Wer in diesen Tagen das Zeughaus Unter den Linden besucht, kann in einer Vitrine den Messing-Adler sehen, der einst die Fahne eines napoleonischen Regiments zierte. Der wurde 1941 von deutschen Pionieren aus dem Flußbett der Beresina geborgen. Dort hatte er seit Napoleons Rückzug aus Rußland im Winter 1813 gelegen.Als Hitler am 21. 3. 1943 im Anschluß an die Heldengedenkfeier im Zeughaus eine Ausstellung russischer Beutewaffen besuchte, bemühte sich ein Offizier, Hitlers Aufmerksamkeit auf jenen napoleonischen Adler zu lenken. Oberstleutnant von Gersdorff trug in seiner Manteltasche einen Sprengsatz, dessen Zeitzünder er auf zehn Minuten eingestellt hatte. Er war entschlossen, sich zu opfern, um Hitler zu töten. Hitler jedoch zeigte keinerlei Interesse an den Erläuterungen des neben Ihm gehenden Gersdorff und verließ bereits nach wenigen Minuten das Zeughaus, Dieser unerwartete Abbruch des Besuches rettete Hitlers Leben und zwang von Gersdorff, im letzten Moment im nahe gelegenen WC die Sprengladung zu entschärfen.Diesen wie auch die anderen Attentatsversuche erwähnt Marion Gräfin Dönhoff in der Einleitung zu ihrem jetzt erschienenen Buch "Um der Ehre willen", Erinnerungen an die Freunde vom 20. Juli.Aus der Fülle der Neuerscheinungen, die zum SO. Jahrestag des Attentats auf den Markt drängen, sticht dieser schmale Band hervor. Gräfin Dönhoff, die große alte Dame des deutschen Journalismus, hat Erinnerungen an ihre Freunde, die im Widerstand ihr Leben ließen, in einigen sehr persönlichen biographischen Porträts festgehalten.Die fünfzig Seiten zur Vorgeschichte der Verschwörung bieten wohl die beste Kurzfassung von Verlauf, Motiven und Problemen der Versuche, Hitler zu beseitigen. Zwei Aspekte werden von Gräfin Dönhoff besonders deutlich herausgearbeitet, das vergebliche Bemühen der deutschen Opposition, im Ausland Verständnis und Unterstützung zu finden sowie die Versuche der Westalliierten, die Berichterstattung über den deutschen Widerstand -- selbst noch in den ersten Nachkriegsjahren -- zu unterdrücken.Mit erschreckender Deutlichkeit stellt Gräfin Dönhoff heraus, wie sich das Ausland Hltlers Qualifikation der Widerstandsbewegung von der "kleinen Clique ehrgeiziger Offiziere" zu eigen machte. So erklärte Churchill am 2. 8. 1944 im Unterhaus, es handele sich lediglich "um Ausrottungskämpfe unter den Würdenträgern des Dritten Reiches". Die "Harald Tribune" meinte 9. 8. 1944, die Amerikaner würden es "nicht bedauern, daß die Bombe Hitler verschont hat, auf daß er selbst seine Generale erledigen kann. Amerikaner haben nichts übrig für Aristokraten und schon gar nicht für diejenigen, die dem Stechschritt huldigenGräfin Dönhoff vermutete hierin den Grund, weshalb in der Nachkriegszeit eine gewisse Zensur dafür gesorgt hat, daß die ersten Arbeiten über die Widerstandsbewegung in I)eutschland nicht erscheinen konnten. ,Was wollten denn diese vielen Grafen und Adligen eigentlich?" Diese Frage aus persönlicher Sicht zu beantworten, dienen die sieben biographischen Porträts der Widerstandskämpfer.Im Abstand von SO Jahren treten die Konturen schärfer hervor: Albrecht Graf Bernstorff, kein Mann, den man dem Widerstand, so wie wir ihn heute verstehen, zurechnen kann, aber ein Diplomat, der seinen Dienst 1933 freiwillig quittierte und aus der Verachtung, die er für die Nazis empfand, nie einen Hehl machte. Das brachte ihn ins KZ und nach seiner Entlassung dazu, seine Kritik nicht zu mäßigen. 