Zwei junge Frauen arbeiten in einem Spanplattenwerk (Symbolfoto).
Foto: imago images / Harald Lange

Das klarste Urteil kommt aus dem Westen. Barbara Staib, Jahrgang ’51, ehemalige Senatsangestellte, kurze Haare, randlose Brille, erklärt: „Wir sind eben nicht ein Volk, sondern sind zwei verschiedene, wir sprechen die gleiche Sprache, aber haben völlig andere Erfahrungen gemacht.“ Es ist ihr Fazit nach drei Jahrzehnten deutscher Einheit und vielen Versuchen, warm zu werden mit den Menschen aus dem anderen Teil des Landes.

Am 16. Juni fand der erste Erzählsalon zu 30 Jahren deutscher Einheit statt. Er wurde live im Onlinestream auf der Website der Berliner Zeitung übertragen und kann hier jederzeit abgerufen werden:

Digitaler Erzählsalon zu 30 Jahren deutsche Einheit am 16. Juni 2020.

Video: YouTube

Barbara Staib, die vierte von acht Erzählerinnen, wirkt mitunter selbst ein wenig erstaunt über ihre deutsch-deutschen Erlebnisse. Wie ihre Kinderfrau, die erste Ostdeutsche, die sie, die Alt-Achtundsechzigerin, nach dem Mauerfall kennenlernte, darauf bestand, ihrem Sohn Max einen Schlafanzug anzuziehen, auch wenn er schrie und ihn auf den Topf zu setzen, weil es nun mal „an der Zeit dafür war“. Wie sie froh war, dem Einigungswahn für vier Jahre zu entfliehen und aus beruflichen Gründen nach Brasilien zu ziehen. Wie sie dort gut ausgebildete, engagierte ostdeutsche Entwicklungshelfer kennenlernte, und wie sie dann, als sie zurück nach Berlin kam, von ihren Kollegen „mit riesiger Meckerei über den Osten“ empfangen wurde.

Die Gräben, sagt Barbara Staib, seien immer tiefer geworden. Auf beiden Seiten.

Packende Geschichten der Nachwendezeit

Das Erzählsalon Livestream-Projekt wurde von Katrin Rohnstock ins Leben gerufen. Ihr Ziel ist es, ganz normalen Leuten eine Stimme zu geben, Menschen von ihren Leben erzählen zu lassen. Jeder hat zehn Minuten Zeit, wird nicht unterbrochen, nur wenn jemand den Faden verliert, springt Katrin Rohnstock ein. Es geht um Umbrucherfahrungen, Betriebsschließungen, zerbrochenen Ehen, Arbeitslosigkeit, Umschulungen, Verhandlungen mit IG-Metall-Vertretern bei „drei Flaschen Rotwein“, neuen Besitzern, die nur Chefs einstellten, die nicht sächselten und DDR-Berufen, die bis heute nicht anerkannt sind, weil es sie in der Bundesrepublik nicht gab.

Packende Geschichten, die davon erzählen, wie man in schwierigen Zeiten überlebt. Und eine Lehrstunde vor allem für jene Politiker, die behaupten, die Corona-Zeit sei die größte Krise für die Deutschen seit dem Zweiten Weltkrieg. 

Die nächste Folge des Erzählsalons gibt es am 23. Juni um 18 Uhr. Sie wird wieder live auf der Website der Berliner Zeitung übertragen.