geben, damit das auch wieder rückgängig gemacht wird.

Ist das eigentlich etwas Ostdeutsches, immer gegen alles zu sein und sich nicht so festlegen lassen zu wollen auf irgendwelche Lager: links oder rechts?

Das ist doch so ein Klischee, als ob alle Westdeutschen zu allem Regierungshandeln immer Ja und Amen sagen! Wir haben damals in der unabhängigen Friedens- und Umweltbewegung der DDR Toleranz gelernt. Wir haben ganz Linke dabei gehabt, die den Sozialismus verbessern wollten, aber auch Leute wie Jens Reich, die mehr bürgerliche Positionen eingenommen haben. Und wir haben damals gelernt, miteinander zu arbeiten trotz unterschiedlicher Standpunkte. Und aus der Bürgerrechtsbewegung wurde nicht eine Partei gegründet, sondern sieben. Von der Vereinigten Linken bis zum Neuen Forum. Aber wir sind immer miteinander ausgekommen. Wir haben unsere unterschiedlichen Standpunkte diskutiert und irgendwann gesagt, du denkst da anders als ich, aber das hat uns nicht davon abgehalten, den anderen zu respektieren.

Es klingt, als sehnten Sie sich danach, nach dieser Zeit, nach diesen Diskussionen?

Ja, weil das nach meiner Erfahrung ja auch immer dazu führt, dass man den eigenen Standpunkt noch mal überprüft und sich fragt, ob man nicht vielleicht wirklich falsch liegt.

Können Sie das? Ändern Sie einen Standpunkt, wenn Sie falsch liegen?

Ja, und ich habe keine Angst davor, zuzugeben, dass ich falsch lag, weder vor mir noch vor anderen. Ich lasse mich von den besseren Argumenten überzeugen.