Es war irgendwann Anfang 1990, da bekam Udo Merz in Oranienburg einen Anruf aus der BRD. Am anderen Ende der Leitung war ein Mitarbeiter des Verlegers Dirk Ippen. Ippen besaß im Westen mehrere Lokalzeitungen (er besitzt sie immer noch), darunter den Westfälischen Anzeiger in Hamm. Ob er, Merz, sich vorstellen könnte, bei der Gründung einer Zeitung für Oranienburg mitzuhelfen, fragte der Ippen-Mann. Sein Chef sei sehr an einem Blatt im Speckgürtel Berlins interessiert.Der hieß damals freilich noch nicht so, wenige Monate nach dem Mauerfall. Merz war zu dem Zeitpunkt Kreisvorsitzender der CDU in Oranienburg, er saß mit am Runden Tisch in der Stadt, der Kiosk seiner Frau war Anlaufstelle für das Neue Forum. Zwei Wochen vor dem Anruf hatte Merz mit einer Delegation Hamm besucht und dabei auch die Redaktion des Westfälischen Anzeigers besichtigt. Irgendwie muss er den Ippen-Leuten aufgefallen sein.Die Nummer eins in der RegionUdo Merz ist heute Geschäftsführer des Druckhauses Oberhavel und Verlagsleiter des Märkischen Zeitungsverlages, der zum Ippen-Imperium gehört und den Oranienburger Generalanzeiger herausgibt. Die Tageszeitung ist (neben der Altmark-Zeitung) die einzige Neugründung auf dem Gebiet der früheren DDR, die überlebt hat. In ihrem Verbreitungsgebiet, dem südlichen Landkreis Oberhavel von Hennigsdorf kurz hinter der Berliner Stadtgrenze bis hinauf nach Liebenwalde ist der OGA, wie sich das Blatt abkürzt, die Nummer eins.Am 19. April 1990 ist die erste Ausgabe erschienen. Mehrere tausend Zeitungen wurden mit einem LKW von Hamm nach Oranienburg transportiert und von Freiwilligen an die Haushalte verteilt. Im Juli hatte die Zeitung schon 3 600 Abonnenten. Vom 6. September an erschien der Oranienburger Generalanzeiger täglich. Wenige Wochen später konnte sich das kleine Unternehmen bereits den Ruppiner Anzeiger und die Gransee-Zeitung einverleiben, ebenfalls zwei Wendegründungen."Das war eine euphorische Zeit damals", sagt Merz. "Dr. Ippen hat sich unheimlich engagiert hier bei uns." Nicht nur finanziell, aber das natürlich in besonderem Maße. Große Investitionen werden immer noch durch die Ippen-Gruppe finanziert. Gerade wurden ein neues Redaktions- und ein neues Anzeigensystem angeschafft. Das geht aus dem operativen Geschäft in Oranienburg nicht, sagt Merz. Aber das ist bei größeren konzerngebundenen Blättern ja nicht anders. Die Bilanz, so Merz, fällt auch dank zweier kostenlos an die Haushalte verteilte Anzeigenblätter inzwischen immerhin positiv aus.Wie viele andere Verleger sah Dirk Ippen nach der Wende die Chance, auf dem Gebiet der DDR erfolgreich Zeitung machen zu können. Doch anders als die meisten anderen zog er den Neuaufbau eines Verlages dem Kauf einer der bestehenden Zeitungen vor. "Uns ging es um die Pressefreiheit", sagt Merz, "und weil wir unbelastet waren, hatten wir einen enormen Vertrauensvorschuss bei den Lesern".Udo Merz ist ein großer, freundlicher Mann, der sich als erstes für die Unordnung in seinem Büro entschuldigt. Er war ein paar Tage nicht da. Dann lässt er Kaffee kommen und erzählt die Geschichte des OGA, die eben auch ein bisschen seine eigene ist. Seit 1990 hat sich eine ganze Menge