Im Morgengrauen des 2. September 1945 steht Hans Fallada vor einem Haus in der Meraner Straße in Schöneberg. Es ist die Nummer 12. Das Haus im Bayerischen Viertel hat die Kriegswirren leidlich überstanden. Ein Teil des Gebäudes ist ausgebrannt. An seiner Seite ist eine junge reizvolle Frau, seine neue Ehefrau seit Februar, Ursula Losch, die Witwe eines Berliner Seifenfabrikanten. Sie besitzt in der Meraner Straße eine halbzerstörte Wohnung und im mecklenburgischen Feldberg ein Sommerhaus.Die letzte Adresse in Berlin hat Fallada im Frühjahr 1933 am Kurfürstendamm gehabt: Pension Stössinger, Lietzenburger Straße 48. Damals war sein Weltruhm als Verfasser des Romans "Kleiner Mann - was nun?" noch frisch. Die Pension Stössinger war eine Zwischenstation nach seiner Verhaftung durch die SA Ostern 1933 in Berkenbrück am Rande Berlins, wo er sesshaft werden wollte. Er wurde denunziert. Im Juli ist Fallada aus Berlin in das mecklenburgische Dorf Carwitz geflohen. Weiter glaubte er nicht, fliehen zu müssen.Doch der Glaube erwies sich als selbstzerstörerisch. Als die Nazis ihn keine wirklichen Bücher mehr schreiben ließen, verfasste der Schreibbesessene zum Trost lieber schlechte, "Altes Herz geht auf die Reise" zum Beispiel. Die Selbsttäuschung misslang. Zu den daraus resultierenden Katastrophen gehörte 1944 die Trennung von Anna Ditzen, der Gefährtin seit 1929, die Falladas bürgerlichen Namen trägt. In die Zukunft taumelt Fallada am Ende des Nationalsozialismus mehr, als dass er in sie geht. Er ist wie die Zeit.Fallada und Ursula Losch sind am Abend des 1. September in Neustrelitz in einen Zug gestiegen. In Neustrelitz haben sie zwei Wochen im Krankenhaus gelegen. Nervenzusammenbruch die Diagnose für Fallada, Selbstmordversuch der Befund seiner Frau. Fallada hat in Feldberg als von den Russen eingesetzter Bürgermeister von Mai bis August amtiert. Er hat immer Öffentlichkeit gescheut, doch wie will er sich der Aufgabe verweigern? Es herrscht Chaos. Ein paar Tausend Flüchtlinge sind im Amtsbereich, die Felder unbestellt, die Schulen geschlossen. Er hat seine Landsleute vom Plündern abzuhalten. Er hat die Befehle der Russen auszuführen. Ihre Lebensmittel auszuteilen. Er muss die Russen vom Plündern und Vergewaltigen abhalten.In Carwitz wird Anna Ditzen, seine ehemalige Frau, mehrfach vergewaltigt. In Feldberg stellt Major Miasnik, der Stadtkommandant, seiner neuen Frau nach. Als Fallada aus dem Krankenhaus in Neustrelitz kommt, schickt ihm das Krankenhaus eine Privatabrechnung nach Berlin hinterher. Sie weist 50 Injektionen Morphium à 4 Reichsmark aus. Dass Kommandant Miasnik Tag und Nacht neue Aufträge für ihn hat, erscheint Fallada nicht zufällig. Im Oktober 1945 wird er in einem Brief an Johannes R. Becher schreiben, dass es Miasniks Ziel war, "mich zu Grunde zu richten, um meine 24-jährige Frau in seine Hände zu bekommen. Er hat sie ständig verfolgt, sie zu umarmen versucht, wenn er sie allein traf, und ihr die schmählichsten Vorschläge gemacht. Als ich schließlich in einem völligen Nervenzusammenbruch bewusstlos war und meine Frau, die sich nun ganz schutzlos wähnte, sich die Pulsadern geöffnet hatte, hatte er sie noch aufgefordert, mich zu verlassen und seine Frau, will sagen seine Geliebte zu werden."Fallada bittet Becher um Schutz, da Major Miasnik Anweisung gegeben habe, seine Frau bei "ihrem Wiederauftauchen sofort festnehmen und ihm vorführen zu lassen." Fallada hat aber noch Sachen in Feldberg, Bücher, Schreibmaschine. "Sollte es