Für manchen schien 1990 die Geschichte an ihrem Ende angelangt. Der freie Westen hatte gesiegt, der diktatorische Osten verloren – und das im welthistorischen Maßstab. Zwei Jahre später veröffentliche Francis Fukuyama sein Buch „Das Ende der Geschichte“. Ab jetzt würde nicht mehr um die Zukunft gestritten oder gar gekämpft werden. Zukunft? Nicht mehr als die Verlängerung der Gegenwart, die – wie schon bei Voltaire in dessen Satire „Candide“ – die beste aller möglichen ist.

Ich erinnere mich an Elmar Pieroth, in den 1990er-Jahren erst Berliner Wirtschafts- und dann Finanzsenator. Der CDU-Mann gehörte geschäftlich und familiär zum gleichnamigen Weinkonzern, der im Jahrzehnt davor in den Skandal um den durch Frostschutzmittel gepanschten Wein verwickelt war. Noch heute spricht man von der „Mutter aller Lebensmittelskandale“. Pieroth (er starb 2018) war einer derjenigen, die dem nun vereinigten Berlin die Marktwirtschaft beibrachten. Als Dauergast in Talkshows fertigte er seine Mit-Diskutanten gewöhnlich mit Sätzen ab wie: „Der Markt wird es schon richten!“ Das wurde die Basis einer Politik, die bis in die Gegenwart reicht. Doch der Markt lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht schafft – aber verzehrt.

Eine Weltkarte, in der Utopia nicht verzeichnet ist, ist keines Blickes wert, denn sie unterschlägt die Küste, an der die Menschheit ewig landen wird.

Oscar Wilde

Drei Jahrzehnte später ist das Status-quo-Image der selbst ernannten Sieger der Geschichte dahin. Wenn die Zukunft bloß eine Verlängerung der Gegenwart sein würde, dann sähe es in weiteren 30 Jahren in jeder Hinsicht katastrophal für die Menschheit aus. Man hatte offenbar mit Illusionen gehandelt und nun scheint, lange nachdem der Staatssozialismus am Ende war, auch der Neoliberalismus das seine erreicht zu haben. Wenn der Markt alles richtet, dann sind wir gerichtet. Aber wo jetzt Alternativen für die Zukunft herholen, wo das Nachdenken über einen „dritten Weg“ doch so lange verhöhnt und denunziert wurde?

Wir sind beim Thema Utopie. „Eine Weltkarte, in der Utopia nicht verzeichnet ist, ist keines Blickes wert, denn sie unterschlägt die Küste, an der die Menschheit ewig landen wird.“ So ausgerechnet der Dandy Oscar Wilde, einst Verkünder des L’art pour l’art. 1891 schreibt er diese Sätze in dem Essay „Die Seele des Menschen unter dem Sozialismus“.

Utopie ist jedoch nicht mit Zuversicht zu verwechseln. Sie ist der „Nicht-Ort“ schlechthin, Wahrnehmung des Unabgegoltenen in der Geschichte, der verborgenen Möglichkeiten in jeder Gegenwart. Darauf verweist Ernst Bloch, Autor von „Das Prinzip Hoffnung“, das er zwischen 1938 und 1947 im amerikanischen Exil verfasste. Ein Marxist der etwas anderen Art. Aus dem US-Exil ging er in die DDR, die für ihn den Anspruch auf ein „anderes Deutschland“ verkörperte. In Leipzig hielt er in den 1950er-Jahren seine legendären Vorlesungen, in denen der Marxismus keine starre Doktrin war, sondern übervolle Überlieferung und Verheißung zugleich. Ernst Blochs Credo lautete: „Denken heißt überschreiten. So jedoch, dass Vorhandenes nicht unterschlagen, nicht überschlagen wird.“

Ernst Bloch legte das utopische Agens der Menschheitsträume offen: lauter Vorwegnahmen nichtentfremdeter menschlicher Existenz. Das Neue Testament ist ohne diesen Impuls gar nicht zu begreifen, und so stellte Franz von Assisi im 13. Jahrhundert mit seinem „Sonnengesang“ das Bild der armen urchristlichen Gemeinden gegen die reiche machtpolitisch organisierte Kirche und setzte zugleich die Idee der Liebe universell. Ein Avantgardismus, der zur Massenbewegung wurde. Gott war für die Franziskaner auch in der Natur – im Wasser, in der Erde, der Luft zum Atmen. Ein starkes Bild von Brüder- und Schwesterlichkeit, das bis heute seine Strahlkraft nicht verloren hat. Oder Martin Luther King, kein Parteigeist, der mit seinem Traum von der Aufhebung der Rassentrennung in den USA alle Menschen aufforderte, anders zusammen zu leben.

