Vor dem Reichstag, am Tag der Wierdervereinigung: Helmut und Hannelore Kohl, daneben Norbert Blüm, Oskar Lafontaine, Willy Brandt, Hans-Dietrich Genscher, Richard von Weizsäcker, Lothar de Maizière und Theo Waigel. 
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Am 2. Oktober 1990 warteten vor dem Schauspielhaus am Gendarmenmarkt zwei Männer auf ihren Auftritt. Der eine, Lothar de Maizière, letzter Regierungschef der DDR, sollte eine Rede halten. Der andere, Kurt Masur, Chef des Gewandhausorchesters, Beethovens 9. Sinfonie dirigieren. „Ich hab solches Fracksausen“, sagte de Maizière. „Und ich erst“, sagte Masur. „Warum?“, fragte de Maizière, „Sie haben doch Beethoven schon x-mal dirigiert.“ – „Ja“, antwortete Masur, „aber noch nie zur deutschen Einheit.“

Es ist eine Episode aus jenen Tagen der Wiedervereinigung, als nicht nur ein Staat verabschiedet wurde, sondern auch die letzte DDR-Regierung. Sie war nur 173 Tage an der Macht, verabschiedete in Rekordzeit 164 Gesetze und 93 Beschlüsse, aber am Ende war kaum jemandem zum Feiern zumute. Lothar de Maizière wog nur noch 51 Kilo und war so erschöpft, dass er danach eine Woche im Bett lag. Bei seiner Rede im Schauspielhaus sprach er zwar von einem „Abschied ohne Tränen“, aber heute gibt er zu: „Das stimmte so nicht.“

Im exklusiven Interview mit der Berliner Zeitung erzählt der Anwalt und Musiker, wie es war, als im März 1990 die CDU überraschend die Wahlen gewann und er Ministerpräsident wurde („Das war der größte Schreck in meinem Leben“), wie er bei der ersten Kabinettssitzung die Regierungsmitglieder auf ihren Auftrag einschwor („Meine Damen und Herren, unsere Aufgabe ist es, uns abzuschaffen“), wie er in sechs Monaten versuchte, für die DDR-Bürger „zu retten, was zu retten war“, und wie er einmal, als er bei den Verhandlungen mit Kohl nicht mehr weiter wusste, Hannelore Kohl anrief. Und sie ihm half. Ihr Mann hat davon nie erfahren.

Die Ostdeutschen wurden in einer Weise durchgeschüttelt, wie es seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr geschehen ist.

Lothar de Maizière

Das Gespräch mit Lothar de Maizière, das Sie am Sonnabend in der gedruckten Wochenendausgabe der Berliner Zeitung und auf berliner-zeitung.de lesen, ist der Auftakt einer Serie von Interviews anlässlich des 30. Jahrestages der Wiedervereinigung, die Sabine Rennefanz, Jenni Roth und ich führen: „Vom Ende der Geschichte“. Es ist der Versuch, aufzuarbeiten, was damals im Kohl’schen Einheitsjubel unterging und was bis heute in den Geschichtsbüchern fehlt: dass auch etwas zu Ende ging, dass die Ostdeutschen, wie es Lothar de Maizière formuliert, „in einer Weise durchgeschüttelt wurden, wie es seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr geschehen ist, während die Westdeutschen sagen konnten, wir leben so weiter wie bisher“.

Lothar de Maizière war der letzte Regierungschef der DDR und genau 173 Tage im Amt.

Berliner Zeitung/Carsten Koall

„Vom Ende der Geschichte“ ist in der Berliner Zeitung und online zu lesen und ab kommender Woche als Podcast zu hören. Sie können dabei sein, wenn wir die Mitglieder der letzten DDR-Regierung besuchen: die Volkskammerpräsidentin Sabine Bergmann-Pohl in ihrem Haus in Zeuthen, den Kulturminister Herbert Schirmer in Lieberose, den Verteidigungsminister Rainer Eppelmann in Berlin, den Innenminister Peter-Michael Diestel in Mecklenburg-Vorpommern. Wir fragen, was damals hinter den Kulissen passierte, und was sie heute anders machen würden, wenn sie könnten. Lothar de Maizière antwortet darauf mit dem Satz: „Ich hätte am ersten Tag zurücktreten können.“ Und fügt dann hinzu: „Ein Maizière tritt nicht zurück.“