Ihnen, sehr verehrter Herr Becher, möglich sein, uns aus unserer Not zu helfen, würde ich Ihnen mit einem vollem Einsatz meiner Arbeit zu danken versuchen."Dieser an Johannes R. Becher gerichtete Brief ist bis zur Wende 1989 nicht zugänglich. Ende der 70er-Jahre zeichnet sich der Ankauf des in Braunschweig liegenden Fallada-Nachlasses durch das Kulturministerium der DDR ab. Der sich als Fallada-Experte verstehende Leiter des "Literaturzentrums Neubrandenburg", Tom Crepon, warnt in einem Schreiben im Dezember 1977 den Minister für Kultur, Hoffmann: "Unter den Aktenstücken in Braunschweig befinden sich z. T. politisch brisante Schriftstücke ., die bei einer gründlicheren Durchsicht von bürgerlichen Journalisten oder Literaturwissenschaftlern in mißverständlicher, bez. schädlicher Weise ausgewertet werden könnten."Fallada hat die Stadt Berlin 1933 als Flüchtling verlassen. Als er im September 1945 in sie zurückkehrt, ist er wieder auf der Flucht vor Unheil. Falladas Verhältnis zu den Russen ist brüchig. Aber sie kümmern sich um ihn.In der Wohnung in der Meraner Straße in Schöneberg treffen Ursula Losch und Fallada auf Ausgebombte. Von den Zimmern, die für die Neuankömmlinge übrig sind, ist ein einziges bewohnbar. Sie haben keine Zuzugsgenehmigung, keine Lebensmittelkarten, der Autor besitzt keine Schreibmaschine, nicht mal einen Füllfederhalter.Alles, was sie brauchen, müssen sie auf dem Schwarzen Markt kaufen. Eine Ampulle Morphium ist billiger als ein Brot. Der Autor macht Beutezüge durch die Stadt und schaut bei alten Adressen nach. Eine gehört Paul Wiegler, der als Leiter der Romanabteilung von Ullstein während des Krieges Verschiedenes von Fallada veröffentlicht hat. Wiegler sagt im Oktober, ein gewisser Becher suche ihn. Fallada kennt Becher da noch nicht, aber er will ihn besuchen, Schlüterstraße 45, "Kulturbund zur demokratischen Erneuerung Deutschlands".Bis vor ein paar Monaten hat hier die "Reichskulturkammer" gesessen. Becher ist der Meinung, die deutsche Kultur müsse von innen erneuert werden, und Fallada wäre dafür wichtig. Am 17. Oktober stellt die "Kammer der Kunstschaffenden" Fallada als "namhaftem Schriftsteller" eine Bescheinigung für die Lebensmittelkarte "I" aus. Am 17. November hält er eine Einweisung in das Haus Eisenmengerweg 19 in Pankow in der Hand. Auf die Karte "I" gibt es 80 Gramm Nährmittel und 100 Gramm Fleisch pro Tag. Auf die Normalkarte 30 Gramm Nährmittel und 20 Gramm Fleisch.Der Eisenmengerweg gehört zu einem Villenkomplex in Pankow, den die Sowjetische Militärbehörde beschlagnahmt hat. Im "Städtchen" wohnen auch Deutsche. Johannes R. Becher zum Beispiel.Seit Fallada mit Becher zu tun hat, gibt es Angebote. Der Aufbau Verlag möchte ein neues Buch von ihm. Die "Neue Berliner Illustrierte" bietet den Vorabdruck an. Becher erwartet, dass er in Schwerin über den Nürnberger Kriegsverbrecherprozess spricht. Die "Tägliche Rundschau", das Blatt der Sowjetischen Militäradministration, wünscht die ständige Mitarbeit.Fallada nimmt alle Angebote an. Für den "Kulturbund" hat er am 12. Oktober einen "Offenen Brief" geschrieben: "Es muß einen Wiederaufstieg für uns geben, vor allem muß die deutsche Jugend gerettet werden, die jetzt, seit die Leerheit der Hitlerparolen klargeworden ist, ganz dem Nihilismus verfallen ist." Dem neuen Buch wird er den Arbeitstitel "Fallada sucht einen Weg. Ein Krankheitsbericht" geben.Er verfasst ein Exposé: "In diesem Roman werden die Erlebnisse eines Schriftstellerehepaares vom April 45 bis