Zeitungsleser und Radiohörer wirkten mit an einem ausgesprochen ungewöhnlichen Buch: Großmutter und die Kartoffel

Was für eine wunderbare Idee! "Zungenglück und Gaumenqualen " nennt Andreas Hartmann seine Sammlung von Geschmackserinnerungen. Über Zeitungen und Radio hat der Hamburger Volkskundler um Einsendungen gebeten. Herausgekommen ist ein ungewöhnliches Buch.Zunächst liest man ganz unbefangen diese kleinen Geschichten. Mich haben sie oft sehr gerührt Der Geruch der Hände meiner Großmutter vermischte sich mit dem Geschmack der Kartoffel -- bei jeder weiteren Fütterung sog ich zunächst den Duft ein und begann dann erst zu kauen, dieser Wohlgeschmack beinhaltete das Beste, was die Welt für mich bereithie lt. Die Mixtur von Genich, Geschmack und Situation löste ein unvergleichliches Gefühl von Geborgenheit und Wärme ausAuf der Ebene des Nachempfindens sinnlicher Erfahrungen ist das Buch schon ein reines Vergnügen. Es gibt viel zu lachen, auch manches zum Weinen (aber gottlob mehr zum Lachen). Nach und nach erschließt sich einem aber, was sich noch alles in diesen Geschichten verbirgt. Beiträge kamen von leuten zwischen achtzehn und achtzig, und so ist dies eine Zeit- und Sozialgeschichte ganz eigener Art. Es geht von den Quarkkeulchen der Großmutter am "großen Waschtag" über den Abscheu vor den Kartoffelklößen der Mutter in der Inflation und dem Fehlen von Schlagsahne bei Kriegsausbruch bis zum Verschlucken einer Kugel der Carrerabahn in den siebziger Jahren und der darauffolgenden "linksliegenden Sauerkrautdiät". Ein ganzes Kapitel ist dem Ende des Krieges und der unmittelbaren Nachkriegszeit gewidmet: Das fünfjährige Kind bekommt einen Löffel Zucker in den Mund geschoben, denn die Mutter hat gerade die Nachricht von der Kapitulation gehört. Der Einmarsch der Amerikaner verbindet sich mit Blockschokolade, Himbeerdrops und dem Geruch von Bohnenkaffee. Die Zeit des "Orgarilsierens" und der Care-Pakete bricht an.Man bekommt aber auch beim Lesen manchmal ziemlich trostlose Einblicke in familiäre Machtverhältnisse und grausame Erziehungspraktiken. Das schreckliche Wort "Es wird gegessen, was auf den Tisch kommt" taucht immer wieder in Verbindung mit herzzerreißenden Berichten von herausgewiirgtem und wieder hineingestopftem Ekelessen auf.Wieviel Essen mit Gefühlen zu tun hat, wird schon dem anfänglichen Zitat deutlich. Im positiven Fall mit Gefühlen von Liebe und Geborgenheit, die ?hanchmal nur durch Essen des gleichen Gerichts wiederbelebt werden können: "Ich bin Kriegskind, weiblich. Immer wenn ich traurig bin, uder ein Anflug von Depression macht sich bemerkbar, dann hacke ich Pfannkuchen" Im negativen Fall mit Gefühlen des Ekels und Widerwillens gegen Zwang, die oft nie überwunden werden. Und manchmal gibt es einen jähen Umschwung des Geschmacks, der allein durch den Aspekt der Unfreiwilligkeit zu erklären ist: Jeden Abend -- etwa drei Jahre lang -- fragte mich unsere Haushälterin, was ich zum Abendbrot essen wollte. Ich wünschte immer das Gleiche: Fisch in Tomatensoße aus der Dose. Eines Tages fragte sie nicht mehr, sie stellte einfach eine Dose hin. Seit diesem Abend konnte ich keinen Fisch in Tomatensoße mehr essen, auch heute nicht."Die Geschichten werden sehr unterschiedlich erzählt. Am häufigsten ist die Erinnerung an eine uder zwei Begebenheiten, oft nostalgische Humoresken, die meistens sehr schön und pointiert berichtet werden. I)as Gegenstück sind die schon erwähntexi bitteren Erinnerungen an Schrekkensszenen aus der Kindheit, hei denen zuweilen aber auch der Galgenhumor nicht fehlt. Es gibt aber auch mehrseitige "Mo~aiken" und eine "tabellarische Erinnerung", ganz nüchtern, Beitrag einer 24jährigen: sauere, verdorbene Milch! an meine Oma, die keinen Kühlschrank hatte; Milchreis! Schulspeisung usw.Das allerschönste an dem Buch ist, daß es zum "Weiterstricken" auffordert. Dem will ich mich nicht entziehen. Ich bin in England aufgewachsen, meine Kindheit von der Rationierung geprägt. 1949 (ich war neun) konnte man endlich das wichtigste, Bonbons, ohne Marken kaufen. Ich erinnere mich an einen Augenblick schierer Wonne. Ich lag auf einer Truhe vor dem Fenster mit der Sonne im Rücken, hatte ein sp~snnendes Buch aus der Jugendbibliothek und ein viertel Pfund Fudge (weiche Karamellen). Es war ein solches Glücksgefühl, daß ich einen Augenblick dachte: Schöner kann das Leben gar nicht mehr werden. Es tut gut, sich in diesen Zeiten daran zu erinnern, wie wenig damals dazugehörte, glücklich zu sein."Zungengluck und Gaumenqualen", Geschmackserinnerungen, gesammelt von Andreas Hartmann, Beck sche Reihe. 14,80 Mark.Für uns las: Sarah HaffnerSarah Haffner, geboren 1940 in Cambridge, wuchs in London auf. 1954 kam sie nach Berlin/ West und besuchte zunächst die Meisterschule für Kunsthandwerk und studierte bis 1960 an der Hochschule für bildende Künste Berlin Malerei. Sie arbeitete und lehrte in Paris und london. Mit einem Fersehbericht unjl einem Buch über mißhandelte Frauen gab sie 1976 den Impuls für das erste Frauenhaus in Berlin. Von 1980-1986 unterrichtete sie mit Lehrauftrag an der Berliner HdK. heute lebt sie als freischaffende Malerin in Charlottenburg. Foto: Brandt