Autor Max Ohlert und Gesprächspartnerin Valerie Schönian im FEZ, Berlin-Wuhlheide.
Foto: Ostkreuz/Sebastian Wells

Es ist Sonntagmittag, und ich bin mit Valerie Schönian verabredet, bei Skype, weil das Kontaktverbot zu diesem Zeitpunkt noch jedes echte Treffen verhindert. Ich möchte mit Valerie über das Ostdeutschsein sprechen. Und das, obwohl wir beide die DDR nicht bewusst miterlebt haben.

Als ich 1989 in Köpenick geboren wurde, bestand das geteilte Deutschland noch genau zwei Monate. Valerie wurde ein Jahr später bei Magdeburg in einen Staat geboren, der gerade zerfiel. Und doch sind wir Teil einer Generation von Nachwendekindern, die sich als genau das fühlen: als Ostdeutsche. Valerie hat darüber ein Buch geschrieben und es „Ostbewusstsein“ genannt.

Mein ‚Ostbewusstsein‘ ist für mich eher diffus, ein Gefühl, das ich nicht wirklich erklären kann.

Max Ohlert, 30

Ich bin aufgeregt. Als Sportreporter bin ich es gewöhnt, über das zu sprechen und zu schreiben, was ich verstehe. Mein „Ostbewusstsein“ ist für mich eher diffus, ein Gefühl, das ich nicht wirklich erklären kann. Auch deshalb will ich mit Valerie sprechen. Sie hat während der Recherche für ihr Buch Antworten auf Fragen gefunden, die auch ich mir immer wieder stelle: Warum fühlen wir uns emotional zu etwas verbunden, was es gar nicht mehr gibt? Welche Rolle spielt die Vergangenheit unserer Familien? Und stecken wir uns mit unserem Ostbewusstsein nicht in diese „Ossi“-Schublade, die einst von Westdeutschen erfunden wurde?

Während Valerie es sich auf ihrem Balkon gemütlich gemacht hat, sitze ich entsprechend angespannt am Wohnzimmertisch. Ich frage sie, wann sie sich das erste Mal ostdeutsch gefühlt hat.

„Als ich  zum Studieren nach Berlin gekommen bin und Leute getroffen habe, die das Lied ‚Kling Klang‘ von Keimzeit nicht kennen“, erinnert sie sich. „Aber das war kein Problem, sondern eher lustig.“

Sofort klingt die Melodie dieses Klassikers, der gefühlt auf jeder Party gespielt wird, in meinem Kopf und auch ich kann mir nicht vorstellen, dass es einen Menschen gibt, der „Kling Klang“ nicht kennt. Doch in Valeries Erinnerung werden diese kuriosen Unterschiede bald von ernst gemeinten Klischees überlagert. Während sie in München studiert, beginnen in Dresden selbst ernannte Patrioten gegen die vermeintliche Islamisierung des Abendlandes zu protestieren.

Die meinten das ernst, wenn sie sagten: ‚Wir haben doch so viel für die bezahlt, was ist jetzt noch deren Problem?‘

Valerie Schönian, 30, Buchautorin

„Ich habe gemerkt, dass mich etwas von meinen westdeutschen Bekannten, mit denen ich auf einer Gegendemonstration stand, unterschied: Ich sah dort in Dresden eben Pegida-Demonstranten, sie sahen zuallererst Ostdeutsche“, erinnert sich Valerie. „Die meinten das ernst, wenn sie sagten: ‚Wir haben doch so viel für die bezahlt, was ist jetzt noch deren Problem?‘“

Valerie legt grundsätzlich Wert darauf, dass das „Ostbewusstsein“ ein Prozess ist, keine Laune oder Nostalgie, etwas, das gewachsen ist. Doch wenn sie sich auf einen Punkt festlegen muss, an dem das Ostdeutschsein endgültig in ihr erwacht ist, dann ist das die Zeit der Landtagswahlen 2016. In diesem Jahr wurde in Rheinland-Pfalz, Baden-Württemberg und Sachsen-Anhalt gewählt. „Ich habe gemerkt, dass sich kaum einer für Sachsen-Anhalt interessiert hat, obwohl sich da der große Wahlerfolg der AfD anbahnte.“

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Im 30. Jahr der Wiedervereinigung erleben wir erneut einen Umbruch in der Gesellschaft, ausgelöst durch die Corona-Krise. Die Berliner Zeitung begleitet diese Zeit mit Essays, Analysen, Interviews. Wir führen Debatten und fragen, was wir aus dem Gestern für ein besseres Morgen lernen können.