in den Sommer 46 hinein geschildert. Soweit dies heute schon möglich ist. Vom Einmarsch der Roten Armee in eine mecklenburgische Kleinstadt an über eine befohlene Bürgermeistertätigkeit in dieser kleinen Stadt, über Krankheit und Flucht in die ,Totenstadt' Berlin, über Morphiumsüchtigkeit, Hilfsbereitschaft Fremder, neue Verzweiflung wird der Weg dieser beiden Menschen in eine endliche Gesundung geschildert. Zum Schluß haben die beiden ihre Apathie, ihren Unglauben an einen Weiterbestand des deutschen Volkes überwunden und sind entschlossen, mitzuarbeiten an einer besseren Zukunft."Das Exposé wird sich später in den Akten des britischen Geheimdienstes finden.Das Jahr 1945 endet für Fallada mit der Veröffentlichung eines an ihn gerichteten "Offenen Briefes" im "Neuen Hannoverschen Kurier" am 31. Dezember. Die Verfasserin ist eine Else Marie Bakonyi, eine der Damen, die für Fallada Manuskripte abgeschrieben haben. Gelegentlich hat er bei ihr in Berlin übernachtet. Frau Bakonyi bezieht sich auf Falladas "Offenen Brief an den ,Kulturbund'". Sie teilt brisante Sätze aus Briefen mit, die auf brisanten Reisen Falladas entstanden sind. Im Sommer 1943 hat ihn der Reichsarbeitsdienst (RAD) auf eine Reportagefahrt nach Südfrankreich geschickt."Ich war Ihrem Hause jahrelang freundschaftlich verbunden, so nehme ich mir das Recht, mich in einem besonderen Falle einmal in aller Öffentlichkeit an Sie zu wenden", erklärt Frau Bakonyi in dem Brief. ",Wir sind die Herren der Welt.' Dieser Meinung waren Sie noch Ende September 1943, und heute schon wollen Sie berufen sein, unsere Jugend zu retten, Führer zu sein auf dem Wege zu einer wahrhaften Demokratie? Ja, ist dies nun der echte Fallada, ist dies die letzte Verwandlung - oder wollen Sie auch jetzt nur wieder Ihren Frieden machen mit den herrschenden Mächten?"Die von Frau Bakonyi zitierten Sätze hat Fallada geschrieben, um den Augen der Zensur Genüge zu tun, den Auftrag des Reichsarbeitsdienstes hat er in der Hoffnung angenommen, der Druck der NS-Behörden werde eine Zeit lang nachlassen. Irgendwelche Schreibfolgen traten nicht ein, die RAD-Dienststellen behandelten den Auftrag lässlich.Die Veröffentlichung der Bakonyi glaubt Fallada noch, als Rache einer "Verschmähten" abtun zu können. Doch als Hans Habe, der Kolumnist der amerikanisch lizenzierten "Neuen Zeitung" in München, im Februar nachlegt und ihn einen "literarischen Alibisucher des Naziregimes" nennt, kann er seine Befürchtungen nicht länger zügeln. Sein Drogenkonsum eskaliert in diesem Jahr 1946.Als Fallada und Ursula Losch bereits in Pankow wohnen, bittet "Ulla" aus alter Gewohnheit noch immer einen Arzt im Bayerischen Viertel um Medikamente. Sie schreibt "Lieber Doktor Benn" und setzt nachträglich einen anderen Namen darüber. Gottfried Benns Arztpraxis liegt unweit ihrer Adresse in der Bozener Straße. "Lieber Doktor Benn! Ich bin in einer schrecklichen Abstinenz und weiss wirklich nicht mehr, was ich machen soll. Bitte, Bitte, helfen Sie mir! Ich bitte Sie, schicken Sie mir etwas, damit ich über den schlimmsten Zustand wegkomme." Dass er mit der attraktiven Vierundzwanzigjährigen vielleicht seinen Todesengel geheiratet hat, spürt Fallada. Sie ist drogenabhängig, wie er es in seinen Jugendjahren war. Falladas Verhältnis zu Ursula Losch ist brüchig. Aber sie liebt ihn.Die Russen halten in der Arbeitsdienstsache still. Bei den Engländern wird sie im Januar zu einem Fall für die "Control Commission for Germany". In Berlin legt Captain Wallich