„Bruderkuss“ vorher: Leonid Breschnew und Erich Honecker im Jahr 1979.
Foto: AP/Helmuth Lohmann

Die kleine Tochter kam im Herbst 1984 aus der Schule und wollte den Pionier-Gruß zeigen, den sie am Vormittag gelernt hatte. Sie lehnte die Fingerspitzen der rechten Hand an den Kopf und sprach mit heiligem Ernst: „Für Frieden und Sismaliskus – seid bereit!“

Das Wort für die größte politische Errungenschaft war für sie eine ungenaue phonetische Erinnerung. Was auch sonst, Siebenjährige können nicht wissen, was Sozialismus bedeutet und wie sie sich dafür bereithalten sollten. Sogar: „Immer bereit!“ Das war die rituelle Antwort auf den Gruß – so angelernt wie andere Symbole: Ein Freund wartete mit seinem Sohn in Schöneweide auf die S-Bahn, als eine Reparaturlok vorbeifuhr. An ihrem Ende wehte eine rote Signalflagge als Warnung. Der Junge winkte und rief: „Eine Arbeiterfahne! Eine Arbeiterfahne!“ Er freute sich über sein Kindergartenwissen.

Die DDR verschrieb Wörter zur Benutzung wie Rezepte. Sie ignorierte Widersprüche.

Regine Sylvester

Die offizielle Sprache der DDR setzte früh an und ließ später nicht mehr locker. Sie verschrieb Wörter zur Benutzung wie Rezepte. Sie erließ Regeln, hinter denen sich alte Wörter verstecken mussten. Sie ignorierte Widersprüche.

Seit dem 7. Oktober 1949 hieß mein Land „Deutsche Demokratische Republik“. Den vorläufigen Charakter des Staates beschrieb ein Begriff des Marxismus-Leninismus: „Diktatur der Arbeiterklasse“. Beides zusammen geht eigentlich nicht. Die Diktatur sollte mit dem Erreichen der klassenlosen Gesellschaft wegfallen, aber der Begriff wurde benutzt und klang bedrohlich: 1975 nannte Erich Mielke sein Ministerium für Staatsicherheit ein „spezielles Organ der Diktatur des Proletariats“.

Warum war Sprache unserer Politiker so langweilig: „Unsere marxistisch-leninistische Ideologie ist eine Ideologie des kämpferischen Humanismus, ihr Optimismus, ihre Zukunftsgewissheit ist wissenschaftlich begründet in der Erkenntnis der Gesetzmäßigkeiten der geschichtlichen und gesellschaftlichen Entwicklung.“ So trat Kurt Hager, Politbüro-Mitglied, am 26. September 1985 im Vorstand des Schriftstellerverbandes auf – vor Leuten, die beruflich mit Sprache umgehen.

Die Führung des Landes lebte in einer vorgegaukelten DDR und war trotzdem misstrauisch. Sie verbot Filme, Ausstellungen, Dramen und Kabarettprogramme, sie untersagte Druckgenehmigungen, nannte ihre kritischen Bürger „feindlich-negative Kräfte“. Juni 1952 wurden als politisch unzuverlässig eingeschätzte Personen aus dem Sperrgebiet entlang der innerdeutschen Grenze entfernt: „Aktion Ungeziefer“.

Den Umgang mit Geschichte kennzeichnete Willkür. Bis zu ihrem Ende verschwieg die DDR-Führung die Monstrosität der stalinistischen Verbrechen. In der Schule und im Studium habe ich außer dem kurz abgehandelten „Personenkult“ nichts darüber erfahren. Stalins „Säuberungen“ trafen bis zu 20 Millionen Menschen. Ein Opfer war der Journalist und Spanienkämpfer Michail Kolzow, 1940 in Moskau vom NKWD gefoltert und erschossen.

In einem Klub in Halle wurde 1987 eines seiner Bücher vorgestellt. Besucher bedauerten, dass Kolzow den Fortschritt in der Welt nicht mehr erleben konnte. Ja, das hätte man ihm auch gerne gewünscht, schrieb Dr. Harald Wessel im „Neuen Deutschland“ vom 31.10./1.11.1987, aber: „Es sollte nicht sein.“ Die Geschichte unseres Jahrhunderts gebe Zuversicht: „Man muss sie nur vernünftig befragen: wahrhaftig und klassenbewusst, sachkundig und mit Sinn für das Wesentliche.“

Die Begrüßung internationaler Delegationen begannen mit der sowjetischen. Aber ab 1988 wurde sie dem Alphabet folgend an vorletzter Stelle begrüßt, vor Vietnam.

Regine Sylvester

Einige Wörter standen im Verbund. „Unverbrüchlich“ war als „unverbrüchliche Freundschaft zur Sowjetunion“ üblich. Bei denen ganz oben kam es zum „Bruderkuss“, erst auf die Wangen, später auf den Mund. Die Begrüßung internationaler Delegationen begannen mit der sowjetischen, auch beim Verband der Film- und Fernsehschaffenden. Aber 1988 – seit Gorbatschow litt die Freundschaft – wurde die „Union der sozialistischen Sowjetrepubliken“ dem Alphabet folgend an vorletzter Stelle begrüßt, vor Vietnam.

