In Amerika war sie die "Frau des Jahres 1946". Die Presse nannte sie die Mutter der Atombombe, denn sie hatte zusammen mit Otto Hahn die Kernspaltung entdeckt. Im Gegensatz zu Hahn hat Lise Meitner dafür jedoch nie den Nobelpreis erhalten. Am vergangenen Freitag wäre sie 125 Jahre alt geworden. Bis zum 13. Dezember ist in der Staatsbibliothek am Potsdamer Platz eine Ausstellung über ihr Leben zu sehen, die vom Hahn-Meitner-Institut Berlin, der Freien Universität und der Humboldt-Universität sowie von der Max-Planck-Gesellschaft getragen wird."Lise Meitner hat ungern über ihr Privatleben gesprochen", berichtet Jost Lemmerich, der die Ausstellung angeregt und gestaltet hat. In mehr als fünfundzwanzig Jahren ist es dem Berliner Wissenschaftshistoriker gelungen, Fotos, Briefe und Urkunden aus dem Nachlass der Physikerin zusammenzutragen, die ihr Leben anschaulich erzählen.Lise Meitner wurde am 7. November 1878 als Tochter des jüdischen Rechtsanwalts Philipp Meitner und seiner Frau Hedwig in Wien geboren. Als sie dort studierte, war sie eine von zwei Frauen im Fach Physik. Mit 28 Jahren, nach ihrer Promotion, zog Lise Meitner 1906 nach Berlin. Dort durften Frauen nicht einmal immatrikuliert werden. Trotzdem konnte sie ohne Probleme die Vorlesungen von Max Planck besuchen. "Auch sonst wurden ihr in Berlin die Türen höflich geöffnet", sagt Jost Lemmerich. Die Anekdote, dass Lise Meitner zuerst mit der Holzwerkstatt des Instituts als Laborplatz vorlieb nehmen musste, relativiert der Historiker: "Ihr Kollege, der Chemiker Otto Hahn, mit dem sie ein halbes Jahrhundert lang befreundet sein sollte, war schon vor ihr aus purer Raumnot dorthin gezogen." Später habilitierte sie sich und wurde vom Kultusminister vorzeitig zum "außerordentlichen Professor" ernannt.Eine große Anerkennung aber blieb Lise Meitner verwehrt - der Nobelpreis für die Entdeckung der Kernspaltung. Seit 1934 arbeiteten Meitner und Hahn an den geheimnisvollen "Transuranen". Sie beschossen Uran-Atome mit Neutronen und hofften, so neue Elemente herstellen zu können, die schwerer als Uran sind. Zu diesem Zeitpunkt war Uran das schwerste Element im Periodensystem. Im Winter 1938 machte Otto Hahn die Entdeckung, dass bei der Bombardierung des Urans mit Neutronen nicht etwa ein schwererer Kern entsteht, sondern zwei leichtere. Offensichtlich war das Uran durch Neutronenbeschuss zerplatzt - ein Ergebnis, das der damals geltenden Lehrmeinung widersprach. "Hahn hielt sich als Chemiker mit allen physikalischen Spekulationen zurück", erläutert Jost Lemmerich. Zu oft habe er von Lise Meitner im Labor zu hören bekommen: "Hähnchen, das ist Physik, davon verstehst du nichts." Doch Hahn konnte nicht mehr einfach zu Lise Meitner ins Büro nebenan gehen, um sie zu fragen. Sie hatte Nazi-Deutschland im Sommer 1938 fluchtartig verlassen.Nach einem aufgeregten Briefwechsel zwischen beiden, der in der Ausstellung ausführlich dokumentiert ist, entwarf Lise Meitner mit ihrem Neffen, dem Physiker Otto Robert Frisch, in wenigen Tagen die physikalische Theorie zur Kernspaltung und veröffentlichte diese in der Zeitschrift Nature. Warum ging sie trotzdem leer aus, als Hahn 1946 den Nobelpreis bekam? "Das Nobelkomitee für Chemie war klein und die Kernspaltung ein Spezialthema, das vielleicht zwölf Leute auf der Welt begriffen hatten", gibt Lemmerich zu bedenken. Außerdem trug der Artikel in Nature den Titel "A new type of nuclear reaction". Hahn war verstimmt, weil er glaubte, dass Meitner die Entdeckung allein für sich beanspruchen wollte. "Dass diese seine Einstellungen mit dazu beigetragen haben, dass das Nobelkomitee gegen uns entschieden hat, weiß ich auch", schreibt Meitner später an ihren Neffen.Wenn Jost Lemmerich von Lise Meitner erzählt, fangen seine Augen an zu glänzen, und eine Anekdote nach der anderen sprudelt aus ihm heraus. Der Besucher sollte sich deshalb zu einer Führung bei ihm anmelden. Die Ausstellung ist nämlich sonst recht trocken und Übersichtstexte zur besseren Einordnung der Exponate in einen Zusammenhang fehlen fast gänzlich. Auch ein schönes Experiment hätte der Ausstellung gut getan.Sehr spät wurde Lise Meitner doch noch groß geehrt: Im Alter von 88 Jahren erhielt sie mit Hahn und Frisch den hoch angesehenen Enrico-Fermi-Preis. Und 1992 benannte die Gesellschaft für Schwerionenforschung in Darmstadt ein neues Element nach ihr, das dort entdeckt wurde: Meitnerium.Ausstellung "Lise Meitner": Staatsbibliothek zu Berlin, Potsdamer Straße 33, 10785 Berlin-Tiergarten; montags bis freitags 10 bis 20 Uhr, sonnabends 10 bis 17 Uhr; Eintritt: zwei Euro, ermäßigt ein Euro; sonnabends freier Eintritt. Katalog: zehn Euro; Anmeldung für Führungen: 030/80 62 20 51CHURCHILL ARCHIVE CENTRE Eines der seltenen Fotos, auf dem Lise Meitner lächelt. Eine Freundin nahm es um 1912 auf - bei einem Ausflug in die Umgebung Berlins.