Die Vorwürfe waren drastisch. Zwei Polizisten sollen am 17. Februar 2010 einen vietnamesischen Zigarettenhändler nach einer Festnahme misshandelt und verprügelt haben. Vor dem Amtsgericht Tiergarten fand gestern der Prozess gegen den 35-jährigen Alexander W. und den 30-jährigen Thomas W. wegen Körperverletzung im Amt statt – und ging überraschenderweise schnell zu Ende. Obwohl Augenzeugen die Polizisten schwer belastet hatten, wurden diese noch am frühen Nachmittag freigesprochen. Kein einziger der Vorwürfe sei nachweisbar, urteilte das Gericht.

Gleich zu Beginn hatte der Vorsitzende Richter Jonas Farag mit einer Mitteilung für Erstaunen gesorgt. Der wichtigste Zeuge, das mutmaßliche Opfer Cao Van T., konnte nicht gehört werden. Der 21-Jährige sei bereits in seine Heimat abgeschoben worden, so Farag. Es sei auch nicht versucht worden, ihn zu laden. Über die genauen Hintergründe der Abschiebung wusste niemand Bescheid.

Mit Messer die Kleidung zerschnitten

Am Tag des Vorfalls hatten die Polizisten den wegen illegalen Zigarettenverkaufs verdächtigen T. am U-Bahnhof Parchimer Allee in Britz festgenommen. Anschließend fuhren sie ihn mit dem Auto Richtung Schönefeld. In der Anklageschrift heißt es, Alexander W. und Thomas W. hätten dem 21-Jährigen auf der Fahrt mehrfach ins Gesicht und mit der Faust in den Unterleib geschlagen. Als dieser schrie, hätte ihm einer der Beamten den Mund zugehalten und ihn weiter traktiert. Mit einem Messer soll er zudem die Kleidung des Vietnamesen zerschnitten haben.

Kurz hinter der Stadtgrenze hatten ihn die Polizisten in einer unbewohnten Sackgasse ausgesetzt, wie sie selbst bestätigten. Die Staatsanwältin hielt den Angeklagten vor, Cao Van T. dort auf einen Müllhaufen geworfen und ihn mit dem Gesicht in den Schnee gedrückt zu haben. An seinem Körper seien zahlreiche Prellungen festgestellt worden. Die Angeklagten wiesen die Vorwürfe zurück. „Er hat sich selbst in den Schnee fallen lassen“, sagte Alexander W. Den 21-Jährigen hätten sie nach Schönefeld gebracht, um weitere Straftaten zu verhindern. Schon am Tag zuvor habe der Mann in Britz wegen des Zigarettenverkaufs einen Platzverweis erhalten. In einer Vernehmung hatte T. gesagt, dass er auch da bereits verprügelt worden sei.



Zeugin belastet die Angeklagten schwer

Eine Zeugin belastete die Angeklagten jedoch schwer. Sie habe gesehen, wie die Polizisten den Vietnamesen misshandelten, sagte die Altenpflegerin Silvia L. vor Gericht. „Die haben ihn aus dem Auto geholt, mit dem Gesicht in den Schnee geworfen und zusammengeschlagen.“ Anschließend hätten sie ihn an den Haaren gepackt und mit dem Gesicht „in den Schnee gehauen“. Zusammen mit einer anderen Zeugin hatte Silvia L. den Rettungswagen und die Polizei alarmiert. Die zwei Brandenburger Polizisten, die daraufhin zum Einsatzort kamen, bestätigten, die Kleidung des 21-Jährigen sei zerschnitten gewesen. Zudem habe er leichte Verletzungen gehabt.

Während der Verhandlung zeigte sich mehrfach, dass der Prozess schlecht vorbereitet war. Bei der Befragung eines weiteren Polizisten stellte sich plötzlich heraus, dass gegen ihn im gleichen Zusammenhang ein Verfahren wegen der Verfolgung Unschuldiger läuft und er deshalb nicht aussagen musste. Richter und Staatsanwältin wussten davon nichts. Ein Verteidiger hatte sie darauf aufmerksam gemacht.

Der Zigarettenhändler habe die Polizisten möglicherweise belastet, um sich selbst zu schützen, sagte Richter Farag in der Urteilsbegründung. Zudem habe sich die Hauptbelastungszeugin mehrfach widersprochen. Sie hatte unter anderem entgegen einer früheren Aussage angegeben, die Tat aus rund 15 statt 50 Metern beobachtet zu haben.



Berliner Zeitung, 11.08.2011