Denken heißt überschreiten. So jedoch, dass Vorhandenes nicht unterschlagen, nicht überschlagen wird.

Ernst Bloch

Bloch sprach vom Kälte- und vom Wärmestrom in der Geschichte. Das 20. Jahrhundert trug beide in sich, doch erwies es sich vor allem als eine einzige große Probe auf den Machbarkeitswahn. Ablaufoptimierte Rationalität ohne die Frage, was sie eigentlich optimiert: Bessere Tötungsmaschinen steigern die Nachfrage nach besseren Lebensrettungsmaschinen.

Lässt sich diese Logik noch durchbrechen? Seien wir Realisten, wagen wir das Unmögliche! Das ist utopische Rationalität pur. Nicht nur Fridays for Future lebt von diesem Geist. Wahrscheinlich hat Greta Thunberg noch nicht den ganzen Ernst Bloch gelesen, aber sie hätte ihn verstanden. Seine Aufmerksamkeit auf das Kleinste, den „Spaltbreit“ Hoffnung.

Utopie ist bei Ernst Bloch eine ins Diesseits gewendete Erlösungshoffnung. Sie meint jenen Blick, der sich nicht um seinen Anteil vom Paradies betrügen lassen will – und über alle faden Erfüllungen hinausgeht. Der unbedingte Anspruch, der zu werden, der man nach der Möglichkeit seiner Anlagen zu sein vermag. Etwas anderes also als der jeweils herrschende Status quo. Darum vermochte das Utopie-Thema in der DDR so subversiv, so staatsfeindlich zu sein, dass die Ideologiewächter Ernst Blochs Bücher schließlich für gefährlicher hielten als die Friedrich Nietzsches.

Die SED hielt nicht viel von Utopien, die Unruhe ins Land bringen könnten. Man verschanzte sich hinter Marx und seinem Weg von der Utopie zur Wissenschaft und wenn das nicht reichte, hinter Lenins „Partei neuen Typs“, die die Gesellschaft mit aller Gewalt führen wollte. Dabei ist das „Kommunistische Manifest“ Utopie pur, mit Sätzen wie dem, dass die „Freiheit des Einzelnen die Voraussetzung der Freiheit aller“ sei. Nein, in einem so rückständigen Land wie Russland ließ sich eine Gesellschaft auf solcher Basis nicht errichten. Aber darum ist der Gedanke nicht wertlos, im Gegenteil: Er wird zum Korrektiv.

Wer noch mit dem Alexander Mittas Film „Leuchte, mein Stern, leuchte“ von 1970 aufgewachsen ist, der hat jenen ISKREMAS (Abkürzung für „Die Kunst der Revolution den Massen der Revolution“) vor Augen, der voller irrwitziger Zuversicht durch die Schrecken des postrevolutionären Bürgerkriegsrusslands Anfang der 1920er-Jahre reist. Der Schauspieler Oleg Tabakow als Ein-Mann-Wanderbühne, die Shakespeares Macht-Intrigen-Stück „Julius Cäsar“ aufführen will – und dabei in Konkurrenz nicht nur mit einem Wanderkino gerät, sondern auch von den verschiedenen Bürgerkriegsgruppierungen drangsaliert wird. Aber seine Mission bleibt klar und unerschütterlich: Der russische Bauer muss Shakespeare sehen! Ohne Großes vom Menschen zu erwarten, wird es keine bessere Zukunft geben.

Gorbatschows Perestroika war mehr als ein politisches Programm: eine Utopie, die mit dem Bild vom „Europäischen Haus“ auch nach Westeuropa ausstrahlte.

Gunnar Decker

Ernst Bloch blieb, als man ihm – mittels ideologisch gesteuerter Kampagne – seinen Lehrstuhl in Leipzig entzogen hatte, 1961 nach einem Besuch der Bayreuther Festspiele im Westen. Das frühe Ende des Aufbruchsgeists in der DDR-Philosophie. Dennoch kam 1968 noch der „Prager Frühling“ mit seiner Vision von einem Sozialismus, der demokratisch sein sollte. Und Gorbatschows Perestroika war 1985 mehr als ein politisches Programm: eine Utopie, die mit dem Bild vom „Europäischen Haus“ auch nach Westeuropa ausstrahlte.

