Ist es ein heidnischer oder ein proletarischer oder einfach nur so ein Brauch? Der letzte Tag im April ist in der Prignitz stets ein fröhlicher Sonnabend. In vielen Dörfern sieht man nur die freiwilligen Feuerwehren arbeiten, aus Frühjahrsbaumschnitt und Abbruchholz schichten sie die Haufen für die Maifeuer. Wasserspritzen und Bierhähne werden entsichert, alle potenziellen Brände zu löschen. Das alte Wolfshagen hat sich sein Freudenfeuer für Himmelfahrt aufgehoben. Vorm barocken Schloss, rosé-ocker herausgeputzt, wüten am Vorabend des ersten Mai Bagger und Planiergeräte durch schlammiges Baugelände, auf dass dort wieder Rasen und Rosen wachsen. Vor dem Seitenflügel wird gebuddelt, die Arbeiter haben mittelalterliche Fundamente freigelegt. Sie prüfen, wie weit man diesen Steinen noch trauen kann. Ein von Baustaub heimgesuchter fliederfarbener Audi rollt heran, heraus steigt ein älterer Herr in blauer Jeansjacke und dunkelkarierter Anzugshose, das Gesicht ziert ein sorgfältig gezwirbelter Bart. Der Mann läuft zu den Leuten im Baugraben, als wolle er am liebsten selbst mitschaufeln. Aber in einem Werkstattwagen wartet auch schon der Elektromeister, im Schloss gibt es Probleme mit den Lichtleitungen. Eine Frau aus dem Dorf will wissen, ab wann sie drinnen alles sauber machen sollen. Immer gleich ran, sagt der Mann aus dem Audi mit freundlicher, sonorer Stimme, der feine Abrieb überall ist unser Verderb - "saugen, saugen, saugen!" Machen wir, Herr Professor. Schon eilt der Herr ins Haus, steigt auf ausgelegten Pappen die frisch getischlerte, historisch nachkonstruierte Treppe hinauf. In den Sälen oben wird gehämmert, gebohrt, gehobelt. Hängen die Ahnenbilder gut? Die Winterfeld und die Moltke vielleicht bitte ein wenig mehr in Augenhöhe. Tag, die Herren, wie weit seid ihr mit dem Wandschrank? Auf einem Tisch liegen Halterungen für Wandteller; der Herr Professor klemmt sie behutsam gleich selbst den Porzellanen an . Nur noch ein paar Tage, und Wolfshagen bittet in sein rekonstruiertes und traditionell eingerichtetes Herrenschloss. Am Wochenende soll die brandenburgische Kulturministerin kommen, am Vatertag ist alles Volk geladen. Dieses Wohn-Museum wird der Ort sein, an dem man sich wieder ein Bild davon machen kann, wie der märkische Landadel in dieser Region gelebt hat, sagt der Professor. Zwar könne man das Rad der Geschichte nicht zurückdrehen, die versunkene, vertriebene, gewaltsam vernichtete Kultur nicht wiederherstellen. "Aber ich kann sie adaptieren und so an sie erinnern."Über achteinhalb Jahrhunderte war diese Kultur in der nördlichen Prignitz von jener weit verzweigten Familie geprägt, die mit Stolz einen Schnattervogel im Wappen trägt: von den Gans Edlen Herren zu Putlitz. Die Einwohner reden einfach von den "Edlen Gänsen", aber die jüngeren wissen kaum noch etwas Genaues über sie. Da ist der blonde junge Mann, der auf der Leiter steht und Bilder aufhängt, wofür er extra Urlaub nahm, schon die Ausnahme: Torsten Foelsch hat sich bereits in seiner Schulzeit in der DDR nicht abfinden wollen mit ignoranten Urteilen über die davongejagten "reaktionären Junker". Er begann zu forschen nach Mitgliedern dieser Adelsfamilie, die erstmals im Wendenkreuzzug Albrecht des Bären 1147 aus der Altmark in die Prignitz kamen, bald das Gebiet der Stepenitz beherrschten, Putlitz, Wittenberge, Perleberg, Wolfshagen und auch das Kloster Marienfließ gründeten, sich den brandenburgischen Markgrafen