Berlin - Nicht nur der Fön, die Thermoskanne und der Herzkatheter wurden einst in Berlin erfunden. Auch das Modell der modernen Universität stammt von der Spree. Sein Schöpfer Wilhelm von Humboldt wäre am Donnerstag, den 22. Juni, 250 Jahre alt geworden. Die Humboldt-Universität (HU) und die Stadt Berlin erinnern an ihn mit einer Reihe von Veranstaltungen.

Vielleicht hätte es die Berliner Universität ohne die große Niederlage Preußens im Jahre 1806 nie gegeben. Das Land lag am Boden – besiegt und besetzt von Napoleons Truppen. König Friedrich Wilhelm III., der nach Ostpreußen geflüchtet war, sagte: „Der Staat muss durch geistige Kräfte ersetzen, was er an physischen verloren hat.“

Das Pflichtgefühl siegte

An die Spitze der dringend notwendigen Erneuerung des Staates stellten sich Reformer wie der Staatsminister Freiherr vom Stein. Dieser sah in Wilhelm von Humboldt den richtigen Mann, um das preußische Bildungswesen zu reformieren. Humboldt war damals Gesandter in Rom, bekannt als Jurist, Staatstheoretiker sowie Anhänger der Aufklärung und klassischer Ideale.

Doch Humboldt zögerte, als Stein ihm im Herbst 1808 das Amt als Sektionschef für Kultus und Unterricht im preußischen Innenministerium antrug. Er mochte das preußisch Provinzielle nicht, und er ahnte, dass er gegen Widerstände würde kämpfen müssen – auch gegen den seines eigenen Ministers. Doch am Ende sagte er zu. Das Pflichtgefühl siegte.

„Sie sind dumm, saufen, huren, prügeln und gefährden bürgerliche Mädchen“

Nur gut ein Jahr blieb Wilhelm von Humboldt in seinem Amt. Doch in diesem einen Jahr – von Februar 1809 bis Juli 1810 – schrieb er Geschichte als Bildungsreformer und Universitätsgründer. Die Frage nach einer Berliner Universität – seit den 1780er-Jahren intensiv diskutiert – stellte sich in jener preußischen Krise akut. Denn Preußen hatte durch den Krieg seine Universität in Halle verloren. Zugleich ergab sich für Humboldt die Chance, ganz neu anzusetzen. Denn auch die Universität selbst befand sich in der Krise. Unter anderem die einst bedeutenden Viadrina in Frankfurt (Oder).

Ihr Niveau war katastrophal – „es wurde aus alten Büchern überliefertes Wissen vorgelesen“, sagte Heinz-Elmar Tenorth, ehemaliger HU-Professor und Herausgeber der „Geschichte der Universität Unter den Linden 1810-2010“. Das Berufungssystem war korrupt. Geforscht wurde so gut wie nicht. Die Studenten – oft 13 oder 14 Jahre alt – besaßen kaum Qualifikationen. „Die häufigsten Klagen über Studenten lauteten: Sie sind dumm, saufen, huren, prügeln und gefährden bürgerliche Mädchen“, so Tenorth.

Namen, die bis heute Gebäude und Straßen in Berlin schmücken

Wilhelm von Humboldt reformierte nicht nur den Weg junger Menschen hin zur Universität – etwa durch die Neuordnung des Gymnasiums und des Abiturs. Er führte auch ein strenges Auswahlsystem für Professoren ein. Er suchte die besten ihres Faches, lockte sie mit vielen Mitteln nach Berlin, das damals nicht zu den angesagtesten Orten Europas gehörte.

Leider erhielt er vom Mathematiker Carl Friedrich Gauß eine Absage. Dafür kamen andere, deren Namen bis heute Gebäude und Straßen in Berlin schmücken, unter ihnen Albrecht Thaer (Landwirtschaft), Friedrich Carl von Savigny (Jura), Christoph Wilhelm Hufeland (Medizin), Johann Gottlieb Fichte (Philosophie) und Friedrich Schleiermacher (Theologie).

Forschung und Lehre sollten sich gegenseitig befruchten

Vor allem aber gab Humboldt der Universität moderne Leitideen, die sich später überall auf der Welt durchsetzten. Die Denkschrift, die er dazu verfasste, wurde erst Ende des 19. Jahrhunderts bekannt. Man goss sie dann zum 100. Uni-Jubiläum in die heute bekannten Formeln von der „Einsamkeit und Freiheit“ der Wissenschaft sowie der „Einheit von Forschung und Lehre“.

Nach Humboldts Vorstellungen sollte die Universität zwar vom Staat bezahlt werden, aber von jeglicher äußerer Beeinflussung frei sein. Sie sollte ein geschützter, einsamer Ort des Denkens sein. Forschung und Lehre sollten sich gegenseitig befruchten.

Ideale werden geprüft

Humboldts Freiheits-Ideale sind im Laufe der 200-jährigen Geschichte der Berliner Universität – später Friedrich-Wilhelms-Universität – oft missachtet und verletzt worden. Aber auch die heutige Humboldt-Universität fragt sich zum 250. Geburtstag ihres einstigen Gründers, ob und wie Humboldts Ideen noch Bestand haben können.

Wie sind „Einheit von Forschung und Lehre“ noch zu sichern, wenn Unis immer stärker reine Ausbildungsfunktion haben? Wie können sich Professoren und Studenten im Zeitalter der digitalen Lehrformen noch in „bildender Geselligkeit“ austauschen? Wie vertragen sich Humboldts Ideale überhaupt mit der Massenuniversität?