1990 wurde der Utopie der Prozess gemacht, der Horizont Zukunft eingezogen. In diesem Sinne schrieb 1991 Joachim Fest seinen Traktat zur Stunde unter dem Titel „Der zerstörte Traum. Vom Ende des utopischen Zeitalters“. Utopie ist darin laut Fest ein Synonym für blinden, gar blindwütigen Geschichtsoptimismus. Sie sei die Wurzel allen Totalitarismus. Dabei hatte Bloch betont, dass Utopie nicht mit scheuklappenbewehrter Zuversicht verwechselt werden darf.

Doch Fest ist das gleichgültig. Er sieht hier vor allem den Fanatismus blühen. Den ortet er noch in Jürgen Habermas’ sozialdemokratisch grundierter Restutopie von der „Theorie des kommunikativen Handelns“. Und der, dessen Stolz es war, das Kleid der Utopie abgelegt zu haben, wehrt sich: im Namen der Utopie. Ein „Ende der Geschichte“ in Gestalt des siegreichen Kapitalismus, das geht Habermas dann doch zu weit und er warnt: „Wenn die utopischen Oasen austrocknen, breitet sich eine Wüste von Banalität und Ratlosigkeit aus.“

Ja, mehr noch – wo sie fehlen, gerät das Denken bei ansonsten intaktem Bewusstsein auf die absurdesten Irrwege. Selbst Fest, Autor von Biografien Albert Speers und Hitlers, zudem FAZ-Mitherausgeber, war davor nicht geschützt. Er erklärte den jüdischen Denker Ernst Bloch zum geistigen Bruder von Alfred Rosenberg, dem Nazi-Chef-Ideologen, der die arische Rasse als Herrenrasse verklärte, die zur Weltherrschaft bestimmt sei.

Fest irritiert das nicht. Die kommunistische Utopie, so Fest, sei bloß „die linke Variante der rechten Gegenutopie“, die mit dem Dritten Reich ihre unheilvolle Erfüllung gefunden habe. „Mit dem Sozialismus ist, nach dem Nationalsozialismus, der andere machtvolle Utopieversuch des Jahrhunderts gescheitert“, schreibt Fest.

Mit dem Sozialismus ist, nach dem Nationalsozialismus, der andere machtvolle Utopieversuch des Jahrhunderts gescheitert.

Joachim Fest

Den Nationalsozialismus in einem Atemzug mit dem Wort Utopie zu nennen, darauf muss man erst mal kommen! Ist das nun vorsätzlicher Zynismus oder die selbst gestellte Falle eines Verstandes, der keine Horizonte mehr denken kann? Nach dem Ende Hitlers, der ein „aggressiver Utopist“ gewesen sei, so Fest, habe man es versäumt, diese Utopiestruktur als eigentliches Verhängnis an den Pranger zu stellen.

Worin nun ähneln sich Ernst Blochs „Das Prinzip Hoffnung“ und Alfred Rosenbergs Programmschrift womöglich? Und worin unterscheiden sie sich tatsächlich?

Blochs „Freiheit und Ordnung“, ein Auszug aus „Das Prinzip Hoffnung“, wurde 1947 in der Sowjetischen Besatzungszone lizensiert und im Aufbau-Verlag herausgegeben. Der Antistalinismus dieses Buches ist unübersehbar und war es wohl auch für sowjetische Kulturoffiziere wie Alexander Dymschitz und Sergei Tjulpanow. Für sie hatte die Wiederbelebung der deutschen Kulturnation nach dem Sieg über Hitlerdeutschland oberste Priorität.

Nicht zufällig wiedereröffnete bereits am 7. September 1945, inmitten von Hunger, Chaos und Seuchen, das Deutsche Theater mit Lessings „Nathan der Weise“ in der Regie des aus der Emigration zurückgekehrten Kommunisten und Neu-Intendanten Gustav von Wangenheim. Paul Wegener, der nach seinen Stummfilm-Triumphen auch während der Nazizeit eine der Berliner Schauspieler-Größen geblieben war, spielte die Rolle des Nathan.

Die Botschaft war klar und deutlich: Alle, die guten Willens seien, eine demokratische Zukunft mitzugestalten, waren anfangs eingeladen, daran mitzutun, das Erbe der Hass-Ideologie der Nazis zu überwinden.