eine Akte an. Ein Redakteur vom "Neuen Hannoverschen Kurier" beliefert den Geheimdienst mit Informationen über Frau Else Marie Bakonyi und den Schriftsteller Hans Fallada. Fallada sei dem Alkohol und anderen Süchten hörig, die Süchtigkeit habe jedoch seine geistige Klarheit und Verantwortlichkeit nicht getrübt. Sein Glaube an einen nationalsozialistischen Sieg sei nicht aus Konjunkturgründen zu erklären, sondern Fallada habe sich vom allgemeinen Begeisterungsrausch mitreißen lassen. Frau Bakonyi habe Fallada immer gewarnt, sollte er nach dem unvermeidlichen Zusammenbruch mit fliegenden Fahnen in das demokratische Lager überwechseln, werde sie nicht zurückscheuen, seine Gesinnungslosigkeit öffentlich anzuprangern.Geheimdienstmann Wallich gibt sich informiert. "12. Januar 1947. Die Tatsachen, die über Fallada im ,Neuen Hannoverschen Kurier' mitgeteilt werden, sind im Großen und Ganzen hier gut bekannt, insbesondere seine Verbindung mit dem RAD. Deswegen bleibt Fallada, obwohl Mitglied des Kulturbundes, möglichst im Hintergrund." Die Amerikaner würden ihn auf keine "Schwarze Liste" setzen, weil sie keine führten. Das überließen sie den Deutschen. "Was die Russen betrifft, so haben sie Fallada zur öffentlichen Person gemacht, bevor die wirklichen Tatsachen über ihn bekannt wurden: dies in einem Maße, daß sie ihn jetzt nicht einfach fallen lassen können."Am 17. Juni definieren die Engländer leicht neidvoll ihr Objekt der Beobachtung: "He is an important literary figure and a member of the Kulturbund". Einen Monat später haben sie mit dem "wichtigen Schriftsteller" Kontakt. Am 27. Juli besitzt ein Major Reginald Colby das Exposé "Fallada sucht einen Weg" und verfügt über ein Schreiben seines früheren englischen Verlegers Putnam. Putnam will Falladas neues Buch herauszubringen.Colby teilt seinen Vorgesetzten mit, Fallada würde trotz seiner dubiosen Vergangenheit durch die Russen "pushed", er führe in ihrem Sektor ein privilegiertes Leben. Er fragt, welche Antwort Fallada hinsichtlich einer Übersetzung seines neuesten Buches gegeben werden solle.Dass er auf einem Rad ist, das sich heftig dreht, weiß Fallada, nur nicht, wie die Engländer, die Amerikaner, die Russen es drehen, wer alles in die Speichen greift.Auch das Fallada-Publikum, seine Biografen, wissen es zu diesem Zeitpunkt nicht, denn das Material liegt bis 1994 verschlossen im amerikanischen "Berlin Document Center" und wird danach erst frei.Fallada steht im Schnittpunkt von Interessenkonflikten, von denen er nichts ahnt. Können die Engländer ihn gebrauchen, er die Engländer? Wann hat der Kontakt begonnen? Zu dem Geschäft gehört, wenig Spuren zu hinterlassen.Am 30. Juli ist Fallada mit seiner Frau zu dem britischen Major Colby eingeladen zu beraten, wie er wieder Beziehungen zu seinem englischen Verleger Putnam aufnehmen könne. Fallada ist nicht naiv. Colby ist vom Geheimdienst, das weiß Fallada. Als er mit Colby an einem Tisch sitzt, ist er zwischen Baum und Borke. Er hat das Gespräch angesteuert, wie zu gleicher Zeit geäußert, er möchte damit nicht die Russen "beleidigen". Fallada und Colby kommen über die Zusammenkunft nicht hinaus.Im November stellt sich für Fallada auch bei den Russen die Frage nach seiner Reise für den Reichsarbeitsdienst nach Südfrankreich. Sie haben dem Mitarbeiter der "Täglichen Rundschau" einen Personalfragebogen geschickt. Er schließt mit dem Punkt "Bemerkungen", und das kann der heikelste Punkt eines Fragebogens 1946 sein. Fallada trägt ein: "Im Jahre 1943 