Vor ihr auf dem Tisch lag ein Brillenetui, das sie ab und an berührte. Es war rosa. Nicht pink, nicht quietschig hellrot. Ein Rosa, so zart, fein und hell, gegen das die Unschuld einer Wolke im Morgenrot bereits grob anmuten würde. Beate Zschäpe betrachtete es, während ein Zeuge im Prozess aussagte.

Ihr Halstuch konnte mit der Anmut dieser rosa Farbe nicht mithalten, obwohl es fast ebenso blumig und leicht wirkte. Sie schaute an sich herab, zum Tuch, zum Etui, dann hob sie den Blick versonnen und klimperte mit ihren großen Augen lächelnd ihren Anwalt an, während sie sich mit der Hand durch ihr dunkles Haar fuhr. Ihr Anwalt lächelte vertraut zurück. Die beiden tuschelten. Sie war stets lieb und nett, die Liese, die Beate, die Diddlmaus, so bezeugten es ihre Bekannten. Niemand hätte vermutet, dass sie „sowas“ macht, Menschen umbringen, die Liese? Kann man sich nicht vorstellen.

Hat sie sich verstellt? Ist das Rosa eine Verkleidung der mutmaßlichen Mörderin? Nein. Sie ist tatsächlich durch und durch rosa. Sie anzuschreien, sie solle doch gefälligst so schwarz und braun aussehen, wie sie in ihrem Inneren sei, hätte keinen Sinn gemacht. Ebenso wenig wie es für Opfer und Hinterbliebene der NSU-Morde Sinn gemacht hatte , anzunehmen, jenes Rosa würde Beate Zschäpe ansprechbar machen für das Leid, das sie verursachte.

Rosa und schwarz sind nicht die beiden Enden einer emotionalen Skala, derer sich Nazis wie Zschäpe bedienen. Ihr Inneres hat gar keine Farbe. Es ist die reine Kälte einer Frau, die im selben Moment ein Kätzchen streicheln und ein Kaninchen mit dem Kopf gegen eine Wand schleudern kann, sodass es blutig zerplatzt. Reine Kälte, gemacht aus Gleichgültigkeit und Kitsch.

Beate Zschäpe selbst weiß es, im Gegensatz zum erstaunten Publikum, das noch immer mit den eigenen Klischees darüber ringt, was einer Frau „als Frau“ so zuzutrauen ist und was nicht. Beate Zschäpe hat die Gruppe NSU gleichzeitig unsichtbar gemacht, weil sie ihr durch ihre weibliche Anwesenheit das Siegel der Harmlosigkeit verlieh, und wurde selbst unsichtbar. Denn wer achtet schon auf eine Frau mit rosa Schal? Frauen sind keine Täterinnen. Sie kochen Kaffee und halten das Geld zusammen, mehr nicht.

Seit dem Prozess gegen Adolf Eichmann, der den Massenmord an den Juden Europas organisierte, kursiert in Deutschland der missverständliche Begriff von der Banalität des Bösen: Schreibtischtäter, Befehlsempfänger, Abspalter ohne eigenen Sadismus, banal und einfältig. So hat sich eine ganze Generation selbst gesehen. Und die meisten dieser Generation wussten auch nichts, waren komplett ahnungslos, sie haben das Abschlachten von Millionen übersehen. Ganz besonders die Frauen. Der Pfad zwischen Täter, Mittäter, Mitwisser, Nichtswisser war schmal. Tiefe Kälte und Gleichgültigkeit hielt alles zusammen – damals.

Die banale Erkenntnis heute ist, dass die Ermittlungen im Fall NSU keine Serie von Pannen und Fehleinschätzungen waren und auch nicht einfach der Kumpanei zwischen Nazis und Behörden entsprangen. Der wahrscheinlichere Grund ist, dass den Ermittlern in deutschen Behörden noch immer jene kalte Gleichgültigkeit anhaftet, die sie unfähig machte, die Opfer zu sehen. Das zarte Rosa von Beates Brillenetui ist deshalb die wohl grusligste Farbe Deutschlands.