Jung, jüdisch, ostdeutsch: Autor Max Czollek in Kreuzberg.
Foto: Ostkreuz/Sebastian Wells

Noch bis zum 8. Mai findet die digitale Themenwoche „75 Jahre Kriegsende“ in Berlin statt. Anlass ist das Dreivierteljahrhundert seit der Kapitulation von Nazideutschland 1945, wofür auch extra ein Feiertag eingerichtet worden ist. Die Werbung für diese Veranstaltungen hängt in der ganzen Stadt und verdeckt die Plakate, die seit Mitte März an den Litfaßsäulen und Bauzäunen hingen und dem städtischen Raum eine postapokalyptische Note verpassten. Der Titel „Willst du, was du wählst?“ ist gut gewählt, der Untertitel weniger, der lautet: „Befreiung Europas vom Nationalsozialismus“.

Der Nationalsozialismus war nämlich kein Virus, das ganz Europa pandemieartig befallen hatte. Und darum auch nichts, von dem Europa am 8. Mai 1945 kollektiv befreit werden konnte. Nationalsozialismus bezeichnet die Politik und Ideologie eines bestimmten Landes mit bestimmten Absichten. Die an sich notwendige Europäisierung der Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg läuft in diesem Slogan Gefahr, Deutschland der Seite der Unterdrückten und anschließend Befreiten zuzuschlagen. Dieser seit Jahren kultivierte Umgang mit der Erinnerung an den 8. Mai als Heilung vom Nazi-Virus wirkt dabei wie eine Blaupause für den Umgang mit der gegenwärtigen Gesundheitskrise.

Denn auch die Ereignisse um das Virus Sars-CoV-2 dienen der Gesellschaft vielfach dazu, ein Bild von dem zu entwerfen, was sie gern von sich denken möchte: dass Deutschland etwa eine plurale, diskriminierungskritische und solidarische Demokratie ist. Zugleich lässt die Corona-Krise derzeit gesellschaftliche Gewissheiten verpuffen wie Sommerurlaubspläne. Hatte nicht der damalige Innenminister Thomas de Maizière 2017 noch das Gesichtzeigen und Händegeben als unzweifelbaren Ausdruck einer deutschen Leitkultur bezeichnet? 2020 wurde aus seinem markigen Dreisatz „Wir sind eine offene Gesellschaft. Wir zeigen unser Gesicht. Wir sind nicht Burka“ innerhalb weniger Wochen ein „Wir sind Schutzmaske“.

Die Corona-Krise verdeutlicht, dass auch das gegenwärtige System zeitlich begrenzt ist. Damit muss man erst mal umgehen können.

Und siehe da, die deutsche Gesellschaft existiert immer noch. Es brauchte nur wenige Wochen, und plötzlich war nichts mehr so, wie gewohnt oder im frühzeitig erworbenen Kalender eingetragen. Ich frage mich, ob diese Erschütterung nicht vor allem für jene eine Kränkung bedeutet, die ihr ganzes Leben nichts anderes erlebt haben als Sicherheit. Die im gleichen System geboren wurden, in dem sie heute leben – und von dem sie vermutlich auch dachten, dass sie dort alt werden und sterben würden. Die Corona-Krise verdeutlicht, dass auch das gegenwärtige System zeitlich begrenzt ist. Damit muss man erst mal umgehen können.

Das Netzwerk Dritte Generation Ost existiert seit einigen Jahren. Sein Ziel ist es, die Perspektive einer jungen Generation Ostdeutscher aufzuwerten, auch, indem es ihre Erfahrung vom Umbruch 1989/1990 als „Transformationskompetenz“ bezeichnet. Der Begriff meint die Fähigkeit, mit einem abrupten Wandel der individuellen und gesellschaftlichen Situation umzugehen. Transformationskompetenz ist also eine Art Resilienz, oder auch: Widerstandsfähigkeit, die vor allem jene Menschen benötigen, die Diskriminierung erleben oder etwa als Bildungsaufsteiger*innen andere Herausforderungen meistern müssen als ihre bürgerlichen Kolleg*innen.