wurde ich gezwungen, eine Reise durch Frankreich als Berichterstatter für den Reichs Arbeitsdienst zu machen. Ich habe darüber aber nie auch nur eine einzige Zeile veröffentlicht oder auch nur geschrieben. In Verfolg davon wurden im November des gleichen Jahres meine sämtlichen Verträge mit dem Rowohlt-Verlag gelöst, d. h. gebrochen, der Neuabschluss von Verträgen mit andern Verlegern wurde verhindert und jede Papierlieferung für meine Bücher gesperrt."Das ist an den Tatsachen ziemlich vorbei, aber Fallada ist nur einer der vielen, die in den deutschen Umbrüchen jetzt und später ihre Biografien redigieren. In Wahrheit hat die NSDAP mit einer Denunziation 1943 Falladas RAD-Beauftragung zu verhindern versucht, weil sie ihn für einen wackligen Kandidaten hielt. In Wahrheit ist der Rowohlt-Verlag im Dezember als Teil der "Deutschen Verlagsanstalt" im Rahmen einer innerorganisatorischen Maßnahme geschlossen worden, hat der Dresdner Heyne Verlag Fallada 1944 wieder unter Vertrag genommen.Am 12. Dezember hakt ein sowjetischer Offizier den Fragebogen ab. Nichts folgt. Oder etwas liegt noch in einer unbekannten russischen Akte.Fallada arbeitet wie ein Wilder. Oder wie ein Verzweifelter. Oder eben wie Fallada, der ohne das Schreiben nicht sein kann. Im August ist der Roman "Der Alpdruck" ("Fallada sucht einen Weg") fertig geworden, im November "Jeder stirbt für sich allein", die Geschichte von Anna und Otto Quangel, die handgeschriebene Aufrufe gegen Hitler verteilen und dafür zum Tode verurteilt werden. "Ich glaube," sagt er, "es ist seit Wolf unter Wölfen wieder der erste richtige Fallada geworden, trotzdem mir der Stoff doch gar nicht lag: Illegale Arbeit während der Hitlerzeit. Enthauptung der beiden Helden."Falladas Weg ins Freie war immer die Literatur. Die Hoffnung, ein Schriftsteller zu werden. Als Gymnasiast erschoss er bei einem versuchten Doppelselbstmord einen Mitschüler. Er flog vom Gymnasium, eine bürgerliche Karriere war ihm versperrt. Um sich aus der Misere zu befreien, verfasste der junge Gutsangestellte Anfang der Zwanzigerjahre erfolglos zwei Romane. Ein Jahrzehnt plagte sich der gescheiterte Autor mit kleinen Anstellungen, Drogen, Inhaftierungen, um schließlich 1931 glanzvoll mit "Bauern, Bonzen und Bomben" in der deutschen Literatur und 1932 mit dem "Kleinen Mann" in der Weltliteratur aufzutauchen.Warum sollte er, das alte Schlachtross, auf diesem Weg diesmal nicht dem Untergang entrinnen? Das Jahr 1946 braucht nur so zu werden, wie er es im Exposé entworfen hat.Ende Januar 1946 flieht Fallada vor der Morphiumsucht in eine Privatklinik in Neu-Westend. "Ulla" folgt ihm zwei Wochen später. Im März sind beide wieder draußen. Am 1. Mai unternimmt Fallada einen spektakulären Selbstmordversuch, den Nachbar Becher verhindert. "Wir nahmen das Morphium so regelmäßig zu uns, daß kaum irgendwelche Abstinenzzeiten oder Abstinenzerscheinungen auftraten", sagt "Ulla". Sie häuft als Drogenbeschafferin Schulden über Schulden. Allein bei Becher stehen über 3 000 Mark an.Fallada wird in einem Niederschönhausener Hilfskrankenhaus untergebracht. Ursula Losch ist Anfang Juli in Feldberg und erwartet ein Auto, das Hausrat nach Berlin bringen soll. Fallada schreibt ihr aus der Marthastraße einen Liebesbrief "Meine Süsse, mein Gold .", der seltsamerweise nicht im Nachlass von Fallada, sondern von Becher liegt. Zur Stunde, zu der er schreibt, "Donnerstag, den 4. Juli 1946. Morgens 7 Uhr 45", müsste das Auto Feldberg erreicht haben, "wenn aber auch