Anfang April veröffentlichten alle SED-Zeitungen die Losungen für den 1. Mai. 1989 waren es 48, wie diese: „Mein Arbeitsplatz – Mein Kampfplatz für den Frieden!“ Oder, etwas länger: „Durch die Verwirklichung der ökonomischen Strategie zu hoher Arbeitsproduktivität, Effektivität und Qualität – Dynamisches Wirtschaftswachstum durch breite Anwendung und effektive Nutzung der Schlüsseltechnologien!“

Haben die Auftraggeber wirklich geglaubt, dass jemand das lesen und sich zu Herzen nehmen würde? Wem ist „Antifaschistischer Schutzwall“ als Begriff für die Mauer eingefallen? Die DDR hätte am 13. August 1961 die Grenze gegen Faschisten aus dem Westen gebaut? Aber die Mauerstürmer, die „Grenzverletzer“, kamen doch aus dem Osten.

Auf der Trabrennbahn Karlshorst starteten zwei Pferde vom Gestüt der Nationalen Volksarmee, sie hießen ‚Fahnenmast‘ und ‚Staatsgrenze‘.

Regine Sylvester

Auf der Trabrennbahn Karlshorst starteten zwei Pferde vom Gestüt der Nationalen Volksarmee, sie hießen „Fahnenmast“ und „Staatsgrenze“.  Mit der Trennung von Kirche und Staat sollten christliche Symbole verschwinden. Kleine Kartons wurden mit „Jahresendflügelfigur“ abgestempelt. Drinnen lagen geschnitzte Engel aus dem Erzgebirge. In meinem DDR-Lexikon von 1977 kam „Weihnachten“ auf zweieinhalb Zeilen vor, am Schluss stand: „… heute vorwiegend rein weltl. gefeiert“.

Es ging immer um Agitation und Propaganda, um die Linie, die Lage, die Weltlage. Aber es funktionierte nicht.

Wäre es wahrscheinlich gewesen, dass DDR-Bürger die gedruckten Reden der SED-Parteitage ganz durchgelesen, das Wort Engel vergessen oder vom antifaschistischen Schutzwall gesprochen hätten?

Die Leute erzählten sich lieber Witze. Der Lehrer fragt Fritzchen: „Was ist das? Es ist rothaarig, klein und hat einen langen Schwanz?“ Fritzchen antwortet: „Wenn mich das mein Vater gefragt hätte, würde ich sagen: ein Eichhörnchen. Aber bei Ihnen wird das bestimmt wieder Lenin sein.“

Nach der Wende wurde ich oft gefragt, wie wir die Diktatur aushalten konnten. Glaubt mir, sagte ich, es war nicht wie in Nordkorea: Es gab privates Leben, Freundeskreise, Medien mit Facetten wie „Sonntag“ oder „Wochenpost“, legendäre Theaterabende, Maler, Autoren und Regisseure, deren Arbeiten dem Publikum halfen, anspruchsvoll und wach zu bleiben. Manche Kollegen bauten in ihre Artikel eine auffällig kesse Formulierung ein, auf die sie dann einsichtig verzichteten, um den übrigen Text durchzubringen.

Die Entwertung unserer besten und schwächsten intellektuellen Traditionen ist für mich einer der bösesten Aspekte an dem Erbe, das die DDR in die erweiterte Bundesrepublik einbringt.

Jürgen Habermas in der „Zeit“, 1991

Die Ostdeutschen suchten nach Maßstäben – Gabriel Garcia Marquéz unterm Ladentisch, Giorgio Strehler beim Gastspiel, ein Gefühl von Welt bei der Dokumentarfilmwoche. Bei der Leipziger Buchmesse haben wir geklaut wie die Raben. Wir sahen Westfernsehen, gaben eingeschmuggelte „Spiegel“-Hefte weiter und waren lange nicht so doof, wie viele Westler bis heute glauben.

Unser Empfang war nüchtern: „Die Entwertung unserer besten und schwächsten intellektuellen Traditionen ist für mich einer der bösesten Aspekte an dem Erbe, das die DDR in die erweiterte Bundesrepublik einbringt.“ Das schrieb der westdeutsche Philosoph Jürgen Habermas im Mai 1991 in der „Zeit“. Der ostdeutsche Theologe Richard Schröder antwortete, auch in der „Zeit“: „Peinlich für uns, denn wir naiven Ossis haben gedacht: Die freuen sich, wenn wir kommen.“

Der Fuchs ist schlau und stellt sich dumm. Beim Wessi ist es andersrum.

Ostdeutscher Volksmund

Otto Schily hielt im März 1990 eine Banane in die Kamera, sein Kommentar zum Wahlverhalten der Ostler. Wir wurden zu Witzfiguren, beobachteten unsererseits die Westler und dichteten: „Der Fuchs ist schlau und stellt sich dumm. Beim Wessi ist es andersrum.“

Nach dem Mauerfall – zuletzt war ich Autorin beim Defa-Studio für Spielfilme, arbeitete aber auch als Journalistin – begann meine anstrengendste Zeit. Zum Beispiel als Berliner Büroleiterin vom „Stern“: Von mir angebotene Themen liefen unter „Ostscheiß“. Ich verlor das Gefühl von Kompetenz und flog nach fünf Monaten raus, immerhin mit Abfindung.