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Der Aufschrei folgte erst am Wahlabend. Die AfD zog mit 24,3 Prozent als zweitstärkste Kraft in den Magdeburger Landtag ein und die sozialen Netzwerke überschlugen sich mit Kommentaren über die rechtsradikalen Ossis, die Demokratie nie gelernt hätten. Für Valerie kulminierte das in einem Gespräch mit einem, wie sie betont, „eigentlich klugen und reflektierten Mann“. „Ihm habe ich versucht zu erklären, worin dieser Wahlerfolg der AfD meiner Meinung nach – auch – begründet liegt. Was es mit einem macht, wenn man so eine politische und gesellschaftliche Transformation miterlebt, wenn alles, was man für sicher hielt, plötzlich anders ist und wenn Versprechen nicht eingehalten werden. Dass eben auch das – natürlich neben dem Rassismus, den man nicht verharmlosen und nicht aus dem Auge verlieren darf – zu diesem Wahlergebnis geführt hat.“

Die Reaktion ihres Gesprächspartners erschrak sie: „Der Mann erklärte mir, jetzt einen Bogen von der DDR und der  Wende zu heute zu schlagen, sei ‚Ossi-Gejammer‘.“

Ich erinnere mich, wie ich an dieser Stelle in ihrem Buch auch innerlich die Faust geballt habe: Ossi-Gejammer. Und genauso erinnere ich mich an den Frust über die beleidigenden Kommentare bei Facebook und Twitter 2016. Ich frage mich und Valerie, ob man einfach aus Trotz ostdeutsch wird. Weil man die eigenen Werte und Erinnerungen und die seiner Familie gegen die, die sie mit Klischees bombardieren, verteidigen will.

Sie sieht das zwiespältig. „Grundsätzlich gibt es erst mal überhaupt keinen Grund und schon gar keine Pflicht, sich ostdeutsch zu fühlen oder für ein Verständnis von ostdeutschen Schicksalen zu kämpfen. Andererseits kommen wir eben von da. Das ist der Raum, in dem wir aufgewachsen sind. In dem wir durch andere Umstände und andere Strukturen geprägt worden sind, als gleichaltrige Westdeutsche.“

Unsere Eltern haben uns eher nicht gesagt, dass man sich in Bewerbungsgesprächen immer ein bisschen besser verkaufen soll.

Valerie Schönian

Valerie nennt Beispiele: „Wir erben weniger, wir sind mit Eltern aufgewachsen, die in einem anderen System sozialisiert worden sind. Zugespitzt gesagt, unsere Eltern haben eher keine Zahnarztpraxis vererbt und sie haben uns eher nicht gesagt, dass man sich in Bewerbungsgesprächen immer ein bisschen besser verkaufen soll, als man sich eigentlich einschätzt.“

Das mögen ebenfalls Klischees sein, auch wenn es Statistiken gibt, dass junge Ostdeutsche tatsächlich weniger erben, doch allein die Tatsache, dass ich diese Aussagen genau so bestätigen würde, unterstreicht, was Valerie als nächstes sagt: „Unsere Eltern haben eine andere Geschichte. Und die ist auch unsere Geschichte und – bis jetzt – noch nicht die unserer westdeutschen Altersgenossen.“

Unsere Eltern sind überhaupt ein Aspekt, der mich beschäftigt. Schon zu Beginn unseres Gesprächs haben Valerie und ich festgestellt, dass sowohl ihre als auch meine weder Wendeverlierer noch Wendegewinner gewesen sind. Mein Vater fuhr, wie schon vor der Wende, als Schiffskoch zur See und arbeitete danach und bis heute als Kundenberater bei einem großen Konzern.

Meine Mutter erfüllte sich sogar ihren Berufswunsch und wechselte als Verkäuferin in eine Buchhandlung. Arbeitslos wurden beide, wie auch Valeries Eltern, nicht. Auch deshalb war die Wende in unseren Familien nie ein Grund für flammende Diskussionen. Im Gegenteil, Valerie musste ihre Eltern fast schon drängen, über den Osten zu sprechen. „Was hast du denn mit dem Osten zu tun?“, haben sie gefragt.

Ich erinnere mich an eine ähnliche Situation. Ich war 16, hielt die kommunistische Gleichheit aller für die einzig gerechte Gesellschaftsform und trug einen Aufnäher der Freien Deutschen Jugend (FDJ) an meinem Rucksack. Eines Tages war der Aufnäher verschwunden, die Frage dieselbe: „Was hast du denn noch mit dem Osten zu tun?“

Warum fällt es unserer Elterngeneration so schwer, über den Osten zu sprechen? „Ich glaube, weil das hieß, über Probleme zu sprechen. Der Osten war der Unterschied, der verschwinden sollte. Es ging immer darum, so zu werden wie der Westen“, erklärt Valerie und ergänzt: „Ich habe in vielen Gesprächen mit älteren Ostdeutschen erlebt, dass sie gesagt haben: Es ist doch jetzt auch mal gut.“

Mir ist es Stulle, ob jemand ‚Kling Klang‘ kennt. Letztendlich habe ich den Song geschrieben wie jeden anderen auch.“

