17.000 Tiere: Europas Bärenparadiese sind eine Chance für den Artenschutz

Mal hinterlassen sie ein paar Tatzenabdrücke, mal charakteristische Kothaufen voller Kirschkerne oder Bucheckerschalen, manchmal blinzeln sie sogar in die Linse einer Kamera. In der Schweiz lassen sich in letzter Zeit immer wieder Braunbären blicken. Wie in vielen anderen Regionen Europas wurden die großen Raubtiere dort zu Beginn des 20. Jahrhunderts ausgerottet. Doch mit einem 1999 gestarteten Wiederansiedlungsprojekt im italienischen Trentino begannen für die Bären in den Alpen wieder bessere Zeiten. Inzwischen kommt von dort fast jedes Jahr das eine oder andere Tier über die Schweizer Grenze. Noch ist zwar keines von ihnen dauerhaft geblieben. Doch Experten halten es für möglich, dass die Art in die Schweiz zurückkehrt.

Ähnlich gute Nachrichten gibt es auch aus anderen Regionen Europas. Forscher schätzen, dass es auf dem gesamten Kontinent derzeit etwa 17.000 wildlebende Braunbären gibt, die sich auf zehn Populationen in 22 Ländern verteilen. Und es könnte sein, dass die Tiere noch weitere Teile ihres ehemaligen Verbreitungsgebietes zurückerobern. Zu diesem Ergebnis kommen Anne Scharf vom Max-Planck-Institut für Ornithologie in Radolfzell und Néstor Fernández, der am Deutschen Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung und an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg arbeitet.

Noch gibt es genügend Platz für die Raubtiere

Die Forscher haben sich mit der Frage beschäftigt, wie viel potenziellen Braunbären-Lebensraum es in Europa überhaupt gibt und in welche Regionen die Raubtiere am ehesten zurückkehren werden. Das ist nicht nur für Biologen und Naturfans interessant, sondern beispielsweise auch für Politiker. Denn das Zusammenleben zwischen Menschen und großen Raubtieren verläuft nicht immer reibungslos. Solche Konflikte entschärft man am besten schon im Vorfeld. Dazu muss man wissen, wo mit den Tieren zu rechnen ist.

Aus den aktuellen Vorkommen der Tiere leiteten Forscher in früheren Studien ab, welche Ansprüche ein Bär an seinen Lebensraum stellt. Solche Untersuchungen gab es bisher nur für begrenzte Regionen – es fehlte die europäische Perspektive. Also haben Anne Scharf und Néstor Fernández die Ergebnisse von sechs Regionalstudien in ein Computermodell integriert. Nun kann man erkennen, wo es weitere geeignete, aber derzeit nicht besetzte Lebensräume für die Bären gibt.

In den Pyrenäen sieht es schlecht aus

Demnach gibt es in Europa noch genügend Platz für die Raubtiere. Mehr als eine Million Quadratkilometer potenziellen Lebensraum haben die Forscher identifiziert, etwa 37 Prozent davon sind derzeit bärenfrei – eine Fläche, die deutlich größer ist als Deutschland. „Dass es noch geeigneten Lebensraum für Braunbären gibt, ist eine große Chance für den Artenschutz“, findet Néstor Fernández. Denn der Studie zufolge erholen sich derzeit etwa 70 Prozent der europäischen Bärenpopulationen von den Rückgängen früherer Jahrzehnte. Daher sei damit zu rechnen, dass sich die Tiere zumindest in einige bisher noch unbesetzte Gebiete ausbreiten werden. Die Wahrscheinlichkeit dafür sei je nach Region sehr unterschiedlich.

Gabriel Schwaderer von der Naturschutzstiftung Euronatur in Radolfzell kennt diese ungleichen Chancen aus eigener Erfahrung. Seine Organisation unterstützt Bärenschutzprojekte in ganz Europa. Nicht überall läuft es gleich gut. „Es gibt durchaus Populationen, die stabil sind oder sogar wachsen“, sagt der Experte. Dazu gehören etwa die Bestände in den Karpaten oder im Dinarischen Gebirge, das sich von Slowenien bis in den Norden Albaniens erstreckt. Schlecht sieht es dagegen zum Beispiel in den Pyrenäen aus. Dort siedeln Naturschützer zwar immer wieder Bären aus Slowenien an, doch die Bestände stabilisieren sich trotzdem nicht. Das könnte nach Einschätzung von Gabriel Schwaderer daran liegen, dass immer wieder Tiere illegal getötet werden. Dieses Problem mache es den Bären auch in vielen anderen Regionen Europas die Eroberung neuer Gebiete schwer.

„Im Norden Spaniens zum Beispiel gibt es zwei benachbarte Bärenpopulationen, die sich vermutlich wegen solcher Abschüsse komplett unterschiedlich entwickeln“, sagt der Naturschützer. Noch vor 30 Jahren standen die Tiere im Westen und im Osten des Kantabrischen Gebirges kurz vor dem Aussterben. Daran hat sich in der östlichen Population bis heute wenig geändert. Nach wie vor streifen Schätzungen zufolge höchstens 20 Tiere durch die Region.

Die bayerischen Alpen haben großes Potenzial

Dagegen ist im westlichen Teil des Gebirges der Bestand im gleichen Zeitraum von 30 bis 50 auf mehr als 200 Mitglieder angewachsen. Dort haben Behörden, Wildhüter, Polizei und Naturschutzorganisationen die illegalen Abschüsse weitgehend in den Griff bekommen. Im Osten ist das nicht der Fall, im vergangenen Jahr wurden dort zwei Weibchen getötet. „Ich kann mir keinen anderen Grund vorstellen, warum sich der Bestand dort nicht auch erholen sollte“, sagt Schwaderer. „Der Lebensraum ist schließlich in beiden Regionen gleich gut.“

Wichtig für Bären sind Wälder, die zu verschiedenen Jahreszeiten eine reiche Auswahl an Früchten, Eicheln, Bucheckern und Kastanien bieten. Im Frühjahr sind auch die Kadaver verendeter Wild- oder Nutztiere als Eiweißquelle beliebt. Wichtig sind zudem ungestörte Rückzugsräume und Überwinterungshöhlen.

„Nach diesen Kriterien ist das gesamte Kantabrische Gebirge und auch die Region bis hinüber zu den Pyrenäen ein guter Lebensraum für die Tiere“, sagt Schwaderer. In dieser Region ist noch viel Platz für weitere Bären. Das Gleiche gilt seiner Einschätzung nach auch für den Apennin und den Alpenbogen. „In den Alpen wieder einen stabilen Braunbärenbestand zu haben, ist eine unserer großen Visionen“, sagt der Euronatur-Mitarbeiter. So könne die Art nach Deutschland zurückkehren. Auch Anne Scharf und Néstor Fernández sehen in den bayerischen Alpen das größte Potenzial für eine künftige deutsche Bärenpopulation.