Der Forschungsverbund Berlin ist ein sonderbares Konstrukt: Unter seinem Dach vereint er acht Wissenschaftsinstitute, die unterschiedlicher nicht sein könnten – und kümmert sich um deren Verwaltung. Die einzelnen Institute arbeiten aber jeweils unabhängig und gehören zur Leibniz-Gemeinschaft. Damit ist der Verbund ziemlich erfolgreich, eigentlich sollte es ihn ursprünglich nur zwei Jahre geben, daraus sind nun 25 geworden. Zu ihrem Jubiläum gibt es am heutigen Donnerstag einen Festakt und natürlich ein wissenschaftliches Symposium.

Die Entstehung des Forschungsverbundes ist gleichzeitig Sinnbild für die Umstrukturierungen, Veränderungen und auch massenhaften Entlassungen nach dem politischen Umbruch in der DDR, in dessen Folge auch die Wissenschaftslandschaft des Landes komplett umgekrempelt wurde.

Ende einer Akademie

Die Akademie der Wissenschaften der DDR bestand aus mehr als 50 Instituten und etwa 22.000 Mitarbeitern. Zum 31. Dezember 1991 wurde sie aufgelöst. Ihre Einrichtungen ordnete man anderen großen Forschungsgemeinschaften zu. Man setzte sie neu zusammen oder schloss sie ganz. Neben politischen spielten dabei auch organisatorische Gründe eine Rolle. Denn nachdem die DDR 1990 der Bundesrepublik beigetreten war, zeigten sich auch in der Forschung die doppelten Strukturen in Ost und West. Außerdem ging es um Forschungskonkurrenz. Zum Beispiel hatten viele Forscher in der DDR nicht die Möglichkeit, Geräte auf dem freien Markt zu kaufen – und mussten sie selbst entwickeln.

Die wissenschaftlichen Einrichtungen im Osten wurden ab 1990 vom Wissenschaftsrat, dem wichtigsten wissenschaftspolitischen Beratungsgremium der Bundesregierung, evaluiert. Gutachterkommissionen besuchten die Institute und bewerteten sie. Daraufhin wurde entschieden, welche Bereiche weitergeführt, umgebaut oder neu gegründet werden sollten.

So entstand auch das Institut für Kristallzüchtung (IKZ), das zum Forschungsverbund gehört und seinen Sitz in Adlershof hat. „Nach der Evaluierung wurde beschlossen, dass der Bereich Kristallzüchtung eines der Akademie-Institute gute Impulse für die gesamtdeutsche Forschungslandschaft geben würde“, erinnert sich Günter Wagner. Der Kristallograf ist seit 1992 wissenschaftlicher Mitarbeiter am IKZ. Aus diesem speziellen Bereich wurde ein neues, eigenständiges Institut gegründet – mit Wissenschaftlern aus unterschiedlichen Einrichtungen, die sich mit dem Thema Kristallzucht befassten. Heute ist das Institut europaweit führend. Die Kristalle werden beispielsweise für Datenspeicher, Quantentechnologie und Elektronik gebraucht. Das Institut hat viele internationale Kooperationen, zum Beispiel mit der US-Marine.

Günter Wagner war von 1980 bis 1992 in einem der DDR-Akademie-Institute tätig. „Ich wurde dann gefragt, ob ich im neuen Institut eine Arbeitsgruppe aufbauen kann.“ Damals fragte ein Max-Planck-Institut aus Stuttgart an, ob man ein gemeinsames Forschungsprojekt zu Photovoltaik auf die Beine stellen könne. Seitdem ist Günter Wagner am IKZ und leitet heute eine eigene Abteilung. Er gehörte zu den Wissenschaftlern, die Glück hatten und einen neuen Job bekamen. Die große Mehrheit dagegen wurde arbeitslos.

„Die Situation war sehr bedrückend“, erzählt Wagner, „viele gute Leute sind auf die Straße gesetzt worden. Und der Arbeitsmarkt in Berlin war ja damals zusammengebrochen. Etwa die Forschung in den Industriebetrieben wie bei der Fernsehelektronik.“ Einige der Forscher machten sich selbstständig, andere suchten einen neuen Job bei Unternehmen im Westen oder gingen ins Ausland.

Neu für die Forscher in Ost-Berlin war die Organisation der Arbeit auf bundesdeutscher Ebene. „Dazu brauchten wir den Forschungsverbund, zum Beispiel um die finanziellen Mittel zu verwalten und Personalangelegenheiten zu regeln“, sagt Günter Wagner. „Die wissenschaftliche Arbeit haben wir natürlich selbst gemacht. Aber wir waren am Anfang 50 Wissenschaftler im Institut. Hätten wir da zwei für die Verwaltung abstellen müssen, hätten sie uns wieder für die Forschung gefehlt.“ An der Praxisorientierung änderte sich für Wagner nicht viel: „Wir haben ja vorher schon eng mit der Industrie zusammengearbeitet. Da gab es auch schon Zwänge, Termine und Forderungen, die man erfüllen musste.“ Das sei bis heute so.

Etwa 2000 Mitarbeiter

Mittlerweile sind im IKZ über 100 Mitarbeiter tätig, im gesamten Forschungsverbund sind es gut 2000 Beschäftigte. Damit ist die Einrichtung einer der größten außeruniversitären Arbeitgeber in Berlin. Neben dem IKZ gehören zum Forschungsverbund sieben weitere Institute, unter anderem das Institut für Zoo- und Wildtierforschung, das die Todesursache von Eisbär Knut herausgefunden hat und nun auch Fritz untersucht. Am Müggelsee wiederum erforschen Wissenschaftler des Instituts für Gewässerökologie und Binnenfischerei Probleme der Wasserqualität in Gewässern.

Zum Forschungsverbund zählen ebenfalls das Ferdinand-Braun-Institut für Höchstfrequenztechnik, das Institut für Molekulare Pharmakologie, das Paul-Drude-Institut für Festkörperelektronik, das mathematische Weierstraß-Institut und das Max-Born-Institut für Nichtlineare Optik und Kurzzeitspektroskopie. Jedes dieser Institute hat seine eigene Gründungsgeschichte. Doch ihre gemeinsamen Wurzeln liegen in den DDR-Akademie-Instituten, aus denen sie hervorgegangen sind.