alles so gegangen ist, so kann ich doch nicht recht daran glauben, dass ihr heute abend schon hier seid, so sehr es auch mein Herz wünscht ..., daß wir also wieder vereint sind zu allem Schönen und Törichten auf der Welt".Und dann hat Fallada noch etwas Verstörendes mitzuteilen. "Ich glaube übrigens in Bechers Wohnzimmer an der Stelle, wo sonst das scheußliche Bild von G. Hauptmann hing, Dein Hafenbild hängen zu sehen - hast Du ihm das geschenkt und wann? Ich finde, Herr Becher empfängt ein wenig reichlich viel."Am Ende von "Wolf unter Wölfen" hat Fallada den Leutnant Pagel aus den Inflationswirren an der Seite einer Frau auftauchen lassen. "Eine liebende Geliebte ist das ruhige Glück, dem nichts mehr zu wünschen übrig bleibt." Im September 1946 schreibt er seiner ehemaligen Frau, Anna Ditzen, einen Liebesbrief: "Jedenfalls ist mir klar, daß alle meine Arbeitskraft und Arbeitslust bei Ulla verlorengehen würde, daß die mir am wichtigsten ist, weißt Du ja. Es widerstrebt mir natürlich, in diesen Dingen um einen Rat zu fragen, und doch habe ich gerade in den letzten Wochen an die alten Zeiten denken müssen, und ich wäre Dir dankbar, wenn Du mir ein paar Worte schreiben würdest."Anna Ditzen kann sich eine gemeinsame Zukunft nicht mehr vorstellen.Falladas Jahr 1946 endet in der Charité, und das neue Jahr 1947 beginnt wieder in einem Hilfskrankenhaus in Niederschönhausen. Seit dem 10. Januar liegt er in einem umgestalteten Klassenzimmer der Gemeindeschule in der Blankenburger Straße. Dort stirbt Fallada am 5. Februar 1947. Auf dem Totenschein steht "Herzversagen".Zwei Tage nach seinem Tod steht in den Berliner Zeitungsnachrufen: "Ein Charakter, dessen Kraft nicht zur Widerstandsfähigkeit gegen Entgeistigung und Barbarei reichte." (Der Tagesspiegel) "Mit durchsichtigem Eifer suchte er den jeweils richtigen Anschluß." (Der Abend) "Ob er in seinem erneuten Schaffen härtere, entschiedenere Töne gefunden hätte und sich ideologisch klarer entwickelt hätte als vor 1945, ist schwer zu sagen". (Berliner Zeitung) Die Ausnahme im Chor der Schulmeister macht der Schriftsteller Gerhard Pohl: "Fallada hat nicht vor Hitler kapituliert, wie gelegentlich gelästert wurde. Er ist in seiner schöpferischen Substanz von ihm verschlissen worden."Fallada wird am 28. Februar 1947 im Krematorium Wedding eingeäschert. Ursula Losch ist in den Kliniken nun allein. Sie stirbt 1958 in Berlin und wird vom Sozialamt bestattet.Das Exposé "Fallada sucht einen Weg", das der Autor Fallada 1946 für den umhertaumelnden Menschen Fallada entworfen hatte, stimmte nur für den versöhnlichen Schluss nicht. Den lindernden Schluss korrigierte ein starker Kritiker, der Tod. Sonst war das Exposé ehrlich: "Der Schriftsteller muß beim Einmarsch der Sieger erfahren, daß all sein Hoffen auf ein Nachlassen des Druckes, unter dem er zwölf Jahre der Naziherrschaft hindurch gelebt hat, verfehlt ist: er fühlt sich wie ein Paria. Er kann die Nazis nicht mehr hassen und seine Leidensgenossen nicht mehr lieben. Eine grauenvolle Apathie hält ihn umfangen: er glaubt nichts mehr, er hofft auf nichts mehr, nichts interessiert ihn mehr."Es hätte da auch noch stehen können, er konnte weder der Mann der einen noch der anderen Frau sein, weder der Autor der einen noch der anderen Sieger. Er wusste nicht, wohin.------------------------------Foto (4) :Hans Fallada in einer Zeichnung von O. E. PlauenUrsula Losch, Falladas letzte EhefrauFallada 1946, kurz vor seinem TodVon Anna Ditzen trennte sich Fallada 1944.