Transformationskompetenz und Resilienz sind im Umgang mit der derzeitigen Krise gefragte Qualitäten. Dennoch möchte ich keinesfalls einstimmen in den eigenartigen Chor, der die Corona-Situation mit der Binsenweisheit begleitet, dass jede Krise auch Chancen birgt. Ich finde das zynisch, denn die Sache steht natürlich schlimm und wird schlimmer. Haben Sie etwa mal eines dieser endlos deprimierenden Konzerte ohne Publikum gesehen? Oder die Kirchen, in denen die Gläubigen ihre Oblate durch eine Plexiglasscheibe gereicht bekommen? Oder den neuen ifo-Geschäftsklima-Index, der aussieht wie eine umgekehrte Kurve vom Klimawandel?

Nein, das ist keine Chance, diese Krise erschüttert bloß die Gefühle von Sicherheit, in der sich der überwiegend westdeutsche Teil dieser Gesellschaft seit Jahrzehnten eingerichtet hat und die für Diskriminierte nie Realität waren. Darüber hinaus stellt die Corona-Krise aber die bei Weitem nicht nur von konservativer Seite vorgebrachte Behauptung infrage, dass Menschen erst durch Integration und Leitkultur zu echten Deutschen werden. Plötzlich sollen alle Menschen gleichermaßen Verantwortung für die Gesundheit der Bürger*innen dieses Landes übernehmen. Und gehören diejenigen, die diese Verantwortung übernehmen, dann nicht auch gleichermaßen dazu?

Ich möchte also fragen: Könnte es nicht sein, dass mit der Corona-Krise sichtbar wird, dass Gesellschaft schon heute anders funktioniert? Dass sie aus der radikalen Vielfalt unterschiedlicher Individuen und Gruppen besteht, die allesamt Verantwortung für die Gesellschaft übernehmen – oder es, wie im Falle der Hygienedemo vor der Berliner Volksbühne, nicht tun? Eine Vielfalt also, die von der Gegenüberstellung Integrierte vs. Integrationsverweigerer nicht mehr erfasst werden kann, von der die selbst erklärte bürgerliche Mitte weiterhin auszugehen scheint?

Erinnern Sie sich noch, wie die Menschen am Fenster standen und aus Solidarität mit den Ermordeten klatschten? – Ich auch nicht.

Damit komme ich zu einem Begriff, der von Politiker*innen von Merkel bis Steinmeier in den ersten Wochen beschworen wurde:  Solidarität. Hier lohnt sich ein Blick auf die ersten Monate 2020 vor der Krise, die von den Angriffen in Hanau bis zu der Kooperation von CDU, FDP und AfD in Thüringen im Februar 2020 reichte. Erinnern Sie sich noch, wie in Reaktion auf diese Ereignisse die Menschen am Fenster standen und aus Solidarität mit den Ermordeten und gegen die Kooperation mit der AfD klatschten? – Ich auch nicht.

Nimmt man für eine Diskussion auch diese ersten Monate in Betracht, dann wird deutlich, dass die Corona-Solidarität keine allgemeine war, sondern dass sie sich in den engen Grenzen entfaltete, die Nationalismus, Kapitalismus und Rassismus ihr hierzulande wie anderswo ziehen. Das unterstreichen auch die weitgehend unterlassenen Hilfeleistungen für die Geflüchteten an der türkisch-griechischen Grenze wie auch der epidemiologisch fahrlässige Einsatz von Saisonarbeiter*innen für die Gemüseernte.

Bei näherer Betrachtung ergibt sich damit die Kontur einer Solidarität, die ganz und gar nicht Ausdruck einer pluralen, diskriminierungskritischen und solidarischen Demokratie ist. Sondern sie steht in Kontinuität mit einer deutschen Tradition, die von völkischem Denken bis Leitkultur reicht. Oder glauben Sie etwa, die Maßnahmen zu Corona wurden eingerichtet, um Migrant*innen oder Wohnungslose zu schützen? Aber anstatt darüber nachzudenken, gratulierte man sich selbst zur freiwilligen Isolation – und feiert am 8. Mai die Befreiung Europas inklusive Deutschlands vom Nationalsozialismus, was nur zwei unterschiedliche Arten sind, sich selbst auf die Schultern zu klopfen.