unterordnen mussten, hochrangige Staatsdiener, fortschrittliche Landwirte, Gelehrte und Künstler hervorbrachten, bis 1945 auf Laaske, Groß Pankow, Retzin und anderen großen Gütern saßen. Der Denkmalsschützer Foelsch gilt inzwischen als der Fachmann für die Stammbäume und Verdienste der Familie Gans. Das hat auch den Respekt des Professors, und das will etwas heißen. Denn der Mann in der Jeansjacke ist der 67-jährige Augenarzt Prof. Dr. Bernhard von Barsewisch, Sohn der Elisabeth Gans Edle Herrin zu Putlitz und des Fliegergenerals Karl Henning von Barsewisch. Bernhard verlebte glückliche Kindertage auf dem Groß Pankower Gut, bis er im Frühjahr 1945 vor der anrückenden Roten Armee mit der Mutter nach Westdeutschland floh. Bernhard von Barsewisch wurde ein renommierter Augenchirurg, leitete die Augenklinik Herzog Carl Theodor in München. In den Jahren der Teilung zog es ihn immer wieder zu den enteigneten Familiensitzen in der DDR. Einmal verschaffte er sich - "mit einiger Kriegslist" - unerkannt Zutritt ins Groß Pankower Schloss, das man zum Krankenhaus gemacht hatte. "Im Ankleidezimmer meiner Tante schmierte eine Schwester Stullen; im Esszimmer der Familie lagen neun Patientinnen, überall roch es nach Urin und dem allgegenwärtigen Wofasept. Du siehst, wie die Orte, die uns so teuer waren, zerwirtschaftet werden, ballst die Fäuste in den Hosentaschen und kannst nichts tun." Als die Wende kam, hielt es ihn nicht auf dem honorigen Posten in München. Es gelang ihm, das Schloss und den Park in Groß Pankow zu erwerben, ließ alles, auch den Familienfriedhof, wieder würdig herrichten. Im standesgemäßen Ambiente eines Gans Edlen wohnt er da. Doch mit zwei Partnern unterhält er in dem Hause auch eine moderne Augenklinik, wo jeden Tag 30 Menschen operiert werden. Der eher nüchterne und pfiffige denn sentimentale Barsewisch gesteht die Bewegung, die ihn befiel, als er mit Blick auf sein Kindheitsparadies draußen das erste Mal Patienten empfing: "Da musste ich mich schon in den Arm kneifen: das ist kein Traum, dass du hier arbeitest, das ist Wirklichkeit!" Die Wiedergeburt des Schlosses Wolfshagen, dem die Nutzung als Schule schlecht bekam, ist nun der zweite erfüllte Traum von Barsewischs. Besessen wirkte er für das gemeindeeigene Adelsmuseum, das etwa dreieinhalb Millionen Euro kostet. Er gründete einen Förderverein, warb Fördergelder und Spenden ein, organisierte dörfliche Märkte und Benefizkonzerte, auch im Apollosaal der Berliner Staatsoper. Zu Familienfesten will er von niemandem Blumen oder Geschenke: "Bitte alles für Wolfshagen!"Was treibt ihn an? "Die königlichen Schlösser um Berlin werden fabelhaft restauriert, um die kleinen Klitschen des Landadels kümmert sich niemand, sie dümpeln dahin und verfallen." Auch von dem Kulturgut seiner Ahnen ist vieles unwiderbringlich dahin, sagt Barsewisch. Doch so manches aus den Gans-Familien habe man dennoch auftreiben können - Porzellane, Silber, kleine Haushaltsgegenstände, ein Taufbecken. Das Museum soll den "Mischstil" der Einrichtung dokumentieren, wie er sich über Generationen im Alltag der Gans Edlen ergab. Attraktiv arrangiert zeigt von Barsewisch im Schloss seine private Porzellansammlung - vom einfachen blau-weißen Bauerngeschirr bis zu erlesenen unterglasurblau bemalten Stücken.Im Schloss, das Barsewischs Urururgroßonkel Albrecht Gottlob 1786/87 auf altem Grund bauen ließ, spürten die Restauratoren noch dem geringsten authentischen Relikt