Ich wohne schon immer in Berlin-Mitte. Inzwischen muss ich überlegen, wie meine Umgebung früher aussah, sie ist überlagert durch unaufhörliche Veränderungen. Wenn neue Besitzer Häuser abreißen ließen, hieß der Vorgang „Rückbau“. Großprojekte feierten ihre Bauetappen mit Spiegelzelt, Gauklern, Wachtelgelatine und Hostessen – das ging in den Baugruben los und war „Architainment“.

Es sieht nach Vergatterung aus, wenn Redner im Bundestag nur von ihrer Partei Applaus bekommen. Beim nächsten Redner klatscht ein anderer Block.

Regine Sylvester

Die öffentliche Sprache der westdeutschen Politiker und Politikerinnen hat selten Charme, Schönheit, Witz, oft klingt sie so leblos wie die im Osten: „Prozessoptimierung“, „effektivere Priorisierung“. Vorhaben sind „zielführend“ oder auch „nicht zielführend“. Sie sagen „von daher“, was einen Ortsbezug hat, statt „deshalb“, was sich auf Gedanken bezieht. Sie sprechen „schlussendlich“ für ihresgleichen und nicht für „die Menschen im Land“. Es sieht nach Vergatterung aus, wenn Redner im Bundestag nur von ihrer Partei Applaus bekommen. Beim nächsten Redner klatscht ein anderer Block.

„Bruderkuss“ nachher: Das Gemälde auf den Mauerresten der Berliner East Side Gallery.
Foto: dpa/Arne Immanuel Blänsch

Neue Wörter wurden vorübergehend Mode wie „Wendehals“ oder „Joint Venture“. Ich lernte, was „Freiwillige Pflichtversicherung“, „Zinsvorabschlag“ oder „Nullwachstum“ bedeuten. Englisches wird wie ein Gewürz in Texte eingestreut – ohne Übersetzung. „Cancel-Culture“ ist gerade aktuell. Inforadio meldete, Berlin sei „zum Hotspot für Obdachlose“ geworden.

Ein guter Mensch verschrumpelte zu „Gutmensch“, zu einem Schmähwort in der politischen Rhetorik. Der Dichter Durs Grünbein schrieb im Januar 2019 in der „Zeit“: „Das Wort torpediert nun alles, was auch nur einen Millimeter vom durchschnittlichen Egoismus der Mehrheitsgesellschaft abweicht.“ Immerhin erhielt „Gutmensch“ 2011 den zweiten und 2015 den ersten Platz als „Unwort des Jahres“.

Ein Kollege aus dem Westen war stolz, als nach einem Leitartikel starke Kritik kam. Die Möglichkeit, einen dummen Text geschrieben zu haben, zog er nicht in Betracht.

Regine Sylvester

Mit viel Gewinn habe ich mit Journalisten aus dem Westen zusammengearbeitet. Aber bei einigen blieb mir etwas fremd: die Freude am Polarisieren durch entschiedene Haltung.

Entschiedene, auch verletzende Meinungen gelten als Qualität. Trotzdem möchte ich wissen, ob sie auch stimmen oder sich nur mit der Meinungsfreiheit rausreden. Da habe er mal einen Nerv getroffen – ein Kollege aus dem Westen war stolz, als nach einem Leitartikel starke Kritik kam. Die Möglichkeit, einen dummen Text geschrieben zu haben, zog er nicht in Betracht.

Ein Typ Journalisten lässt Überlegenheit durchblicken, lästert über Äußerliches oder Zweitrangiges – über weiße Socken, „Kassengestellbrillen“, „Reihenhaushälften“, „Kaff“. Der „Spiegel“ schreibt im Juli in einem eigentlich sehr guten Text über Wirecard: „Die Story beginnt in Aschheim bei München, einem gesichtslosen Kaff.“ Warum kränken Journalisten die Leute, die da wohnen?

Welche Leute stehen ihnen vor Augen, wenn sie schreiben? Texte ziehen zu oft eine Insider-Tonlage durch, als wären sie für andere Journalisten geschrieben, für eine gesellschaftliche Oberschicht oder für Preise.

Ich habe die Ostsprache noch drin, als ich mich von Freunden verabschiede, weil ich noch zur „Kaufhalle“ muss. Großes Gelächter. Aber vielleicht ist das passiert, weil mein Unterbewusstsein immer noch nicht kapiert hat, was am „Supermarkt“ super ist.

In der Straßenbahn sitzt ein junges Pärchen und will eine Verabredung treffen. Er: „Ich könnte übermorgen.“ Sie: „Cool.“ Er: „Oder auch schon morgen.“ Sie: „Geil.“ Er: „Nach der Vorlesung?“ Sie: „Voll geil.“

Das klingt sehr reduziert, aber man versteht ja, was gemeint ist.