Selbstverständlich ist Deutschland vor 75 Jahren nicht mit dem Rest von Europa befreit worden, sondern der Rest Europas wurde wenn überhaupt von Deutschland befreit. Ausnahmen bestätigen die Regel. Und selbstverständlich ist es auch gut, wenn man die Niederlage Nazideutschlands auch hierzulande als eine Befreiung versteht, das ist ja hoffentlich selbstverständlich. Mir geht es nicht um ein „Schuster bleib bei deinen braunen Leisten“, sondern darum, dass die hierzulande herrschende Perspektive auf Geschichte und Gegenwart auch den Zweck einer Selbstentlastung erfüllen.

Ein Satz aus der Osteransprache des Bundespräsidenten 2020 macht das mehr als deutlich, und der lautet: „Sie alle haben Leben gerettet.“ Sicherlich, „wir alle“ haben mit unserem Verhalten dazu beigetragen, bestimmte Leben in Deutschland zu retten – aber an den Außengrenzen und auf deutschen Gemüsefeldern sterben die Menschen nicht minder „wegen uns“. Wer angesichts dieser doppelten Gewissheit dennoch von der Ansprache Steinmeiers gerührt ist, der geht der begrenzten Erinnerung und begrenzten Solidarität auf den Leim.

Es genügt nämlich nicht, den Anforderungen des Staates Folge zu leisten, als wäre der plötzlich der Garant für den Schutz aller seiner Mitglieder.

Auch in der Corona-Situation genügt es nämlich nicht, einfach den Aufforderungen des Staates Folge zu leisten, als wäre der plötzlich Garant für den Schutz aller seiner Mitglieder. Er ist es nicht. Und auch die Zivilgesellschaft hat nicht einfach Leben gerettet in den  letzten Wochen, sondern auch Menschen sterben lassen – ob für Spargel, Fleischwurst oder ein bestimmtes Verständnis nationaler Gemeinschaft, die an den Grenzen Deutschlands endet.

Beim Nachdenken über diese eigenartig intime Verbindung zwischen Staat und Zivilgesellschaft während der Corona-Krise komme ich immer wieder auf Brechts Keuner-Geschichte „Maßnahmen gegen die Gewalt“ zurück. Und die geht so: „In die Wohnung des Herrn Egge, der gelernt hatte, nein zu sagen, kam eines Tages in der Zeit der Illegalität ein Agent, der zeigte einen Schein vor, welcher ausgestellt war im Namen derer, die die Stadt beherrschten, und auf dem stand, daß ihm gehören solle jede Wohnung, in die er seinen Fuß setze; ebenso sollte ihm auch jedes Essen gehören, das er verlange; ebenso sollte ihm auch jeder Mann dienen, den er sähe. Der Agent setzte sich in einen Stuhl, verlangte Essen, wusch sich, legte sich nieder und fragte mit dem Gesicht zur Wand vor dem Einschlafen: ,Wirst du mir dienen?‘ Herr Egge deckte ihn mit einer Decke zu, vertrieb die Fliegen, bewachte seinen Schlaf, und wie an diesem Tage gehorchte er ihm sieben Jahre lang. Aber was immer er für ihn tat, eines zu tun hütete er sich wohl: das war, ein Wort zu sagen. Als nun die sieben Jahre herum waren und der Agent dick geworden war vom vielen Essen, Schlafen und Befehlen, starb der Agent. Da wickelte ihn Herr Egge in die verdorbene Decke, schleifte ihn aus dem Haus, wusch das Lager, tünchte die Wände, atmete auf und antwortete: ‚Nein‘“.

Nein, auch in der Gegenwart der Corona-Krise ist die Staatsgewalt nicht darum gut, weil sie von sich selbst behauptet, sie würde im Interesse aller handeln. Denn dieses „alle“ ist auch diesmal begrenzt – und die Begrenzung tödlich. Um das zu sehen, ist es notwendig, sich vom lieb gewonnenen und auch zum 8. Mai wieder inszenierten Selbstbild des geläuterten und befreiten Deutschlands zu verabschieden. Das Versprechen des Staates ist Schutz. Das Versprechen der Zivilgesellschaft muss lauten: Entweder alle oder keine*r.


Max Czollek wurde 1987 in Ostberlin geboren. Er ist Lyriker, Essayist und Mitherausgeber des Magazins „Jalta – Positionen zur jüdischen Gegenwart“. Zuletzt erschien sein Gedichtband „Grenzwerte“ im Verlagshaus Berlin. Sein zweiter Essayband „Gegenwartsbewältigung“ erscheint im August.