verändert. Die Zeitung wird schon lange nicht mehr in Hamm gedruckt, sondern in einer modernen Druckerei in Oranienburg. Verlag und Redaktion sitzen auch schon seit über zehn Jahren, statt in Containern wie zu Beginn, in einem hübschen Gebäude mitten in der Stadt. Das Aussehen der Zeitung hat sich deutlich gewandelt. Und war das Blatt anfangs auf freiwillige Hilfe angewiesen, zählen Verlag und Druckhaus mit rund 150 Mitarbeitern zu den großen Arbeitgebern im Ort.Eines ist indes geblieben: die Orientierung am lokalen Geschehen. Es müssen schon Bomben in London explodieren, um den Umbau des Jugendclubs in Velten oder die Entlassungen im Hennigsdorfer Werk von Bombardier von der Titelseite zu verdrängen. "Wir können nur mit lokalen Themen überleben", sagt Udo Merz. Wahrscheinlich wird dieses Konzept bei keiner anderen Lokalzeitung aus dem Hause Ippen so konsequent umgesetzt wie beim Oranienburger Generalanzeiger.Der Rest der Welt kommt aus Syke nach Oranienburg. In Syke erscheint die Kreiszeitung, ebenfalls ein Ippen-Blatt. Deren Mantelredaktion liefert die Seiten mit Bundespolitik und dem übrigen Weltgeschehen. Drei der 25 OGA-Redakteue sind täglich damit beschäftigt, diese zugelieferten Seiten in den Generalanzeiger einzupassen. Soviel Eigenständigkeit soll schon sein. Muss auch, wie Merz sagt, denn die Leser in Oberhavel gewichten manche Dinge doch anders als die in der norddeutschen Tiefebene.Der Leser wartet schonTrotzdem sinkt die Auflage - leicht, aber stetig. Seit 1992 verlor der OGA rund 1 500 Käufer und liegt nun bei etwa 27 000 Exemplaren. Der direkte Konkurrent, die Märkische Allgemeine, ist im Verbreitungsgebiet dennoch mit etwa 22 000 Zeitungen pro Tag abgeschlagen. "Insgesamt profitieren wir hier sehr von der Lage nahe bei Berlin", sagt Udo Merz. "Aber wir merken auch, dass die Leute sparen." Viele an der Zeitung zuerst. Um sie nicht völlig zu verlieren, bieten der Verlag seit neuestem verstärkt Wochenend-Abos an.Diejenigen, die den Oranienburger Generalanzeiger noch lesen, fühlen sich ihm, so erzählt Merz, aber überwiegend sehr verbunden. Dass sei wahrscheinlich der größte Unterschied zum Zeitungmachen in der Metropole. "Wenn unsere Redakteure morgens ihr Büro aufschließen, müssen sie damit rechnen, dass schon ein Leser auf sie wartet, um über das aktuelle Blatt zu reden", sagt Merz. Damit komme nicht jeder klar. Der Zeitung scheint das aber ganz gut zu tun.------------------------------Die einzige NeugründungDen Oranienburger Generalanzeiger gibt es seit dem 19. April 1990. Seine verkaufte Auflage beträgt 16 623 Exemplare, das Verbreitungsgebiet reicht von Hennigsdorf bis Neuruppin und Fürstenberg.Das Blatt ist, neben der Altmark-Zeitung im Raum Salzwedel/Stendal, die einzige Neugründung einer Tageszeitung auf dem Gebiet der früheren DDR, die überlebt hat.Der OGA, wie die Zeitung von den Lesern genannt wird, erscheint im Verlag von Dirk Ippen, der im Westen mehrere Lokalzeitungen herausgibt. Unter dem Dach des OGA erscheinen auch noch die Gransee-Zeitung und der Ruppiner Anzeiger.------------------------------Foto: Herausgeber Udo Merz im Verlags- und Redaktionsgebäude des Oranienburger Generalanzeigers