nach. Alte Gestühlwangen aus der zu DDR-Zeiten abgerissenen Kapelle im Park finden sich in einem neuen Kapellenraum im Innern des Hauses wieder. In der "2. Prinzenstube" entdeckte man Reste von Wandbildern nach Motiven Chodowieckis; die Malereien auf den Leinwandtapeten im Gartensaal aber sind gänzlich vernichtet. Leider kann Schloss Wolfshagen auch keine der legendären Büchersammlungen der Gans Edlen vorzeigen. Die Schwestern Elisabeth von Putlitz, eine Bibliothekarin, und Gisela Köthke, eine Elbfischerin, haben da schmerzliche Erinnerungen. Diese beiden Cousinen von Barsewischs, die im Retziner "Musenhof" der Gänse aufwuchsen und heute auf der niedersächsischen Elbseite in Gorleben und Gartow wohnen, erzählten vom Schicksal der Bibliothek ihres Elternhauses. Sie hatte dem kunstsinnigen Urgroßvater Gustav gehört, der Hoftheaterintendant in Schwerin und Karlsruhe war. Mit der Forke seien nach Kriegsende im geplünderten Gut die alten Bücherschätze auf Ochsenwagen geworfen und nach Perleberg gekarrt worden. Nur einen Teil davon hat die Mutter mit ihren Töchtern nachträglich retten können.Die beiden liebenswürdigen Edeldamen stehen zum Engagement ihres Vetters östlich der Elbe. Ja, es mache Sinn, ihre alte Kultur festzuhalten. "Wer von uns zurückgeht, möchte einen Erfahrungsschatz mitbringen", sagt Frau Köthke. "Was in Groß Pankow oder Wolfshagen erreicht wurde, könnte zu einem Kristallisationspunkt werden, aus dem engen Zirkel herauszutreten, in dem man dort vier Jahrzehnte lang leben musste." Adel sei Verantwortung für andere, fügt Elisabeth von Putlitz hinzu. Er bedeute nichts Anderes, "als sich in Würde selbstlos und möglichst unauffällig für das Gemeinwohl einzusetzen". Gisela Köthke: "Das ist für mich Elite. Wir brauchen sie heute wie damals." Seit Jahrzehnten kämpft sie in Bürgerinitiativen gegen Gefährdungen des Ökosystems der Elbe. Vor ihrem kleinen, fein eingerichteten Fischerhaus warnt das gelbe Kreuz der Atommüllgegner. In der Prignitz stieß "der Baron" Barsewisch anfangs auch auf starke Vorbehalte der Eingesessenen. Der Wolfshagener PDS-Bürgermeister Harri Schulz verweigerte sich einem ersten Projekt, das Schloss zu sanieren, bei dem sich die Gemeinde verschuldet hätte. Es gab Zoff; er trat aus dem Förderverein aus. Jetzt ist die Gemeinde mit drei Prozent Eigenanteil über eine "Vergabe-ABM" beteiligt, und Schulz spricht voller Hochachtung vom Eintreten "des Professors" für die Region. Barsewisch baut am Schloss mit seinen privaten Mitteln ein Gästehaus mit 28 Betten und Gastronomie. Schulz hofft, dass irgendwer sich der ruinösen Mühle und der Brennerei annimmt. Der junge Gemeindepfarrer Christoph Brust bewundert von Barsewischs Energie und Geduld. Er sei trotz vieler Anwürfe "der friedliche Mensch geblieben". Kein anderer hätte es geschafft, so viele Leute ins Gespräch und in Bewegung zu bringen. Mit seiner Frau, die den örtlichen Kulturverein leitet, denkt Pfarrer Brust darüber nach, ob die erinnerte Adelskultur "uns zu unseren Wurzeln führt". Im Verein mit den Schönheiten des Stepenitztals, den Mythen des Seddiner Königsgrabs und originellen touristischen Ideen könnte sie neues Interesse auf den Ort und die Region lenken. "Das Schloss könnte zu einer Initialzündung werden.""Diese alte Kultur führt zu den Wurzeln unserer Dörfer. " Christoph Brust, Pfarrer in Wolfshagen .BERLINER ZEITUNG/MIKE FRÖHLINGDer Augenarzt Professor Dr. Bernhard von Barsewisch im Schloss seiner Ahnen