Einladend ist das chromblitzende Tablett mit den gefüllten Kaffeetassen darauf. Aber wer vollführt heute noch diese Willkommensgeste? Einst war es die Aufgabe der Tochter des Hauses wenn die sie betreffenden Heiratsverhandlungen erfolgreich abgeschlossen worden waren. Doch die Hände, die hier dem Betrachter das Symbol grenzenloser Gastfreundschaft darbieten, verschwinden in surrealistischer Manier körperlos im Schwarz des Hintergrundes. Ebru Özseçen dokumentiert, wie weit der Auflösungsprozeß von Traditionen bereits fortgeschritten ist: Ein Spiegel reflektiert die Rückseite ihrer Fotoarbeit "Präsentation" das staatliche Antragsformular, mit dem eine Registrierung als legale Prostituierte vorgenommen wird.HohlkreuzAus Küchenstahlwolle sind "Abwasch-Träume", männliche und weibliche Geschlechtsorgane modelliert, Kuchenteig fließt in phallische Formen: Özseçen, Jahrgang 1971, setzt sich in verspielt pornographischen Phantasien mit Geschlechterrollen und den sich wandelnden Ansprüchen der Gesellschaft an das Individuum auseinander. Oft finden sich derart gewitzte Metaphern wie auch das meterhohe, sich zu vollkommener Hohlheit aufblähende christliche Kreuz aus Einkaufstüten von Iskender Yediler bei den insgesamt 14 Künstlern dreier Generationen, die im Haus der Kulturen der Welt nun einen Einblick in aktuelle türkische Kunst verschaffen.Die Ausstellung "Iskorpit" bedient sich, wohl unausweichlich im Zeitalter der Globalisierung, des internationalen Kunstvokabulars man arbeitet mit Videotechnik und Fotografie, Assemblagen und Multi-Media-Installationen; ein Verzicht auf klassische Malerei ist (wie bei der Berlin Biennale) zu verzeichnen. Doch gleichzeitig ist ein sehr eigener Dialekt zu konstatieren: Der Identitätswandel und -verlust, den die Türkei auf dem Weg in die moderne Gesellschaft des 21. Jahrhunderts durchläuft, wird thematisiert anhand des Politischen im Persönlichen: Gülsün Karamustafas Rauminstallation "Bühne" zeigt die Künstlerin mit ihrem Mann, 1971 vor Gericht während der Militärregierung in der Türkei. Die vier Wörter Bühne, Regime, Kontrolle, Ideologie bilden einen geschlossenen Textkreis, der wie ein Suchscheinwerfer über das Foto wandert und die Erinnerung nicht zur Ruhe kommen läßt.Die Gegenwart erscheint als aus der Geschichte hergeleitet, ohne sich jedoch nostalgischer Elemente wie einer orientalischen Ornamentik zu bedienen. Halil Altindere nutzt Hoheitszeichen des Staates, um dessen Kontroll- und Sicherheitssysteme zu kritisieren: Briefmarken sind nicht mit nationalen Helden, sondern Inhaftierten bedruckt. Das allgegenwärtige Antlitz Atatürks ziert einen verfremdeten Geldschein, auf dem jener die Hände vor dem Kopf zusammenschlägt.Auf den Kopf gestelltDas Nichtvorhandensein türkischer Künstler im Kanon der klassischen Moderne versteht Serkan Özkaya als (ironische) Grundlage seiner durchweg reproduzierenden Arbeit: Er unterbreitet internationalen Museen Vorschläge, die so respektlos wie unterhaltsam sind und immer entsetzt abgewehrt werden. Sei es, daß er die Direktion des Louvre dazu anregte, die Mona Lisa für einen Tag auf den Kopf zu stellen, um sie "jenseits ihrer massenmedialen Reproduktion wieder als Original zu aktivieren". Ebensowenig begeistert zeigte sich das New Yorker Museum of Modern Art von der Idee, vor Mondrians "Broadway Boogie Woogie" ein Dollarzeichen auf durchsichtiger Folie anzubringen (eine milde Variante von Alexander Breners Besprühung eines Malewitsch-Bildes). Der 1997 eingereichte Antrag auf Verhüllung des Berliner Reichstages, "inspiriert von Christo und Jeanne Claude", vermochte den deutschen Bundestag ebenfalls nicht zu überzeugen Köstlich giftigDie von den Kuratoren René Block und Fulya Erdemci ausgewählten, hierzulande nahezu unbekannten Künstler erweisen sich allesamt als angenehm widerborstig frei nach dem Ausstellungstitel "Iskorpit"; der türkische Name eines Fisches vom Grunde des Bosporus, der köstlich schmeckt, sich aber wegen seiner giftigen Stacheln auf dem Rücken gut gegen Übergriffe zu wehren vermag. Daraus kann sich durchaus auch Angriffslust angesichts der dominierenden westlichen Kunstgeschichte entwickeln: Ayse Erkmens niedliche Rückansicht zweier Bären, des einen Tatze auf dem Rücken des anderen, erinnert an romantische Freundschaftsgesten auf Bildern Caspar David Friedrichs und beweist doch anhand des lieblosen Titels "Y 756577" die beliebige Klon- und Reproduzierbarkeit dieser Pose.Iskorpit Aktuelle Kunst aus Istanbul, bis 15.11. im Haus der Kulturen der Welt, Di - So 11-18 Uhr. Katalog 22 Mark.