Von einer solchen Einladung an die gestürzten SED-Eliten hörte man 1990 nichts. Waren diese denn gefährlicher, inhumaner als frühere NSDAP-Mitglieder? Man musste diesen Eindruck gewinnen bei der in den 1990er-Jahren verbreiteten Hysterie vor „alten SED-Seilschaften“.

Alfred Rosenberg entwirft weder eine Utopie noch eine Gegenutopie. Sein Buch ist die Programmschrift einer nach der Macht greifenden politischen Bewegung.

Gunnar Decker

Und Alfred Rosenbergs „Mythus des 20. Jahrhunderts“? Dieses Buch entwirft weder eine Utopie noch eine Gegenutopie, sondern ist die sich historisch bemäntelnde Programmschrift einer nach der Macht greifenden politischen Bewegung. Die NSDAP wollte sich für die Mobilisierung der Massen philosophisch rückversichern. Liest man die 700 Seiten, ist man, gelinde gesagt, erstaunt. Denn dieses Buch kalkuliert offenbar mit seiner Unleserlichkeit – und das bei einer halben Million verkauften Exemplaren allein bis 1937. Als Herausgeber des Völkischen Beobachters war Rosenberg mit schneidiger Propaganda vertraut, er stand zudem dem mächtigen „Amt Rosenberg“ vor, dessen völkisch-antimodernen Rigorismus in Kunstfragen sogar Goebbels fürchtete.

Offenbar wollte Rosenberg hier buchstäblich eine Bibel des Nationalsozialismus vorlegen. Der Deutsch-Balte aus Tallin hatte als Student die Oktoberrevolution in Moskau erlebt. Für ihn schien klar, die Oktoberrevolution war das Resultat einer Verschwörung von Freimaurern und Juden. Darum bekämpfte er Judentum, Bolschewismus und Kosmopolitismus als ein und dasselbe. Kommunisten und Kapitalisten seien ihrem Wesen nach identisch – Feinde der „arischen Rassenseele“.

Der „Mythus des 20. Jahrhunderts“ wurde bei seinem Erscheinen 1930 fast ausschließlich in theologischen Kreisen diskutiert und kritisiert. Denn Rosenberg geht durch die Geschichte der Kirche und stellt sich dabei – das ist offenbar das gemeinsame Ferment des Umsturzes – wie auch Bloch ganz auf die Seite der Ketzer. Aber während Blochs Reise in die Zukunft im Namen aller bisherigen Verlierer der Geschichte erfolgt (ganz im Sinne des Urchristentums), selektiert Rosenberg vorab – und man hat hier schon die Rampe von Auschwitz vor Augen. Für ihn ist einzig die arische Rasse der Träger der Zukunft, sie muss ihre Feinde in einem großen Entscheidungskampf besiegen, mit anderen Worten: vernichten. An Stelle von Christus als Messias tritt bei Rosenberg Adolf Hitler, der gegen das „rote Untermenschentum“ und die Juden als „hebräisches, uns stets feindliches Parasitenvolk“ kämpft.

Wenn die utopischen Oasen austrocknen, breitet sich eine Wüste von Banalität und Ratlosigkeit aus.

Jürgen Habermas

Kann man beide Intentionen, die Blochs und die Rosenbergs, also in einer einzigen „Utopiestruktur“ vereinen, wie Joachim Fest meinte? Das wäre absurd, denn es setzte Menschlichkeit und Unmenschlichkeit gleich. Rosenbergs antisemitische „Utopie“, die dann auf Hitler abstrahlte, war aus Ressentiments und Hass gemacht. Oder wie Bloch hellsichtig in „Freiheit und Ordnung“ über Rosenberg schrieb: Eine Zukunft, wie dieser sie ausmale, sei „Kapitalismus plus Mord“.

Ernst Blochs Utopie wird am Ende von „Das Prinzip Hoffnung“ wieder identisch mit Heimat – jedoch nicht wie bei Rosenberg „völkisch“ deformiert als Blut-und-Boden-Eroberungsprojekt. Heimat ist bei Bloch ein Raum aus Zeit: „So entsteht in der Welt etwas, das allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war: Heimat.“ Ein tief humanes, poetisches Bild, das sich jeder kurzgriffigen Umsetzung entzieht. Zu dialektisch gedacht für bloße Effizienzoptimierer? Aber immer mehr Menschen verstehen es wieder.