Als ich nach Paris zog, gab es in meinem Viertel einen Pferdemetzger, einen marokkanischen Gemüsehändler, einen verstaubten Schraubenladen, eine triperie, also eine auf Innereien spezialisierte Fleischerei. Es gab auch die Kunden dazu. Doch das ist jetzt anders. Aus Bäckereien sind Hotels geworden, aus Apotheken Restaurants. In der Pferdemetzgerei hat ein Bio-Imbiss aufgemacht, der Schraubenlanden handelt mit Wohnungen und die triperie wurde durch einen Kaffeeladen ersetzt. Das nördliche Marais, einst der abgerissene und untouristische Teil des jüdischen Viertels von Paris, ist heute eine Art Museumsdorf.

Die Soziologen nennen das „gentrification“. Auf gut Deutsch: Die Armen werden verdrängt, die Wohlhabenden kommen. Erst steigen die Immobilienpreise, dann die der Tomaten. Manchmal frage ich mich, ob ich Käse gekauft habe oder doch Antiquitäten. Coolness hat ihren Preis.

Der neueste Trend ist übrigens die Zuckerbäckerei. Sie wird strikt monothematisch betrieben. Das hat einen höheren Hip-Faktor. So gibt es in meiner unmittelbaren Nähe Spezialisten für: Eclairs, Choux, Profiteroles. Das sind alles Leckereien aus Brandteig, Windbeutel könnte man sagen, aber das ist natürlich grob deutsch gedacht, denn für den Connaisseur liegen Welten dazwischen. Inzwischen gibt es sogar ein Restaurant, das ein reines Dessert-Menü anbietet: Süß von Anfang bis Ende. Es ist ein Mahl in unschuldiger Regression. Man darf noch mal Kind sein und zugleich total modern.

Je länger ich mich durch die süßen Kreationen und Kollektionen fresse, desto deutlicher wird mir: Es handelt sich um ein gesellschaftliches Phänomen. Wenn Kuchen mit genauso viel Gestaltungswillen hergestellt werden wie Damenhandtaschen, dann scheint damit, mehr als ein banales Bedürfnis nach Erhörung des Glukosespiegels bedient zu werden.

Es muss irgendetwas mit Ersatzbefriedigung zu tun haben, mit Krisen-Luxus, der für jeden Geldbeutel zugänglich bleibt, eine Art Dolce Vita für Menschen, die sich nie ein Cabrio werden leisten können. Sicher, so ein kleines Eclair kann schon sieben Euro kosten, sieht aber so bunt und glänzend und originell aus, als dürfe man es gar nicht essen, sondern müsse es besser ins Museum bringen.

Die französische Zuckerbäckerkunst war immer schon fotogen. Seit Sofia Coppolas Film „Marie Antoinette“ wissen wir, dass man auch Petits Fours filmen kann wie Damenfesseln, ohne die politische Botschaft zu unterschlagen. Während die Hofdamen lustvoll in ihre Macarons bissen, versammelte sich vor den Toren von Versailles schon der Mopp mit Mistgabeln und trommelte zur Revolution.

Wenige Jahre später beobachte ich den Filmemacher Wong Kar-Wai dabei, wie er in einem Pariser Luxushotel große Glasvasen voller Macarons fotografierte. Aus dem Fenster sah man den Eiffelturm, aber er interessierte sich nur dafür, wie man aus Eischnee, gemahlenen Mandeln und Puderzucker solche Kunstwerke schaffen könne.

Macarons sind natürlich inzwischen völlig out. Statt zu Ladurée ziehen die Touristen zu Profiteroles Chérie. Das heißt nichts anderes als „Geliebter Windbeutel“. Langsam vergeht mir der Appetit. Aber gleich um die Ecke hat ja eine Schokoladenbar aufgemacht. Da gehe ich jetzt hin, um mich zu betrinken.