1943 erneut verhaftet, ist er im April 1944, wenige Tage, ehe die Russen Berlin eroberten, im Moabiter Gefängnis erschossen worden.Axel von den Bussche wurde als junger Offizier im Infanterieregiment 9, das eine Reihe von Verschwörern stellte, im Sommer 1942 Zeuge, wie in der Nähe von Dubnow grauenvolle Massenerschießungen von 2 000 Juden -- Männer, Frauen und Kinder -- geschahen. Er stellte sich zur Verfügung, um bei der Vorführung neuer Felduniformen mit einer am Körper getragenen Sprengladung sich und Hitler in die l.uft zu sprengen. Am Vorabend des geplanten Attentats wurden die Uniformen Opfer eines Luftangriffes auf Berlin. Bussche fuhr zurück zur Front und wurde wenig später schwer verwundet.Fritz-l)letlof von der Schulenburg, der zu Beginn ein begeisterter Natlonalsozialist war, 1932 der Partei beitrat und, sehr rasch den Verfall der Rechtsordnung erkennend, zum Gegner des Regimes wurde. Als stellvertretender Polizeipräsident von Berlin entließ er nach der Kristallnacht auf eigene Verantwortung willkürlich verhaftete Juden. 1940 als "politisch untragbar" aus der Partei ausgeschlossen, trat er vom Amt zurück und meldete sich an die Front. Am 8. August 1944 wurde er in Plötzensee hingerichtet.Kristallisationspunkt des,, Krei~auer Kreises" waren die Grafen Helmut James von Moltke und l>eter York von Wartenherg. Der ,Kreisauer Kreis", wie diese (esprächsgruppc in den Protokollen der Verhöre genannt wurde, hatte sich mit dem Deutschland nach dem Umsturz befaßt. Die neue Rechts-, Wirtschaftsund Sozialordnung, über welche dort nachgedacht worden war, hat Aktualität.Heinrich Graf l.ehndorff, auf ihn könnte der ,l itel des Buches "Um der Ehre willen" gemünzt sein. Nach dem 20Juli -- er war zur Bewirtschaftung seiner Güter von der Front beurlaubt -- entkommt er zunächst der Gestapo, stellt sich dann aber, um die Familie zu schützen.Das letzte Porträt gilt Adam von Trott zu Solz, eine der besonders tragischen Gestalten des Widerstandes. Aufgrund seines Studiums als "Rhode Scholar" 1931 in Oxford und der ausgezeichneten Auslandskontakte, wurde er der Emissär des Widerstandes. Immer wieder -- allein sechzehnmal zwischen 1942 bis Mitte 1944 -- versucht er die Regierungen der Kriegsgegner von den Zielen der Widerstandsbewegung zu überzeugen. Erfolglos: Bei der lektüre dieses Buches kommt in den Sinn, ob für die Gräfin l)önhoff ihre journalistische Tätigkeit nicht die Umsetzung der Ideen des Kreisauer Kreises mit anderen Mitteln gewesen ist. l)iese Verpflichtung hätte sie in nobler Weise eingelöst.Marion Gräfin Dönhoff: "Um der Ehre willen" -- Erinnerungen an die Freunde vom 20. Juli, Siedler Verlag Berlin, 191 Seiten.Für uns las: Hasso Freiherrvon Uslar-GleichenBrigadegeneral Hasso Freiherr von Uslar-Gleichen, geboren 1935 in Hildesheim, aufgewachsen in Berlin, wurde 1990 zum ersten Standortkommandanten der Bundeswehr in Berlin berufen -- möglich geworden mit der neuen Souveränität nach der Vereinigung. Zuvor war er Verteidigungsattach" bei der Botschaft der Bundesrepublik in Washington. Foto: KestenVergebliches Bemühen um Verständnis