BERLIN. Es gibt diese eine magische Szene, in der 44 900 Zeugen im Estadio do Dragão von Porto und zig Millionen Fernsehzuschauer ihren Augen nicht trauten. Was war das denn für eine Bewegung? Wie kann man die Schwerkraft so überlisten? Mit welchem Körperteil bloß hat Zlatan Ibrahimovic das Spielgerät an Italiens Torhüter Buffon vorbeigemogelt? Der Ball war im Tor. Erst die Zeitlupe enträtselte, wie es passierte. Wie Ibrahimovic mit dem Rücken zum Tor einen halben Meter über dem Rasen schwebt, sich aufrecht in der Luft leicht nach rechts dreht, wie sein rechtes Schienbein seitlich hochschnellt und er den Ball um Buffon herum ins Netz bugsiert. Rotzfrech - mit der Hacke. Der Künstler nannte sein Werk einen "gedrehten Seitwärtsfußstoß".Es ist vier Jahre her, dass Ibrahimovic seinen unnachahmlichen Sprung bei der EM 2004 vollführte, mit dem er Italien ein spätes 1:1 verpasste, was Schweden den Weg ins Viertelfinale eröffnete. Der Sprung steht dafür, dass Schweden Unerhörtes vollbringen kann - damals wie bei dieser EM. Dass mit Ibrahimovic Unmögliches möglich ist.Erst am 18. Mai zeigte er das im Regen von Parma, als er nach monatelanger Verletzungspause sein wankendes Inter Mailand mit zwei Toren zur Meisterschaft schoss. Als sei es ein Klacks und alle Zweifel seiner Mitspieler am letzten Spieltag absoluter Quatsch. "Ibrakadabra" schrie der italienische Fernsehreporter, die Süddeutsche schrieb: "Der über dem Wasser schwebt".Wer sich den Spaß macht, Tore von Ibrahimovic im World Wide Web zu bestaunen, sieht, wie er im Trikot von Ajax Amsterdam Gegner wie Pappmännchen austanzt. Wie er für Juventus Turin aus unglaublichen Positionen trifft. Wie er seit Sommer 2006 für Inter mit Pirouetten Torhüter in die Irre leitet. Diese Sprünge entlehnt er aus dem Taekwondo. Auch mit Ballett beschäftigt er sich intensiv.Die Grenzen des Zlatan Ibrahimovic verlaufen eben anders, sie sind verrückt. Fußballerisch, finanziell, privat. Mit einer Jahresgage von zwölf Millionen Euro ist der 26-Jährige der vermutlich bestbezahlte Fußballer des Planeten. Real Madrid soll jüngst 70 Millionen für den Angreifer mit der Schuhgröße 47 ausgerufen haben. Inter-Boss Moratti ließ ihn nicht ziehen: Ibrahimovic sei ein Genie. Andere finden den Angreifer eher durchgeknallt. Angeblich interessiert ihn das alles nicht. Ibrahimovic blieb in Italien, obwohl er als Sohn einer kroatischen Mutter und eines bosnischen Vaters von Rassisten als "Zigeuner" diffamiert wurde. Obwohl der Mob über die zwölf Jahre ältere Lebensgefährtin witzelt.Unzählige Anekdoten dokumentieren Ibrahimovics Launen. Einmal wurde er verhaftet, weil er sich mit einem Freund als Polizist verkleidete und einen Freier festnahm. "Ein Jux", sagt Ibrahimovic. Über seine Kollegen macht er sich gerne und ausgiebig lustig. Den Schweizer Henchoz beleidigte er so: "Erst ging ich nach links, und er auch. Dann ging ich nach rechts, er auch. Dann ging ich wieder nach links, und er ging und kaufte sich eine Wurst." Über sich selbst sagt Ibrahimovic: "Eines Tages werde ich der neue Maradona sein."Maradona führte Neapel zum Titel - und Argentinien. Hier liegt Ibrahimovics Problem. Sein großes Mundwerk stellt die Darbietungen für die Tre Kronors weit in den Schatten. Nach dem magischen Tor in Porto erzielte er kein wichtiges mehr in Gelb-Blau. Bei der WM 2006 und in der Qualifikation zur EM 2008 agierte er wie ein wirrer Zauberlehrling. Als ob ihn die Auswahl lähme. Vor der Partie gegen Griechenland schmerzt sein Knie, seit Tagen führt er eine Fehde mit schwedischen Medien. Doch all das ist unwichtig. Er ist überzeugt, Schweden ins Viertelfinale zu schießen. Dem Schweizer Boulevard sagte er: "Sie müssen mich umbringen, um mich zu stoppen."------------------------------Foto: Zlatan IbrahimovicPosition: AngriffVerein: Inter MailandAlter: 26 Länderspiele/Tore: 50/18Erfolge: Teilnahme WM 2002 und 2006, EM 2004