Norbert Leisegang, Keimzeit

Einer von diesen älteren Ostdeutschen ist Norbert Leisegang, Sänger von Keimzeit und Songschreiber von „Kling Klang“, dem Lied, das eigentlich jeder kennen sollte. Valerie hat ihn für ihr Buch getroffen, mit ihm über den Erfolg ostdeutscher Bands in Relation zu ihren westdeutschen Kollegen gesprochen, doch Leisegang weigert sich, eine Ungleichheit zu erkennen. Über „Kling Klang“ sagt er: „Mir ist es Stulle, ob jemand den Song kennt. Letztendlich habe ich ihn geschrieben wie jeden anderen auch.“

Valerie befürchtet, sie stülpe den älteren Ostdeutschen die Wahrnehmung über, dass der Osten zu wenig wahrgenommen werde. Zu mir sagt sie: „Ich glaube, über den Osten zu sprechen, hieß für diese Generation lange, über etwas Einschränkendes, etwas Abgrenzendes zu sprechen. Für unsere Generation bedeutet es etwas Erweiterndes – eine neue Perspektive, mit der wir uns auseinandersetzen und die wir dann eben auch selbstbewusst nach außen tragen können.“

Sie findet, dass genau das für den Diskurs wichtig ist: „Wenn die ältere Generation merkt, dass wir über ihre Geschichte reden wollen, ohne sie zu verurteilen, steigt auch die Bereitschaft, davon zu erzählen.“ Das hat Valerie auch bei ihren Eltern festgestellt, mit denen sie schließlich doch noch über die Nachwendezeit sprechen konnte.

Schon während des Lesens ihres Buches hat mich beeindruckt, wie sich Valerie und ihre Gesprächspartner dafür einsetzen, dass der Osten sichtbarer wird, Schicksale neu beleuchtet werden. Gleichzeitig frage ich mich noch immer, ob wir jungen Ostdeutschen uns mit einem solchen Selbstverständnis nicht selbst in die „Ossi“-Schublade der Westdeutschen stecken. Und inwieweit wir unsere Identität dabei auch an die DDR hängen, den Staat, den es nicht mehr gibt.

Valerie sieht das nicht so: „Für mich ist es total legitim, wenn ich mich heute als ostdeutsch bezeichne. Das hat nichts mit der DDR-Vergangenheit zu tun. Die ist vielleicht der Anlass dafür, dass der Osten anders ist, aber der Osten ist darüber hinaus noch etwas eigenes wie zum Beispiel das Ruhrgebiet im Westen, und er ist auch losgelöst von der DDR immer noch da.“

Kinder im Freizeit- und Erholungszentrum Wuhlheide vor Corona. 
Foto:  imago images/Thomas Lebie

Sie hofft und erwartet auch, dass das Ostbewusstsein unserer Generation dazu führt, dass man in Zukunft noch viel mehr über den Osten als historischen, gesellschaftlichen und kulturellen Raum spricht, der nicht nur unsere Eltern und Großeltern, sondern auch uns Nachwendekinder so geprägt hat, dass Valerie noch heute Heimatgefühle bekommt, wenn sie Plattenbauten sieht, und ich gemeinsam mit zigtausend anderen in der Arena am Ostbahnhof stolz „Ost-, Ost-, Ost-Berlin!“ rufe, wenn ich ein Eishockeyspiel besuche.

Valerie sagt: „Ich würde mir wünschen, dass zunächst mal dieser Transformationsprozess mehr beleuchtet wird und dabei insbesondere, was die Ostdeutschen da geleistet haben. Dieser Spruch vom Ossi-Gejammer ist ja nur möglich, weil im gesamtgesellschaftlichen Diskurs zu wenig thematisiert wird, was damals überhaupt passiert ist und was das mit den Leuten gemacht hat.“

Doch ihr – und auch mir – geht es nicht nur um die Vergangenheit: „Ich denke, wir müssen Unterschiede benennen, um damit umgehen zu können. Ich habe lange gedacht, dass wir sie benennen müssen, damit sie verschwinden, aber durch die Arbeit an meinem Buch bin ich an dem Punkt angelangt, an dem ich gar nicht mehr will, dass sie verschwinden, sondern dass wir einfach darüber reden können. Ich möchte nicht, dass jedes Mal, wenn wir über den Osten reden, angenommen wird, dass wir die Wiedervereinigung infrage stellen. Ich bin gerne ‚Ossi‘ in einem vereinigten Land, wie ein Bayer sich eben gern als Bayer sieht und trotzdem froh ist, in Deutschland zu leben.“ Und daran, auch da sind wir uns einig, „wird auch die Corona-Krise nichts ändern“, sagt Valerie zum Abschluss.

Richtig getroffen haben wir uns nach der Lockerung des Kontaktverbotes dann doch noch. Zum Fototermin. Ich schlug das Freizeit und Erholungszentrum (FEZ) in der Wuhlheide vor. Da, wo Kinder schon spielten und lernten, als die DDR noch existierte. Da, wo ich Rad fuhr und schwimmen lernte, wo ich mein erstes Konzert besuchte, wo ich mein Abiturzeugnis bekam – und rückblickend  mein ganz persönliches Ostbewusstsein entwickelte.