Vielleicht muss man kurz Berlins Clubs verlassen, um das Konfetti zu erklären, das derzeit überall auf den Tanzflächen liegt. Das auf den Lippen kleben bleibt, wenn man an seiner Bierflasche nippt. Das noch im Haar hängt, wenn man am Morgen erwacht. Die Lollis und das Popcorn, das zum Gin Tonic gereicht wird. Die Luftschlangen. Die Seifenblasen. Und auch dieses Festival, das am Wochenende im beschaulichen Chamissokiez in Kreuzberg 61 stattfindet: die Indie Pop Days.Man muss kurz rauszoomen und die große weite Welt in Augenschein nehmen: Erdbeben, explodierende Atomkraftwerke, Revolutionen, kollabierende Finanzmärkte, brennende Autos und Amokläufer. Es ist das Ende der Welt, so fühlt es sich an. Und, jetzt sind wir wieder im Berliner Club, wir wissen das und machen uns die Nacht so klebrig süß wie einst den zwölften Geburtstag. Dazu gehören die Hits unserer Kindheit in den Achtzigern, handsignierte Vinylpressungen unter dem Arm, Performances im Zirkusstil als DJ-Vorprogramm und poppig fröhliche Gitarrenmelodien von Bands, die sich jedem Kommerz verwehren. Ein bisschen elektronisch darf es sein, gerne auch schrammelig, Hauptsache einfach und verspielt. Alles süß, alles hübsch, alles niedlich: Alles "twee", wie man auf Englisch sagt und wie auch diese Musik heißt.Es wird kuschelig in der Berliner Nacht. Im vergangenen Jahr fanden die Indie Pop Days zum ersten Mal statt. Organisiert wird das Festival von Silke Bauer, Jule Rothe und Kat Heinzmann, die selbst ganz begeistert sind von Twee. Vor zwei Jahren haben sie zunächst die Indiepartyreihe P!o!pkombinat gegründet, später benannten sie sich um in "Let's Kiss And Make Up": Lass uns küssen und uns wieder vertragen.Twee passt zu Bullerbü. Viele Bands kommen, neben England, aus Skandinavien. Wir machen uns die Welt, wie sie uns gefällt, und sei es nur für diese eine Nacht. Eine Welt harmlos wie eine Pappkulisse, bunt und einfach, so sieht sie aus, in den Musikvideos von Darren Hanlon etwa, der gleich am ersten Festivaltag auftritt. Die Twee-Welt ist eigentlich ziemlich global: Hanlon kommt aus Australien. In den vergangenen Jahren haben Silke und Jule viele Musiker persönlich kennengelernt, auf ihren eigenen Partys oder auf Popevents in ganz Europa.Jetzt stehen also Bands aus Schweden, Russland, Kanada, oder Schottland auf dem Programm. Aus Berlin kommen Sorry Gilberto und Our Blanket Skies. Es ist ein Festival, das den Nachwuchs fördern will, kleine Perlen, die man suchen muss, wie Silke es beschreibt. Und die man eher selten live in Berlin zu sehen bekommt. Das macht die Indie Pop Days so besonders in dieser Stadt, wo Festivals geradezu inflationär geworden sind.Auch bekanntere Bands sind schon bei ihnen aufgetreten. Die Veranstalterinnen buchten The Pains Of Being Pure At Heart aus New York, bevor die zur It-Band wurden. Zu den ersten Indie Pop Days kam Ray Rumours, das Soloprojekt der Bassistin der ebenfalls bekannten Band Electrelane. Am Sonnabend nun treten The Wave Pictures aus London auf, die hierzulande auch schon mal im Radio laufen. Nach den Konzerten legt Tim Gane, Gründer von Stereolab, auf. Die größeren Namen, so hoffen die Veranstalterinnen, ziehen Publikum an, und das wiederum ist gut für die kleineren Bands.Sehr twee ist auch der Ort des Festivals: Der Wasserturm, 120 Jahre alt, thront auf dem Tempelhofer Berg, ist rund und aus dunkelroten Klinkern, hier würde Rapunzel wohnen, wäre sie Berlinerin. Seit den Achtzigern wird er nicht mehr als Wasserspeicher für die umliegenden Mietshäuser genutzt, ist er ein Jugendclub. Und so fühlt es sich dort auch an, nicht düster und verrucht sondern unschuldig wie Engtanz und Flaschendrehen. Die frühen Konzerte finden draußen im Innenhof statt, es wird gegrillt und Kuchen verkauft, und wer weiß, vielleicht setzt sich der ein oder andere Musiker spontan in eine Ecke und klampft ein bisschen vor sich hin. Alles kann passieren. Einen Backstagebereich haben die Veranstalterinnen zwar eingerichtet, aber der Wasserturm ist so klein, so überschaubar, dass man sich hier unweigerlich über den Weg läuft. Vorausgesetzt, die Welt ist bis zum Wochenende nicht untergegangen.-----------------------Indie Pop Days: Von Freitag bis Sonntag im Wasserturm Kreuzberg, Kopischstraße 7.Tickets und Programm unter indiepopdaysberlin.blogspot.com------------------------------Foto: Küssen und vertragen: Kat Heinzmann, Silke Bauer und Jule Rothe (von links) organisieren die Indie Pop Days mit Musik, die glücklich macht.