Dieser wuchtige, kantiges Mann ist ein unverbesserliches Arbeitstier, und er denkt gar nicht daran, dem Nachwuchs die Bühne zu überlassen. Wer Will Quadflieg in seiner Gegenwart als Rentner bezeichnet, der sollte schnell in Deckung gehen. Fällig ist aber garantiert eine Standpauke.Umwerfend vitalAm 15. September wird der Grand Old Man des deutschen Theaters 80. Seine Vitalität ist umwerfend, seine Neugierde ansteckend und seine Kampfeslust immer wieder beeindruckend. Zur Zeit spielt Quadflieg am Thalia Theater in Hamburg den rebellischen Dr. Wehrle in Ibsens "Wildente" und erprobt unter der Regie von Jürgen Flimm den alten Professor in Tschechows "Onkel Wania". Voraussichtliche Premiere: Ende Oktober.Nebenbei hat der Bühnenveteran zusammen mit Gert Westphal den Briefwechsel zwischen Goethe und Schiller für die "Deutsche Grammophon" aufgenommen, und Quadflieg stand bis vor ein paar Wochen für das ZDF-Special "Der gute Merbach" vor der Kamera, das die Mainzelmännchen drei Tage nach seinem Geburtstag zur besten Sendezeit ausstrahlen.Der große Schauspieler ist bis Ende 1995 ausgebucht und meidet sich auch hinter den Kulissen gern zu Wort. Der Mißbrauch von Tieren ist zu seinem Thema geworden: "Heute registriere ich mit Genugtuung, daß die Schildkrötensuppe aus den Regalen der Delikatesgeschäfte so gut wie verschwunden ist, und mit Zorn, daß es immer noch Gänsestopfieber gibt." Und auch der wieder aufkeimende Fremdenhaß In diesem Land läßt den renommierten Schauspieler nicht mehr ruhen: "Die Leute, die Afrikaner zusammenschiagen und applaudieren, wenn ein Haus angezündet wird -- das sind die Schlimmsten. Das ist der deutsche Spießer. Zivilcourage wird schon wieder Mangelware."Aus diesem Grund hat sich Quadflieg vom ZDF die Realisierung des "guten Mehrbach" gewünscht. Der Fernsehfilm erzählt die Geschichte eines Architekten, der plötzlich seinem verschollengeglaubten Enkel gegenübersteht. Der Junge ist nicht nur ein begeisterter Fußball-Fan, sondern auch noch farbig. Im Film erweist Werder-Bremen Trainer Otto Rehhagel dem Fußball-Fan Quadflieg die Ehre, ebenso "Ihre Exellenz, die Botschafterin" Gaby Dohm, Thalia-Intendant Jürgen Flimm und "Tatort"-Kommissar Günter Lamprecht, als Merbachs Chauffeur.Will Quadflieg ("Ich bin ein positiver Pessimist") gehört zum deutschen Theater wie die Kronjuwelen zur Queen. Seit über sechzig Jahren ist der Sohn eines Zechendirektors aus Oberhausen dabei, seit sechzig Jahren schreibt der "Priester der deutschen Sprechkultur" (Die Zeit) Bühnengeschichte.Tasso und King LearUnvergessen sein Tasso, sein Carlos, sein King Lear, sein Krapp in Becketts "Letztem Band". Unvergessen sein "Faust", inszeniert von Gustaf Gründgens am Hamburger Schauspielhaus (1957). Nebenher mischt er In Filmen wie "Die todilchen Träume" und "Moselfahrt aus Liebeskummer" mit, reist als Rezitator durchs Land und nimmt mehr als 70 Schallplatten mit Klassikertexten auf.Ein bißchen ins Abseits gerät der Traditionalist Ende der sechziger Jahre, als junge Regisseure gegen den erstarrten Klassikerbetrieb rebellieren und den "altmodischen Schauspieler" (Frankfurter Rundschau) abservieren. "Das Aufsagetheater mußte weg, ich wurde mit abgeräumt", sagt Will Quadflieg, ausgezeichnet mit dem Henning-Kaufmann-Preis zur "Pflege der Reinheit der deutschen Sprache".Ohne SkandaleErst Mitte der siebziger Jahre kann er sich durch seine Arbeit mit dem Regisseur Rudolf Noelte (Hauptmanns "Michael Kramer") rehabilitieren. Die Verbitterung über die "avantgardistischen Neutöner" aber ist geblieben: "Mit Schaudern erinnere Ich mich an die Zadek-Inszenierung von "Othello". Ein nackter Schwanz auf der Bühne und eine nackte Desdemona, die über die Wäscheleine gehängt wird, und die beilen besudeln sich mit Fäkal-Ausirucken. Das hat doch nichts mehr mit Theater zu tun. Oder?"An Skandalen auf der Bühne wollte sich Will Quadflieg nicht beteililen, und auch privat mag der grauhaarige Grandseigneur, der bevorzugt Rollkragenpullover und Tweedsakkos trägt, keine Schlagzeilen. Nur einmal Jaulten die Moralapostel unter den Journalisten auf, als eine 1940 geschlossene Ehe mit der schwedischen Gräfin Benita von Vegesack der Verbindung entstammen fünfKinder, darunter der "Landarzt"-Schauspieler Christian und die Illustratorin Roswitha -- an "tiefgreifender Entfremdung" scheiterte. Zur Trennung kommt es, als sich Quadflieg 1959 in die 22 Jahre jüngere Schauspielerin Margaret Jacobs verf liebt. Inzwischen sind die beiden seit 31 Jahren verheiratet, leben zusammen in einem versteckt gelegenen Landhaus in der Nähe von Bremen, umringt von Kiefern, Birken, Tannen und Rhododendron. Zur rustikalen Innenausstattung gehören Kamin, Petroleumleuchter, Ikonen, Hufeisen, Trockensträuße, ein Schaukelpferd, Elefanten-und Engeisfiguren.Will Quadflieg, noch in bester Erinnerung als pensionierter Kaufhauschef mit Orchideenzucht In dem ZDF-Vierteiier "Der große Bellheim", ist nicht zu bremsen. Sein Motto: Für einen Schritt Kunst braucht man drei Schritte Menschlichkeit.Heulen vor GlückDen Geburtstag wird der Jubilar ("Ich habe es geschafft älter, aber nicht alt zu werden") im Thalia Theater verbringen und Gedichte rezitieren, die ihn sein Leben lang begleiten. Die Vorstellung ist seit Monaten ausverkauft, Die Gage stiftet der große Schauspieler "Anmesty international" und "Greenpeace". Das vielleicht schönste Geschenk aber machen ihm seine Kinder Christian und Roswitha. Im Arche Verlag erscheint das Buch "Dem Wort verpflichtet" mit Briefe und Bildern von Menschen, die in Quadfliegs Theaterschaffen eine Rolle spielten.Kommentar des Jubilars, der zugibt, Emotionen gegenüber völlig hilflos zu sein: "Sie haben sich rührend bemüht. Ich könnte heulen vor Glück." Dann aber hat sich Will Quadflieg wieder im Griff und zitiert, was er bei jeder sich bietenden Gelegenheit gern tut, diesmal Wolfgang Borchert: "Glück ist nur ein Augenblick, Leid läßt sich meist mehr Zeit." Will Quadflieg in seiner Hamburger Wohnung.