Zeuthen: Ab morgen sind Gemälde von Vera Schwelgin und Wolfgang Reinke zu sehen: Düstere Vergangenheit verblaßt auch in Bildern

Zeuthen. Werke aus zehn Jahren ihres künstlerischen Schaffens zeigen in den Räumen der Zeuthener Nachrichtentechnik Berlin-Brandenburg (NTBB) Vera Schwelgin und Wolfgang Reinke. Darunter sind erstmals Bilder, die als "Kulturgut der DDR" im Lande bleiben mußten.Um Kunst zu präsentieren, öffnet Karl-Hermann Abraham sein Unternehmen bereits zum vierten Mal. Die 30 Werke von Vera Schwelgin und Wolfgang Reinke werden bis Ende April zu sehen sein. Sie entstanden in verschiedenen Techniken und sehr differenten Lebenssituationen an ganz unterschiedlichen Plätzen.Vera Schwelgin und Wolfgang Reinke sind seit 1985 Berlin-Kreuzberger. In der DDR absolvierte sie die Hochschule der bildenden Künste in Dresden, er besuchte die Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig. Beide lebten und arbeiteten zwar in ländlicher Abgeschiedenheit - aber nicht in Zurückgezogenheit - an der Ostseeküste, im ehemaligen Amtshaus des "Fischlandes". Schwieriger Neuanfang Als sie bereits in der Szene anerkannt waren, mit Erfolgen auf Ausstellungen bis zur Großen Kunstausstellung in Dresden aufwarten konnten, gaben sie sich trotzdem nicht zufrieden. Sie entschlossen sich, beide in den 40ern, zu einem schwierigen Neuanfang. Bisher unbekannte Räume, Licht- und Erlebnissphären wollten sie sich jenseits der Grenzen erschließen.Nicht nur Freunde mußten sie zurücklassen, in dem Bewußtsein, daß man sich vielleicht niemals wiedersehen würde. Auch ihre Bilder, als "Kulturgut der DDR" deklariert, durften die "Ausreisewilligen" bei ihrer Übersiedlung in den Westen nicht mitnehmen. Der I-Punkt: 16 000 Mark verlangte der sozialistische Staat für ihre Werke, die beide in einem Jahrzehnt geschaffen hatten. Einem West-Berliner Rechtsanwalt gelang es schließlich, über ihren Mecklenburger "Zwangsanwalt", die Bilder nachkommen zu lassen. Nach fast zwölf Monaten, fünf Tage vor Ablauf der Verjährungsfrist.Der Wechsel auf die andere Seite der Berliner Mauer wird in ihren Arbeiten deutlich. Vera Schwelgin stellt im NTBB nun erstmals Bilder aus, die sie noch 1985 in Mecklenburg malte. Da sieht man ihre "Masken", entstanden um den schwer errungenen Weggang. Kühle, düstere Farben drücken Schmerz aus. Farben und Formen von Vera Schwelgins jüngsten Holzschnitten auf Chinapapier zeigen, daß die düsteren Erinnerungen verblaßt sind. Kraftvoll in warmen Tönen drückt ihr "Koloß", menschliche Stärke, Zuverlässigkeit aus. Bewegend die Schwangere, ein Holzschnitt, den sie "Übergang" nannte. "Ich habe mich spontan dazu entschlossen", erinnert sich Vera Schwelgin, "nachdem ich das Buch ,Eine glückliche Schwangerschaft und ihr jähes Ende` von Brigitte Flieger gelesen hatte.""Ich male immer meine Sehnsucht Natur", umreißt Wolfgang Reinke den Inhalt seiner Bilder. Diese Sehnsucht hatte ihn an die Ostseeküste mit ihrem Wechselspiel der Farben in den Jahreszeiten getrieben. Sein "Am Abhang" von 1987 - dunkel und gewaltig - wirkt auf manchen Betrachter bedrohlich, andere spüren die Kraft von Landschaft. Immer wieder Bäume Dagegen zeigen die im mediterranen Raum entstandenen Bilder die sonnige Heiterkeit der vom Maler aufgesogenen Landschaft. Daneben sieht man Teile von Bäumen, Stämmen, wie die "Birke". "Es reicht ein Stück", sagt Reinke, "um etwas auszusagen. In der Beschränkung liegt das, was ich ausdrücken will." Und er meint, daß die Natur das Einzige sei, was Bestand habe. "Sofern der Mensch ihr nicht ein Ende setzt", muß er jedoch zugeben. Seine Bäume, deren "physiognomische Unterschiedlichkeit" ihn immer fesselte, sind nicht fotografisch dargestellt. Sie wirken, auf einen ruhigen Untergrund gemalt, wie aufgeschichtet, von ihrer Umgebung umschlungen. Die Vernissage am Freitag um 19.30 Uhr in der Schillerstraße 54 erhält durch ein musikalisches Programm einen besonderen Akzent: Das Trio "Harry's Freilach" spielt jiddische Rhythmen in internationaler Besetzung. +++