Gunter Demnig hat einen völlig neuen Begriff des Denkmals begründet. Mit seinen Stolpersteinen, pflastersteingroßen Betonwürfeln mit Messingtafeln versehen, auf denen ein Name eingraviert ist, erinnert der Bildhauer jeweils an ein jüdisches Opfers des Nationalsozialismus. Der Stein wird vor dessen letztem Wohnort im Gehweg versenkt. Nicht irgendwo hingehen und innehalten - sondern mitten im Alltag durch einen kleinen Hinweis unter den Füßen mit der Geschichte konfrontiert werden. Und sehen, was man aus dieser Begegnung macht. Eine geniale Idee und erfolgreich dazu. 30000 dieser Steine hat der gebürtige Berliner Demnig seit 1993 in Europa verlegt.So ein Erfolg weckt Begehrlichkeiten, nicht zuletzt bei den Finanzbehörden. Veranschlagt Demnig doch für die Recherche, Herstellung und Verlegung jedes Steins 95 Euro. Das macht bei 30000 dieser Werke 2,85 Millionen Euro Umsatz. Die Oberfinanzdirektion Rheinland erkannte den Gedenkwürfeln kurzerhand den steuerrechtlichen Status als Kunst ab. Demnig sollte daher nicht den ermäßigten Satz von sieben Prozent für Kunstwerke zahlen, sondern die vollen 19 Prozent. Nachträglich. Aus Sicht der Behörden handelt es sich um fabrikmäßig hergestellte Hinweisschilder.Nun ist dem seit fast 30 Jahren bei Köln lebenden Demnig unerwartet Hilfe zur Seite getreten. Der nordrhein-westfälische Finanzminister, Norbert Walter-Borjans, hat zu verstehen gegeben, er wolle die Angelegenheit mit dem ausdrücklichen Ziel prüfen lassen, die fragliche Steuer auch künftig bei sieben Prozent zu belassen. "Es handelt sich um ein einziges Werk der Erinnerung, das durch den Künstler permanent vervollständigt wird", sagte Walter-Borjans, der sich selbst zu den Bewunderern Demnigs zählt.Die Informationen zu jedem einzelnen Stolperstein werden von Demnig individuell recherchiert. Zudem bearbeitet der 64-Jährige auch jedes Exemplar persönlich. Das kann jeder mühelos feststellen, der einen solchen Stein im Original gesehen hat. Zu dem Preis sagt der Künstler: "Jeder, der rechnen kann, fragt mich: ,Wie machst du das mit den 95 Euro?' Wenn ich meinen Stundenlohn ausrechne, glaub' ich nicht, dass ich über 2,50 Euro kommen würde."Darum geht es auch nicht. Es geht um das Nicht-Vergessen. 30000 Steine, das ist für Demnig eine enorme Zahl. Wenn man aber bedenkt, dass sechs Millionen Juden ermordet wurden, dann wirkt sie nicht mehr so groß.------------------------------Foto: Gunter Demnig, Erfinder der "Stolpersteine"